M AX LACKMANN
SOLA
FIDE
EINE EXEGETISCHE STUDIE
CD
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Beitrage zur
Forderung christlicher Theologie
^
Begriindet von Adolf Schlatter
Herausgegeben von Paul Althaus
2. Reihe
Sammlung wissenschaftlicher Monographien
50. Band
Lackmann, Sola fide
C- BERTELSMANN VERLAG GUTERSLOH
MAX LACK MANN
/
"SOLA FIDE
Eine exegetische Studie iiber Jakobus 2
zur reformatorischen Rechtfertigungslehre
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C- BERTELSMANN VERLAG GUTERSLOH
Copyright 1949 by C. Bertelsmann Giiteralob.
Dfuck Mohn & Co GmbH Giitersloh
Alle Rechtevorb eh a 1 1 e n
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Inhalt
Vorwort 9
Erster Teil: Eine Auslegung von Jak. 2, 14 26 ....... 15
Zweiter Teil: Das Problem 85
1. .Spannungseinheit im Zeugnis der Schrift und in der Theologie der
alten Kirche 85
2. Theologischer Stillstand im mittelalterlichen Denken . . . . 89
3. Der Ruf des Evangeliums nach personaler Existenz . . -. . . 91
4. Verlust der urchristlichen Spannungseinheit in der spatmittelalter-
lichen Kirche 92
5. Der reformatorische Auftrag:, Riickkehr und Fortschritt .... 95
6. Mangel der theologischen Verstandigung bei Luther 100
7. Luthers MiBverstandnis von Jakobus 2 als Ausdruok eines theo-
'i logischen KurzscHusses . 106
8. Losungsversuche gegen und neben Luther . . .... . . 109
9. Das Bingen um Wiedergewinnung der urchristlichen Antinomie in
evangelischer Verantwortung (achtzehntes und neunzehntes Jahr-
; hundert) .. : . . -. 116
10. Die exegetische Bemiihung Adolf Schlatters . ... . . . 124
: 11. Reformatorische Rechtfertigungdehre als bleibende Aufgabe des
Wortes Gottes' .127
ft
Justificat erga eos Christus tantummodo, qui novam vitam exemplo
resurrectionis ipsius susceperunt." (Origenes, in Rom. IV, 7)
,,Ex fidei libertate, iustificatur homo, non ex legis servitute, quia
iustus ex fide vivit." (Tertullian, adv. Marc. V, 3)
,,Fides impetrat, quod lex imperat." . (Augustinus, Enchir. xxxi, 11?)
,,Sic enim per fidem Christus in nobis, imo Tmimn cum nobis est. At
v Christus est iustus et omnia implens Dei mandata, quare et nos per
ipsum omnia implemus, dum noster factus est per fidem."
(Luther, Heidelberger Disputation, W. A. I, 364, Probatio zu Conclusio XXVI)
,,Lerne Christum, und zwar den Gekreuzigten! Lerne ihm lobsingen
und an dir selber verzweifelnd sprechen: ,Du, Herr Jesu, bist meine
Gereehtigkeit, ich aber bin deine Siinde; du nahmst an dich, was
mein war, und hast mir gegeben, was dein ist; du hast an dich ge-
nommen, was du nicht warst, und hast mir gegeben, was ich nicht
war!'Nimm dich nur in acht, dafi du nicht eine solche Reinheit er-
strebst, daB du nicht mehr als ein Sunder erscheinen oder gar nicht
mehr ein Sunder sein willst! Denn nur in Siindern wohnt Christus."
(Luther, an Georg Spenleln, 8. April 1516)
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,,Duplici ratione amovetur peccatum: vel quia non imputatur ac
perinde habetur ac si nunquam fuisset, vel quia peccatum ipsum
*revera aufertur, nee amplius peccatur. . . Utraque haec amovendi
peccati ratio in iustificatione coram Deo'nostra conspicitur. Ut autem
cavendum est, ne, ut hodie plerique faciunt, vitaesanctitatem atque
innocentiam effectum iustificationis nostrae coram Deo esse dicamus,
sic diligenter cavere debemus, ne ipsam sanctitatem atque inno-
centiam iustificationem nostram coram Deo esse credamus, neve
illam nostrae coram Deo iustificationis causam efficientem aut impul-
sivam esse affirmemus, sed tantummodo causam, sine qua earn
, iustificationem non contingere decrevit Deus."
(Socin, de iustificatione, Opp. II, S. 603)
: ' ' ^
! ,,Sine operibus fides mortua et ad iustificationem inefficax est."
(Pbilipp von Limborch, Theologia Christiana, VI. 4, 22)
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1
Vorwort
Unter den Fragen, die mich seit dem Studium der Bekenntnis-
schriften der Lutherisclien Kirche und seit der tJbernahme seelsorger-
lichen Dienstes in der Gemeinde beschaftigen, steht an erster Stelle die
nach der Lehre von der Rechtfertigung des Menschen durch Gott.
D. h. zunachst ein Ausschnitt dieser Lehre: die Frage nach den ,,Be-
dingungen", die erfiillt sein nriissen, wenn Gott den Mensehen als ,,Gott-
gerecht" annehmen und der Mensch Gottes als seines Freundes und
seiner selbst als 33 Gott-gerecht" gewiB sein soil.
Das Studium der Heiligen Schrift und der Geschichte der JKirche,.
aber auch die eigene geistliche Erfahrung bestarkten mich von Jahr zu
Jahr mehr in der GewiBheit, daB jener ,,articulus stantis .et cadentis
ecclesiae" sowohl nach seinem Lehrgehalt wie nach seiner Stellung, die
er in der dogmatischen Tradition der Elirche seit der Reformation ein-
nimmt, einer theologischen Naherbestimmung bediirfe.
Diese Behauptung bedeutet nicht, daB das normative Dogma der
Kirche falsch sei und die Kirche bei der Aufstellung des Bekenntnisses
in<iieser Sache geirrt habe. Aber sie bedeutet die Anerkennung dreier
Tatsachen, die jedes lehrhafte Bekenntnis der Kirche bestimmen und
begleiten:
1. Die Beziehung auf eine einmalige geistige und geistliche Lage der
Zeit und der Kirche in ihr. Das 1st Wiirde und Grenze jeder Bekenntnis-
fbrmel, der die Kirche verpflichtet ist. '
2. Die theologische Erlaaterung und das Bekenntnis zur gottlichen
Sache sind zu unterscheiden.
3. Die Neigung der Geistes- und Kirchengeschichte, jene Relation
und Distinktion zu iibersehen. 1 )
Die Beriicksichtigung dieser drei Tatsachen ist fiir unser Problem
um so wichtiger, als die Frage nach der, 3 ,Rechtfertigung" einen
x ) ,,Die Zustimmung zu einem Dogma bezieht sich nicht auf die wissenschaft-
UcHe Technik seiner Formulierung, sondern bezeichnet die Billigung der Verwerfung
des Gegensatzes, wider den das Dogma sich wendet, sowie die t5bereinstimmung
! mit der religiosen Tendenz, um derentwillen jene Verwerfung erfolgt" (Beiohold
Seeberg, GrundrLB der Dogmengeschichte, 6. Aufl., 1934, S. 1).
9
Erfahrungskomplex der Kirclie mit ihrem Herrn umfafit, den zu bewalti-
geu ihr erst im spatmittelalterliehen und reformatorischen Stadium der
Kirchen-, aber auch der allgemeinen Geistes- und Kulturgeschichte auf-
gegeben wurde. DaB die reformatorische Losung nicht den Anspruch
erheben daff, mehr als ein Ausschnitt, namlich die Bewaltigung des
entdeckten ,,Neulandes" der ,,R>echtfertigung des Menschen durch Gott
zu sein, legten mir (abgesehen von dem Geist- und Kulturprobleni der
,,Neuzeit" iiberhaupt, dessen Thema das reformatorische und kein
anderes ist!) zwei Beobachtungen nahe:
1. Die Heilige Schrift sagt mehr als die reformatorische Formel des
Dogmas von der ,,Rechtfertigung allein durch den Glauben". Mcht das
,,sola fide", aber das Verstaudnis des ,,sola fide" im reformatorischen
Denken wird durch die Heilige Schrift iiberholt.
2. Das seit dem Mittelalter die Geistesgeschichte der europaischen
Lander bewegende Problem des Jndividuums, der Personlichkeit, der
individuellen ,,Lebendigkeit" und Verantwortung, der subjektiven Er-
fahrung (samt semen zwangslaufigen Gegen-Satzen) laBt sich nicht
losen, solange die Kirche nicht iiber die reformatorische Autwort hinaus
zu einer neuen, die alte enthaltenden Antwort fortschreitet. Denn die
Not des modernen Menschen ist nicht nur die Not seines Abfalls von
Gott und der Kirche, sondern zuerst und urspriinglich die Not unvoll-
standiger Antworten der Kirche. 1 )
x ) Karl Holls Verstandnis fiir diese Problematik im Eingen um das rechte
Reclitfertiguiigsverstandiiis heute ist leider mit der Absage an seinen Losxmgsver-
Buch wie oft bei theologisclier Wertung zu gescb.eb.en pflegt im theologischen
Denken der Gegenwart auBer acbt gelassen worden: ,,Der machtvolle Gottes-
gedanke (der Bef onnation) stoBt beute zusammen mit dem modernen Individualis-
mus, der gleicbfalls ein genuines Produkt der stetigen gescbicbtlichen Ent-
wicklung ist ... Die Satze, dafi alles geistige Leben individuelles Leben und dafi
Personlicbkeit das bochste Gliick der Erdenkinder ist, sind heute Axiome; Be-
rechtigung hat jedoch dieser Individualismus letztlich nur, wo er religios begriindet
ist. Nur der darf den Mut haben, sich als ein Ich gegen eine Welt zu behaupten, der
als Ich vor Gott existiert. Wo aber der Personlichkeitsdrang mit dem Gottes-
gedanken ernstlich zusammentrifft, da entsteht auch notwendig das Rechtferti-
gungsproblem. Denn unabweisbar schiebt sich dann fiir den Menschen die Frage ein,
welches Recht er hat, sich an Gott heranzudrangen und vor Gott existieren zu
wollen. Vor Gott dasein konnte nur ein Ich, das in seiner Besonderheit fiir ihn Wert
hat" (Karl Holl, Die Rechtfertigungslehre im Licht der Geschichte des Protestantis-
mus, 1906, S. 41). Von einer heute sich ,,lutherisch" und ,,reformatorisch" ge-
bardenden Theologie, die sich mit einer einfachen Verwerfung und Uberspringung i
aufklarerischen und idealistischen Gedankenguts als ,,kirchlich" und ,,biblisch" |_J
/
I
10
Als sich diese Beobachtungeri bei der Pruf ung anderer Fragen
komplexe das Sakrament des Altars, die Taufe, die Beichte, das geist-
Kche Amt, die Predigt, das liturgische Handeln, die Kirche wieder-
holten, war mir die Methode des Arbeitens aufgegeben. Jch horte die
Heilige Schrift zmn Thema ,,Die Rechtfertigung des Menschen durch
Gott" und die Auslegung der Fachtheologen zum Alten and Neuen
Testament, versuchte aber auch gleichzeitig in die geistige Atmosphare
der spatmittelalterlichen Kirche einzudringen, die der konkrete gott-
lich wie menschlich bedingte R/aum fiir jene Erfahrung war, die Luther
und das Bekenntnis der Kirche als ,,Reehtfertigung allein durch den
Glauben" bezeichneten.
Als ich von Januar bis April 1938 in einer Untersuchungshaft nur die
deutsche Bibel und den griechischen Urtext des Neuen Testaments
benutzen durfte, begann ich mit der Niederschrift einer sorgsamen
Auslegung von Jakob us 2. Sie wurde inir nahegelgt durch eine An-
fechtong seitens gewisser Kreise und Amtstrager der Kirche, die meinten,
sich im Kirchenkampf auf eine vornehme und gesicherte Innerlichkeit
des Rechtfertigungsglaubens beschranken zu diirfen. Jch habe damals
Satz fiir Satz jenes Kapitels oft tagelang bei einem Vers festgehalten
in der besonderen Studierstube der Gefangniszelle auszulegen versucht.
Am 11. Februar 1942 Melt ich auf dem Pfarrkonvent der Synode
Herford einen Vortrag iiber das ,,Zeugnis von der Rechtfertigung bei
Jakobus". Zwei Tage spater begann meine Haft mit anschlieBender
Verbringung in das Konzentrationslager Dachau. Aber das Thema
auszuweisen vermeint, durfte nach unserer Meinuhg kein Heil zu erwarten sein;
der Kenner "wird auch in der nachstehenden Studie den deutlichen Abstand von
ihr spiiren, nicht weil wir ihre Arbeit verachten, aber weil die Methode u. E. die
Gesetze geistigen Lebens, geschichtlicher Entwicklung und der gotth'chen Ent-
faltung des EvangeHums im ,,Fortschritt" der Kirche ,,von einer Klarheit zur
anderen" auBer acht lafit. Wer Luthers Eechtfertigungslehre heute ,,besitzen"
will, kann sie nicht ihm einfach ab- und fiir sich iibernehmen; er muB sie schon
,,erwerben" mit den ganz neuen Belastungen, Fragen und Erkenntnissen von Kirche
und Welt im zwanzigsten Jahrhundert, dafi sie ihm so neu Gottes Botschaft
wird wie dem Reformator im sechzehnten Jahrhundert. Damit ist nicht behauptet,
die Kirche mtisse zu jeder Zeit mit ihrer Heilserkenntnis wieder von vorne anfangen
und es gebe keinen geistlichen Besitz der Wahrheit in Dogma und Bekenntnis.
Aber sie muB diesen gottlichen Besitz jeweils an ihrem Orte als Gottes freie und
ewig neue Gnade erwerben, um sie zu besitzen, Gottes Wahrheit laBt sich Gott
f,ei Lob und Dank dafiir, wie bliebe er sonst Gott und wiirde er unser Gott heute ?
4 nicht auf Flaschen ziehen!
11
arbeitete in mir welter. Nicht nur darum, well man die HeUige Schrift unter
neuen Umstanden mit neuem Ernst und Eifer las. Man muBte auch aus
ganz personlichen Griinden nicht nur um der Wissenschaft und der
Kirche willen mit dieser Sache zu Ende kommen, wenn man seines
Weges in Ohmnacht, Angst und Hoffnungslosigkeit gewiB sein wollte.
Jch lernte noch besser das Vilmarwort verstehen, daB man der Lehre
von der Reehtfertigung ,,auf rein theoretischem oder gar speculativem
Wege gar nicht nahe zu kommen" vermoge und daB sie ,,keine Doktrin,
sondern eine Disciplin" sei. 1 ) Hinzu kam eine Wohn- und Lebens-
gemeinscliaft mit katholischen Geistlichen fur bald drei Jahre, die ich
im Blick auf die mich bewegenden Fragen nur als providentiell betrachten
kann. Denn iiber die schon seltene Gemeinschaft geistigen und theo-
logischen Austausches hinaus wurde mir mit katholischen Welt- und
Ordensgeistliehen eine Gemeinschaft des Leidens, des Glaubens, der
Geduld, des Gebetes und der Anbetung zuteil, die mehr voranhilft, als
wissenschaftliches Bemiihen das ich wahrlich nicht unterschatze
es je vermag. -
Was ich hiermit vorlege, soil eine Vorarbeit sein, ein Versuch, das
Rechtfertigungsdogma der Kirche zu beleuchten durch eine Auslegung
von Jakobus 2, 1426 unter Verwendung reformatorischer und neuer
Exegesen (auch romisch-katholischer). Der Brief des Jakobus hat sich
von Anbeginn als Warnung und Korrektiv gemeldet. Es diirfte in der
,,Kirche des Wortes" hochste Zeit sein, ihn zu Worte kommen zu lassen.
Der angefiigte geschichtliche Uberblick mochte darlegen, daB diesem
Drangen des apostolischen Zeugnisses die gleiche heilige GesetzmaBigkeit
der Wahrheit innewohnt, die die Kirche vor 400 Jahren durch das Wort
des Paulus zum Bekenntnis bewegte: der Geist, der die Kirche ,,in alle
Wahrheit leitet". Oft wird nur angedeutet werden konnen, was ohnehin
bekannt ist oder auch noch einer umfassenden Darstellung bedurfte.
Was mich bewegt und auf den verschlungenen Wegen meines Dienstes
nicht nur nicht losgelassen, sondern sehr zielstrebig vorwartsgetrieben
hat, ist der Wunsch, ja, die Forderung, daB die Kirche die Frage nach
der gottlichen Reehtfertigung des Menschen, deren Beantwortung sie
vor vierhundert Jahren verantwortHch und vollmachtig begann, im
l ) Ahnlich Karl Holl: ,,Die Rechtfertigungslehre, die die allerindividuellste
Erfahrung zum Ausdruck bringen will, kann iiberhaupt nur lebendig bleiben durch
eine Eeihe personlicher Zeugen, die sie andern vorleben" (Die Rechtfertigungslehre
im licht der Gescbichte des Protestantismus, 1906, S. 20). - i
i
12 . '
zwanzigsten Jahrhundert ebenso vollmachtig und verantwortlich zu
Ende beantworte. Die geistige Lage uriseres Volkes und aller europaischen
Volker ruft nach einer Verantwortung der Kirche, die sich zu der all-
- gemeinen seelischen Not der Menschheit als Verschuldung ihres Hirten-
amtes bekennt wie es die ref ormatorische Kirche tat ! und ihr den
gottlichen Weg aus dieser Not heraus zeigt und vorangeht. 1 ) Die Voll-
macht soleh verantwortlichen Handelns wird der Kirche in dem MaJSe
"geschenkt werden, als sie sich dem apostolischen Zeugnis der Heiligen
Schrift und der ganzen apostolischen Kirche offnet und so heute neu
. und anders (nicht Anderes!) ohne ihrem Horen und Gehorchen vor
vierhundert Jahren untreu werden zu mtissen vernimmt, wie der
Mensch Gott recht und seiner selbst als Gerechter im Glauben gewiB
werde. 3 ,Ecclesiae constitutioni respondet tractatio Scripturae" (Bengel).
Von dem Vorhandensein oder Mangel dieser Vollmacht diirfte nicht nur
viel fur die Zukunft der Kirche Jesu Christi, sondern auch viel fur die
Zukunft der Volker Europas abhangen, deren Schicksal es sein wifd,
wie sie die Frage nach der Rechtfertigung des Menschen von der Kirche
beantwortet bekommen und dann selbst beantworten werden. ,,Heute,
wo die Welt in den Fugen kracht, ist deuthch geworden : wir alle brau-
. chen, um zu leben, die GewiBheit, daB Gott auf unserer Seite ist." 2 )
Was die Lehrer der Kirche zu dem Vorgelegten zu-sagen haben, ist abzu-
warten. Fur alle Belehrung, die in der Heiligen Schrift griindet, bin ich
-offen. Auch bin ich dankbar, wenn nachgewiesen werden konnte, daB
x ) Die Anleitung zum Verstandnis des gottlichen Faktums der ,,Rech.tfertigung
durch Glauben" ist indirekt der politische Beitrag der Kirclie zu alien politischen,
wirtschaftlichen und kulturellen Krisen der Gegenwart, indem sie dadurch die
Volker anleitet, wie der Einzelne in seinem Volke Gottes Gebot an ihn erkennen
und verwirklichen konne. ,,Es gibt keine an sich besten Gesetze, keine an sich
beste Wirtschaftsform, kein gottliches Eigentumsrecht und keinen gottlichen
Sozialismus. Es gibt. nur: das Gebot der Stunde . . . Nie kann das von Gott Ge-
botene'von den Personen abgelost werden, denen es geboten ist ... Gott fordert
immer Menschen in seinen Dienst an den groBeren Aufgaben. Er fordert nicht den
Sozialismus und nicht den Kapitalismus. Sondern er "fordert vom Arbeiter und
vom Unternehmer, vom Staatsbiirger und vom verantwortlichen Staatsmann, daB
jeder an seinem Ort Gottes Willen tue . . . Darum ist ... die Umwandlung der
Personen durch Glauben das Entscheidende auch im Hinblick auf die grofien
Weltprobleme. Das Abschieben der Verantwortlichkeit auf kollektive, unperson-
"liche GroBen ist selbst schon eine Manifestation der Glaubenslosigkeit" (Einil
Brunner, Gott und Mensch, 1930, Der Rechtfertigungsglaube und das Problem der
Ethik, S.45).
2 ) Helhnuth Frey, Das Buch des Glaubens, zu Genesis 15, 6. 1938.
Luther und die Reformationsbekenntnisse dem wahren Jakobus naher-
stehen, als ich zu erkennen vermag. Nur fiber eine Wahrheit gedenke ich
nicht mit mir reden zu lassen: daB das Werk in die Rechtfertigung ge-
hort und dieser Satz kein Verlassen des reformatorischen ,,sola fide"
bedeutet. Eines ist: als Wirkender Gott recht werden, ein Anderes ist:
auf das Wirken sein Vertrauen setzen. Dieses ist gottlos, jenes ist die
Seinsweise des Gottesfiirchtigen, der Gott kennt und von ihm erkannt
ist. 1 ) Diese Wahrheit ist fur mich bewahrt. Nicht nur weil sie von der
HeUigen Schrift bezeugt wird. Man kann damit in das Leiden und in den
Tod gehen. Ja, man muB so gehen, wenn man Jesus nachfolgen will.
,,Ich glaube, darum rede ich" (Ps. 116, 10).
Ich widme die Arbeit in Ehrerbietung meinem Freunde und Lehrer
Superintendent Hermann Kunst, Herford, dem ich nachst memen
akademischen Lehrern Prof. D. Karl Earth, Basel, und Prof. D. Dr. Hans
Emil Weber, Bonn, Dank und Verehrung schulde fur die Gaben, die ich
in bewegender Gemeinschaft des Dienstes und der Sorge um die rechte
Ausrichtung und Verwaltung des Evangeliums und der heiligen Sakra-
mente von ihm empfangen habe.
Herrn Prof. D. Paul Althaus, Erlangen, schulde ich Dank, daB er
sich in schwerer Zeit zur Aufnahme der Arbeit in die ,,Beitrage zur
Porderung christlicher Theologie" bereit erklart hat.
Max Lackmann
*) Meine unverhohlene Zustimmung zu gewissen fruhkatholischen und
augustinischen Gedanken gilt den in ihnen bewahrten biblischen Tendenzen,
nicht dem Verstandnis und den Begriffen derselben, ebensowenig den onto-
logischen, nomistischen, conditionalistischen, pelagianistischen und synergistischen
Systemen des Augustinismus, Thomismus und Nominalismus (vgl. W. Link,
Das Ringen Luthers um die Freiheit der Theologie von der Phi osophie, 1940).
Das G tt gefallende Wirken ist weder der Rechtfertigung vorangehende causa
efficiens noch der aus ihr folgende effectus, sondern ein innerhalb des gott-
lichen Rechtfertigungsprozesses durch Gottes Geist und Wort gewirkter Moment,
kein ,,vorher" und kein ,,nachher", aber ein ,,zugleich", das mit unserem
Kausalitats- und Zeitdenken nicht zu fassen ist. Es ist in dem prengenden",
neu anfangenden, aber auch weiterzufiihrenden Nach-Denken des Wortes bei
Luther begriindet, wenn die unbefriedigenden Deutungsversuche seines justitia-
und iustificatio-Begriffs bei Holl, Loofs, Hirsch und Vogelsang in eine Richtung
weisen, in welcher uns heute ohne Verlust des imputatio- und non-imputatio-
Gedankens weiterzudenken durch die Schrift aufgegeben ist.
14
Erster Teil
Eine Auslegung von Jakobus 2,14-26
1. Sind Jakobus und Paulus gleich verbindliche, well vom aposto-
lischen Geist getriebene, in der Urzelle des Leibes Christ! tatige Zeugen
Jesu ? Wir stellen damit die Frage nach der Kanonizitat, nach dem Ver-
fasser, nacb. Zeit und Gemeinde des Jakobusbriefes. Die Erorterung
dieses Spezialproblems miissen wir uns im Rahmen unserer Arbeit ver-
sagen. Jakobus ist die am widersprechendsten datierte Schrift des
Neuen Testaments" (Paul Feine). Die Kirche vermag bis heute noch
keine absolut einheitliche Aussage dariiber zu geben. Won! aber haben
Leben und Forschung der Kirche sowohl evangelischer- wie katho-
lischerseits sehr eng die Grenzen abgesteckt, innerhalb deren sich
Aussagen iiber den Jakobusbrief bewegen miissen, wenn sie von der
Kirche gehort werden sollen. Ich fasse nachstehend zusammen, was
innerhalb dieser von Leben und Lehre der Kirche gezogenen Grenzen
mein personliches Urteil ist. Es kommt nahe dem, was evangelischerseits
Adolf Schlatter, katholischerseits Max Meinertz dazu gesagt haben.
Die apostolische Herkunft des Jakobusbriefes ist 367 in der griechischen
Kirche durch Athanasius, 382 in der lateinischen Kirche auf einer
romischen. Synode festgestellt worden. Seine Zuordnung zu den sogenann-
ten ,,Antilegomena", die historisch und psychologisch leicht verstand-
Hch ist, hat weder seine Aufnahme in den Kanon verhindern noch bis
heute die AusschlieBung aus dem Kanon begriinden konnen. Luthers
Neigung dazu ist von der Kirche nicht aufgenommen worden.
Damit ist auch die Verfasserfrage grundsatzlich beantwortet. Der
Verfasser ist ein Apostel Jakobus, und zwar kommt nur in Betracht der
Herrenbruder Jakobus,' der, als ,,Saule" der judenchristHchen Ur-
gemeinde allgemein in der Urkirche bekannt und verehrt (mit dem
Beinamen ,,der Gerechte"), das geisthche Haupt der Gemeinde zu
Jerusalem gewesen und 61-62 wahrend des romischen Statthalter-
interregnums in Palastina durch den Hohenpriester Ananus II.
15
gesteinigt worden 1st. 1 ) Dieser Apostel Jakobus hat die Vefkiindigung des
Apostels Paulus anerkannt und ist wiederum von Paulus als geistliche
Autoritat anerkannt worden (vgl. Gal. 1, 19; 2, 9. 12; Act. 12, 17; 15, 3;
21, 18; 1. Kor. 15, 7; Matth. 13, 55; Judas 1). Als Leserkreis sind die
judenehristlichen Gemeinden aufierhalb Jerusalems, also in Palastina
und Syrien anzunehmen, und zwar in ihrem friihesten Stadium des
ungeschiedenen Lebens inmitten der altjiidischen Volksgemeinde. 2 ) Die
Abfassungszeit ist vor die Konferenz des Jakobus mit Paulus zwischen
40 und 48 zu setzen, also vor das sogenannte Apostelkonzil. Die Samm-
lung von Paranesen des Apostels durch einen Hellenisten, der sie grie-
chisch niederschrieb und in des Apostels Auftrag verbreitete, ist nicht
ausgeschlossen, andert aber an Zeit und Ort der Abfassung nichts. Der
Versuch der gattungsgesehichtlichen Forschung, den Brief von auBer-
christliclien Paranesen her zu verstehen, ist m. E. abzulehnen, da hin-
reichende Beziehungen zum neutestamentliehen und jiidischen Schrift-
tum festzustellen sind; die spate Datierung (80 130) laBt sich mit den
historiscnen und religiosen Voraussetzungen des Schreibers nicht ver-
einigen. 3 ) Der Apostel Petrus hat den Brief gekannt und ist von ihm bei
der Abfassung seines ersten Briefes (64) beeinfluBt worden. Eine iiber 50
hinaus liegende Abfassung scheidet wegen der veranderten Lage der
judenehristlichen Kirche und wegen des Wandels der theologischen
Denkweise vollig aus.
Wir haben es also mit dem altesten Stiick des neutestamentliehen
Kanons zu tun, das formal und inhaltlich mit einem Zeugnis der-apo.-
stohschen Christenheit engste Verwandtschaft zeigt: mit dem Evan-
gehum def judenehristlichen Kirche, dem Evangelium des Matthaus.
Als Ort der Abfassung wird Jerusalem anzunehmen sein. 4 )
Wir miissen also horen auf Jakobus, wie wir auf Matthaus, Johannes
und Paulus horen, wenn wir denn auf die Stimme des guten Hirten, des
Evangeliums der Kirche horen wollen. Besagt auch das Alter dieses
neutestamentliehen Zeugnisses nichts iiber ein Mehr des Heihgen Geistes,
*) A. Schlatter, Der Brief dea Jakobus, S. 7.
*) Schlatter, a. a. 0. S. 67.
a ) Vgl. Martin Dibelius in ,,Kritiseh-exegetischer Kommentar fiber das N. T.",
ed. H. A. W. Meyer, zum Jakobusbrief, 1921.
4 ) Vgl. Eobert Kubel, Der Brief St. Jakobi in ,,Bibelwerk fiir die Gemeinde",
ed. Grau. 1880, Bd. II, S. 794ff . : ,,Dieser Brief ist das wahrscheinlicb. alteste
Denkmal aus der apostolischen Gemeinde." ,,Die Abfassung ist sicher vor das
Jahr 50 zu legen."
16
\.
so tritt es uns doch aus dem innersten Zentrum der apostolischen Offen-
barungszeit Jerusalem, "Urgemeinde, Bruder des Herrn! entgegen
und verlangt ganzen Glauben und ganzen Gehorsam.
2. Der Abscliiiitt 2, 1426 steht im Zusammenhang mit den voran-
gehenden Versen 1 13. .
Der ganze Brief des Jakobus lebt von der Enderwartung und Voll-
endung des Gottesmenschen her. Das heiBt fiir Jakobus : vom endgiiltigen
Richterspruch im Weltgericht und yon der Vollenduhg der Gottes-
gemeinde her. Das war der innerste Lebenstrieb der Urgemeinde.
,,Deutlich zeigt der Brief, daB ihre Eschatologie das ihren Willen for-
meride Motiv gewesen ist" (Schlatter). Gericht und Vollendung vollzieht
Jesus Christus, ,,unser Herr der Herrlichkeit" (2, 1). "Aber der MaBstab
seines Gerichtes und seiner Anteilgabe an der Vollendung 1st der Wille
Gottes, wie er dem Juden durch das Gesetz Israels bekannt ist. Das ist
gemeinapostolische Lehre (Matth. 5, 19. 20; Rom. 2, 12. 13). Gott sieht
durch semen Sachwalter Christus nach der Ubereinstimmung unseres
Willens und Handelns mit seinem Willen und Handeln (vgl. Bom. 2 3 6).
Jakobus hat in den Versen 1 11 den Widerspruch der Gemeinde zu
dem Inhalt des gottlichen Willens, zum ,,k6niglichen Gebot" (V. 8) der
Liebe, an bestimmten Erscheinungen des Gemeindelebens (Gering-
schatzung der Armen, Bevorzugung der Heichen) aufgedeckt. Dieses
Handehi kann nicht zugleich mit dem ,, Glauben an Jesus Christus"
sein(V. 1). Denn es ist ja ein Zuwiderhandeln dem Gebot Gottes, das in
Christus seine fleischgewordene Erfiillung gefunden hat und darum von
ihm an den Seinen, die im Glauben seines Wesens sein soUten, als
Siinde gestraft werden wird (V. 811; vgl. 1. Joh. 2, 28). Darum muB
sich das Handehi der Gemeinde in Wort und Tat andern (V. 12). Denn
sie will ja (beachte das ^eXXovrsc;!) durch ein Gebot Gottes einmal
gemessen werden, das nicht ihre Unfreiheit fiir Gottes Willen aufdeckt
und ihr Gebundensein in ewiger Versklavung als gottliches Urtei^, dus-
spricht, sondern ihre Freiheit , namlich die Freiheit, die Christus durch
, den -Heiligen Geist als Erfullung des Gesetzes gibt, fiir Gottes Willen
feststellt und ihnen darum die gebuhrende Freiheit des ewigen Lebens
schenkt. (,,Preis, Ehre und unvergangliches Wesen" nennt Paulus diese
Freiheit in ahnlichem Zusammenhang, Rom. 2, 7). Das bedeutet die
konkrete seelsorgerliche Weisung an die Gemeinden: bleibt ihr Handeln
unbarmherziges Handehi, erliegt sie im Gericht der Anklage Gottes;
wird ihr Handehi barmherzig, besteht sie im Gericht als Gott-recht.
Dasselbe hat Matthaus als Spruch Jesu (Matth. 5, 6). ,, Nicht der Glaube
2 Lacfanann, Sola fide 17
riihmt sich gegen das Gericlit, sonderh die Barmlierzigkeit" (Schlatter,
Der Brief des Jakobus, 1932, S. 185). Nicht weil der Glaube ,,unwesent-
lich" ware, aber weil der Glaubehde ,,west" als Wirkender. ,,Der Ge-
reclite lebt aus dem Glauben." Darin wird ,,offenbart die Gerechtigkeit
Gottes" (d. h. die Gerechtigkeit, die Gott ist, schenkt und fordert),
,,welche kommt aus Glauben in Glauben". ,,Die Wiedergeburt will das
ganze Gesetz gehalten wissen" (Vilmar, Coll. Bibl. zu V. 10 13). Der
Glaube ist die Betatigung der Wiedergeburt, indem er den Willen Gottes
tut. ,, Fides impetrat, quod lex imperat." ,,Was nicht Gerechtigkeit
wirkt, fallt unter das Gesetz" (Schlatter).
,,Was nutzt's, meine Bruder, wenn einer sagt, er habe Glauben, Werke
aber nicht hat ? Kann etwa der Glaube ihn erretten ?" (V. 14).
Von Beginn seines Briefes bis zu dieser Stelle hat Jakobus die Ge-
meinden immer wieder auf ein Gott gemaBes Handeln aufmerksam ge-
macht. Das Verhalten in den Anfechtungen, der Umgang mit der Welt,
der Dienst an den Unansehnlichen, die innere Freiheit gegenuber dem
Ansehen der Ansehnlichen, das barmherzige Wirken und Reden: das
waren die seelsorgerlichen Themen. Immer wieder der Hinweis: mit
diesem oder jenem Tun und Nichttun fallt die Entscheidung, wie Gott
uber euch im Gericht urteilen wird. ,, Jakobus bleibt mit seinen Formehi
vollstandig innerhalb der judischen Denkweise" (Schlatter a. a. 0., S. 55).
Er redet als Judenchrist zu Judenchristen. Aber freilich als Juden chr ist I 1 )
Die Paranese V. 14ff. scheint nach dem Zusammenhang dem Apostel
notwendig, weil die Gemeinde offensichtlich falsche Vorstellungen iiber
die Bedingungen ihrer Rettung aus dem Gericht und aus der Welt in
das Reich Gottes hat. Klar ist ihr: wir sind Christen, um gerettetzu
werden. Unklar ist ihr: was ,,hilft" zu diesem Ziel ? Klar ist der juden-
christh'chen Gemeinde wiederum: geschehen muB etwas durch uns
x ) Darum geht Vilmars Urteil zu weit: ,,sein Standpunkt ist ein verhaltnis-
maBig gesetzlicher . . ., er setzt das Alte Testament in eigentlich gesetzlicher Be-
ziehung voraus," wenn damit eine unterchristliche Abwertung ausgesprochen
sein soil. Noch unmogliclier Paul Feine: Jakobus hat den judischen Begriff
der Rechtf ertigung beibehalten . . . ; das Judentum kannte die Rechtfertigung als
Endurteil Gottes iiber den Menschen. Es war iTim selbstverstandlich, daB dies
Urteil das Ergebnis aus dem gesamten Tun des Menschen ziehe, aus semen Werken
wie aus seinem glaubigen Verhalten . . ., die Zusammenordnung der drei Begriff e:
Glaube, Werke, Rechtfertigung, ist iiberall und jederzeit moglich, wo diese jiidische
Rechtfertigung besteht oder nachwirkt" (Theologie d. N. T., 1934, S. 408). Hier
wird das Stehen des Apostels Jesu Christi auf dem Boden der alttestamentlichen
Offenbarung mit dem ,,Judentum" gleichgestellt.
18
Menschen. Die ,,Seligkeit" muB (mit Paulus zu reden) ,,geschafft werden
durch uns" (Phil. 2, 12). Das ist nicht ,,judisch", das ist alttestamentlich
und neutestamentlich. Der Mensch Gottes wird gerettet, weil er es
will und vollbringt (durch Gottes Wirken freilich!, Phil. 2, 13), nicht
weil es ,,so ist". Unklar aber ist: was muB geschehen ?
In der Gemeinde ist der Standpunkt verbreitet: ,,Glauben" muB
geschehen. Der Mensch muB sich zum Glauben an den Retter der Sunder
Jesus Christus bekennen. Wie das vor der Taufe im Hauflein der Juden-
christen inmitten des unbekehrten Volkes Israels zur Zeit des Jakobus
geschah. Er muB offentlich seine Herzensgesinnung und den Willens-
entschluB in der Glaubensformel der Gemeinde kundtun: ,,Ich glaube,
daB Jesus Christus Gottes Sohn ist" (vgl. Act. 8, 37). D. h. inhaltlich
ausgefiihrt: Ich eigne mir Christus, die Heilsgabe Gottes, an. X^P^ T & v
epycov TOU vo^ou ist meine Rettung der Jesus von Nazareth, der Christus
Gottes.
Das muB geschehen, wenn das Menschenleben sich ,,lohnen" soil
am Gerichtstage Gottes: das empfangende, den Christus wollende
Verhalten des Glaubens, das im Glaubensbekenntnis vor der Gemeinde
und den unglaubigen Juden bezeugt wird.
Dieser Standpunkt wird von Jakobus nicht bestritten. Die Frage,
,,ob der Glaube die Rettung, also die Gerechtigkeit bringe . . ., wird
von Paulus und Jakobus bejaht" (Schlatter). Der Glaube ist das vom
Menschen geforderte Verhalten, das ihn innerhalb des Bundes- und
Gnadenverhaltnisses Gottes Gott-recht macht und in den GenuB der
gottlichen BundesverheiBungen kommen laBt. Dieser christliehe Grund-
satz wird von der judenchristlichen Gemeinde gerade in ihrem ,,Anspruch,
auf den Glauben bin gerechtfertigt zu werden, in der hochsten Starke"
geltend gemacht. 1 ) Jakobus wendet sich gegen ein Verstandnis und einen
x ) Vgl. Schlatter, Theologie der Apostel, 1933, S. 97. Jakobus denkt gar nicht
daran, diesen Grundsatz zu beseitigen. Das beweist die ganze Paranese. Ebenso
fern liegb ihm, den Gemeinden den Glauben zu bestreiten. Seine Auseinander-
setzung geht gerade davon aus, daft ihnen Glauben geschenkt und seine Heils-
bedeutung bekannt ist. Die Behauptungen fast aller Ausleger seit der Refor-
mationszeit: den Angeredeten habe der Glaube iiberhaupt gefehlt, Jakobus be-
ziehe sich gar nicht auf den neutestamentlichen Glauben, wie ihn Paulus kenne;
nur der ,,leere Begriff des Glaubens . . ., blofie kalte Erkenntnis Gottes" (Calvin,
Auslegung d. BQg. Schrift, zu V. 14, S. 29 30). ,,Notitia historiae seu professio
articulorum fidei" (Melanchthon, Loci theol., 1535). ,,Externa professio fidei"
( J. Gerhard, Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16, 191), ,,non dicit, si quis habeat, sed si
quis putet" (Bengel, Gnomon zu V. 14), nur ein Glaube, der ,,Augenlust" und
2* in
Gebrauch des Glaubens, den die Christen haben. ,,Er redet nicht gegen,
sondern fur den Glauben, niclit weil der Glaube nutzlos ist, vielmehr
gerade dazu, damit er niclit nutzlos sei" (Schlatter, Der Jakobusbrief
ausgelegt fiir Bibelleser, 1893, S. 49). Die Gemeinde hat einen falschen
Begriff des ihr geschenkten und von ihr geforderten Glaubens. Das ergab
sich aus der Situation der judenchristlichen Gemeinde innerhalb des
allein am Gesetz orientierten 3 ,gesetzlichen" unglaubigen Israel. Es liegt
ein Gebrauch des Glaubens nahe, der das Wirken des Christen als Be-
dingung seiner Annahme durch Gott ausscheidet. Christus ist des ,,Ge-
setzes Ende" fiir das empfangende Verhalten des Glaubenden, damit
aber des wirkenden Verhaltens zur Erlangung des Rechtfertigungs-
urteils Gottes iiberhaupt. Die Aneignung der Gnade (das Kennzeichen.
des offentlich zum Messias sich bekehrenden Juden) rettet ^copl? TCOV
epyoov TOU v6[jiou, ja, ^copti; epycov. Dennwo spyocsind, ist fiir den frommen
Juden vojjioc;. So entsteht der Judenchrist, der sagt, er habe Glauben,
aber Werke nicht hat. Der Blick auf den Christus dispensiert den Glau-
benden vorn verantwortlichen Wirken des Rechten. Der Glaube wird
als Ersatz fiir das Werk verstanden und betatigt. ,,War einmal das
Xwpl? To5v spyoov TOU vo^ou ausgesprochen, so stand fiir die jiidische
Logik das x w pk spy&>v unmittelbar vor der Tiire" (Schlatter, Der Brief
des Jakobus, S. 55-56) - 1 ) Man wird also fehlgehen, wenn man den
Glaubenden, der kerne Werke hat, einfach als ,,Heuchler" anspricht
,,Furwahrhalten" ist (Vilmar, a. a. O. zu V. 14), werde diskutiert, sieht an der Be-
trachtungsweise des Jakobus vorbei, der zwar Glaube niclit in dem Sinne ge-
braucht, wie Paulus das Wort braucht" (Vilmar, auch Gerhard), aber dennoch
von der gleichen Sache in anderer Betrachtungsweise spricht. Wir miissen uns beim
Lesen dieses apostolischen Zeugnisses gegenwartig halten, dafi es ,,die Fragen, die
Paulus aufs tiefste bewegen, fiir Jakobus noch nicht gab," und seine Paranese
ganz aufier Beziehung zur Paulinischen Bechtfertigungslehre steht (H. Josephon,
Die Briefe d. Jakobus u. Judas 1908, S. 17). Auch des Jakobus Rechtfertigungs-
lehre ist samt ihrer Betrachtung des Glaubensvorgangs eine ,,eigene, dem Ver-
fasser gehorende Denkleistung", die einfach nicht in eine ,,Paulinische" Schablone
paBt. Bellarmin hatte schon recht, wenn er gegen die lutherische Jakobus-Exegese
seiner Zeit darauf beharrte: ,,Jacobum non loqui de umbra quadem fidei, sed de
vera fide, quae omnino iustificat, si non desint-cetera requisita." (Bellarmin, nach
Gerhard, Loci theol. Tom. Ill, LOG. 16, 191).
x ) Vgl. Josephon: ,,Hatte das Gesetz des Alten Bundes vor allem Werke ge-
fordert und predigte das Evangeliuni des Neuen Bundes vor allem Glauben, so
war es kein Wunder, daB das Verhaltnis des Glaubens zu den Werken und umgekehrt
schon friih im SchoB der christlichen Gemeinde erwogen und so oder so beantwortet
wurde" (a. a. 0. S. 17).
20
und jhm den Glauben abspricht. Er meint es ganz ernst mit der Nutz-
losigkeit seines gesetzlichen Wirkens und mit der Hoffnung auf den
Herrn der Herrlichkeit. Er-ist im Glauben gewiB und bekennt es mit
dem Munde in der Gemeinde, daB in keinem andern Rettung ist als in
Jesus. Jede andere Moglichkeit, ger^ettet zu werden aus Gericht und
Verderben, ist fur ihn ausgeschlossen.
Hier setzt des Apostels Jakobus Frage ein: darf sich die Gemeinde
Jesu fiir ihre Rettung etwas von einem Glauben versprechen, der nur
die. GewiBheit und das Bekenntnis der Gerechtigkeit Jesu Christi
X^pu; spy&jv ist ? Rechtfertigt, d. h. setzt Gott in den Stand der Sohn-
schaf t . und Teilhabe an alien himmlischen Giitern (heute durch den
Heih'gen Geist, einst sichtbar, enthiillt!) den Glaubenden, der auf das
Werk des Glaubenden verzichtet ? Kann etwa die Zuversicht und das
Bekenntnis zur Gnade Jesu (Glauben) abgesehen, getrennt vom glaubi-
gen Einsatz des Willens zum Handeln erretten ? Mcht dem Glauben,
aber dem Glauben, der ,,nicht die Werke hat", steht der Apostel kritisch
gegeniiber. 1 ) Die Kritik an dem. Glaubensgebraucb. und Glaubens-
verstandnis der Judenchristen wird Jakobus nicht nur von Jesus,
sondern auch von der Frommigkeit des Alten Bundes (nicht des Juden-
tums) nahegelegt. Nach dem Zeugnis des Alten Testaments macht die
glaubige Hingabe des, Menschen Handeln recht und ihn darum zum
Teilhaber an Gottes BundesverheiBungen. Der Mensch kann Wesent-
liches oder Unwesentliches, Vergangh'ches oder Unvergangliches, Niitz-
liches oder Unniitzes fiir den ewigen 1/Eenschen tun. Niemals interessiert
den alttestamentlichen Frommen ein Glaube oder Unglaube ,,an sich".
Das Alte Testament lobt den Glauben, weil er im gottlichen Bundes-
verhaltnis das Tun des Menschen recht macht und den Menschen
dadurch seiner gottlichen Bestimmung zufiihrt; es verurteilt den
Unglauben, well er das Tun des Menschen verdirbt und ihn seiner gott-
lichen Bestimmung so'entzieht. 2 ) Man muB die psychologische Denk-
1 ) Vgl. hier. Luther: ,, Fides nisi sit sine ullis etiam mim'Tnia operibus, non
, iustificat, imo non est fides . . . Impossible est fidem esse sine assiduis, multis et
magnis operibus" (W. A. 7, 231, 7). Dieser Satz ist richtig, wenn er den Glauben,
der rechtfertigt, als frei von jedem opus legis bestimmen soil. 1st er auch. richtig,
w,enn er die ,,assidua, multa et magna opera" des Glaubens aus der Rechtfertigung
ausschliefit, weil sie opera, aber nicht fides sind?
2 ) ,,Der Gott, der den Propheten mit seinem ganzen Denken und Wollen in
Beschlag nahm und sich irr seinem Handeha mit ihm als der richtende und neu-
schaffende Personwille erwies, hatte auch bei seinem Herrschaftsanspruch auf
sein Volk kein geringeres Ziel, als alle Volksgh'eder mit ganzer AusschlieBlichkeit
21
bewegung des Jakobus richtig mitvollziehen, wenn man seine Gegen-
uberstellung von Glaube und Werk im Rahmen des Offenbarungs-
zeugnisses der ganzen Schrift reclit verstehen will. Glauben ist nicht
Wirken und Wirken ist nicht Glauben. Aber ist das Rettende durch den
Christen im Gnadenverhaltnis geschehen, wenn empfangendes und be-
kennendes Verhalten des Glaubens ohne das wirkende Verhalten des
Tuns geschieht ? Eines Tuns, das verantwortlich aus Glauben vom
wollenden Menschen vollzogen wird ? Rechtfertigung durch Gott, wo
nur Glauben ohne Werk ist ?
Das ist die Fragestellung des Jakobus, ,,wie die Gemeinde den
Glauben habe, wozu sie ihn verwende, ob sie ihn so habe, daB er ihr die
Rettung und Rechtfertigung verschaffe". . . . ob nicht das Wirken
iiberhaupt bedeutungslos geworden sei". 1 ) In den Versen 15 17 gibt
Jakobus die Antwort nach Erlauterung durch ein Gleichnis:
an sich zu biaden, d. h. aber, sie mit ikren Gedanken und Entschliissen, kurz mit
ihrem tiefsten Person willen sich zu unterwerfen . . . Wenn Jesaja . . . die rechte
Haltung des Erommen auf die Formel , Glaube' bringt, so faBt er damit konzentrierte
geistige Aktivitat in einem Wort von ungeheurer Pragnanz zusammen, das als das
Erfassen der unsichtbaren Hand Gottes zur Bezeichnung der zentralen religiosen
Funktion geworden ist. Wenn Hosea und Jeremia so stark die Gotteserkenntnis
betonen, so ist ... nicht die denkende Betrachtung und theoretische Kenntnis
des gottlichen Willens gemeint, sondern ein Aufnehmen des offenbar gewordenen
gottlichen Wesens und Willens in das eigene geistige Sein, das nun von der gott-
lichen Wesenheit durchdrungen und bestimmt erscheint" (W. Eichrodt, Theologie
des Alten Testamentes, Band 1, S. 188f.).
1 ) Schlatter, Der Brief d. Jakobus, S. 52. 55; Die Theologie der Apostel, S. 97.
,,Der Mangel des Glaubens, den Jakobus vorhebt, besteht darin, daB der Mensch
seinen Willen von seiner GewiBheit trennt und seine Beziehung zu Gott auf den
Glauben allein zu beschranken versucht" (Theologie d. Apostel, S. 97 f.). ,,Die Ver-
herrlichung des Glaubens, das ,sola' hat dann unheilvoll gewirkt, wenn mit ihm
jene Verkiirzung des Lebens vollzogen wurde, die das Handeln aus ihrn ausscheidet
und nichts als das Glauben ubriglaBt. Diesen unmoglichen Menschen, der nichts
tut, sondern einzig glaubt und folgerichtig nicht leben kann, sondern bloB auf sein'
Sterben wartet, hat aber Paulus nicht erfunden" (Gottes Gerechtigkeit 1935,
S. 153). Die Bemerkung Bengels: ,,hic ergo Jacobus ut Paulus ubique, fidem
veram et vivam innuit . . . sed mox hoc versu sub fidei vocabulo intelligit fidem
hypocritam, paralogismo nixam. Non docet fidem posse esse sine operibus, sed
potius fidem sine operibus esse non posse. Non opponit fidem et opera" (Gnomon
zu V. 14) verrat, daB bier ein systematischer Sprachgebrauch von fides der psycho-
logischen Betrachtungsweise des christlichen Israeliten Jakobus untergeschoben
wird, die den menschlichen Akt des Glaubens und den des Wirkens unterscheidet.
Es ist Sache des menschlichen Willens, den Akt des Glaubens im Akt des Wirkens
22
,,Wenn ein Bruder oder eine Schwester keine Kleidung hat und an der
tdglichen Nahrung Mangel leidet und einer von euch zu ihnen sagt: ,,Gehet
in Frieden, kleidet euch warm und esset euch satt!", ihr gebt ihnen after
nicht, was des Leibes Notdurft ist; was hilft ihnen das ? Ebenso verhalt es
sich auch mit dem Glauben, wenn er nicht Werke hat', er ist fur sich allein
tot" (V. 15-17).
Der Vorgang aus V. 15. 16 ist in der Auslegung oft mifideutet wor-
den. Jakobus will kein Beispiel des werkelosen Glaubens aus dem Ge-
meindeleben herausgreifen. Der Apostel gebraucht echt israelitisch ein
Gleichnis, um ein en Gedanken zu veranschaulichen und beinah
sokratisch aus dem Munde seiner Horer herauszulocken, namlich den
Gedanken von der Nutzlosigkeit eines Glaubens, der nicht im Handeln
,,west". ,,Was hilft's ?" (V. 14) soil erlautert, nicht etwa mit dem Mangel
an Liebe, sozialer Gesinnung usw. begriindet werden. Der Glaube soil
vor dem richtenden Urteil Gottes dem Menschen etwas niitzen, niitzt er
ihm aort nichts, ist er wertlos. } ,Ein Vergleich aus dem Leben dient
ihm zur Illustration" (Josephon) des Nutzens bzw. der Wertlosigkeit.
(Bengel: 3 ,hinc siravaXe^K;, quae utilitas ?") Aber ,,Nutzen" und
Wertlosigkeit" liegen in verschiedenen ,,Ebenen" fiir Gleichnis und
Sache : im Gleichnis geht es um zeitlichen und materiellen, in der Sache
um ewigen und geistlichen Nutzen im RechtfertigungsprozeB Gottes.
Aber die Sache wird nun ganz klar durch diese Veranschaulichung:
Glauben und Glaubensbekenntnis, das nicht vom Wirken begleitet ist,
ist sinn- und wertlos fiir die gottliche Rechtsprechung. ,,Ohne Nutzen
ist das Bekenntnis ,Ich habe Glauben' dann, wenn der, der sich als
glaubig beschreibt, ,nicht Werke hat'" (Schlatter). Von guten Worten
und Gefuhlen einer freundlichen Gesinnung wird der Magen des Hun-
gernden nicht satt und der frierende Leib nicht warm. Wort, Gesinnung,
gutes Herz ,,an und fiir sich" niitzt dem Bediirftigen absolut nichts.
sich ,,auswirken" zu lassen. Geschieht das nicht, ist der Glaube immer noch Glaube,
sogar von Christus geschenkter Glaube. Aber ob er ,,nutzt", ,,errettet" das ist
die Frage. Nach Gottes Heilsordnung sollte es keinen Glauben ohne Werke geben,
aber es gibt ihn praktisch in der Gemeinde, weil Menschen dem Glauben das Han-
deln entziehen. (Die Griinde dafiir konnen verschiedene sein: falsche Erkenntnis,
Schwachheit oder Bosheit des Willens.).Vgl. auch dazu Schlatter: ,,Alles wollen
wir Ihm geben, den Glauben und das Werk, ohne Spaltung die ganze Ilebe; darum
ist der Glaube noch nicht unsere Gerechtigkeit, faUs wir bloB glauben und Gott
das Werk, somit den Gehorsam und die Liebe verweigern" (Theologie d. Apostel,
S. 113).
23
Ebenso absolut wertlos 1st dem Christen im gottlichen Gerichtsverfahren
(sei es nun das gegenwartige oder zukunftige !) sein Glauben, sein Empfan-
gen und Bekennen des Christus, der Gnade, der Vergebung und des
neuen Lebens, das nicht zum Handeln, zum ,,Werk" wird. Christus
umfangendes und empfangendes Verhalten (Glauben) macht nur dann
Gott recht, sofern es zum wirkenden Verhalten wird. Das ist ,,die An-
wendung des Bildes" ( Josephon) aus V. 15 und 16. Des Jakobui. .^Ant-
wort auf die Erage von V. 14 ist, , 3 daB der Glaube die Heilsamkeit nicht
in sich selber habe, sondern sie durch das Wirken erhalte" (Schlatter,
a. a. O., S. 192). . .
Man beaehte aber die Wendung vom Glauben, der Werke hat".
Das Wirken des Gott-rechten ist zwar Funktion seines Willens, aber eines
Willens, der sich vom Glauben regulieren laBt und somit durch den
empfangenen Christus und seinen Zuspruch im Geist frei und willig
wird zum Wirken des Willens Gottes. So glaubend entspricht der Mensch
des Neuen Bundes der Norm Gottes, hat er Gott fur sich und Gott ihn
fur sich. Gott spricht ihn frei als Gerechten. 1 ) Die ,,selbstgewahlten
Werke" des Gesetzes, die Luther mit Recht so gehaBt hat, scheiden auch
fur Jakobus aus. Aber bleibt die Hingabe des wirkenden Willens an den
Glaubensinhalt und Glaubensgegenstand Jesus Christus und an die
Intention des Heiligen Geistes im Glaubenden aus, so bleibt das Glauben
,,fiir sich allein" und ist in seiner Isolierung , 3 tot", etwas Verwesendes,
,,Unwesentliches", das nicht ,,west" im Werk, im Tun des gottliehen
Willens und somit nichts schafft fur die Rettung und Rechtfertigung des
Christen. ** ' .
Diese Beschreibung des Glaubens ohne Werke als ,,tot" hat nun
groBe Verwirrung in der Auslegung hervorgerufen. Past allgemein wird
der Gedankengang des Apostels vom Nutzen des Glaubens ohne Werke
im Gericht Gottes verlassen und die Eigenschaft des ,,tot" als die Be-
hauptung verstanden, die Gemeinde habe iiberhaupt nicht Glauben,
sondern nur das Schattenbild eines ,,toten" Glaubens, das diesen Namen
zu Unrecht tragt. Ist der Glaube , 3 fur sich allein tot" schlieBt man ,
so mangelt dem Christen das, was das iibrige Neue Testament den
1 ) Der Glaubende ,,ist Leibeigener eines anderen geworden. Es ist sein Schick-
sal, dafi er als Mitwirkender in das Werk dieses anderen hineingestellt ist. Glaube
ist Ergreifen der Lebenskrafte Chiisti: ist die unweigerliche Verantwortuag dafur,
daB die Werke Christi geschehen" (Half Luther, Neutestamentlicb.es Worterbuch,
S.63).
24
rettenden Glauben nennt. 1 ) Diese Auslegung 1st ein Kurzschlufi, be-
wirkt durch das tbeologische Vorverstandnis des Glaubens und des
Glaubenden im reformatorischen Denken, das in den Jakobustext hinein-
getragen wird. Jakobus wertet nicht den Glaubensakt und das Glaubens-
verhaltnis als soleh.es. das die Angeredeten von Gott empf angen haben
wie alle geistlichen Gaben der Gemeinde; er wertet seinen Nutzen vor
dem gottlichen Urteil. Im Blick darauf , was die Gemeinde mit dem ver-
liehenen Glauben ,,schaffen" soil, namlich ihrer ,,Seelen Rettung", ist
ihr Glauben ,,tot", etwas ,,Verwesliches", weil er ,,fur sich allein" sich
nicht ,,regt" im Werk. Das liegt aber nicht am Glauben oder daran,
daB der Glaube f ehlt es liegt daran, was der Christ aus dem verliehenen
Glauben macht; wie er ihn gebraucht; ob er den Glauben sich regen
lafit im Werk des Glaubens dann ,,schafft" der Glaube sein Ziel, der
Seelen Seligkeit (1. Petr. 1, 9) , oder ob er dem Glauben diese Regung
versagt dann ist der Glaube ,,regungslos", ,,tot" und erreicht nicht
sein Ziel. Jakobus bestreitet der Gemeinde nicht, daB sie Glauben habe,
d. h. das Zeugnis des Evangeliums von Christus annehme und Christus
x ) ,,Non est vera, viva et iustificans fides sed inane quoddam simulacrum,
fides nominalis non realis, putativa non vera, cadaver fidei, non ipsa vera et viva
fides" (Gerhard, Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16, 191). ,,Die blofle kalte Erkenntnis
Gottes bringt uns nicht im geringsten das Heil" (Calvin zu V. 14). ,,Fides est mortua,
id est, homo qui se fidem habere dicit, non habet illam vitam, quae ipsa est fides . . .
Fides non secundum semet ipsam viva est" (Bengel zu V. 17). ,,Zu Leuten, die sich
auf einen sogenannten Glauben steifen, spricht Jakobus: euer toter Glaube ohne
Kraft und Leben tuts nicht, sondern die lebendigen Werke miissen aus dem Glauben
kommen" (Stier, zu V. 17). In semen fruhsten Vorlesungen, in denen Luther noch
unbefangen den Jakobusbrief als apostolische Schrift zitiert, erklart er die ,,fides
mortua" als die ,,inefficax fides", ,,fides mformis, quando solum sciuntur
credenda, sed vktutem fidei non operantur" (W. A. 3, S. 490), also als das
,,credere Deum" der fides infusa et acquisita un Gegensatz zum ,,credere hi
Deum". ,,Ficta vero est, quam Theologi nostri acquisitam vocant, turn quae,
"et si infusa est, sine charitate est" (W. A. 2,566, Galater-Kommentar 1519).
,,Fides enim infnrmia non est fides, sed potius obiectum fidei. Non enim
credo, quod quis fide informi possit credere, sed hoc potest bene sc. videre,
quae sint credenda et ita suspensus manere" (Bomerbriefvorlesung 1517 Ijl8.
Luthers Werke, ed. Vogelsang, 5. Bd., S. 224; vgl. auch aus der Hebraerbriefr
vorlesung 15171518, ebenda S. 371- 372). Diese Erklarung wird dann spater
von Melanchthon und der orthodoxen Tradition mit positiverer Wertung ala
,,notitia historiae" und ,,opus bonum" aufgenoninien: ,,Ut enim Jacobus cum
notitia historiae seu professionis requirit bona opera sic et Paulus hater cetera
bona opra requirit et notitiam historiae seu professionem articulorum fidei"
(Melanchthon, Loci theologici 1535).
25
empfange samt den Gaben des Heiligen Geistes. Aber sie hat nichts
davon im gottlichen Gericht, weil sie nicht im Geist und Glauben
wandelt. Das 1st auch fur Paulus zweierlei: Geist und Glauben haben
und darin wandeln! (vgl. Gal. 5, 25; Rom. 8, 4). Erst der ,,Wandel nach
dem Geist" (d. h. der Glaube, der Werke hat) ist die Erfiillung der Ge-
rechtigkeit, ,,vom Gesetz erfordert" in uns, und ihm wird die gottliche
Anerkennung des rechtfertigenden Urteils. Aber der Begnadete und
Glaubende hat freilich die Moglichkeit, dem Glauben und seinen Kraften
die Herrschaft in alien seelischen Bezirken zu beschranken und ihn so
fiir die Rettung und Rechtfertigung zu entkraften, zu j/boten". 1 ) Es
ist doch nicht ,,torichte Spitzfindigkeit, darauf zu bestehen, daB bier
doch immer noch ein gewisser Glaube vorausgesetzt werde" (Calvin,
a. a. O., zu V. 17, S. 30), sondern trifft allein das seelsorgerliche und
theologische Anliegen des Jakobus. Es ist ein ahnlicher Sachverhalt,
wie ihn Matthaus 7, 21 aus dem SchluB der Bergrede Jesu berichtet.
Die ,,vielen" (!) ,,Herr-Herr!"-Sager sind im Besitz groBter Glaubens-
krafte und Gnadengaben als Glieder der Gemeinde Jesu gewesen
(Matth. 7, 22!). Sie haben im Namen Jesu ,,geweissagt", ,,Teufel aus-
getrieben", ,,viele Taten" getan und tun diirfen. Aber der Eingang in
das Himmelreich wird ihnen von Christus verwehrt, weil sie den ihnen
geschenkten Glauben und ihr Glaubensbekenntnis nicht dazu gebraucht
haben, den Willen des Vaters im Himmel zu tun. Christus wird ihnen
eroffnen: ,,Ich habe euch noch nie erkannt," d. h. er hat sich nicht mit
ihnen zur rettenden Liebes-, Willens- und Werkgemeinschaft vermahlen
diirfen, weil ihr Wille dem Glaubenswerk in der Christusgemeinschaft,
deren sie durch den Glauben teilhaftig waren, widerstanden hat. So
haben sie den Glauben fur die gottliche Rechtfertigung 3 ,wesenlos"
vexpa gemacht. Man macht sich die Sache zu einfach in der Exegese
wie im seelsorgerlichen Problem, wenn man bei Matthaus wie bei
Jakobus von Scheinglauben spricht. Beide Apostel sagen nicht aus-
driicklich, wie sie bzw. der Herr sich den Vorgang denken, daB sich das
Handeln vom geschenkten Glauben trennt und den Glauben fur das
gottliche Gerichtsurteil ,,verwest" macht. Es gibt nur eine Deutung
nach den Andeutungen der Schrift : die Siinde wider den Heiligen Geist,
die nicht vergeben wird. Der Christ kann sich am Werk Gottes in ihm
x ) ,,Das dem Mensehen verliehene Glauben ist Kraft, die ihm das Gott dar-
zubringende Opfer moglich macht, die er aber aucb. entkraften xmd abtoten kann"
(Schlatter, summarisch zu Jak. 2, 14 26).
26
verschulden. Er kann die durch. das Glauben verliehene Kraft Christi
,,toten". Stier bemerkt zu V. 17: ,,In der Begnadigung selbst, im Wort
der Vergebung das der Glaube hinnimmt 1st die Aufrichtung zum
neiien Leben enthalten" (Der Brief Jakobi, 1860, S. 148). Aber diese
,,Aufriclitting zum neuen Leben" vollzieht sich nicht automatisch, in
einer Art gottlicher Vergewaltigung des menscbJichen Seelenlebens. Der
Glaubende muB das Werk Gottes bewuBt und verantwortlich in seinen >
Willen , 3 einlassen", muB Christus ,,anziehen" 3 mit Paulus zu reden. Die
Transformation des gottlichen Kraftwerkes, der S^va^u? -8-eou (Rom.
1, 16), das der Glaubende sich zu eigen macht, in seinen Gott liebenden
Willen hinein, der sein Handeln regiert, muB als bewuBter Akt voll-
zogen werden. 1 ) Wird aber die Durchsetzung der richtenden und heilen-
x ) Die Untersuchungen E. Brunners iiber das ,,personhafte Sein" scheinen
mir geradezu Auftrag fiir evangelische Theologie zu bedeuten, zwischen der Scylla
und Charybdis magischen und moralischen Gnadenverstandnisses hindurchzu-
fuhren und damit der reformatorischen Aneignung neutestamentlichen Wortes ein
tiichtiges Stiick naherzubringen. ,,Gott ist als personhafter Geist ansprechender,
in Anspruch nebmender, die personhafte Antwort des Jasagens berausfordernder
Geist. Jn seinem personhaften Ansprecben, in seinem Wort baben wir selbst unsere
personbafte Existenz . . . Im Wort Gottes sein ist nicht ein passives, sachenbaftes,
sondern ein personhaftes Sein, d. b. aber ein Sein in der Verantwortung . . . Weil
unsere Existenz . . . im Angesprochensein durch das Wort Gottes besteht, darum
ist unsere Existenz in jedem Moment als eine verantwortliche oder entscheidungs-
volle wir konnten auch sagen: als ehie geschichtlicbe, bestimmt" (Gott und
Mensch, S. 55). ,,Den BuBgedanken, wie ibn Jesus gab, bielt Jakobiis aucb in
seiner Formel fiir die Rechtfertigung fest. Weil die Umkehr zu Gott in der Tat be-
steht, die den bosen Willen verwirft und so Gottes Gnade erlangt, entsteht fiir
Jakobus an der Bufie kein Zweifel, ob der Mensch gehorchen konne. Das ist iTrrn
ja dadurch, dafi er zur BuBeberufen wird, gesagt, und damit ist zugleicb festgestellt,
daB er dann in die Gnade Gottes tritt, wenn er sich zum Werk entschlieBt" (Theo-
logie der Apostel, S. 113. 114 und 118). Im Buck auf die Paulinische Formulierung
vom ,,in Christo Jesu" allein machtigen Glauben, der durch Liebe wirksam ist,
als der Realisierung der von Gott geforderten und geschenkten Eeehtschaffenheit
des Gerechten (Gal. 5, 5f.) diirfte von Jakobus und Paulus her heute die Prage
erlaubt sein, ob mit der Augustiniscb-Thomistischen fides caritate formata heute
nicht eme andere Auseinandersetzung geboten ist, als sie im Zeitalter der Be-
drohung der fides durch eme falsch verstandene caritas gefordert war. Auch fiir
Luther gehorte die Gottesk'ebe zum Wesen des rechtfertigenden Glaubens, was
hinreichend zu belegen ist. Nur seine Polemik gegen ontisches und der christlicben
Umwandlung entgangenes Aristotelisches Denken lieB das bei ibm zuriicktreten.
Freilich wird seine Anthropologie vor allem ist bier an seine Darstellung der Lehre
von der Erbsiinde zu denken nicht einfach iibernommen werden konnen, um
die ayocKT) (gegen Gott und Menscben) im Geschehen der Recbtf ertigung durch den
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den Gnade im Willen und Handeln verweigert, dann wird der Inhalt
des Glaubens, der gegenwartige Christus und der Heilige Geist, ab-
gestoBen und entkraftet fiir das Sein des Christen vor Gott. 1st die '
Kezeptivitat des Glaubenden nicht verbunden mit der Aufnahme
Gottes in den Gott liebenden Willen und das Gott dienende Werk, kann
der Glaube nicht erretten. Denn er tut nicht den Willen Gottes. So ist
der Mangel am Werk fiir den Glaubenden Verschuldung an der empf an-
genen Gnade fiir die Gottlosen. Der ,,fiir sich allein" tote Glaube ist
immer Anklage dessen, der ihn dazu macht. Gott gibt keinen ,,toten"
Glauben. 1 ) Damit steht das Ergebnis fest: Glauben ohne Werk macht
Gott nicht recht und rettet darum nicht aus dem Gericht des gottlichen
Urteils. Gott muB unser Werk sehen, wenn er uns sehen und beurteilen
will, ob Er unser Gott und wir das Volk seiner Weide sind und sein kon-
nen. Das gilt fiir die heimliche und fiir die offenbare Rechtfertigung
aller Glaubigen. Der Apostel Paulus driickt den gleichen Tatbestarid
mit dem Satz aus: ,,Aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den
Glauben und das nicht aus euch : Gottes Gabe ist es , nicht aus
Werken, auf dafi sich nicht jemand riihme. Denn wir sind sein Werk,
geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor
bereitet hat, daB wir darin wandeln sollen" (Eph. 2, 810; vgl. auch
Rom. 12, 1. 2). 2 )
Glauben so zur Geltung zu bringen, wie das neutestamentliche Zeugnis es fordert.
DaB der dyaTr/] Gottes in der Christusgemeinschaft des Menschen eine groBere Be-
deutung zukomme, als iibliche Darstellung der Konzeption Luthers vom Glauben,
aber auch reformatorische Theologie selbst ihr zuerkennt, hat der schwedische
Theologe Nygren in seinemWerk,,Eros und Agape" (2Bde., deutsch 1930 u. 1937)
einsichtig gemacht. Der Jakobusbrief ist aueh an dieser Stelle reformatorischer
Theologie ein unuberhorbarer Aufruf zur Revision. Er vertritt eine beachtlich
andere Einschatzung des Glaubensaktes, des Willens, des Werkes und der Gnade
des Wiedergeborenen, als sie bei Luther zu finden ist.
a ) Hingewiesen sei auf die bestechende Bemerkung Calvins zu unserem Ab-
schnitt: ,,Darum wird uns das Heil aus dem Glauben zuteil, weil derselbe uns mit
Gott verbindet. Das geschieht aber nicht anders, als wenn wir in den Leib Christi
eingepflanzt werden, so daB wir aus Seinem Geiste die Lebenskrafte zieheri und
dadurch auch von Ihm regiert werden. Jn jenem toten Schatten des Glaubens gibt
es etwas Derartiges nicht."
2 ) Die Deutung der Orthodoxie: ,,Fides apud Jacobum non accipitur absolute
pro fide iustificante, sedpro externa fidei professione . . ., docet externam
illam fidei prof essionem, si non sit coniuncta cum propriis fidei iustif icantis
effectis, scilicet operibus bonis, non iustificare," und es handele sich bei Jakobus
uberhaupt nicht um die ,,iustificatio coram Deo, sed de iustitiae declarations
28
Jakobus rechnet mit einem Einwand aiis der Gemeinde auf seine
Behauptung, Glauben ohne" Werke 1st unwesentlich fiir Gott und be-
deutet nichts fin* die Rechtfertigung des Menschen:
,,Aber es mochle jemand sagen: Du hast Glauben; und ich habe
Werke" (V. 18 a). 1 )
Jakobus legt rhetorisch einem zweiten Sprecher aus der Gemeinde
einen Einwand in den Mund, der sich an beide bisherigen Gesprachspartner,
an den Sprecher von Vers 14 und an den Apostel richtet. Jakobus kon-
struiert also aus seiner seelsorgerlichen Erkenntnis des judenchristliclien
Gemeindelebens jener Zeit die wahrscheinliche Reaktion auf seine Herab-
setzung des Glaubens ohne Werke. Man wird einwenden : Der eine Christ
(von Vers 14) hat eben Glauben, Glaubenshaltung, Glaubensbekenntnis,
Glaubenserkenntnis, Glaubenskraft, der andere Christ (Jakobus) hat
Werke, den geheiligten Willen, das von Gott geformte Handehi. Das
sind verschiedene gottliche Charismata, die nun einmal so verteilt sind
(vgl. 1. Kor. 12, 4ff. 9!). Damit gilt es sich abzufinden und von keinem
mehr zu verlangen, als er durch die Gnadenwirkungen des Heiligen
Geistes haben darf.
Man darf wohl annehmen, daB der Apostel mit diesem Einwand
jiidisches Denken zur Sprache bringen will, das sich im christliehen
Gewande in der Judenchristenheit zu behaupten versucht. Glauben und
.gutes Werk sind der Synagoge als die zwei Verhaltensweisen frommen
Judentums vertraut. Jiidisches Denken will das christliche Ineinander
von Glauben und Wirken beim Apostel Jesu wieder als traditionelles
Nebeneuiander zweier frommer Verhaltensweisen verstehen, ohne daB
damit der Gedanke eigener Leistung und eigenen Ruhms mitgedacht
:zu sein braucht. Wir befinden uns in jenem Zeitalter der judenchrist-
lichen Kirche, da christh'ches Denken alttestamentliches Gedankengut
verarbeitet, aber auch sich gegen die Durchsetzung mit traditionellen
coram hominibus per opera" 1st exegetisch .einfacli uahaltbar. (Vgl. Johann
Gerhard, Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16 u. Tom. IV, Loc. 17, Cap. 82.)
1 ) Dibelius bezeichnet diesen Vers als ,,eine der schwierigsten neutestament-
lichen Stellen iiberhaupt", und das mag zutreffen, sofern man nach dem genauen
-und urspriingliclien Wortlaut fragt. SacbJicb laufen doch. wobl alle Lesarten und
.Deutungen auf einen Gedanken binaus, der den bisberigen fortfuhrt. Ich entscheide
mich fiir die Lesart, die am wenigsten andert: der Einwand von zweiter Seite aus
der Gemeinde rhetorisch vorgebracht ist das erste kleine Satzchen des Verses
18, hinter eyoi ist mitWestcott und Hort euiPunkt zu setzen. Der Best des Verses
:ist bereits Antwort des Apostels auf den Einwand.
29
theologischen Vorstellungen der Synagoge zu sichern hat. AHes befindet
sich noch im MuB und Austausch, die auBere und innere Scheidung 1st
noch nicht endgiiltig vollzogen. Die ,,Sprecher" von V. 14 und V. 18
beweisen es.
Jakobus weist die fiir christlicb.es Denken iiberholte Vorstellung
eines beziehungslosen Nebeneinander von Glauben" und Werke" im
Gemeindeleben zuriick. Das ist der Inhalt des Restes von Vers 18. 1 )
,,Zeige mir deinen Glauben ohne Werke (oder: ,,aus den Werken"
nach der Koine), und ich werde dir aus meinen Werken meinen Glauben
zeigen."
Der Apostel verlangt einen rechtfertigenden Glauben mit Werken
und rechtfertigende Werke, die Darstellung des Glaubens sind.
Der Verteidiger des Sprechers von V. 14 behauptet den Besitz des
Glaubens, der im gottlichen Gericht rettet. Diese Behauptung muB be-
wiesen werden vor Jakobus wie vor Gott. Jakobus denkt nicht daran,
dem christlichen Bruder zu bestreiten, daB er Glauben habe. Seine
Redeweise ist nicht ironisch (so Calvin zu V. 18). Der Glaube ist zu-
nachst ein unsichtbares Verhaltnis des seelischen Menschen zu dem sich
offenbarenden Gott in der Gemeinde. Das kann auch ein Apostel dem
Bruder, der sich dazu bekennt, in diesem Verhaltnis zu stehen, nicht
einfach absprechen. Aber er kann darum bitten, daB dieses Glaubens-
verhaltnis zu Gott sichtbar gemacht werde. ,,Zeige mir!" Das ist
durchaus kein ,,Unding" (so Stier). Es ist die Offenbarung dessen, was
in der Seele des Glaubenden verborgen geschieht: seine Gemeinschaft
mit dem innewohnenden Christus, seine Anerkennung des gottlichen
Wortes. Auf diese Offenbarung seines Glaubens ,,ohne Werke" muB der
Glaubende hinweisen konnen. Denn ,,der Zeuge fiir meinen Glauben ist
die Weise, wie ich handle. Weil ich mich redlich auf Gott stiitze, darum
handle ich so, wie es nur der kann, der ihn vor Augen hat und sich tragen
laBt von seinem Wort und in seiner Gnade den festen Standort hat, in
welchem seine Seele ruht" (Schlatter, Der Jakobusbrief ausgelegt fur
Bibelleser, S. 54). Was man als Glaubender besitzt und ist, das muB man
auch ,,zeigen" konnen. Das ist freilich ein ganz ungriechisches, jeder Gnosis
J ) Aus dieser Zuriickweisung und Auseinandersetzung ist wiederum nicht der
SchluB zu ziehen, die Gemeinde kenne keine Christus-Gaben und Christus-Er-
fahrungen. Ihr Denken dariiber ist nocb. nicht christlich geklart und gefestigt.
Das ist ein ProzeB, der den Gaben und Erfabrungen f olgt! Hatte man das nur in
der Jakobusbrief -Auslegung und in der Behandlung des Rechtfertigungsproblems
in der Kirche geniigend beriicksichtigt!
30
alter und moderner Art unverstandliches, aber reclit alttestamentliches
und neutestamentliches Verlangen. Das Glauben der biblischen Menschen
1st nicht nur existent im Begriff , im Denken, in der Idee oder im Gefiihl.
Der Glaube existiert als die Ganzheit und Einheit leib-seelischer Hingabe
an den offenbarten Gott im Gott ahnlichen, handgreiflichen Wirken
des Menschen. Gott muB zu ,,greifen" sein im Glaubenden. Fur einen
Juden christen kein unbilliges Verlangen, dem die Gegenwart Jahves
und seines Geistes immer etwas Handgreifliches ist. 1 ) Dem Israel des
Alten und des Neuen Bundes gilt nur ein Glaube als gottliche Wirklich-
keit, der sich fur menschliche Sinne und Wahrnehmung greifbar und
anschaulich machen laBt; denn so greifbar und anschaulich steht der
Mensch vor Gott, seinem Richter, und will Gott ihn sehen. Darum
ist die Bitte des Apostels: sage nicht nur, daB du glaubst; beschreibe
mir das leibhaftige ,,Aussehen" denies Glaubens, nicht AnmaBung und
Vorwitz, sondern die Bitte an den Glaubenden, sich ihm, dem Apostel,
so vorzustellen, wie er gegenwartig verborgen vor Gott steht und zu-
kunftig offenbar Gott vorgestellt werden wird: als ein Glaubender mit
seinen Werken. Das aber ist die Situation der Rechtfertigung. ,,Solange
wir uns nicht ans Werk machen, ist unser Glaube ein verstecktes Ge-
heimnis" (Schlatter, a. a. O., S. 54), auf Grund dessen uns Gott nicht
als die Seinen erkennen und anerkennen kann. Er kann nichts sehen,
weil wir nichts ,,zeigen". Eben das ,,Zeigen" liegt aber an uns, wie das
,,lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daB sie cure guten Werke
sehen und euren Vater im Himmel preisen" eine Aufforderung Jesu an
die Glaubenden ist, verantwortlich und willentlich zu ,,zeigen", was sie
haben und was sie sind. Das Licht im Glaubenden scheint nicht ein-
fach ,,von selbst", der Glaubende muB es als ,,gutes Werk" scheinen
lassen, er kann es auch ,,unter einen Scheffel stellen" und sich so
am Besitz des Lichtes im Glauben versundigen! 2 ) Die Ganzheit der
a ) Man erinnere sich an dieser Stelle dessen, was alttestamentliche Forschung
als das Wesen des 1^, das doch auch gerade Luther und lutherische Theologie
als den ,,Sitz" des Glaubens bezeichnet, herausgestellt hat: ,,was von ^ ausgeht,
ist recht eigentlich Sache des ganzen inneren Menschen, das ihn darum als bewufit
handelndes Ich verantwortlich macht ... So verschafft sich hier die in der hebra-
ischen Psychologic entscheidende Dominante des Willens, und zwar des sittlich
bestimmten und verantwortlichen Willens, beredten Ausdruck . . ." (Walther
Eichrodt, Theologie des Alten Testamentes, II, S. 73; vgl. iiberhaupt das ganze
Kapitel ,,Die Bestandteile des menschlichen Wesens", S. 65 ff. !).
2 ) Diesen bibhschen Tatbestand hat Luther bei der Bildung seines Glaubens-
und Werkbegriffs iibersehen, wie seine bekannte Auslassung in der Vorrede zum
31
christlichen Existenz vor Gott wird sichtbar in dem Miteinander von
Glauben und Handeln. Zuriickziehen auf ein vom Werk isoKertes,
Charisma ,, Glauben" ware Spaltung der menschlichen Seele. Darum
1st Jakobus auch bereit, fur seine Person den Beweis dieser Ganzheit
christlicher Existenz anzutreten. Sein Wirken ist Demonstration seines
Glaubensverhaltnisses, nicht ein am Gesetz orientiertes ,,naturliehes"
oder durch magische Eingebung gewirktes Verhalten. Der Apostel ist
in der Lage, an seinem Handeln die Spuren des ,,Geistes und der Kraft"
aufzuzeigen, die allein dem Glaubenden eingepragt werden, der Christus
vertraut und sich anvertraut. Als solches Handeln aus dem Glauben ist
christliches Werk sichtbar zu machen, weil es offenkundig Anschauungen
und Krafte natiirlichen Handelns iibersteigt und nur aus einer Gottes-
anschauung und Geistesgemeinschaft zu erklaren ist, die allein dem
aus der Herablassung und Offenbarung Gottes gewonnenen Glauben
eigen ist. So aber erweist sich der Apostel, der ,,Werke hat", als einer,
der tatsachlich durch den Glauben und nicht ,,aus den Werken"
fiir Gottes Reich sich hat retten lassen und sich gerettet hat. S o glaubend
hat er Gottes Ja fiir sich. Jakobus koordiniert also.weder den Glauben
und die Werke noch bevorzugt er das eine vor dem anderen. Aber er
sieht auf zwei Verhaltensweisen des lebendigen Menschen vor Gott, die
in ihrer Einheit AnlaB fiir das gottliche Urteil sind, daB hier ein Mensch
vor Gott und fiir Gott existiert und darum als ein Bundesgenosse ihm
recht ist, zu dem Gottes Gnade ihn erwahlt und berufen hat. Damit ist
,jdie religiose Gleichwertigkeit des Glaubens mit den Werken" (Hauck)
Romerbrief in der Bibelausgabe von 1545 zeigt, wonach es ,,unm6glich ist, Werke
vom Glauben zu scheiden, ja, so unmoglich, als Brennen und Leuchten vom Feuer
geschieden werden kann. Der Glaube fragt nicht, ob gute Werke zu tun seien,
sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun. Wer aber solche
Werke nicht tut, der ist ein glaubensloser Mensch, tappet und siehet um sich nach
dem Glauben und guten Werken und weiB weder, was Glaube, noch was gute
Werke sind, waschet und schwatzet doch viele Worte vom Glauben und guten
Werken" (W. A., Deutsche Bibel, 7. Bd., S. 10). So verstandlich diese Darlegungen
als Abwehr der spatmittelalterlichen EVommigkeit und eines Glaubensverstand-
nisses als ,,menschlich Gedicht und Gedanke, den des Herzens Grund nimmer
erfahrt" sind, die Anthropologie, die dahinter steht, ist nicht die des Jakobus und
des Matthaus und auch nicht wie noch spater darzulegen ist die des Paulus.
Auch die Bemerkungen Calvins zu V. 18: ,,kannst du kerne Friichte des Glaubens
beibringen, so spreche ich ihn dir ab . . ., ohne das Zeugnis der guten Werke wird
der Besitz des Glaubens vergeblich in Anspruch genommen," treffen nicht den
neutestamentlichen Gedanken der Versehuldung und der Verantwortung vor der
gesehenkten Gnade und dem angeziindeten licht im Glaubenden.
32
als im Raum der Gemeinde Jesu unhaltbarer Einwand (V. 18 a) zuruck-
gewiesen und zum zweitenmal die Frage von V. 14, ,,ob es einen retten-
den, Rechtfertigung erlangenden Glauben gebe, der frei von jeder Pflicht
einzig in dem ruhe, was die Gnade des Christus dem Glaubenden gewahrt"
(Schlatter, Der Brief des Jakobus, S. 195), mit einem klaren Nein be-
antwortet. Das Empfangen und Bekennen der Gnade Christi recht-
f ertigt, indem es den totalen leib-seelischen Menschen Gott recht macht :
er tut den Willen Gottes, indem er seine Schuld bekennt, Gottes Gnade
ergreift, sich s^elbst richtet und das konkrete Werk des Glaubens tut, daa
von ihm, dem zum Gehorsam erwahlten und berufenen Sunder, ge-.
fordert wird. Gott rechtfertigt nur ,,Heilige", d. h. ihm Horige aus den
Siindern. DaB das geschehen kann im Blick auf die Heiligkeit Gottes
und auf die Unheiligkeit des Menschen , das ist das unfaBliche, nur
anzubetende Geheimnis seiner Gnadenwahl ,,in Christo", ,,ehe der Welt
Grund gelegt war, daB wir sollten sein heilig und unstraflieh vor ihm"
(Eph. 1, 4), ,,zu Lob seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat
angenehm gemacht in dem Geliebten" (Eph. 1, 6). 1 )
x ) ,,Wird in deinen Werken nicht dein Glaube sichtbar, so sind deine Werke
keine Werke, die dir Rettung und Rechtfertigung bereiten. Der, der wirklich
Werke bat, erweist sich durcb sie als einen Glaubenden" (Schlatter, a. a. O., S. 196).
Die emphatische Art, mit der Hermann Sasse in ,,Was ist lutberisch?" (1936)
sich mit dem Glaubensbegriff der reformierten Kirche bzw. Karl Earths ausein-
andersetzt (vgl. S. 129ff.), scheint mir denn doch reichlich weit iiber das Ziel einer
,,Darstellung des Sinnes der alten Konfessionsbezeichnungen" hinauszugehen.
Ob wirklich ,,kein Zweifel daran bestehen kann", daB die Glaubensdefinition der
reformierten Kirche und Karl Earths ,,dem Glaubensbegriff des Vatikanums naher
steht als demjenigen Luthers" (S. 133), ist ja als Privatmeinung Sasses zu dis-
kutieren. Aber wenn im Namen lutherischer Kirche ein Glaube abgelehnt wird,
der ,,nicht mehr nur das Trauen auf die Zusage der gottlichen Barmherzigkeit ist,"
sondern sich ,,dem Begriff des Gehorsams nahert" (S. 130), so ist das eine akute
Gefahr fiir den Glauben und das Evangelium der lutherischen Kirche! Wir setzen
uns wahrhaftig fiir die Erneuerung der bekenntnisgebundenen lutherischen Kirche
ein. Wir sind auch nieht der Meinung, daB das reformierte Bekenntnis mit dem
lutherischen ubereinstimme und daB Karl Earth ein Lehrer lutherischer Dogmatik
und lutherischer Kirche sei sowenig er selbst dieser Meinung ist ! , aber wir
wehren uns energisch um der lutherischen Kirche willen gegen einen Kon-
fessionalismus, der die Kirche gegen die Herrschaft und den Angriff des lebendigen
,,Wortes" hinter alten Begriffen der Bekenntnisse vom Glauben und vom Evan-
gelium verschanzt, nur darum, weil ihm neues Zeugnis vom Glauben und Gehorsam
,,reformiert" oder ,,kathoUsch" oder ,,pietistisch" klingt. Als wenn wir nichts
anderes zu tun batten, als vorhandene Definitionen zu sichern! Als wenn die Una
Sancta derart mit der lutherischen Kirche zusammenfiele, daB ,,auBerordentliche"
3 Lackmann, Sola fide 33
Der Apostel fahrt fort mit einer harten Liebe, die dem irrenden
Bruder keine Demiitigung und Erschiittening seiner SelbstgewiBheit
ersparen darf, dem hartnackigen Sprecher von V. 14 zuzusetzen. Er
sieht es also als seine seelsorgerliche Aufgabe an, eine ,,HeilsgewiBheit"
zum Zusammenbruch zu bringen, die sich derart ,,iin Wort" grundet,
daB der ,,Glaube fur sich allein" bleibt. Jakobus geht dabei mit einet
Scharfe vor, die an Luthers grimmigen Streit gegen die securitas der
,,Werkgerechten" erinnert:
,,Du glaubst, daft ein einiger Gott ist ? Du tust wohl daran; auch die
Teufel glauben's und zittern" (V. 19).
Eine ganze Anzahl alter und neuer Kommentatoren behaupten,
an dieser Stelle verlasse Jakobus offensichtlich den christlichen und
apostolischen Glaubensbegriff ; vollends mit dem des Paulus habe er
nur das auBerliche Wort gemein. Sie stellen von diesem Vers riick-
schliefiend dann auch die Tcicm? der Auseinandersetzung von V. 14 18
als christlich vollwertig in Frage. Diese Auslegung hat auszuscheiden.
Hat der Apostel bisher apostolisch und christlich vom ,,Glauben" ge-
redet und das ist unbestreitbar , dann tut er es auch in Vers 19. Wir
werden uns bemuhen miissen, statt fertige systematische Schulbegriffe
vom ,,Glauben" an das Wort Gottes heranzubringen, den apostolischen
Lehrer der reformierten oder katholischen Kirche fiir die Gestaltung des Glaubens-
begriffs undenkbar waren! Als wenn die Kirche jemals sich auf eine Patentlosung
fiir das ,,Geheimnis des Glaubens" zuriickziehen konnte! Als wenn zwischen 1530
und 1930 die Kirche Jesu Christi nichts anderes als die lutherischen Bekenntnisse
und den Abfall von ihnen erlebt hatte ! Als wenn es ein ernsthafteres Horen auf das
Zeugnis vom Glauben der Vater geben konnte, als dem von ihnen erfahrenen Wort
und Sakrament sich mit ganzer Hingabe zu offnen, wenn denn auch daruber ein
neuer und andersartiger Glaubensbegriff zustande kommen sollte, als ihn
D. Luther oder ein moderner Professor fiir lutherische Dogmatik fiir moglich und
tragbar halten konnte. Unsere konfessionellen Vater im neunzehnten Jahrhundert
ich denke etwa an Vilmar, Scheibel und Lohe die doch wohl unverdachtige
Zeugen einer lutherischen Kirche sind, haben durchgehend den Standpunkt ver-
treten, daB die Herrlichkeit ihrer Kirche in der steten Fortarbeit des Herrn an
seinem Leibe und darum im steten Wachstum seiner Gemeinde, ihm einzuwohnen
und ihn zu ,,erkennen", bestehe, wobei denn immer wieder ,,die Erde" unserer
Lehrformen ,,vergeht", ,,veraltet wie ein Gewand" und ,,verwandelt wird wie ein
Kleid", wenn er sie verwandelt. ,,Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre
nehmen kein Ende" (Psahn 102, 28). Man ist eben urn der Erhaltung der bathe--
rischen Kirche willen! versucht, den SpieB, den Hermann Sasse Karl Earth
vorhielt, umzudrehen und zu fragen: wird hier nicht der lutherische Glaubens-
begriff im Sinne romisch-kathoUscher Auffassung des Dogmas vertreten, wonach
auch die Formulienmg des Dogmas Of f enbarung ist ? Ich frage ! Ich sage nicht," daB
,,kein Zweifel daran bestehen kann".
34
. r f, . I . .. - , . . . -
,,Sehakt" wiederzugewinnen, aus dem der Apbstel so zur prchristenheit
spreehen konnte. DaB er nicht } ,paulinisch" spricht, sollte den nicht
verwundern, der die Apostelgeschichte kennt und Sinn fiir historische
und geistige Zusammenhange hat ; ihn darum als christlichen Theologen
abzulehnen und als Gegner des'Paulus und seiner Schau des 3 ,Glaubens"
zu.bezeichnen, ist ein Fehlurteil, das nur yon einer bedenklichen , Christ-
lichen" und 33 paulinisehen" Theologie gefallt werden kann. 1 )
Der Zusammenhang von V. 19 mit V. 18b wird meist iibersehen.
Jakobus hat das Sichtbarmachen des behaupteten Glaubens (V. 18 a),
der ,,ohne Werke" ist, erbeten. Se^ov; ja Seixvu^i laBt er den Sprecher
von V. 14 zwischen V. 18 und 19 antworten: ich 33 zeige" dir meinen
Glauben, ich weise dir das Wahrzeichen des Glaubens, das CTiS[x[3oXov
vor, an dem sich die Christen gegenseitig als Christen erkennen und mit
dem sie sich von den Unglaubigen als Glaubige unterscheiden, das Be-
kenntnis des'Volkes Gottes zu dem Gott Israels. Es hat seinen Grund,
wenn Jakobus den Sprecher das ^K^l V^^ a ls Wahrzeichen des Glaubens
zitieren lafit. Das ist fiir den Judenchristen das bleibende Kennzeichen
seiner Aussonderung aus der Heidenwelt. Auch Jesus hat das Bekennt-
nis zu Jahve als dem einen verpflichtenden Gott als das Wahrzeichen
des wahrhaf t glaubigen Israel an erster Stelle genannt und den Israeliten,
der sich zu diesem Wahrzeichen bekannte, ,,nicht feme vom Reich
Gottes" geheiBen. Daran andert sich auch in der judenchristlichen
Gememde nichts. NaturHch ist fiir Jakobus und die Gemeinde mit dem
^^1 y$ ( v gl- 5. Mos. 6, 4; Jes. 44, 6) nicht der ganze Inhalt umschrie-
ben, den der Glaube der Judenchristen als Gabe Gottes empfangt
(vgl. Jak. 2, 1!). Aber unter den damaligen kirchengeschichtlichen Um-
standen die Judenchristen leben mit den unbekehrten Juden noch
in der Gemeinschaft der Synagoge und wollen in ihrer Mitte das rechte
Israel darstellen! war das heilige ^J?^ 1 ) ^01^ das gemeinsame, vom
verlorenen Heiden unterscheidende Wahrzeichen des Glaubens. Im
iibrigen besteht zu Hecht Bengels Bemerkung an dieser Stelle: ,,funda-
mentalis ille articulus, qui semper fideles ab infidehbus diremit," das
a ) Schon Johann Gottfried Scheibel, der Streiter fiir lutherische Ejrche und
LeKre in Schlesien, forderte von der neutestamentlichen Wissenschaft, daB ,,die
Individualitat der einzelnen Schriftsteller starker herausgearbeitet werde" (In
,,Biblische Belebxungen iiber lutherischen und reformierten Lehrbegriff und Union
beider^Konfessionen", 1832, nach Martin Kiunke, Johann Gottfried Scheibel
und sein Eingen um die Kirche der lutherischen Eeformation", Dissertation 1941^
S..382).
s* 35
,,Panier des Judentums und der christliclien Gemeinde gegenuber dem
Heidentum" (Hauck), das freilich durch beliebige Artikel des Credo der
Kirche erganzt werden kann. Nun stoBt sich die Auslegung daran, daB
das Wahrzeichen des Glaubens, das Credo der Kirche hier als das Credere
selbst bezeichnet werde, und f olgert : die ganze Auseinandersetzung des
Abschnittes setzt nicht den eigentlichen, gottgewirkten, empfangenden
Glauben des Christen, sondern nur ein religioses Wissen und Begreifen,
die ,,tiberzeugung von der Objektivitat der gottlichen Dinge" (Vilmar),
die ,,fides historica" (so schon Melanchthon zu V. 10) voraus. 1 ) Das
ist aber keine wirklich am Text gewonnene Wahrnehmung; zugleich
tragt man rationalistische Wertung des religiosen Wissens und kirch-
lichen Credos in das apostolische Zeugnis und in die Urgemeinde.
Der Vertreter des ,, Glaubens fur sich allein" macht sein Glauben"
sichtbar im Credo Israels. Er meint damit dem Wunsche des Apostels,
sein behauptetes ., Glauben" sichtbar zu machen, zu entsprechen. So-
wenig Jakobus seine Demonstration des Glaubens im Werk mit dem
Glauben gleichsetzt, so wenig besteht AnlaB zu der Annahme, der Spre-
cher aus der Gemeinde identifiziere sein ,,Zeichen" des Glaubens, das
Bekenntnis zum ^'NI&'J JJ)?!^ mit dem gottlichen Geheimnis des Glaubens.
Dariiber bietet der Wortlaut keine Andeutung, auch aus der Antwort
des Apostels ist nicht zu entnehmen, daB er sich gegen eine unerlaubte
Gleichsetzung des Credos der Gemeinde mit dem rettenden Credere des
Christen wende. Sein Einwand in V. 19 wendet sich lediglich gegen den
Anspruch des Sprechers, im Ausspruch des israehtischen Credo das
Wahrzeichen seines verborgenen Glaubens sichtbar zu machen, das
ihn als Glaubigen vor Gott ausweist und ihm die gottliche Rechtfertigung
erwirkt. Fur den Vorgang des Glaubens und des Glaubensbekenntnisses
der Kirche nur ein Wortbild, namlich TUCTTI? und mcrreiSsiv zu be-
nutzen, ist bis heute Sprachgebrauch der Kirche, der nicht nur Irrtiimer
erzeugen kann, sondern auch irrtumliche Auffassungen vom Credere
des Christen und vom Credo des Volkes Gottes abwehren soil. Das gleiche
Wort raaTis, ,, Glauben", fiir die zwei zu unterscheidenden Vorgange
(vgl. etwa Hebr. 11, 6 und Rom. 5, 1 und den Gebrauch in den Pastoral-
briefen) ist bekanntlich nicht zufallig oder gar eine Schwache der bibli-
schen Schriftsteller. Fiir den Frommen Israels und die urchristliche Ge-
meinde ist das religiose Wissen und das Glaubensbekenntnis eine heilige
1 ) ,,Denn wir nennen das nicht Glauben, daB man die schlechte Historieu
wisse von Christo" (Melanchthon, Apologie der C. A., Art. IV).
36
Wirkiing des im glaubenden Umgang empf angenen Gottes und seines
Wortes. Wer das Bekenntnis spricht, hat Anteil an den gottlichen Gaben
der auserwahlten Gemeinde und die Wahrheit ist in ilrm. Man lese einmal
5. Mose 6 den feierlichen Bericht von der gottlichen Kennzeichnung des
Bundesvolkes mit dem ewigen Wahrzeichen des JJfcl^'-Bekenntnisses,
so empfangt man einen Eindruck, was fur den Frommen Israels der
Ausspruch des ,,Credo" seiner Gemeinde bedeuten muBte. Sowenig
Petrus das Christusbekenntnis sprechen kann, ohne sich der Gabe des
himmKschen Vaters glaubend geoffnet zu haben, so wenig kann die
judenchristliche Gemeinde das Wahrzeichen des J?D$ tragen, ohne mit
Gott glaubigen Umgang gehabt zu haben. Moderne Profanierung kirch-
lichen Wissens und Bekenntnisses, das jeder Unglaubige sich rational
aneignen und in Gebrauch nehmen kann, war der Urgemeinde (es sei
in diesem Zusammenhang nur an die Arkandisziplin erinnert!) und erst
recht der Judenchristenheit nicht vertraut. Es ist schon etwas, das tat-
sachlich mit Glauben zu tun hat, wenn der Sprecher das Credo Israels
in den Mund nimmt oder ein Christ sich zum Credo der Kirche Jesu
Christi bekennt. Eine Welt der aufgetanen gottlichen Herrlichkeit und
Gnade wird damit beschworen! Auch bei dem Judenchristen Paulus
steht zu lesen: ,,mit dem Munde wird bekannt zur Rettung" (Rom. 10,
10) ; und der Apostel Jakobus hat denn auch der feierlichen Inanspruch-
nahme des israelitischen Glaubensbekenntnisses nicht die Anerkennung
und Zustimmung versagt. Er war kein ,,Protestant", dem das Credo
der Kirche etwas Gleichgiiltiges oderNebensachliches ist. Darum reagiert
Jakobus auf diese Demonstration des Glaubens mit einem Lob. xocXoi? TCOI-
s!<;, um freilich im gleichen Atemzug das Argument des Sprechers zu
entkraften. Denn nicht das Bekenntnis und seine Wiirde als Wahrzeichen
des Glaubens will er entwerten, aber seine Beweiskraft fiir den Glauben,
der ohne Werke Rechtfertigung und Rettung verschaffen soil! Mit
dem Glaubensbekenntnis getrennt vom Werk ist der Glaube noch
nicht sichtbar gemacht, der Gott recht macht und rettet. Das beweist
der Apostel mit dem Hinweis auf die Anerkennung der gottlichen Wirk-
lichkeit und Wahrheit, die das israelitische ,,Credo" bezeugt, durch die
Damonen. Auch sie sprechen das Bekenntnis zur gottlichen Wahrheit
unter dem uberwaltigenden Eindruck des sich offenbarenden Gottes.
Der Damon lebt geradezu darum seine damonische Existenz, weil er
die Gotteswirklichkeit erfahren hat und dessen durch und durch ,,inne"
ist, was es um sie ist. Der Damon ist schlagendster Gottesbeweis. Aber
,,sie zittern" vor Gottes Heiligkeit und seinem Gericht, weil sie der
37
erfahrenen und erkannten Gottesmacht niit ihrem Wttlen sich versagen.
So verzehren sie sich an Gott statt aus ihm zu leben. 1 ) 3 ,Ich liefi den
Augenblick verstreichen ..." das sind die Teufel, die um die ganze
Herrliehkeit Gottes wissen aus gottgewirkter Erfahrung und ,,zit-
tern". Ereignisse wie die in Matth. 8, 28 ff. und Lukas 4, 34 geschilderten,
da Damonen im Banne der Wirkmacht des gegenwartigen Herrn ihn
als den Sohn und Heiligen Gottes anerkennen und anrufen und als ihren
Richter fiirchten bis zur Selbstvernichtung, hat Jakobus moglicherweise
selbst miterlebt und kann er in der Gemeinde als bekannt voraussetzen.
Nein, Glaubenserkenntnis und -bekenntnis ist nicht ausreichendes
Wahrzeichen fur den Glaubigen, den Gott als Gerechten bestatigt und
der Gottes als seines Vaters und Freundes gewiB sein kann. Es kann sogar
Erkennungszeichen eines gottlichen Geschopfes sein, das von seineni
Schopfer als gottlos verworfen wird, weil es sich selbst im Anblick und
Besitz der Gnade verworfen hat. 2 ) Verschiedene Ausleger nehmen es
dem Verfasser des Briefes ubel, daB er die Anerkenntnis des wahren
Gottes durch die Damonen mit , 3 Glauben" bezeichnet hat. Man mufi
das aus dem Zusammenhang und aus der seelsorgerlichen Absicht ver-
stehen. Den Sprecher aus den ,,lieben Briidern" (V. 14) mit den Teufeln
auf eine Stufe zu stellen und das Bekenntnis der Teufel dem Glauben
1 ) ,,Icli war dabei, als das am Kreuze verschiedene ,Wort' zum Himmel auf-
fuhr, in seinen Armen haltend die Seele, des ihm zur Rechten gekreuzigten Baubers,
ich. horte das frohe Jauchzen der Cherubim, die sangen und jubelten ,Hosiaima!'
und den lauten Aufschrei des Entziickens der Seraphim, und der Himmel erbebte
davon und das ganze Weltgebaude. Und da, ich schwore es dir bei allem Heiligen,
was es gibt, ich wollte mich dem Chore anschlieBen und mit alien ,Hosianna!'
schreien. Schon wollte der Ruf empordringen in mir, schon rang er sich aus meiner
Brust hervor . . . Aber die gesunde Vernunft oh, das ist die allerunseligste
Eigenart meiner Natur hielt mich auch da in den gebotenen Grenzen zuriick,
und ich liefi den Augenblick verstreichen! . . . Ohne Leiden, was ware da im Leben
fur ein Vergniigen; alles wiirde sich in einen einzigen endlosen Gottesdienst ver-
wandehi; das ware heilig, aber recht langweilig. Nun aber ich? Ich leide, aber.
trotzdem lebe ich nicht. Ich bin das x in einer unbestimmten Gleichung, ich bin
eine Art Gespenst des Lebens, das alle Enden und Anfange verier . . .," so lafit
Dostojewski den Teufel im Fiebertraum des Iwan Fjedorowitsch sprechen, jenes
Gottesleugners und Anstifters zum Vatermord, der ,,vom Wesen Gottes sehr viel-
mehr weiB als die meisten Glaubigen" (Karl Notzel, Das Evangelium 'in Dosto-
jeweski, 1927, S. 234).
2 ) ,,Daemonia sentiunt et intelligunt et meminerunt, Deum esse et-unum esse.
Usque adeo fides ilia nee iustificat nee salvat: et tamen efficaciam aliquam habet,
sed in contrarium" (Bengel).
38
; und dem Glaubensbekenntnis der Gemeinde gleichzusetzen, diirfte dem
Apostel wohl nicht in den Sinn kommen. Teuf eln ^geht man aus dem'
Wege oder treibt sie fort, aber man iibt keine Seelsorge an ihnen. Der
Apostel schreibt an irrende und falsch orientierte Christen, die
Christen sein wollen, nicht an bewuBt und entschieden dem Teufel
verfallene Antichristen.
Das Gemeinsame des Sprechers tmd der Damonen, auf das es dem
Apostel in seiner harten Seelsorge rettender Liebe ankommt, ist aber :
auf beiden Seiten ist das von Gott gewirkte Bekenntnis, das den Inhalt
des Glaubens (fides quae creditur) ausspricht und darum ,,fides" heiBt,
auBerlich sichtbar! Mit diesem Aufweis kann er die securitas des
Bruders zerschlagen, er mache sich doch fiir den Apostel und fur Gott
als den Glaubenden sichtbar mit seinem Ausspruch des Credo. Damit,
daB wir Gott und die Wahrheit besitzen, sind wir noch nieht gerettet.
Die Damonen besitzen, -aber -lassen sich nicht besitzen, gehorchen der
Wahrheit nicht, die ihnen nahe ist, und darum sterben sie an Gott,
statt zu genesen. 1 ) Es geniigt eben nicht, daB Christus als die Gabe
Gottes in uns ist; wir miissen ,,in Christo" sein und sein wollen, indem
wir uns ihm mit unserem Willen und Handeln gelobend (glaubend) und
liebend hingeben; indem wir ,,abtreten von der Ungerechtigkeit",
die unser ist, und ,,anziehen den neuen Menschen, der nach Gott ge-
schaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit" (Eph. 4, 24)
und Christi ist. ,,Was wir nicht fiir Gott tun, miissen wir gegen ihn tun"
(Schlatter, a. a. O., S. 56). Der Glaube bekennt zwar, daB wir ,,ohne ihn"
nichts tun konnen, womit wir Gottes Wohlgef alien erreichen. Er setzt
uns aber zugleich instand, fiir Gott zu tun, was wir tun sollen. Darum
ist der Glaube unsere Gerechtigkeit und Rettung. Der Glaube, der nur,
besitzt und am Besitz sich freut, aber nicht schaffen macht im Dienste
des gottUchen Besitzes, wird dem Christen zum Quell der Unseligkeit. 2 )
Jakobus antwortet dem Sprecher mit Glauben und Glaubensbekenntnis,
aber ,,ohne Werke", im Sinne des Gleichnisses Jesu von den anvertrauten
Zentnern: ,,Wer aber nicht hat, dem wird auch; was er hat, genommen
werden." Der Sprecher und seine Gesinnungsgenossen haben das GroB-
x ) ,,Der teuflisch. zerriittete Geist hat sicb. yom Gehorsam der Wahrheit los-
gesagt . . ., er ist selber nicht in der Wahrheit, well er sich ihr nicht tmtergibt"
(Schlatter, Der Jakobusbrief ausgelegt fiir Bibelleser, S. 56).
2 ) ,,Wenn du an Jesum Christum also glaubst, daB du seine Gnade nimmst fiir
dich, sollst du ihn lieben, ihm freudig dienen und gehorchen" (Stier, a. a. O.,
S.151).
39
kapital Gottes: die Gegenwart Christ! und des Heiligen Geistes, Ver-
gebung der Siinden, Leben, Hoffnung, Glauben; aber das alles wird
ihnen verlorengehen, wenn sie nicht die Zinsen im Werk dazubringen.
Wer glaubend nur Glauben und im Glauben Christus ohne sein Dank-
opfer vor Gott bringt v hat nichts vor Gott. ,,Da wird sein Heulen und
Zahneklappen" wie bei den zitternden bekennenden Teufeln. Wohl
nimmt Jesus die Sunder an; aber wer ihn aufnimmt, ist ein Sunder,
der sich selbst vor Gott richtet, darum kann Gott Gemeinschaft mit
ihm halten, der Heilige mit den Geheiligten, und seine Gemeinschaft
ist die Rechtfertigung, die dem glaubend Wirkenden und dem wirkend
Glaubenden geschenkt wird und nur ihm. Alles ist an diesem Gerichts-
und HeilsprozeB Gottes Gerechtigkeit und dennoch als die seine auch
die unsere. Ware sie nicht die unsere, ware sie auch nicht die seine, die
er an uns sehen will, und dafiir gibt es nur eine Erklarung: unsere Ver-
schuldung an der Gnade. 1 ) Eine grauenvolle Moglichkeit hat der Apostel
der Gemeinde vor die Augen gemalt : mit Glauben, Glaubensbesitz und
Glaubensbekenntnis nicht Gottes Eigentum zu sein, nicht im ,,Glauben
der Auserwahlten Gottes" zu stehen, der aus der massa perditionis
rettet und ,,bewahrt zur Rettung" (1. Petr. 1, 5). Um der Gemeinde
aber durchschlagende Heilserkenntnis fur ihre geistliche Lage zu ver-
mittehi, die nicht nur aus seiner apostolischen Erfahrung und Theologie,
sondern auch aus der Erfahrung der ,,Vater" und aus der Theologie der
i Schrift gewonnen ist, setzt er unter semen personlichen seelsorgerlichen
Zuspruch das Siegel des Wortes Gottes. Alle Erfahrung und theologische
tJberlegung eines Hirten muB sich vor dem Worte Gottes ausweisen
konnen als gottlich und richtig; so wird sie fur seine Gemeinde zum
lebendigen Zuspruch und Anspruch Gottes, der sie bessert oder ver-
stockt.
,,Willst du aber erkennen, du eitler Mensch, dap der Glaube ohne
Werke wertlos ist ? Ist nicht Abraham unser Vater auf Grund von Werken
gerechtfertigt worden, well er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opfertel"
(V. 2021).
Das von Jakobus gebrauchte Wort fur ,,erkennen" ist das israelitisch-
alttestamentliche Spezialwort fiir eine aus dem Wort Gottes vermittelte
Einsicht. Sie ist der Apostel dem Sprecher noch schuldig, aber auch der
J ) ,,Du warst ein Mensch, der von der versohnenden Liebe zum Lieben er-
neuerb werden konnte und sollte, aber du hast nicht gewollt, obgleich du wuB-
test . . .; und das ist deine Verdammnis mit den Teufeln." (Stier, a. a. 0., S. 152).
40
judenchristliche Sprecher darf ihr nicht ausweichen. Die Auseinander-
setzung erreicht ihren Hohepunkt und wird zum leidenschaftlichen
Ringen des Apostels mit irrenden Briidern. Der Wille des Gottes-
menschen, sich Ton Gottes Wort belehren zu lassen, wird energisch auf-
gerufen. Das palastinensische Schimpfwort 1 xevoc; (das hebraische pi*!,
vgl. Matth. 5, 22 ,,R,acha") wird in seelsorgerlicher Strenge auf den
Gegner angewandt: sein Denken und Widerspruch ist Unverstand im
Volke Gottes. Noch einmal wird das Gespraehsthema von V. 14 f or-
muliert: wertlos fiir das gottliche Urteil ist der Glaube, der nicht zum
Handeln wird. 1 ) Als Schriftbeweis wird der leibliche und geistliche
Stammvater der Judenehristen, Abraham, zum Zeugen fiir die Wahrheit
der apostolischen Lehre aufgerufen, wie spater von Paulus Horn. 4 und
Gal. 3. Abraham ist der Kronzeuge fur jeden frommen Juden und
Judenchristen. 2 ) Was will Jakobus aus der Schrift beweisen ? Calvin
fordert: ,,Hier muB man die Fragestellung fest im Auge behalten . . .
Niemals und nirgendwo wird das rechte Verstandnis und Urteil iiber
. einen Abschnitt moglich sein, wenn man sich nicht die eigentliche
Absicht des Schriftstellers klarmacht." Wir wiederholen ,,die eigentliche
Absicht des Schriftstellers": wertlos fiir das gottliche Urteil der Gerecht-
erklarung (die Gottes Urteil und Anteilgabe an seinen BundesverheiBun-
gen seitens Gottes, ,,Empfang" des Pneuma, Wachstum in der
iustitia Christi, das SelbstbewuBtsein der Gotteskindschaft ,,Friede
und Freude im Heiligen Geist" und Erntritt in die Erbschaft Christi
seitens der Menschen in sich sehlieBt!) ist ein Glaube, der nicht
vom Handeln begleitet ist, das , 3 aus dem Glauben kommt". 3 ) Wie
x ) Fiir vexpa wird trotz der guten Bezeugung dpy/) zu lesen sein (so auch
Bengel). Im urspriinglichen Vulgatatext stand auch. ,,otiosa" und wich. spater
,,mortua". Mit dpyr] wird das oqieXo? von V. 14f. wieder aufgenommen.
2 ) Vielleicht hat auch ein nachtridentinischer katholischer Kommentator
nicht unrecht, wenn er meint, die ,,Glaubensgerechtigkeit" Abrahams nach Gen.
15, 6 sei wahrscheinlich von jenen unverstandigen Judenchristen usurpiert worden.
Gegen diese Deckung hinter dem Gotteswort lauft der Apostel nun Sturm mit
einem anderen Gotteswort, in V. 23 wird dann diese f alsche Deckung mit Gen. 15, 6
ausdrucklich umgeworfen (Estius).
3 ) Calvin dagegen hehauptet: ,,Hier ist namlich nicht eine Auseinandersetzung
fiber die Ursache der Eechtfertigung, sondern nur dariiber, was das Erkennen des
Glaubens ohne begleitende Werke vermoge und wie es zu werten sei. Die handeln
also verkehrt, die sich darauf versteifen, dafi dieses Wort die Rechtfertigung aus
den Werken belege: nichts derart hat Jakobus im Auge. Seine Beweisgrunde sind
nur darauf angelegt, daB kein Glaube hochstens aber ein toter ohne Werke ist"
41
beweist Jakobus sein Glaubens- und Bechtfertigungsverstandnis aus
der Schrift ? Nach Gen. 22, 12 und 16 18 empfing Abraham auf Grund
der Darbringung Isaaks das Urteil Gottes, daB er ihm recht sei, well
er es Gott recht macht : er furchtet Gott, er gehorcht Gottes Befehl, er
tut Gottes Willen, so 1st er p^S, der es Gott reeht macht als Partner
der rTHilj die Gott mit Abraham geschlossen hat. Er 1st also p" 1 ^, well
er es sein darf, aber auch weil er es sein will. Darum empfangt Abraham
von Gott das Rechtfertigungsurteil : Gott nennt ihn den Gerechten, der
die zugesicherten Heilsgaben der lY 1 *]! zu empfangen wiirdig und be-
rechtigt ist. 1 ) sStxaico^Y) will also sagen: Gott stellt fest, daB Abraham
(a. a. O., S. 32). Hier wird besonders deutlich, \vie das reformatorische General-
thema der AUeinwirksamkeit Gottes die beste Absicht, auf das Wort Gottes zu
horen, in dem Augenblick umwirft, wenn das Wort diese Alleinwirksamkeit Gottes
als ein Wirken des- Menschen mit Gott beschreibt, an dem Gott sein Handeln
orientiert. Man kann die biblische Antinomie nicht ertragen. Vom gleichen Denken
bewegt. kann denn auch Luther das aufschluBreiche, bedenkliche Wort sprechen:
,,Hoc certo scio, quod humana non suadeo, sed divina,_hoc est, quod Deo omnia
tribuo, hominibus nihil. Multo autem tutius est tribuere nimium Deo, quam
hominibus . . . Hie peccare non possum, quia utrisque tribuo, et Deo et homi-
nibus, quod proprie et vere ipsis debetur" (W. A. 40, 1, 131 f .). Vgl. dazu die
Warming von Paul Althaus: ,,Wir konnen Gott nicht anders denken als den
AUwirksamen, und doch gibt er uns die Freiheit der Entscheidung; und wir haben
kein Recht, es als Anthropomorphismus zu behandeln, wenn die Bibel Gott urn die
Entscheidung des Menschen mit ihm ringen, Gott auf den Menschen warten laBt.
Es geht nicht an, diese Urantinomie unseres Lebens vor .Gott aufzuheben, indem
wir der Betrachtung des Menschen eine angebliche Betrachtung vom Standorte
Gottes aus iiberordnen . . . Der Ernst der Geschichte wird nur so gewahrt, daB auch
da, wo man von Gottes Ansicht der Geschichte reden will, die Antinomie unserer
Existenz zur Geltung kommt . . . Der Mensch kann die Geschichte nicht nur von
Gottes Allwirksamkeit aus, er muB sie auch von dem Freiheits-, dem Verantwor-
tungscharakter seines eigenen Lebens aus ansehen" (TheologischeAufsatze Bd. II,
S.42).
x ) 8txai.6o> ist die richterliche Bestatigung einer vorhandenen Rechtschaffen-
heit, die der giiltigen Sixir) entspricht. Man muB nur dies griechische Wort mit dem
alttestamentlichen Inhalt der Hj?'!^ Gottes fiillenj wenn man es theologisch ver-
stehen will. Gottes rij?"]^ ist namlich ,,sein bundesgemaBer Schutz des Rechts . . .,
kein formal-abstrakter Begriff, der unter den der objektiven Norm einzureihen
ware und erne allgemeine Idee der Gerechtigkeit voraussetzen wiirde . . .," sondern
- ,,ein Verhaltnisbegriff , der auf ein wirkliches Verhaltnis zwischen zweien sich be-
zieht und ein Verhalten memt, das den aus diesen Verhaltnissen hervor-
gehenden Anspriichen entspricht oder gerecht wird" (Eichrodt, Theologie des
Alten Testamentes, I, S. 121). Wenn Abraham also fur Gottes Urteil ein p^S ist,
so bedeutet das : er verhalt sich so, wie Gott es unter der Voraussetzung der Bundes-
gnade von Abraham erwartet; wenn Gott Abraham darum rechtfertigt, so bedeutet
*
42
sieh, dem Bundesreeht entsprecherid, das allein Gottes Belange ver-
tritt, , rechtmaBig verhalten hat mit der Opferung Isaaks, und damm
laBt ihm Gott. auch sein Recht werden, das ihm innerhalb des Gnaden-
bundes zukommt. VeranlaBt wurde Gott zu dieser Feststellung seiner
,,Rechtheit" und zu der Mitteilung der rechtmaBigen Bundesgnaden
! pyo>v, auf Grund der Werke. ,,Nun weiB ieh . . ." (Gen. 22, 12),
,,dieweil du solches getan hast" (Gen. 22, 16), ,,darum daB du ..."
(Gen. 22, 18). Gott rechtfertigt den Menschen, der .sich von seiner
Bundesgnade rechtfertigen lassen will; ja, der es will, ist im gleichen
Augenblick gerechtfertigt; den Willen aber, fiir Gott und sein Reich
dazusein, erkennt Gott im Werk, nicht im Werk des Gesetzes, aber im
Werk, das. den Willen Gottes tut, wie ihn das Gnadenyerhaltnis fordert,
d. h. aber im Werk des Glaubens! ,,Durch den Glauben opferte
Abraham den Isaak, da er versucht ward, und gab dahin den Eingebore-
nen . . . und dachte, Gott kann auch wohl von den Toten erwecken"
(Hebr. 11, 171). So denken (und entsprechend wollen und tun) kann
nur der Bundesglaube, der aus der umschaffenden Kraft des gottlichen
Gnadenwortes geboren wird, zu ihr hinstrebt mit alien Kraften mensch-
lichen Personlebens und so den Menschen zum Eigentum Gottes macht,
wie er es vom Anbeginn seines Gnadenhandelns vorgesehen hat. Aber
das: er stellt die bundesgemafie Beehtheit des Verhaltens Abrahams fest und laBt
ihm widerfahren, was. innerhalb des Bundes der Gnade ,,rechtens" ist. Zwei neuere
Ausleger von 1. Tim. 6, 11: SLCOXE 8s Si.xatoo6v7)v, erklaren Stxatoouvvj folgen-
dermaBen: ,,,Gerechtigkeit' bedeutet das rechte Verhalten vor Gott, dem Gott
nach den Mafistaben seiner .BundesschlieBung und seines Wortes sein , Ja' geben
kann. Paulus hat unermudlich verkundigt: dieses ,rechte Verhalten' schenkt
Gott in seiner ,Gerechtigkeit', d. h. in seinem bundesmaBigen Verhalten, dem
Menschen. Das ist der Sinn des ,Neuen Bundes', der durch Jesus Christus ver-
wirkh'cht ist" (Wilhehn Brandt, Apostolische Anweisung fiir den Mrchlichen Dienst.
Eine Einfuhrung in die Brief e an Timotheus und Titu?, 1941, S. 90). ,,Voran.steht,
wie wir nach dem Eomerbrief zu erwarten haben, die Gerechtigkeit, die alle Ver-
haltnisse des Menschen, das zu Gott und das zu den Menschen, nach dem Willen
;Gottes ordnet . . . Wie hat Paulus den Genetiv dySva rfc, TrtoTsto? empfunden ? . . .
Auch hier ist mit dem Glauben das genannt, was der auf den Kampfplatz Tretende
tut . . . Glaubend kann sich der Mensch nur dann verhalten, wenn er seine ganze
Willenskraft einsetzt . . . Wenn Timotheus einzig nach dem begehrt, worin die
Gerechtigkeit sichtbar und wirksam wird, so ist damit jene totale Anspannung des
Willens von ihm verlangt, die die Teilnehmer am sportlichen Wettkampf leisten.
Damit.,ist in kekier Weise verdunkelt, daB der Glaube empfangen wird; vielmehr
- spannt er eben deshalb, weil er Gottes Wirkung und Gabe ist, den Willen zur ganzen
Energie" (A. Schlatter, Die Kirche der Griechen im Urteil des Paulus, 1936,
S. 166f.).
43
erst wenn der Begnadete zu dieser willentlichen und wirkenden Hingabe-
an die Gnade gekommen 1st, dann 1st Gott zu seinem Ort im Menschen
und der Mensch zu seinem Ort in Gott gekommen. Er ist gerecht-
fertigt, er ist fur Gott und hat Gott fiir sich. Davon predigt die Opferung
Isaaks durch Abraham. , 3 Das war eine Tat, welche die ganze Hingabe
des Herzens an Gott in sich hatte. Und dadurch wurde er der vor Gott
Gerechtfertigte . . ., darum gab ihm Gott das Zeugnis, daB er vor ihm
gerecht sei und seinen Willen getan habe und seine Gaben empfangen
werde" (Schlatter, Der Jakobusbrief, S.56 57). 1 ) Der Sprecher von V. 14
x ) Wir meinen damit genau das, was E. Brunner grundsatzlich als die
,,Biblische Psychologie" des Mensehen darstellt: ,,Der Mensch ist vor aller Kreatur
dadurch ausgezeichnet, daB er das, wozu er geschaffen ist, nur werden kann,
indem er sich selbst dazu bestimmt, indem er Gott antwortet. Er ist so von Gott
geschaffen, daB Gott dabei des Menschen Selbsttatigkeit in Anspruch nimmt . . .
Er ist Ich . . ., das nicht nur weiB, was es ist, sondern erst, indem es sich will als das,
was es ist, es selbst wird, also das Ich mit der Selbsterkenntnis und Selbstbestim-
mung. Aber der Mensch ist dieses Selbst in der Weise, daB diesem Sichselbstwissen
das Sagen oder zu Wissengeben Gottes vorausgeht und diesem Sichselbstbestimmen
die gottliche Bestimmung . . ." (Gott und Mensch, S. 84). Vgl. auch die Erlauterun-
gen S tiers zu V. 21 (a. a. O., 153 157): ,,Der Glaube, welchem die Schrift Ge-
rechtigkeit und Seligkeit ausspricht, ist ein wirksamsr Glaube. Einen anderen hat
auch Luther nicht gemeint, obwohl er wegen seines gut und recht gemeinten System-
wortes ,der Glaube allein' das er nur nicht in das noch weitere System der
Schrift hatte einschieben sollen sich in die Lehre der Epistel Jakobi nicht zu
finden vermochte . . . Das erste Gnadenwort des Herrn, an das wir glauben, ,Ich
bin dein Gott', schlieBt allerdings auch schon ein ,So sei du mein'. Der erste
Glaube, welcher das annimmt, hat sich schon dazu verbunden . . ." Und Josephon
zur gleichen Stelle (a. a. 0., S. 19) : ,,Die Opferung Isaaks ist das Werk, das,
Abrahams Glauben entstammend, seiner Rechtfertigung voraufging." Dagegen
handelt nach Calvin (a. a. 0., S. 32 f.) Jakobus hier gar nicht davon, ,,woher
und auf welche Weise die Menschen Gerechtigkeit erlangen, sondern daB er nur die
standige Verbindung der guten Werke mit dem Glauben im Auge hat." Ebenso
J. Gerhard (a. a. 0., Tom. IV, Loc. 17, 84): ,,Loquitur non de vera f ide interiori
sed de externa fidei professione, cooperata est Abrahae operibus"; der Verhand-
lungsgegenstand des Verses ist die ,,declaratio iustitiae coram hominibus per
opera". Dagegen hat denn freilich Bellarmin (nach J. Gerhard, a. a. O., Tom. IV,
Loc. 17, 84) das Recht auf seiner Seite: Jacobus dicit, fidem Abrahae cooperatam
esse operibus ad eum iustificandum . . ., non ad iustitiae declarationem." Auch
Thomas von Aquino (nach J. Gerhard, a. a. O., Tom. HI, Loc. 16, 191) kommt
mit Jakobus nicht zurecht ein Hinweis auf die theologische Ungeklartheit des
ganzen Problems in der mittelalterlichen Kirche! , er gibt auf die Frage: ,,nonne
Abraham iustificatus est ex operibus?" die Auskunft: ,,iustificare potest accipi
dupliciter, vel quantum ad exsecutionem et manifestationem iustitiae, et hoc modo
iustificatur homo, h. e. iustus ostenditur ex operibus operatis . . . Opera non sunt
44
miifite nach seiner Theologie behaupten, Gott wiirde auch die ver-
trauensvolle Hinnahme seines Wortes und seiner VerheiBungen ohne
die Opf erung Isaaks geniigt haben, Abraham gerecht zu sprechen.
Aber dagegen spricbt nun der Bench/even Gen. 22, 1: ,,Nach diesen
Geschichten versuchte Gott Abraham"; Gott stellt die ,,Rechtheit"
des glaubenden Abraham mit der Aufforderung zum Opfer Isaaks auf
die Probe: bist du, was du glaubst ? Gottes Eigentum ? Sonst ware ja
das Gnadenwort des Bundes (Gen. 12) ein leeres Wort firr Abraham.
Aber er ist, was er glaubt, und darum empfangt er Gottes Zuspruch:
du bist mein Eigentum und ich werde dich als mein Eigentum behandeLa.
,,Der, den sein Glaube zum Tater des gottlichen Worts gemacht hat,
ist gerechtfertigt" (Schlatter). Hatte der Gegner den Romerbrief ge-
kannt, wiirde er vielleicht eingewandt haben: ,,Und wie vertragt sich
mit dieser Sicht Abrahams Rom. 4, 2 ?" Dieselben Begriffe, dasselbe
Schriftbeispiel ! Es wird auch dieselbe eine Rechtfertigung des Menschen
durch Gott behandelt, aber die theologische Fragestellung und die
Sicht des Vorganges ist eine andere als bei Jakobus. Paulus der die
,,Christenheit von der Judenschaft losmacht" fragt: wie wird der
Mensch Gott-recht, indem er Gott die ,,Werke des Gesetzes", das
fromme Miihen urn die Erfiillung der gottlichen Satzungen bringt
oder, indem er sich glaubend als ein Verschuldeter und Gottloser dem
gekreuzigten und lebendigen Christus Gottes ergibt ? Paulus sieht von
den spya TOO v6[Aou weg auf Christus, ,,des Gesetzes Ende" und sieht
so den Menschen Gott-recht werden. Darum gilt Rom. 4, 2 : Abraham
ist Vater des Glaubens. Dagegen Jakobus der die ,,Judenschaft
und die Christenheit beisammenhalt" fragt: wie wird der Mensch
Gott-recht, indem er sich dem Christus glaubend ergibt und der Glaube
vom Werk getrennt ist oder, indem ,,Christus des Gesetzes Erfiillung"
causa, quod aliquis sit iustus apud Deum, sed potius exsecutiones et manifestationes
:iustitiae . . . Abraham per opera quae fecit, iustus non fuit, sed sola fide; oblatio
vero eius est opus et testimonium fidei et iustitiae" (im Kommentar zum Galater-
brief, Cap. 3 und in Gloss, ord. zu Jak. 2). Paul Feine behauptet sogar: ,,Dem
Jakobus ist Abraham Typus der Werkgerechtigkeit auf Grand von Gen. 22 . . .;
er hat den judischen Begriff der Rechtfertigung beibehalten" (Theologie des Neuen
Testaments, 1934, S. 408); wogegen Priedrich Hauck schlecht und recht kom-
mentiert: ,,daB Glaube ohne Werk nimmermehr den Rechtfertigungsspruch
Gottes vermittehi kann und darum unkraftig zur Rettung ist" (Die Katholischen
Briefe S. 19). Die Denkschwierigkeit ist eben allgemein, das rechtfertigende Han-
deln Gottes zugleich in seinem und im Wirken des Menschen zu begriinden, ohne
. dadurch abzuschwachen, daB Gott Gott und der Mensch Mensch ist.
45
den ,,Gehorsam des Glaubens" in dem Begnadeten hervorruft ? Jakobiis
sieht von dem Christus weg auf die epya dessen, der ,,in Christo" ist
und sieht so den Menschen Gott-recht werden. Darum gilt Jak. 2, 2.1:
Abraham tmser Vater iE, epytov eSixaico-ib]. Beide Anschauungen sind
zwei Seiten ein und derselben Sache, aber der seelsorgerliehe und
theologische Auftrag beider Apostel war grundverschieden. Die Recht^
fertigung kann man mehr vom Standpunkt des begnadigten Sunders
dann wird man gern die ,,synthetische Rechtfertigung" vertreten
und man kann sie mehr vom Standpunkt des begnadigten Sunders,
aus entfalten dann wird man auf die 3 ,analytisehe Rechtfertigung"
schworen. Jede Schau hat ihr Recht, aber erst beide vereint bringen das^
Wunder der Rechtfertigung zur Anschauung. Es ist die Not der Aus-
legung und der Dogmatik, daB ihr diese Anschauung der Rechtfertigung
erst in Anfangen geschenkt ist. 1 )
x ) Calvin (a. a. 0., S. 33) will zwar nicht Jakobus und Paulus als Gegner ver-
standen wissen, bringt aber diese Synthese nur durch die Behauptung eines ,,Doppel-
sinns des Wortes Rechtfertigung" zustande. Sein BKck ist vollig durch den refor-
matorischen Auftrag gebunden. ,,Sicherlich hat Jakobus bier nicht lehren wollen,
wo die HeilsgewiCheit ihren Ruhepunkt suchen muB, was doch das einzige (!)
Interesse des Paulus in der Rechtfertigungslehre ist ... Fiir Paulus besteht sie in
der geschenkweisen Zuerkennung der Gereehtigkeit vor Gottes Richterstuhl, fiir
Jakobus aber in dem Erweis der Gereehtigkeit aus ihren Wirkungen und zwar
fiir das Urteil der Menschen ( !), wie man aus den vorhergehenden Worten schlieBen
kann: zeige mir deinen Glauben . . ." In der gleichen Linie gibt J. Gerhard aus-
fuhrh'che Gegeniiberstellungen: ,,Paulus agit de iustificatione adhuc consequenda,
Jacobus de demonstranda hominibus iustificatione iamdum per fidem obtenta . . .
Paulus agit de iustificationis causis, Jacobus de iustificationis effectis et testi-
moniis. Paulus agit de fide in actu iustificationis apprehensione Christi occupata,
Jacobus urget fidei exercitia in operibus pietatis"; Paulus behandelt ,,hominem
iustificandum, Jacobus hominem iustificatum in foro soli . . ." Und G. bemerkt
dann sehr selbstbewufit: ,,Atque haec est genuina interpretatio huius secundi
capitis" (Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16). Ahnlieh, wenn auch bereits mit scharierem.
Auge fiir die verschiedenen ,,Sehakte" der beiden Apostel, Bengel: ,,,verbum
iustificari' non eodem quo Paulus significatu adhibet . . . hunc unum et eundem
significatum vocis iustificae, Paulus restrictius adhibet Jacobus latius, Paulus
loqui solet de actu iustificationis, qui maxime constat in remissione peccatorum,.
hie, quod apprime notandum, de statu loquitur eiusdem iustificationis, quum>
homo in iustitia, quae fidei est, perstat; in ea, quae operum est, progreditur."
Die neueren Kommentatoren kommen dem wahren Jakobus immer naher. Robert
Kiibel erklart: ,,Mit lediglich Nichts ist angedeutet, daB es die paulinische Recht-
fertigungslehre oder deren MiBbrauch ist, wogegen Jakobus sich wendet
Jakobus steht sicher ganz auf dem allgemeinchristlichen Boden . . . Jakobus hat.
sicher eine andere Anschauung als Paulus, aber eine Anschauung, welche dieser
46
Jakobus hat das Beispiel aus der Heiligen Schrift zitiert und illu-
striert nun daran die Richtigkeit seines theologischen Denkens und
seiner seelsorgerlichen Zurechtweisung der Gemeinde:
', nicht entgegengesetzt ist, sondern welche sich mit ikr gegenseitig erganzt, von
welcher also nicht mit Luther zu sagen ist, sie treibe Christum nicht recht . . .
Rechtfertigen heifit bei Jakobus freilich so gut wie bei Paulus ,als gerecht an-
erkennen' ; aber nach Paulus erklart Gott und erkennt Gott den fur gerecht, der es
nicht selber ist, sondern der ein Gottloser ist, aber an Christus glaubt, den ,Christus
fur una' sich angeeignet hat; nach Jakobus dagegen erkennt Gott nur den fur gerecht
an, der es tatsachlich ist . . . Pauli Blick ist beim Glauben auf das Blut Christi,
Jakobi Blick auf das Leben des Glaubigen selbst gerichtet . . ." (Der Brief St. Jakobi
i. Bibelwerk fur die Gemeinde, ed. Grau, 1880, Bd. II, S. 796ff.). DaB bei Jakobus
und Paulus von dem gleichen Rechtfertigungsurteil Gottes die Rede ist, setzt sich
immer mehr durch, so in der kleinen ausgezeichneten Arbeit von P. H. Josephon,
Die Brief e des Jakobus und Judas, 1908, (S. 19 f.): ,,Auch bei Jakobus bedeutet
das Wort ,rechtfertigen' fur gerecht erklaren, gerechtsprechen wie im ganzen Neuen
Testament. Nur daB es bei Paulus eine Gerechterklarung des Gottlosen bezeichnet,
ein Erklaren fur etwas, was derMensch an und fiir sich nicht ist: Jakobus dagegen
braucht das Wort (im vorpaulinischen und alttestamentlichen Sinne!) als ein Er-
klaren fiir das, was der Mensch in der Tat ist. So erhellt, daB nach ihm der Glaubige
ohne Werke, d. h. ohne dafi er seinen Gehorsam gegen Gottes Willen durch die Tat
erweist, nicht von Gott fiir gerecht erklart werden kann. So erhellt auch, dafi diese
Lehre weder sich mit der des Paulus deckt nbch sie bekampft, sondern aufier Zu-
sammenhang mit ihr steht . . . Werke sind fiir Jakobus die Erfullung des gottlichen
Willens, die Taten der Gerechtigkeit im Sinne der Bergpredigt; Paulus unter-
scheidet zwischen den ,Werken- des Gesetzes' und den ,Friichten des Geistes't
jene sind ihm Leistungen eigener Kraft, die niemanden rechtfertigen konnen,
diese sind ihm Inbegriff des neuen Lebens, das der im Glauben ergriffene Christus
in seinen Glaubigen wirkt und ohne das es auch f iir Paulus keine Heilsvollendung
gibt" (vgl. Rom. 6, 21f.; 1. Kor. 6, 9 11; Gal. 5, 6). Zum erstenmal wird das
Problem als Klarung theologischen Denkens uber den gleichen Vorgang erkannt:
Die Verschiedenheit von Jakobus und Paulus ist ein Zeugnis ,,fur die allxnahliche,
gescbichtliche Entwicklung und Ausreifung evangelischer Heilserkenntnis und
Heilserfahrung, fiir die mannigfaltige Art und Weise, in der der lebendige Gott sein
Heil die Menschen erkennen und ergreifen laBt". Bei Schlatter wird schlieBlich
die Einheit in der Verschiedenheit mit befreiender Deutlichkeit ausgesprochen.
,,Der Reehtfertigungsbegriff bekommt in dieser Heilslehre (des Jakobus) eine._
zentrale Stelle. Wie Sunde und Tod, so shid Gerechtigkeit und Leben beisammen.
Der Gerechte empfangt Gottes Gabe, der, der die Frucht der Gerechtigkeit gesat
hat, der, der der Gerechtigkeit Gottes diente und sie durch sein Handeln vollzog.
Eine deuth'che Beziehung auf Paulus enthalten seine (des Jakobus) Worte nicht."
Aber bei Jakobus wie bei Paulus findet sich das ,,klare BewuBtsein, daB er am guten
Werk die unerlaBliche Bedingung fur seinen Anteil an der Gnade hat. Das ist aber
nicht eine Verkurzung der gottlichen Gnade, sondern ihr Empfang." Die ver-
schiedene Betrachtungsweise ist nicht Schwachheit, sondern Reichtum gottlichen
47
,,Du siehst, daf3 der Glaube mil seinen Werken wirksam war, und
auf Gnmd der Werke wurde er~vollstandig und wurde die Schrift erfullt:
die sagt: ,,Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit
gerechnet"; er ivard ein Freund Gottes geheifien" (V. 22 23).
Lebens in derUrcliristenheit: ,,Fiir die Kraft, mit der das erste christliche Ge-
schleclit liebte und glaubte und darum auch dachte, ist die Ausbildung der ent-
gegengesetzten Formeln fur die Rechtfertigung und die Fahigkeit der Gemeinde,
beide miteinander zu gebrauchen ( !), ein besonders deutlicher Beleg" (Die Theologie
der Apostel, 1922, S. 101. 114f .). ,,Man kann das Werk falsch lehren und betreiben
in unglaubigem Sinn, man kann auch falsch vom Glauben reden und den Glauben
haben mit bosem Sinn, und diese Gefahr ist der Kirche immer nah; und damit wir
nicht in sie fallen, dazu ist Jakobus da" (Jakobusbrief f. Bibelleser ausgelegt,
1893, S. 62f.). Allein die Gleichzeitigkeit, die Rechtfertigung des Menschen jako-
bisch und paulinisch zu betrachten, wird einer Darstellung des Menschen vor Gott
in theologischem Denken gerecht; mit solcher Erkenntnis ist aber die unbedingte
Korrektur des reformatorischen Systems gefordert (vgl. Gottes Gerechtigkeit",
1935, S. 154, zu Rom. 3, 28 30). Man mag von der Lutherforschung und vom
systematischen Denken aus Karl Holls Rechtfertigungsverstandnis zuriickweisen
oder korrigieren miissen, die neuere Exegese Alten und Neuen Testamentes gibt
seinem Anliegen recht: ,,Man kann dem Rechtfertigungsurteil Gottes die Form
geben: Gott spricht darin den Sunder gerecht aber auch: Gott spricht den Ge-
rechten gerecht, ja, letztere Form ist sub specie aeternitatis die richtigere Fassung . . .
Das ,propter Christum' hat fiir die Rechtfertigung entscheidende Bedeutung.
Aber es ist dabei vor allem an die Erneuerungsmacht des lebendigen Christus zu
denken. Christus kommt fiir Gottes Rechtfertigungsurteil nicht nur als der in Be-
tracht, der fiir den Menschen stirbt, sondern zugleich als der, der ihn erneuert"
(nach Paul Althaus, Theol. Aufsatze, II, S. 33. Man vergleiche dazu auch bei
Edmund Schlink, Theologie der luth. Bekenntnisschriften, 1940, den Abschnitt
,,Anleitung zur dogmatischen Arbeit", S. 408 u. 405, und Otto Schmitz, Die Chri-
stusgemeinschaft des Paulus im Lichte seines Genitivgebrauchs, 1924). SchlieBlich
sei noeh auf die ausgeglichene Darstellung des Jakobus-Paulus-Problems bei
Hauck hingewiesen, die ungefahr den modernen Stand der exegetischen Frage
wiedergibt. Nach H. ist es moglich, daB Jakobus ,,miBverstandene Paulinische
Satze angriff. Unbedingt notwendig ist diese Armahme nicht." Jakobus will die
,,Zusammengehorigkeit von Glaube und Sitth'chkeit betonen, die sachlich ja auch
Paulus ebenso entschieden vertritt. Wahrend jedoch Jakobus die jiidischen For-
meha weitertragt, ist Paulus derjenige, welcher ganz neue, inhaltlich unjiidische
Formehi pragt, indem er seine besondere Erfahrung und seine eigenste Erkenntnis
in ganz neuen Satzen ausspricht, die doch an die alten Formehi (Rechtfertigung) '
ankniipfen . . . Jakobus vertritt eine Wahrheit, die in der israelitischen jiidischen
Religion, im Denken Jesu wie in dem des Paulus gleichermaBen betont worden ist . . .
Die Rechtfertigung vor Gott kniipft an den Gesamtvorgang an, kommt aber an
dem Endteil desselben, dem ,Werk, zur Entscheidung ... Es ist gut, daB beide,
Jakobus und Paulus, im Neuen Testament mit ihren gegensatzlichen und doch
beiderseits wahren Formulierungen Platz haben, damit der Eine fortwahrend
48
,,Du siehst!" Dreierlei 1st an dem Glauben Abrahams fiir den
Sprecher zu sehen, der mit Glauben ohne Werke im Gottesgericht ge
rettet werden will.
1. Mit seinen Werken, nieht ohne Werke war (Schlatter ent
scheidet sich fiir ,,ist") der Glaube tatig, lebendig tmd wirksam zur
Rettung, namlich zur gottliehen Rechtfertigung. Der Glaubende will
vor Gott sein Verhalten so regeln, daB ihm Gottes Wohlgefallen und
Gnadengabe zuteil werden kann. Abrahams Verhalten laBt dieses Wirken
aus Glauben und dessen Wirkung auf Gott erkennen. So hat auch ,,in
Christo Jesu" nur der Glaube Gewicht fiir Gottes Urteil, der mit der
,,Energie" der Gottesliebe (als Genitivus subj. und objekt. verstanden)
wirksam 1st (Gal. 5, 6). Nicht indem ,,der Glaube fiir sich allein 1st"
(V. 17), sondern indem er in den Werken des Glaubigen zur Geltung
gebracht wird durch den Gott iiberlassenen Willen, wird die Rettung
bewirkt. 1 )
warnen kann, die Wahrheit des Anderen zu ubersehen" (Das Neue Testament
Deutsch, 10. Bd., S. 20f.). Deutlich 1st: die Wahrheit der ,,synthetischen"
Bechtfertigungslehre erhalt erst durch die ,,analytische" Schau ihr theologisches
und biblisches Becht. Ohne den Gebrauch dieser beiden Denkkriicken ist es
schlechterdings unmoglich, auf dem Boden der gottlichen Offenbarung zu stehen.
Wollten wir im Bilde zu bleiben nur die erste ,,Krucke" gebrauchen, wiirden
wir notwendig ,,schief" laufen und schlieBlich ganz ,,umkippen" und in der Tat
jener ,,Karikatur" reformatorischer Existenz gleichen Karikatur ist betonte
Sichtbarmachung des Eigenartigen! > , die Adolf Schlatter etwas bissig wie alle
Karikaturisten mit den Worten gezeichnet hat: ,,Diesen unmoglichen Menschen,
dernichts tut, sondern einzigglaubt und folgerichtig nicht lebenkann, sondern blofi
auf sein Sterben wartet, hat aber Paulus nicht erfunden" (Gottes Gerechtigkeit, zu
Rom. 3, 28, S. 153). Das gleiche Umkippen wird sich auch dort ereignen, wo man
dazu neigt, sich- nur des analytischen und kausalen Denkens zu bedienen, wie es in
der spatmittelalterlichen Theologie und Frommigkeit geschehen und in evange-
lis'cher Theologie neu bei Schleiermacher und auch bei Karl Holl "versucht worden
ist. Paul Althaus hat schon recht: es war kein ,,besonders gliicklicher Gedanke,
auf Gottes Bechtfertigungsurteil die logische Alternative ,analytisch' oder
,synthetisch' anzuwenden" (Theologische Aufsatze, II, S. 37). Die Synthese beider
Denkformen ,,begreift" die Wahrheit. (Vgl. dagegen Paul Feine, a. a. 0. S. 408J.
x ) Der traditionelle reformatorische Glaubens- und Erbsiindebegriff laBt die
Auslegung immer wieder an der Schau des Jakobus vorbeisehen, wonach das Mit-
einander von Glaube und Werk durch einen personalen Willensakt und nicht durch
eine unpersonliche Dynamik des Glaubens zustande kommt, die der Mensch rein
passiv uber sich ergehen lafit. Z. B. Bengels Bemerkung zu V. 22: ,,fides habet
aliam energeiam, efficaciam et operationem, aliam opera: ilia ante haec et cum
his," steht ganz in der Linie von Luthers ,,0, es ist ein lebendig, geschaftig, taoig,
machtig Ding um den Glauben, daB es unmoglich ist, daB er nicht ohne UnterlaB
4, Lackmann, Sola fide 49
den ,,Gehorsam des Glaubens" in dem Begnadeten hervorruft ? Jakobiis
sieht von dem Christus weg auf die e'pycc dessen, der ,,in Christo" ist
und sieht so den Menschen Gott-recht werden. Darum gilt Jak. 2, 2.1:
Abraham unser Vater it, epyov sSixotieo-ih). Beide Anschauungen sind
zwei Seiten ein und derselben Sache, aber der seelsorgerliche und
theologische Auftrag beider Apostel war grundverschieden. Die ReebU
fertigung kann man mehr vom Standpunkt des begnadigten Sunders
dann wird man gern die 3 ,synthetische Rechtfertigung" vertreten
und man kann sie mehr vom Standpunkt des begnadigten Sunders,
aus entfalten dann wird man auf die ,,analytische Rechtfertigung"
schworen. Jede Schau hat ihr Recht, aber erst beide vereint bringen das;
Wunder der Rechtfertigung zur Anschauung. Es is^ die Not der Aus-
legung und der Dogmatik, daB ihr diese Anschauung der Rechtfertigung
erst in Anfangen geschenkt ist. 1 )
x ) Calvin (a. a. O., S. 33) will zwar nicht Jakobus und Paulus als Gegner ver-
standen wissen, bringt aber diese Synthese nuf durch dieBehauptung eines ,,Doppel-.
sinns des Wortes Reehtfertigung" zustande. Sein Blick ist vollig durch den refor-
matorischen Auftrag gebunden. ,,Sicherlieh hat Jakobus hier nicht lehren wollen,
wo die HeilsgewiBheit ihren Ruhepunkt suchen mufi, was doch das einzige (!)
Interesse des Paulus in der Reehtfertigungslehre ist ... Fur Paulus besteht sie in
der geschenkweisen Zuerkennung der Gerechtigkeit vor Gottes Richterstuhl, fur
Jakobus aber in dem Erweis der Gerechtigkeit aus ihren Wirkungen und zwar
fur das Urteil der Menschen ( !), wie man aus den vorhergehenden Worten schlieBen
kann: zeige mir deinen Glauben . . ." In der gleichen Linie gibt J. Gerhard aus-
fuhrliche Gegeniiberstellungen: ,,Paulus agit de iustificatione adhuc consequenda,
Jacobus de demonstranda hominibus iustificatione iamdum per fidem obtenta
Paulus agit de iustificationis causis, Jacobus de iustificationis effectis et testi-
moniis. Paulus agit de fide in actu iustificationis apprehensione Christi occupata,
Jacobus urget fidei exercitia in operibus pietatis"; Paulus behandelt ,,hominem
. iustificandum, Jacobus hominem iustificatum in foro soli . . ." Und G. bemerkt
dann sehr selbstbewuBt: ,,Atque haec est genuina interpretatio huius secundi.
capitis" (Loci theol., Tom. Ill, Loc. 16). Ahnlieh, wenn auch bereits mit scharferem.
Auge fur die versehiedenen ,,Sehakte" der beiden Apostel, Ben gel: ,,,verbum
iustificari' non eodem quo Paulus significatu adhibet . . . hunc unum et eundem
signification vocis iustificae, Paulus restrictius adhibet Jacobus lathis, Paulus,
loqui solet de actu iustificationis, qui maxime constat in remissione peccatorum,.
hie, quod apprime notandumj de statu loquitur eiusdem iustificationis, quunv
homo in iustitia, quae fidei est, perstat; in ea, quae operum est, progreditur."
Die neueren Kommentatoren kommen dem wahren Jakobus immer riaher. Robert
Kubel erklart: ,,Mit lediglich Nichts ist angedeutet, daB es die paulinische Recht-
f ertigungslehre oder deren MiBbrauch ist, wogegen Jakobus sich wendet
Jakobus steht sicher ganz auf dem allgememehristlichen Boden . . . Jakobus hat
richer eine andere Anschauung als Paulus, aber erne Anschauung, welche dieser
46
Jakobus hat das Beispiel aus der'Heiligen Schrift zitiert und illu-
striert nun daran die Richtigkeit seines theologischen Denkens und
seiner seelsorgerlichen Zurechtweisung der Gemeinde:
nicht entgegengesetzt ist, sondern welche sich mit ihr gegenseitig erganzt, von
welcher also nicht mit Luther zu sagen ist, sie treibe Christum nicht recht . . .
Rechtf ertigen heiBt bei Jakobus freilich so gut wie bei Paulus ,als gerecht an-
erkenrien'; aber nach Paulus erklart Gott und erkennt Gott den fur gerecht, der es
1 nicht selber ist, sondern der ein Gottloser ist, aber an Christus glaubt, den ,Christus
fiir uns' sich angeeignet hat; nach Jakobus dagegen erkennt Gott nur den fiir gerecht
an, der es tatsachlich ist . . . Pauli Blick ist beim Glauben auf das Blut Christi,
Jakobi Blick auf das Leben des Glaubigen selbst gerichtet ..." (Der Brief St. Jakobi
i. Bibelwerk fiir die Gemeinde, ed. Grau, 1880, Bd. II, S. 796ff.). DaB bei Jakobus
und Paulus von dem gleichen Rechtf ertigungsurteil Gottes die Rede ist, setzt sich
immer mehr durch, so in der kleinen ausgezeichneten Arbeit von P. H. Josephon,
Die Brief e des Jakobus und Judas, 1908, (S. 19 f.): ,,Auch bei Jakobus bedeutet
das Wort ,rechtf ertigen' fiir gerecht erklaren, gerechtsprechen wie im ganzen Neuen
Testament. Nur daB es bei Paulus eine Gerechterklarung des Gottlosen bezeichnet,
ein Erklaren fur etwas, was derMensch an und fiir sich nicht ist: Jakobus dagegen
braucht das Wort (im vorpaulinisehen und alttestamentlichen Sinne!) als ein Er-
klaren fiir das, was der Menseh in der Tat ist. So erheCt, daB nach inTn der Glaubige
ohne Werke, d. h. ohne daB er seinen Gehorsam gegei Gottes Willen durch die Tat
erweist, nicht von Gott fur gerecht erklart werden kann. So erhellt auch, daB diese
Lehre weder sich mit der des Paulus deckt noch sie bekampft, sondern auBer Zu-
aa.mTnp.nria.ng mit ihr steht . . . Werke sind fiir Jakobus die Erfullung des gottlichen
Willens, die Taten der Gerechtigkeit im Sinne der Bergpredigt; Paulus unter-
scheidet zwischen den ,Werken- des Gesetzes' und den ,Friichten des Geistes't-
jene sind ihm Leistungen eigener Kraft, die niemanden rechtfertigen konnen,
diese sind ihm Inbegriff des neuen Lebens, das der im Glauben ergriffene Christus
in seinen Glaubigen wirkt und ohne das es auch fiir Paulus keine Heilsvollendung
gibt" (vgl. Rom. 6, 21f.; 1. Kor. 6, 9 11; Gal. 5, 6). Zum erstenmal wird das
Problem als Klarung theologischen Denkens iiber den gleichen Vorgang erkannt:
Die Verschiedenheit von Jakobus und Paulus ist ein Zeugnis ,,fur die allmahliche,
geschichtliche Entwicklung und Ausreifung evangelischer Heilserkenntnis und
Heilserfahrung, fiir die mannigfaltige Art und Weise, in der der lebendige Gott sein
Heil die Menschen erkennen und ergreifen laBt". Bei Schlatter wird schlieBlich
die Einheit in der Verschiedenheit mit befreiender Deutlichkeit ausgesprochen.
,,Der Rechtfertigungsbegriff bekommt in dieser Heilslehre (des Jakobus) eine_
zentrale Stelle. Wie Sunde und Tod, so sind Gerechtigkeit und Leben beisammen.
Der Gerechte empfangt Gottes Gabe, der, der die Frucht der Gerechtigkeit gesat
hat, der, der der Gerechtigkeit Gottes diente und sie durch sein Handeln vollzog.
Eine deutliche Beziehung auf Paulus enthalten seine (des Jakobus) Worte nicht."
Aber bei Jakobus wie bei Paulus findet sich das ,,klare BewuBtsein, daB er am guten
Werk die unerlafiliche Bedingung fiir seinen Anteil an der Gnade hat. Das ist aber
nicht eine Verkurzung der gottlichen Gnade, sondern ihr Empfang." Die ver-
schiedene Betrachtungsweise ist nicht Schwachheit, sondern Reichtum gottlichen
47
,,Du siehst, dap der Glaube mit seinen Werken wirksam war, und
auf Grund der Werke wurde er~vollstdndig und wurde die Schrift erfullt:
die sagt: Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit
gerechnet"', er ward ein Freund Gottes geheifien" (V. 2223).
Lebens in derUrchristenheit: ,,Fur die Kraft, mit der das erste christliche Ge-
schlecht liebte und glaubte und darum auch dachte, ist die Ausbildung der ent-
gegengesetzten Formeba fur die Rechtfertigung und die Fahigkeit der Gemeinde,
beide miteinander zu gebraucben ( !), ein besonders deutlicber Beleg" (Die Theologie
der Apostel, 1922, S. 101. 114f.). ,,Man kann das Werk falscb lehren und betreiben
in unglaubigem Sinn, man kann aucb falsch vom Glauben reden und den Glauben
haben mit bosem Sinn, und diese Gefabr ist der Kirche immer nab; und damit wir
nicht in sie fallen, dazu ist Jakobus da" (Jakobusbrief f. Bibelleser ausgelegt,
1893, S. 62f.). Allein die Gleicbzeitigkeit, die Rechtfertigung des MenscHen jako-
biscb und paulinisch zu betracbten, wird einer Darstellung des Menschen vor Gott
in theologiscbem Denken gerecbt; mit solcher Erkenntnis ist aber die unbedingte
Korrektur des reformatorischen Systems gefordert (vgl. Gottes Gerechtigkeit",
1935, S. 154, zu Rom. 3, 28 30). Man mag von der Lutberforscbung und vom
systematischen Denken aus Karl Holls Rechtfertigungsverstandnis zuriickweisen
oder korrigieren miissen, die neuere Exegese Alten und Neuen Testamentes gibt
seinem Anliegen recbt: ,,Man kann dem Rechtfertigungsurteil Gottes die Form
geben: Gott spricbt darin den Sunder gerecht aber auch: Gott spricht den Ge-
recbten gerecbt, ja, letztere Form ist sub specie aeternitatis die richtigere Fassung . . .
Das ,propter Christum' hat fur die Rechtfertigung entscheidende Bedeutung.
Aber es ist dabei vor allem an die Erneuerungsmacht des lebendigen Christus zu
denken. Christus kommt fiir Gottes Rechtfertigungsurteil nicht nur als der in Be-
tracht, der fiir den Menschen stirbt, sondern zugleich als der, der ihn erneuert"
(nach Paul Althaus, Theol. Aufsatze, II, S. 33. Man vergleiche dazu auch bei
Edmund Schlink, Theologie der luth. Bekenntnisschriften, 1940, den Abschnitt
,,Anleitung zur dogmatischen Arbeit", S. 408 u. 405, und Otto Schmitz, Die Chri-
stusgemeinschaft des Paulus im Lichte seines Genitivgebrauchs, 1924). SchlieBlich
sei noch auf die ausgeglichene Darstellung des Jakobus-Paulus-Problems bei
Hauck hingewiesen, die ungefahr den modernen Stand der exegetischen Frage
wiedergibt. Nach H. ist es moglich, daB Jakobus ,,mifiverstandene Paulinische
Satze angriff. Unbedingt notwendig ist diese Annahme nicht." Jakobus will die
,,Zusammengehorigkeit von Glaube und Sittlichkeit betonen, die sachlich ja aucb
Paulus ebenso entschieden vertritt. Wahrend jedoch Jakobus die jiidischen For-
mebi weitertragt, ist Paulus derjenige, welcber ganz neue, inhaltlich unjiidische
Formeba pragt, indem er seine besondere Erfahrung und seine eigenste Erkenntnis
in ganz neuen Satzen ausspricht, die doch an die alten Formehi (Rechtfertigung) '
ankniipfen . . . Jakobus vertritt eine Wahrheit, die in der israelitischen judischen
Religion, im Denken Jesu wie in dem des Paulus gleichennafien betont worden ist . . .
Die Rechtfertigung vor Gott kniipft an den Gesamtvorgang an, kommt aber an
dem Endteil desselben, dem Werk, zur Entscheidung ... Es ist gut, dafi beide,
Jakobus und Paulus, im Neuen Testament mit ihren gegensatzlichen und doch
beiderseits wahren Formulierungen Platz haben, damit der Eine fortwahrend
. j
48
,,Du siehstl" Dreierlei 1st an dem Glauben Abrahams fiir den
Sprecher zu senen, der mit Glauben ohne Werke im Gottesgericht ge
rettet werden will.
1. Mit seinen Werken, nicht ohne Werke war (Schlatter ent
scheidet sich fiir ,,ist") der Glaube tatig, lebendig tind wirksam zur
Rettung, namlich zur gottlichen Rechtfertigung. Der Glaubende will
vor Gott sein Verhalten so regehi, daB ihrn Gottes Wohlgefallen und
Gnadengabe zuteil werden kann. Abrahams Verhalten lafit dieses Wirken
aus Glauben und dessen Wirkung auf Gott erkennen. So hat auch ,,in
Christo Jesu" nur der Glaube Gewicht fur Gottes Urteil, der mit der
,,Energie" der Gottesh'ebe (als Genitivus subj. und objekt. verstanden)
wirksam ist (Gal. 5, 6). Nicht indem ,,der Glaube fur sich allein ist"
(V. 17), sondern indem er in den Werken des Glaubigen zur Geltung
vgebracht wird durch den Gott uberlassenen Willen, wird die Rettung
bewirkt. 1 )
warnen kann, die Wahrheit des Anderen zu ubersehen" (Das Neue Testament
Deutsch, 10. Bd., S. 20f.). Deuth'ch ist: die Wahrheit der ,,synthetischen"
Rechtfertigungslehre erhalt erst durch die ,,analytische" Schau ihr theologisches
und biblisches Recht. Ohne den Gebrauch dieser beiden Denkkriicken ist es
schlechterdings unmoglich, auf dem Boden der gottlichen Offenbarung zu stehen.
Wollten wir im Bilde zu bleiben nur die erste ,,Kriicke" gebrauchen, wurden
\vir notwendig ,,schief" laufen und schlieBlich ganz ,,umkippen" und in der Tat
jener ,,Karikatur" reformatorischer Existenz gleichen - Karikatur ist betonte
Sichtbarmachung des Eigenartigen! , die Adolf Schlatter etwas bissig wie alle
Karikaturisten mit den Worten gezeichnet hat: ,,Diesen unmoglichen Menschen,
dernichts tut, sondern einzigglaubt und folgerichtig nicht leben kann, sondern bloB
auf sein Sterben wartet, hat aber Paulus nicht erfunden" (Gottes Gerechtigkeit, zu
Bom. 3, 28, S. 153). Das gleiehe Umkippen wird sicK auch dort ereignen, wo man
dazu neigt, sich- nur des analytischen und kausalen Denkens zu bedienen, wie es in
der spatmittelalterlichen Theologie und Frommigkeit geschehen und in evange-
lischer Theologie neu bei Schleiermacher und auch bei Karl Holl 'versucht worden
ist. Paul Althaus hat schon recht: es war kein ,,besonders gluckh'cher Gedanke,
auf Gottes Rechtfertigungsurteil die logische Alternative ,analytisch' oder
,synthetisch' anzuwenden" (Theologische Aufsatze, II, S. 37). Die Synthese beider
Denkformen ,,begreift" die Wahrheit. (Vgl. dagegen Paul Feine, a. a. 0. S. 40).
x ) Der traditionelle reformatorische Glaubens- und Erbsiindebegriff laBt die
Auslegung immer wieder an der Schau des Jakobus vorbeisehen, wonach das Mit-
einander von Glaube und Werk durch einen personalen Willensakt und nicht durch
eine unpersonliche Dynamik des Glaubens zustande kommt, die der Mensch rein
passiv iiber sich ergehen laBt. Z. B. Bengels Bemerkung zu V. 22: ,,fides habet
aliam energeiam, efficaciam et operationem, aliam opera: ilia ante haec et cum
his," steht ganz in der Linie von Luthers ,,0, es ist ein lebendig, geschaftig, taoig,
machtig Ding um den Glauben, daB es unmoglich ist, daB er nicht ohne UnterlaB
4 Lackmann, Sola fide 49
2. Durch das Handeln nun kann man eTeXsict>-9-7] zweifach iiber-
setzen: kam der Glaube zum ,,Zier , oder: wurde der Glaube )} voll-
kommen". TeXo? und TeXsio? sind wichtige Lieblingsbegriffe des
Jakobus im ganzen Brief (1, 4. 15. 25; 3, 2; 5, 11). Beide Ubersetzungen
sind moglich : der Glaube kam zum Ziel durch das Werk, d. h. sein Be-
gehren, das reclitfertigende Urteil und die Heilsgaben Gottes zu empfan-
gen, fand Erfulmng durch das gehorsame Tun. HeilsgewiBheit und Heils-
genuB werden nur dem Glauben zuteil, der das Opfer des Liebesgehor-
sams bei sich hat: Ihm gibt Jesus die gewisse Zusage der Teilhabe an
Gottes Herrlichkeit : S3 Siehe, wir haben alles verlassen . . . Ich sage euch,
ihr werdet sitzen auf zwolf Stuhlen und richten die zwolf Geschleehter
Israels . . ." (Matth. 19, 27f.). Freispruch, HeilsgewiBheit und Gnaden-
besitz die Inhalte der gottlichen Rechtfertigung darf nur der
Diener Gottes genieBen, dessen Glaube mit dem glaubigen Werk ver-
bunden ist. 1 ) Moglich ist aueh die andere Deutung: durch das Handeln
sollte Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun seien, sondern elie
man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun' (Vorrede zum Romerbrief); aber
nach des Jakobus Meinung sind die Werke Abrahams ,,seine Werke", die Zeugnis
fur die Bereitschaft seines Willens hingebender Gottesliebe sind, den Glauben an
seinen Werken teilhaben, ihn ,,mitwirken'' zu lassen. Der glaubende Abraham
hort nieht auf, in eigener Spontaneitat und Verantwortlichkeit dariiber zu ent-
scheiden, ob an seinem Handeln der Glaube beteiligt oder nicht beteiligt sein soil.
DaB mit Paulus zu reden ein Handehi ,,aus dem Glauben geht" (Rom. 14, 23),
ist Entscheid des fur Gottes Belange befreiten Willens, nicht ,,automatische"
Auswirkung eines Glaubens, der uns nach Luther insofern ,,zu ganz anderen
Menschen von Herzen, Mut, Sum und alien Kraften macht", als er Gott allein zum
Wirkenden, den Menschen aber zum passiven Instrument Gottes macht, da ja
,,in ipsa fide Christus adest". Luther meinte die Wandlung und Neugeburt des
Glaubigen aus Gott ( Joh. 1, 13 wird a. a. O. von ihm zitiert !) so verstehen zu miissen,
um dem Irrtum des Semipelagianismus und Synergismus zu entgehen, der spricht:
,,der Glaube sei nicht genug; man mtisse Werke tun, soil man fromm und selig
werden." Aber Jakobus spricht so und ist dochkein Synergistund Semipelagianist!
*) ,,Hatte Abraham Gott bloB geglaubt . . . und ihm den Gehorsam versagt,
dann ware er von Gott nicht gerechtfertigt, sondern verworfen worden. Weil aber
der Glaube mit dem Werk zusammentrat, darum empfing er Gottes Lob und Ge-
rechtsprechung" (Schlatter, vgl. auch Brief des Jakobus, S. 202). Calvin muB
natiirlich feststellen: ,,hier bildet nicht die Ursaehe unseres Heils den Gegenstand
der Frage" (zu V. 22), womit freilich die apostoHsche Meinung,. daB der Mensch
nicht sich nur von Gott retten lassen, sondern auch sich selbst zu Gott retten miisse,
ungebuhrlich in den Hintergrund gedrangt wird. Das Apostelwort von Johannes
dem Taufer: ,,er gab Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glau-
ben," enthalt beide Gedanken. Auch bei Gerhard der gleiche Gedanke wie bei
Calvin: ,,non solum opera liberi arbitrii, sed etiam opera pietatis a renatis facta
50
wurde der Glaube ,,voUkommen". Ein katholischer Exeget bemerkt
dazu: ,,Niclit so, wie wenn der Glaube erst durch die Werke vollig zum
Glauben geworden sei" (Bardenhewer). Man darf nicht die apostolische
Kontroverse von V. 18 aus den Augen verlieren: Die Einheit von Glaube
und Werk alsVoraussetzung der gottlichen Rechtfertigung soil bewiesen
werden. Bei Abraham war der Glaube vom Handeln begleitet; aber durch
das Handeln wurde der Glaube nach seinem gottlichen Sinngehalt und
Wesen als Glaube offenbar und verwirklicht. Da war der Glaube schon
vor der Opferung Isaaks, aber erst im Opfer Isaaks wurde er fur mensch-
liches Sein und fur Gottes Augen ,,vollstandig", ,,als Wahrheit recht-
maBig und tatsachlich bestatigt" (Stier). Der Glaube waehst sich durch
das Werk zu dem reifen Wesen aus, das Gott bei der Schopfung des
Glaubens sich gedacht hat. Nicht nur das Handehi kommt bei Abraham
aus dem Glauben, auch sein Glaube wird groB und reich aus dem, was
er tut. Der Gehorsam des Glaubens mehrt den Glauben, indem der
Gehorsam ganz das wird, was sein Glaube will : Gottes Eigentum durch
den Glauben. 1 )
ab actu iustificationis excludi." Wie vertragt sich nxit dieser Auffassung die
liturgische Praxis der Kirche, die vor Empfang des rechtfertigenden gottlichen
Handelns in der heiligen Taufe die Paten, fur den Taufling das Taufgeliibde im
Taufbund sprechen laBt: ,,Ich entsage dem Teufel und alien seinen Werken und
allem seinem Wesen und ergebe mich Dir, Du dreieiniger Gott, Vater, Sohn und
Heiliger Geist, im Glauben und Gehorsam Dir treu zu sein bis an mein letztes
Ende." Sind das ,,katholische" Eeste oder ist das Mrchliches und biblisches Denken
iiber die Bedingungen Gottes, sein rechtfertigendes Handeln in der heiligen Taufe
zu erlangen? (Vgl. Apg. 2, 37 f.).
1 ) Thomas Auslegung: ,,Fides ex operibus fuit consummata id est augmentata
et comprobata et ostensa," und die Bellarmins: ,,iustitiam inchoatam per fidem
accepisse incrementum et perfectionem opera," haben schon Hand und FuB im
Text: zur ,,iustificatio secunda per opera" braucht man deshalb nicht zu greifen.
Calvins polemische Auslegung spricht nur die halbe Wahrheit aus: ,,Aus den
Werken vollkommen geworden heiBt der Glaube nicht daher, daB er von dorther
seine Vollkommenheit empfmge, sondern deshalb, weil er von daher den Beweis
seiner Wahrheit erhalt." Noch ferner dem Gedanken des Jakobus ist J. Gerhard
(nach Dionysius Carthus.): ,,tunc publice et quasi consummate innotuit (sc. fides!),
quod antea Deo et Abrahamo fere soli notum erat, Abrahamum nimirum tantopere"
Deo fidere posse. Perficitur fides per bona opera, sed perfectione externa sive
demonstra,tiva, non vera essentiah"." Naher kommt der Sache wieder Bengel:
,,Vigor fidei qui opera parit, ex illo partu et auctu augetur, excitatur, uti calor
nativus corporis labore." Schlatter erklart: ,,Darin, daB nicht nur der Glaube
dem Werk, sondern auch das Werk dem Glauben dient, erweist sich ihre Ver-
bundenheit als wahr und ganz." Ahnlich Hauck: ,,Es ist Jakobus wertvoll, daB
4* 51
3. Mit diesem 'Ereignis des Glaubensgehorsams wurde erst der
Gottesspruch von der Glaubensgerechtigkeit Abrahams, den die Schrift
an anderer Stelle iibefmittelt, die gottliche Verleihung des Ehrennamens
,,Freund Gottes" erfiillt. Diese iiberraschende Wendung der Beweis-
fiihrung die allerdings ,,buchstablich genommen wider die Ansicht
des Jakobus vom Glauben lauft" (Vilmar), wenn man den Buchstaben
von Gen. 15, 6 und Jak. 2, 22 nicht buchstablich versteht, wie er ver-
standen sein will! sichert zunachst, daB Jakobus Gen. 15, 6, also die
Gerechtigkeit, die des Glaubens ist und dem Glaubenden zuerkannt
wird, und damit die Theologie des Paulus fiber diesen Satz, wie er sie
spater in Rom. 4 und Gal. 3 entwickelt hat, nicht nur nicht bestreitet,
sondern voraussetzt. Sein Umgang mit Paulus auf dem Apostelkonzil und
der BeschluB desselben sind auch die historische Bestatigung dafiir.
Es ist erstaunlich, wie lange die Auslegung an dieser naheliegenden Fest-
stellung vorubergegangen ist. Was ist nach dem hebraischen Urtext
bzw. nach der Septuaginta danach ist vor dem Blick auf die Ver-
wendung des Wortes im Gedankengang des Apostels Paulus zu fragen
mit dem Satz aus Gen. 15, 6 gemeint ? ,,Abraham glaubte Gott",
HliT'S IP^rn > 7UGTsu<jsv T& -freco ? Abraham hat das alle erfahrene und
erfahrbare Wirklichkeit seiner Welt ubersteigende Wort Jahves, seines
Bundesgottes, mit seinen uberschwenglichen VerheiBungen. Dieser Um-
gang Gottes mit ihm bewegt ihn, Gott zu glauben, Gott mit seiner Wahrheit
und Macht recht zu geben, sich ihm anzuvertrauen, seine leib-seehsche
Existenz aus sich heraus in Gott selbst hinein zu verlagern, nicht so,
daB er aufhort, damit der denkende und wollende Abraham zu sein;
.aber er ist nunmehr der ,,in Gott" denkende und wollende Abraham, der .
Jahves Bundesplan denkt und will und lebt, der eben mit Gott jjeins"
ist. 1 ) tiber dieses Verhalten des Glaubens spricht Jahve ein Urteil:
,,Er rechnete ihm das zur Gerechtigkeit," H^'l^'l^ri^I^nm, eXoyta-8-Y)
et? Stxaioa6v7)v. Jahve bucht das glaubende Verhalten Abrahams
bei diesem Beispiel Glaube und Tat erkennbar verbunden sind . . . ; der Glaube
fuhrt zum Werk, und im Werk vollendet sich der Glaube. Mt innerer Notwendig-
keit hat die Frommigkeit diese beiden Seiten."
x ) Die theologische Formulierung jONiT fiir ,,er glaubte", ,,er setzte seine
GemBheit auf den Herrn" tragt selbstverstandlich das Kennzeichen der stufen-
weisen Entwicklung des alttestamentliehen Glaubensbegriffs an sich, wie das auch
im Neuen Testament zu beobachten ist. Damit mrd aber nicht bestritten, daB dieser
Vorgang jenem Geheimnis der Gottesgemeinschaft zugehort, welches der Glaube
des Christen meint. .
52
als das der in der JVp gesehenkten Gottesgemeinschaft entsprechende
rechtmaBige Verhalten seines Bundespartners Abraham, es 1st n"]2 ge-
wonnen.aus der ng"!^ des gottlichen Bundes, die voranging, aber auch
belolint mit n|5"$, die nun folgt. Denn der Glaubende ob er gleich
wie alle Menschen an Gott verschuldeter Gottloser 1st kommt um
der Glatibensgemeinschaft willen in den vollen GenuB der heilschaffenden
Gerechtigkeit Jahves. Der glaubende Abraham empfangt in Jahves
Urteilsspruch die gottliche Annahme als sein Bundespartner, der nun
alle Kechte desselben beanspruchen und genieBen darf. Sein Glauben
ist die , 3 normale Haltung", die ihren Lohn in sich hat. 1 ) Rechtfertigung
ist also nach diesem Schriftbeispiel das Zu-Stand-und-Wesen-Kommen
des neuen Gottesverhaltnisses, das zwar Gott langst zuvor durch sein
objektives Bundeshandeln am Gottlosen (Wort und Sakrament im
Neuen Bunde!) geschaffen hat, das aber erst durch das daraus hervor-
gehende subjektive Verhalten des Glaubens seine Rechtskraft und
.Richtigkeit und die fur Gott verbindliche Ordnung einer neuen Lebens-
und Gutergemeinsehaft zwischen ihm und dem Glaubenden erhalt. 2 )
Dieser Tatbestand von Gen. 15, 6 : durch den Glauben kam Gott zu
seinem Becht bei Abraham, seinem Bundespartner, und Abraham zu
seinem Recht bei dem Gott seines Bundes, behauptet nun Jakobus ,
ist erst durch das Ereignis von Gen. 22 (Abrahams Glaubensgehorsam
und Gottes Urteil) zur ,,ErfuIhing gekommen", eine Feststellung, die
von Luther an bis in die Neuzeit viel Kopfzerbrechen bereitet hat. ,,Ob
nun dieser Epistel wohl geholfen werden mochte und fiir solche Gerechtig-
keit aus den Werken eine Erklarung gefunden werden konnte, so kann
man sie doch darin nicht in Schutz nehmen, daB sie den Spruch 1. Mose 15
(der allein von Abrahams Glauben und nicht von semen Werken redet;
wie Paulus Rom. 4 darlegt) dennoch auf die Werke bezieht. Dieser
Mangel zwingt also zu dem SchluB, daB sie von keinem Apostel sei"
(W. A. Deutsche Bibel, 7. Bd., S. 385). Darf man verlangen, daB Jakobus
x ) ei? bei eXoytC'8-'] bezeichnet ,,die Wandlung, welche dem Objekt durcb. das
Urteil widerfahrt" (Heidland im Theol. Worterbuch z. N. T. zu XoyL^eCT^ai).
*) Damm kann Paulus im alt- und neutestamentlichen Geiste die Kecht-
fertigung als ,,Empfang" des Heiligen Geistes beschreiben und als Scnriftbeweis
dafiir Gen. 15, 6 zitieren. Der von seiner Siinde sicb. abkenrende, mit seiner Schuld
und Armut zu Christus sich Mnkehrende Glaube verhalt sich. dem Neuen Bunde
gemafi, den Gott durch Wort und Sakrament mit ihm geschlossen hat, und empfangt
darum die Kindschaftgabe des Heiligen Geistes zu bewuBtem und vollem GenuB.
Das ist die Rechtfertigung: Spruch und Gabe.
63
Gen. 15 so verwendet, ,,wie Paulus Rom. 4 darlegt ?" Wird wirklich
Gen. 15, 6 von Jakobus ,,auf die Werke bezogen ?" eTcXvjpfo&T] man
denke an die Parallelen bei Matthaus: ,,auf daB erfullt wiirde, was da
gesagt 1st" bezeichnet die ,,Fleischwerdung", das Eintreten eines
Tatbestandes in die sichtbare Wirklichkeit, der auch zuvor schon exi-
stent, aber erst heimlich, noch nicht greifbar und somit ,,tatsaehlich"
existent war. Dann will Jakobus mit der Verwendung des Begriffs
e7t?OQpco-9"]r) sagen: erst indem Abraham den konkreten Willen Gottes
mit der Hingabe Isaaks tat und den gottlichen Zuspruch empfing:
,,durch deinen Samen sollen alle Volker auf Erden gesegnet werden,
darum daB du meiner Stimme gehorcht hast" (Gen. 22, 18), wurde das
von der Schrift Behauptete und Ausgesprochene Erfiillung, fur Gott und
Menschen greifbare Tatsachlichkeit : Abraham glaubte Gott und das
rechnete er ihm zur Gerechtigkeit. Weil der Glaube von Gen. 15
der Glaube von Gen. 22 war das festzustellen, stellte inn Gott eben
auf die Probe (Gen. 22, 1) , darum empfing er Gottes Rechtfertigung
in Gen. 15, wie sie in Genesis 22 als ,,ausgesprochene" gottliche Wirklich-
keit sichtbar, ,,erfullt" wird. Die Schrift hat recht mit dem Satz von
Gen. 15, 6, weil sie den Bericht von Gen. 22 enthalt. Der Glaube, der
den Willen zum Gehorsam bei sich hat, empfangt das rechtfertigende
Urteil und seme Gaben. ,,Eben dadurch, daB Abraham im Glauben die
Kraft zur Darbringung des Opfers hatte, bekam das gottliche Urteil,
das ihn einen Glaubenden und durch seinen Glauben Gerechten nannte,
die Wahrheit" (Schlatter, Der Brief des Jakobus, S. 203). DaB ,,der
Tatbeweis von l.Mos. 22 den Rechtfertigungsspruch Gottes ausloste"
(Hauck), darf zwar nicht so verstanden werden, als sei das Urteil von
jGen. 15 nicht voll zu nehmen. Jakobus denkt nicht daran, Gottes Wort
in Gen. 15 irgendwie abzuschwachen und zu unterhohlen. Aber das ist
allerdings seine Meinung: die Giiltigkeit des Satzes von der Glaubens-
gerechtigkeit und von der Rechtfertigung des Glaubens kann nur aus
der Geschichte von Abrahams Glaubensgehorsam und dem darauf
folgenden Zuspruch Gottes abgelesen werden. Ohne sie ware das Wort
Gottes von Gen. 15 nicht wahr, nicht ,,voll" zu nehmen. Mit ihr ist es
,,erfullt cc fur den Horer. Nicht bezieht also Jakobus 1. Mos. 15 ,,auf
die Werke" wie Luther meinte , aber er deckt die Beziehung von
Gen. 15 zu dem Werk von Gen. 22 auf, die konstitutiv ist fur den recht-
fertigenden Glauben Abrahams, wie ihn Gott und der Apostel Jesu
Christi fur ,,voll" und gultig zur Rechtfertigung achten. Die zwei Vor-
gange verhalten sich nicht wie Ursache und Wirkung, werden auch nicht
64
identifiziert von Jakobus; sie beschreiben den Glaubenden in der gott-
lichen Gnadengemeinschaft mit zwei Betrachtungsweisen, die sich
gegenseitig bedingen, und erfassen so den ganzen von Gott geschaffenen
und neugeschaffenen Menschen des Gnadenverhaltnisses, dem Gott sein
Heil (die imputatio und non-imputatio und vivificatio) gewiB macht,
und der auch Gott seiner gewiB werden laBt; d. h. den Menschen, den
Gott rechtfertigt, weil er glaubt. 1 )
. !',.
*) Der reformatorischen Auslegung bleibt an dieser Stelle nichts anderes
iibrig, als des Jakobus Meinung schlecht und recht zu verdrehen. ,,Wer roit dem
Zeugnis des Jakobus beweisen will, daB Abrahams Werke zur Gerechtigkeit an-
gerechnet sind, der muB notwendigerweise gestehen, daB die Schrift von ihm bose
verdreht werde." Sollte die Wirkung eher als die Ursache sein ? ,,Die Anrechnung
zur Gerechtigkeit ging um mehr als dreiBig Jahre jenem Werke, durch das man ihn
gerechtfertigt sein lafit, voraus. Wenn funfzehn Jahre vor Isaaks Geburfc der Glaube
dem Abraham zur Gerechtigkeit angerechnet worden war, so kann diese Anrech-
nung sicherlich nicht erst durch Isaaks Opferung geschehen sein. In einem unlos-
lichen Knoten durften sich die Ausleger vers /icken, die Abrahams Gerechtigkeit
vor Gott zugerechnet sein lassen infolge der Opferung seines Sohnes Isaak, der noch
nicht geboren war, als der Heilige Geist schon verkiindete, Abraham sei gerecht,"
schreibt Calvin; nicht nur Calvins MiBverstandnis, auch die Unklarheit der
zeitgenossischen katholischen Auslegung wird hier sichtbar. Die Orthodoxie ver-
sucht die crux exegetica des Verses 23 in der Weise zu bewaltigen, wie Luther
gelegentlich die ,,Rechtfertigung durch Werke" zu denken versucht hat: ,,Opera
iustificant, hoc est, ostendunt, nos esse iustificatos, quemadmodum fructus
ostendunt hominem esse christianum et credere in Christum, quia non habet
fictam fidem et vitam coram hominibus. Opera enim indicant, utrum fidem
haberem. Ergo conclude, eum esse iustum, quando video eum facere bona opera.
Coram Deo non est opus ilia distinetione" (W.A. 39, 1, 92, 4). Und an anderer
Stelle: ,,Coram Deo opus est fide, non operibus; coram hominibus opus est operibus
et dilectione, quae declarat nos iustos coram nobis ipsis et coram mundo. Concedi-
mus ergo finaliter, quod homo se ipsum iustificat, quod ad effectivam causam,
non quod ad efficientem" (W. A. 39, 1, 93, 10). DaB die ,,effectiva causa" als
,,causa efficiens" von Gott gesucht werde an dem zur Eechtfertigung Erwahlten
und Berufenen (womit er in der Lime Augustins weitergedacht hatte) war
ihm bei seinem Verstandnis der Alleinwirksamkeit Gottes und des glaubenden
Sunders vor Gott zuzugestehen bzw. einzusehenverwehrt: Augustin auBert sich
zum Opfer Abrahams: ,,Magnum opus, sed ex fide, video fundamentum, laudo
fructum boni operis, sed in fide agnosco radicem. Nemo iactet bona opera sua ante
fidem, nemo piger in operibus accepta fide" (Enarrat., Psalm 31), Glaube und Werk
sind die Einheit von ,,Fracht" und ,,Wurzel", aber das Werden dieser Einheit
kommt durch die ,,Tragheit" oder den FleiB des Menschen zustande oder nicht
zustande; dennoch ist; festzuhalten: ,,nemo meritis priorum bonorum operum
arbitretur se pervenisse ad donum iustificationis, quae est in fide!" Die Glaubens-
gerechtigkeit ist das logische Paradox von freier Gnade Gottes und freier Verant-
55
Noch ein anderes Schriftwort aufier Gen. 15, 6 wurde mit Abrahams
Glaubensgehorsam und der darauf folgenden gottlichen Rechtfertigung
ein ,,erfulltes", tatsachlich.es Geschehen : Jes. 41, 8 bzw. 2. Chron. 20, 7,
wortung des Menschen: seine ,,Antwort" ist das Zusichselbstkommen des ,,Ur-
wortes", das Gott selbst ist, in ihm, d. h. seine ,,Rechtfertigung", ,,Preilassung",
,,HeUigung". Dagegen sucht Gerhard fiir Gen. 15, 6 die das Paradox auf-
losende Erklarung: Gott halt den, dem die Gerechtigkeit vor Gott mangelt, fiir
gerecht, weil er dem Wort der VerheiBungen, dem gesegneten Samen, in dem uns
Gerechtigkeit und Segen angeboten wird, geglaubt hat, denn ,,fides et credere in
dicto mosaico et apostolico accipiuntur relative, quatenus respiciunt Christum,
qui est Jehovah nostra iustitia" (Loc. theol., Tom. IV, loc. 17). Wenn Bellarmin
dieser protestantischen Auffassung von Gen. 15, 6 entgegenhalt: ,,Si verba Hebraea
diligenter inspiciantur, hunc habere sensum, quod actus ille credendi fuerit opus
iustum et meritorium et pro tali sita Deo iudicatum et acceptum, ut hae fide
Abraham non sit f actus iustus ex impio sed iustior ex iusto," so trifft er damit
freilich durchaus nicht den Sinn des hebraischen Textes, versteht ihn viehnehr so,
wie spatjudische Theologie das Werk des Abrahamglaubens verstanden hat; aber
mit der Zuriickweisung des reformatorischen Theologumenons: ,,das Rechtferti-
gungsbekenntnis sagt nicht, wie der Glaubende aussieht, sondern wo der Glaubende
hinsieht" (Wilhebn Link, Das Bingen Luthers um die Freiheit der Theologie von
der Philosophic, 1940, S. 99) aus Gen. 15, 6 bzw. Jakobus 2, 23 hat er recht. DaB
das ,,Hinsehen" des Glaubenden ein ganz bestimmtes ,,Aussehen" bedeutet, welches
Gott zum AnlaB des personlicheri Zuspruchs Seines ,,Ja", d. i. der Vergebung der
Siinden und der Kindschaftsrechte (= Rechtfertigung) nimmt, ist gesichertes
Ergebnis der neueren Schrifterforschung, sofern sie aus der Ganzheit des Schrift-
zeugnisses ihre Erkenntnisse gewinnt und mit ,,Rechtfertigung" den Vorgang
meint, den biblisches Denken und biblisehe Erfahrung innerhalb des gottlichen
Heilswerkes am Sunder beschreiben will. Bengel bezieht das ercXTipco&Y) statt
auf das Schriftwort, wie es der Text fordert, auf die Rechtfertigung Abrahams und
kommt trotz offensichtlicher Bemiihung, dem Wortlaut gerecht zu werden, noch
nicht zur Sache: ,,Quo tempore Abrahae impletum? quum primum credidit an
postea quum immolavit ? utroque tempore : sed ad tempus immolationis maxime
refert Jacobus, de statu quippe Abrahami iustificati loquens .'. . hiric probat
iustificationem ex operibus, illinc iustificationem ex fide." Ahnlich geht es auch
Stier nicht um die Gultigkeit des Schriftwortes von Gen. 15, 6, das mit Gen. 22
als ,,vollgultig" erwiesen wird: weil Abraham Isaak opfert, ist sein Glaube der
Glaube von Gen. 15, 6, den Gott als Gerechtigkeit bucht; die ,,Erfullung" der
Rechtfertigung ist nach Stier gemeint: ,,Werden wir gerecht durch den Glau-
ben, so erweist und erfiillt sich diese Gerechtigkeit doch nur durch die Werke . . .
So wurde Abrahams erster Beruf in seinen letzten Werken f est und das zuvor schon
ihm zugesprochene Wort von der Gerechtigkeit aus dem Glauben als eine Wahrheit
rechtmaiMg und tatsachlich bestatigt ... Da, wo Mose bereits im Anfang dies
gerechtsprechende Urteil Gottes iiber Abraham berichtet und verzeichnet, ist
kein Werk dabei; der Glaube faBt Gottes Wort . . ., aber es folgt in diesem neuen
Leben voll Werk und Wirkung des Glaubens die Erfullung." Schlatter fafit
56
wonach Abraham ,,ein Freund Gottes geheiBen wurde" O^rji* steht im
Hebraischen). An der Zitierung dieser Schriftworte, die bereits eine
fromme Tradition uber Abraham in Israel wiedergeben und nicht vor den
seine Erklarung von eTrXYjp ooi&r, in dem Gedankengang von VerheiBung und Erf iillung
zusammen: ,,Der Spruch (Gen. 15, 6) wartete noch auf seine Erfullung . . . Als er
jetzt dem Worte Gottes fest anhing, da war das Wort zu seiner Erfiillung gekom-
men, das ihn glaubig und um seines Glaubens wiUen gerecht genannt hat . . ."
,,Erfullt wird der die Gerechtigkeit gewahrende Spruch dadurch, daB der Mensch "
das von ihm Gebotene tut." Damit denkt Schlatter bedeutend mehr den Gedanken
des Jakobus nach, als es bisherige Auslegung vermochte. Aber es bleibt doch die
Frage: will das l7rX7)p<o-&7] sagen, der Vorgang von Gen. 15, 6 war noch nicht das
vollgultige Geschehen des Glaubens und der Rechtfertigung, sondern erst ein An-
bruch? Dann wiirde Jak. 2, 23 eine Abschwachung von Gen. 15, 6 bedeuten: es
geschah dort noch nicht wirklich, was gesagt wird: namlich Glauben und Recht-
fertigung. Das diirfte nicht die Auffassung des Apostels sein. Gen. 22 tut nichts zu
dem Vorgang von Gen. 15 hinzu, das nicht schon in ihm enthalten gewesen ware:
Gen. 22 macht offenbar und handgreiflich, was es um Gen. 15 war. Das ist eTrXvjpto-th]
^j ypacpT) Xeyouoa. Robert Kiibel kommt dieser Auffassung mit seiner Exegese ,
von Jak. 2, 23 am nachsten. Jenes iiber Abraham bloB wegen semes Glaubens
gesprochene Rechtfertigungsurteil gilt eben deswegen, weil dieser Glaube die Werke
im ELeim in sich trug und diese garantierte . ., . und Gott voraus in Anschlag bringt,
was in der Zeit erst hintendrein sich erweist . . ." Der Blick des Jakobus ist auf den
Anfang des Heilslebens gerichtet, insofern ,,als derselbe die Entwicklung und den
in dieser stattfindenden Ausweis der Gerechtigkeit begriindet und garantiert.
Der Glaube Abrahams, der nach Gen. 15, 6 Gottes Rechtfertigungsurteil empfing,
war nicht vom Werk des Glaubens begleitet, aber er war zum Werk des Glaubens
bereit; als solch einen Glaubenden erkannte Gott Abraham und gab ihm sein
Recht. Der Apostel Petrus bezeugt den gleichen Sachverhalt, wenn nach ihm
Gott den Heiligen Geist denen gegeben hat, ,,die ibrn gehorchen" (Acta 5, 32).
Auch die Erforschung neutestamentlicher Begriffe hat der Exegese unseres Schrift-
wortes ein erhebliches Stuck weitergeholfen, ohne das Problem allerdings zu be-
waltigen. Gottlob Schrenk kommentiert im Artikel Smatocuvv] bei Jakobus,
Theol. Worterbuch zum N. T. II, Vers 23 mit der wichtigen Peststellung: ,,Der '
jiidische Verdienstgedanke liegt ebenso fern wie die griechische Tugendauffassung."
Bei der Frage nach dem Glaubensverstandnis des Jakobus ,,muB die ganze Glau-
benshaltung sehier Spruchsammlung angefragt werden. Diese Grundhaltung aber
zeigt nicht nur den Glaubensbegriff reiner Lehrorthodoxie" (gegen welche nach
Schrenk Jakobus polemisiert). Unverhohlen wird zugestanden: ,,Abraham wu-d
nach V. 23 damit vor Gott gerecht, dafi der durch das Werk sich erganzende, mit
diesem zusammeriwirkende Glaube ihm angerechnet wird." Dabei steht nicht etwa
der Gegensatz von y&pis und epya^eo^at im Hintergrunde. Aber V. 23 ist doch
eine ,,theologisch anfechtbareFormel", weil hier ,,das eXoyta^T] nicht an den Glau-
ben allein, sondern auch an das menschliche Wirken angeschlossen wird". Das sei
eine Auffassung, ,,die Paulus niemals hatte vertreten konnen. Die Krisis, durch ,
die jegliches Werk, auch das nicht gesetzliche Werk, hindurchzugehen hat, ist
57
Ereignissen aus Gen. 22 anzusetzen sind, wie es wenigstens auBer-
lich bei Gen. 15, 6 der Fall 1st, 1st besonders deutlich zu erkennen,
daB Jakobus das e7cXi)p<oa)"y) im Sinne von ,,das Wort wurde tatsachlich.es
von Jakobus bei dieser Pragung nicht in Betracht gezogen." Es kann bier nicht
erortert werden, ob diese Auffassung des ,,nicht gesetzlichen Werkes" von dem
Paulus vertreten wird, der schreibt: ,,Wa3 aber nicht aus dem Glauben geht, das
ist Siinde" (Rom. 14, 23). Reformatorisch ist sie zweifellos. Aber dies Thema gehort
in die Verhandlung dessen, was die Schrift fiber die Erbsunde und iiber das Wirken
des Heiligen Geistes sagt. Was des Apostels Paulus Verwendung von Gen. 15, 6
in Rom. 4, 3 und Gal. 3, 5, angeht, so gehort sie bei ihm in die Fragestellung, was
die Ipya TOU v6[/.ou fur den Juden zur Erlangung des rechtfertigenden Urteils ver-
mogen, eine Fragestellung, die das seelsorgerliche Anliegen des Jakobus uberhaupt
nicht beruhrt. ,,Die Frage nach dem Verhaltnis von Glaube und Werken wird
(in Jak. 2, 14ff.) ohne Bezugnahme auf das Gesetz gestellt und beantwortet. Das
Thema ist spezifisch das Verhaltnis von Glaube und Werk, nicht, wie bei Paulus
und seinen Gegnern, das von Glaube und Gesetz" (Gutbrod im Artikel v6(jto? im
Jakobusbrief, Theol. Worterbuch z. N.T. IV). Den Gedanken, den Jakobus voraus-
setzt, behauptet und beweist Paulus: der an der Gnade des Christus gewonnene
Glaube, nicht das am Gesetz gewonnene Werk, macht den nach seinem eigenen
Wesen Gottlosen Gott recht. Paulus und Jakobus nahern sich der Glaubens-
gerechtigkeit Abrahams von verschiedenen Seiten. Der eine sieht auf die Glau-
bensgerechtigkeit, zu der der Gottlose nichts hat aus seinem eigenen Leisten brin-
gen, die er nur (sola fide!) hat empfangen konnen. Der andere sieht auf die Glau-
bensgerechtigkeit, die er als der Glaubende Gott hat bringen mussen und
bringen diirfen. Denn heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das
sei feme, sondern wir ,,richten das Gesetz auf,'' sagt Paulus zu Beginn seines
Exkurses iiber die Glaubensgerechtigkeit (Rom. 3, 31). Beide Betrachtungs-
weisen sind apostolischerKampf um das rechteGott ,,inChristo" die Ehre geben,
die ihm gebuhrt, und damit um den Zugang zu dem gottlichen Wohlgefallen, das
den Zuspruch der Vergebung ad hominem erteilt und alle Gebrechen heilt, d. h.
rechtfertigt. Denn Gottes Ehre wird gleichermaCen von uns verletzt, wenn wir
tun wollen, was wir ohne Christus nieht tun konnen, oder: nicht tun, was wir mit
Christus tun konnen und tun sollen. Das 1st die biblische Lehre vom Menschen, wie
ihn Gott sieht. Paulus und Jakobus zeigen beide auf den Vater des Glaubens, um
diesen Menschen, wie ihn Gott sieht und im Gericht Christi einmal offenbaren wird,
in seiner Armut und in seinem Reichtum der Urgemeinde sichtbar zu machen. In
diesem leidenschafth'chen Eifer ihrer Gottesliebe ist der Grand fur die Scharfe
ihrer theologischen Formulierung zu suchen, mit der ein Paulus ohne spya
(Rom. 4, 5) ein Jakobus mit den spya der Gerechtigkeit Gott nachjagten und
nachzujagen ermahnten. Reformatorischer Theologie ist diese doppelte Sieht des
Menschen vor Gott durch die pointierte Herausstellung des Gegensatzes von Ge-
setz" und ,,Evangelium", die ihrerseits wiederum von dem Gottesbegriff nomi-
naUstiseher Theologie mit (nicht allein!) beeinfluBt ist, verwehrt worden. Man
sollte sich dariiber nicht iiber Gebuhr aufregen, sofern man weiB, dafi Theologie
der Versuch ist, mit unzulanglichen Mitteln das ,,Geheimnis.des Evangeh'ums" zu
58
Ereignis" und nieht ein Angekiindigtes wurde ,,Erfullung" gebraucht
hat. Jes. 41, 8 1st tatsachlich zu Recht geschrieben, dafiir zeugt die
Opferung Isaaks und Gottes Antwort darauf das will Jakobus sagen,
Abraham war in der Tat als Glaubender ein Liebender und Geliebter
Gottes. 1 ) Rechtfertigender Glaube quillt aus der Liebe Gottes zu uns
(,,Darin steht die Liebe: nicht, daB wir Gott geliebt haben, sondern da8
er uns geliebt hat . . ." 1. Joh. 4, 10), ist wirksam ,,in Christo Jesu"
durch unsere Liebe zu Gott bzw. den Menschen und empfangt die
liebende Betatigung von Gott als Freundesverhalten, die Rechtfertigung
( s ,Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete," Joh. 15, 14).
In dem Satz : ,,er ward ein Freund Gottes geheiBen," ist die Anschauung
der Schrift vom Glauben Abrahams und von dem Ja Gottes zu ihm ent-
halten, man muB sie sich nur dureh Gen. 22 richtig entfalten lassen.
Da aber der Glaube von Gen. 22 der rechtfertigende Glaube von Gen.
15, 6 ist, gilt auch von dem glaubenden Abraham Gen. 15, 6 : er war ver-
umschreiben, und es immer eine offene Frage in der Kirche bleiben muB, an welcher
Stelle dieser Versuch miBgliickt oder verbesserungsbedtirftig ist. Reformatorische
Theologie korrigieren braucht ja und wenn es sich auch um ihr Herzstuck, die
Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben handeln sollte nicht zu
bedeuten, ,,ihre lebendige Mitte, daB sie den Namen Christus verkiindigt" (Link)
zu bestreiten und zu verlieren. Denn nicht in der geschichtlichen Gestalt ihrer
Denkkategorien und Vorstellungen ,,h'egt die Herrliehkeit der theologischen Aus-
sage, sondern in dem Einfachen, WirkMchen, das vor aller Gestalt und aller Be-
schreibung ist, in dem Namen. Er ist die ungestaltete, die der menschlichen Ge-
staltung entnommene Aussage. In dem Namen ist aUes beschlossen, was in der
theologischen Aussage entfaltet und gestaltet werden kann" (link, a. a. O. S. 383).
Die Frage aber stellt das Wort des Jakobus refonnatorischer Theologie, ob sie in
ihrer theologischen Aussage von der ,,Rechtfertigung allein durch den Glauben"
das entfaltet und gestaltet hat, was iiber dies Geheimnis des Glaubens in Jesus
Christus enthalten ist. Vgl. dazu Ernst Wolf in tJbereinsthnmung mit H. E. We-
bers SchluBfolgerungen aus der Analyse des orthodoxen Systems (in ,,Reformation,
Orthodoxie und Rationalismus", 2. Bd., 1940) : Die Rechtfertigungslehre wird als
die Form zu erfassen sein, in der sich reformatorischer Christusglaube und refor-
matorische Christus verkiindigung die Sache selbst also!, und ihr, nicht der
Rechtfertigungslehre als solcher gilt die Wertung als articulus stantis et cadentis
ecclesiae im Sinne der Schmalkaldischen Artikel (Verkiindigung und Forschung,
Theol. Jahresbericht 1940, S. 169) gegen papstlichen und schwarmerischen
Enthusiasmus verbindlich aussprach.
' x ) ,,Der Freund Gottes ist nicht willenloses Geschopf , das Fuhrung und Liebe
erleidet, sondern ,Liebender Gottes' . . . Die Freiheit und der Reiehtum personlicher
Gemeinschaft Hegt in diesem Verhaltnis" (HeUmut Frey, Das Buch der Weltpolitik
Gottes, Jes. 4055, S. 49).
59
eint mit der dyauY) wenn auch fur Menschenaugen nicht sichtbar , .
der von Gott umworbene Liebhaber Gottes, dem Gott sich in der Recht-
fertigung als ,,Freund" zu erkennen gab (vgl. z. B. Gen. 18, 17 19 1). 1 )
,jLiegt nicht vielleicht doch ein gewisses Recht in der von Luther so
bekampften These, daB die Liebe und die Werke der Liebe zum Glauben
hinzukommen miissen, damit der Glaube den Mensehen vor Gott an-
genehm mache ? Also Rechtfertigung gewiB aus dem Glauben, aber nicht
aus dem Glauben allein ? Miissen wir das nicht einmal als Frage an uns
von der anderen Seite her horen ? Denn die katholische Kirche halt ja
bis heute daran fest, daB nur der Glaube den Mensehen gerecht macht,
der durch die Liebe wirksam ist, der sich also in Werken der Liebe als
echt und lebendig ausweist" so fragt Hans Iwand in seiner Dar-
stellung der ,,Glaubensgerechtigkeit nach Luthers Lehre" (S. 35). Ja!
Wir fragen danach. Nein: Jakobus fragt uns danach, und die Zeiten
sind vorbei, da wir ihm ausweichen konnten mit der Behauptung, er
habe ,,doch keine evangelische Art an sich" und ,,treibe nicht Christum".
Rechtfertigender Glaube ohne Liebe ? Jakobus kennt ihn nicht, so wenig
wie die anderen Apostel und Evangelisten und die ganze Heilige Schrift
vom ersten bis zum letzten Blatt, auch dann nicht, wenn vom Glauben
allein geredet wird, der uns Gottes Rechtfertigung gewahrt. 2 ) Jakobus
1 ) ,,Fuerat amicus Dei Abraham, jam ante obitum, et post obi turn ita appelatus
est a posteris et a Deo ipso. Amicus erat, active, amator Dei, id quod pertinet
ad opera; et passive, amatus a Deo, id quod pertinet ad iustificationem ex operi-
bus" (Bengel). ,,K6nnte Gottes Liebe bleiben denen, die ihn nicht lieben, ihm
nicht in ganzer Liebe nunmehr sich selbst und Alles geben ? Ist Gott ein Freund und
Seligmacher der in Siinden bleibenden Sunder?" (Stier).
2 ) Als ein Beispiel dafur, wie gleichzeitiges Ernstnehmen reformatorischen
Ansatzes und des immer neuen Anrufs im Evangelium des gegenwartigen Christus
(,,das das kirchliche System schafft und doch dariiber erhaben bleibt" denn eine
,,Theologie der Bekenntnisschriften" ist nicht ,,der evangeKsche Glaube" )
Verstandnis fur die neue ,,Begegnung" evangelischer und katholischer Theologie
gerade auch in der Frage des Rechtfertigungsbegriffs gewinnen darf, seien noch
einmal Hans Emil Webers griindliche Aufsatze ,,Katholischer und evangelischer
Gottesglaube" und ,,Der Mensch in katholischer und evangelischer Auffassung"
in der Sammlung ,,Begegnung" (1941) genannt: ,,In der leidenschaftlich sich selber
erlebenden Krisis der Gegenwart macht das reformatorische Zeugnis seinen An-
spruch gebieterisch geltend und in ilmi., mit ihm, ja schon vor ihm und uber seine
Grenzen hinaus das neutestamentliche Wort, als apostolische Botschaft, als das
Christuswort, als lebendiges Gotteswort" (S. 13). ,,E\angeUsche Theologie hat den
Unterschied von Dogma und Glaube, Lehre und Frommigkeit, kirchlichem System
und Evangelium durchdenken miissen: daB die Lehre dem Leben des Glaubens
dient und sich dabei in mancherlei Spannung von ibm ablest." Jenseits ,,rationa-
60
hat den Schriftbeweis fur die Richtigkeit seiner theologischen These
und seiner seelsorgerlichen Paranese an dem Vater des Glaubens ge-
fuhrt und spricht nun fiir die ganze Gemeinde mit heiliger Einseitigkeit
das theologische Fazit aus:
listischer Auflosung des Bekenntnisses" und eines ,,Konfessionalismus, dem das
Geheimnis rational erstarrt ist in seinem Lehr- und Kirchensystem", 1st heute ,,die
Aufgabe neu, anders, schwerer, groBer gestellt" (S. 11). Aus der modemen Ausein-
andersetzung ,,refonnatorischer" Theologie mit der ,,ethischen Wendung" der
Rechtfertigungslehre bei Bahnbrechern der Luther-Benaissance (Karl Holl, Rein-
hold Seeberg) wachst der neue Ertrag, ,,wie es das Evangelium der freien Gnade
ist; das dem Ernstnehmen des Gotteswillens, in alien Schranken eines der eschatolo-
gischen Befreiung harrenden ,verdeckten' Anfanges, im Glauben Erf iillung des
Lebens, Verwirklichung bringt. Das zu bedenken, zu klaren, fiir die theolo-
, gische Existenz, fiir den Dienst der Kirche bleibt verantwortungsschwere Aufgabe.
Sie ist uns gerade auch neu zugewachsen aus dem Eindringen in das Bibelwort -
wie hat der BuBruf Jesu, die Bergpredigt, das Leben aus dem Geist, die Christus-
mystik auch als Kreuzesmystik, die Agape die Forschung in den letzten Jahrzehnten
bewegt! wie aus neuem Verstehen der Reformation. Und in ihr shad wir der
Ganzheit der Christenexistenz, damit ,evangelischer Katholizitat' verpflichtet"
(S. 39).
Evangelische Theologie der Rechtfertigung ist heute gewiesen, vom Wort her
das a\te katholische"~Anliegen der ,,Ich-Du-Beziehung" neu zu verarbeiten. Es
hat ,,die Ich-Du-Formel ihre Wahrheit fiir das Gottesverhaltnis, indem sie eingeht
hi die alte biblisehe Formel, die hi dem Rechtfertigungsglauben lebendig ist, die
auch das ,mystische' Geheimnis des Glaubens hi sieh bh*gt, die Formel ,vor Gott'.
In der Bezogenheit auf das Du , hi der es selber Du wird, kann das Ich sich finden
als das, was es ist. So wird die Theologie auch die Geistigkeit, den Subjekt- und
Tatcharakter, die Freiheit und Personhaftigkeit, die ubershmHche Innerhchkeit
wiirdigen als die ,Formbestimmtheit' (Entelechie!), wie sie personhafte Entschei-
dung, die Liebe Gottes als Lebenshihalt fordert. Sie wird vor allem die Verant-
wortung des ,Existierens', die personliche Entscheidung betonen und so ein
,existentielles' Denken pflegen" (S. 113).
!Mit H. E: Weber ist hi diesem Zusammenhang auch an die- evangehsche
Anthropologie Emil B runners (Der Mensch hn Widerspruch, 1937) zu erinnern,
die gewichtiger Beitrag zu neuer Aneignung reformatorischer Rechtfertigungslehre
ist. Menschhches Sem ist ,,antwortendes, antwortliches, verantworthches Sem",
hi der ,,Aktualitat und Du-Bezogenheit", m der der Mensch ,,besthnmt ist, hi
.glaubender Gegenliebe Gott zu antworten, seine ihrn von Gott zugerufene Be-
sthnmung hi dankbarer Abhangigkeit als sein Leben hinzunehmen" (zitiert nach
Weber, a. a. 0., S. 109). DaB mit diesem Seinsverhaltnis der Mensch- ,,ist"
;nicht so, wie der Elefant ein Saugetier ,,ist" oder die Winkelsumme des Dreiecks
180 Grad ,,ist" . . . Im ,,ist" ,,steckt das ganze Problem des Menschseins, wahrend
-die Philosophen und Theologen es meistens hn Pradikat suchten" (Brunner,
^a. a. O. S. 142) nicht nur der traditionelle Begriff der Rechtfertigung des Glau-
henden und des Gerechtfertigten, sondern auch die traditionelle historische Fassuhg'
61
,,So sehet ihr nun, daft der Mensch auf Grund von Werken gerecht-
fertigt wird und nicht auf Grund von Glauben allein" (V. 24).
Was fiir Abraham gilt, gilt fiir den glavMsren Menschen der Gemeinde
Jesu. Auf Grund des vom Glauben gelenkten, von der Liebe befohlenen
der Erbsiinde und des Siinders (als naturhafte-kausale Determination: Siindersein
hat dieselbe Seinsart wie das ,,Blauaugigsein eines Kindes, dessen Vater auch blau-
augig war") korrigiert wird, sei bier nur am Rande vermerkt.
Luther mit seiner Scheu vor der ,,Reflexion auf den menschlichen Akt"
(Link, a. a. O S. 264) im Rechtfertigungsgeschehen hat gerade auch bei der Aus-
legung von Gen. 15, 6 seinen Kampf gegen die ,,fides caritate formata" gefuhrt.
Luther hatte seine guten Griinde fiir diesen Kampf. Er sah das Gesetzeswerk sich
in den Rechtfertigungsvorgang einschleichen. Der Mensch drohte eine Rolle zu
spielen, die ihm als Mensch und als Sunder vor Gott nicht zusteht. Der Glaube
wurde als Glaube gefahrdet und das Werk Christi als das Gott bewegende Werk der
Liebe und der Erfullung dessen, was das Gesetz fordert. Darum meinte er sich von
Augustins Verstandnis des rechtfertigenden Glaubens absetzen und der thomisti-
echen Auffassung von der caritas als der Entelechie der fides widersprechen zu
miissen. Die philosophische ,,Umklammerung" des Rechtfertigungsglaubens bzw.
des ganzen Christushandelns durch das Augustinische und Thomistische System,
die eben auf mehr als eine ,,anciUa"-Stellung der Philosophie im theologischen
Denken hindeutet, ist zuzugeben; auch die seelsorgerliche Verantwortung der Ver-
kundigung, gegen das Verstandnis der caritas in der Frommigkeit der Zeit das
Werk Christi und die Herrlichkeit des Glaubens zu riihmen. Aber das theologische
Anliegen ist mehr als das zeitgenossische oder friihere Verstandnis, es ist
,,Gehalt" des Christusgeheimnisses und seiner Bezeugung im Wort Gottes; und wir
werden darum ringen miissen, diesen Gehalt in neuer Weise ,,fassen" zu diirfen,
wohl kaum mit augusthiischer und thomistischer Methode, aber auch nicht
lutherisch als nicht in die Wahrheit des Christusgeheimnisses gehorend und nicht
aus ihr stammend ihn einfach ausscheidend. Da ist einfach das Wort heute
gegen den Reformator, und es miifite mit dem Teufel in unserer evangelischen
Theologie und Kirche zugehen, wenn wir darauf nicht mehr gut lutherisch horen
wollten! Denn wenn Luther zu Gen. 15, 6 diese Schriftstelle nur von ihrer
Zitierung bei Paulus und von dessen Gedankenkreis ,,Gesetz und Evangelium"
her verstehend ausfiihrt: ,,De verbo (Haschab) non valde repugno, sive id pro
reputare, sive cogitare accipias, nam res eodem redit. Cum enim divina maiestas
de me cogitet, me esse iustum, mihi esse remissa peccata, me liberum esse a morte
aeterna, et ego cum gratiarum actione in fide hanc cogitationem Dei de me appre-
hendo, vere sum iustus, non meis operibus, sed fide, qua apprehendo cogitationem
divinam. Relativa enim haec sunt, cogitatio Dei seu promissio et fides, qua pro-
missionem Dei apprehendo. Neque hie vel Legis vel circumcisionis vel sacri-
ficiorum fit mentio, quod ea Deus dignari velit iustitia: Sola sua reputatio, sola
ilia gratiae de nobis cogitatio haec facit. Datur enim iustitia Abrahae non operanti
sed credenti : Neque autem fidei ut nostri operi, datur, sed propter cogitationem
Dei, quam fides apprehendit (W. A. 42, S. 563 f .). ,,Apprehensio autem promissionis
certa vocatur fides, et iustificat, non, tanquam opus nostrum, sed tanquam Dei
62
willentlichen und wirkenden Stehens im Blutsbunde Jesu ,,voluntas
prompta ad opera, dum opus est exercenda," bemerkt Estius sehr
richtig zur Stelle; das ,,promptus ad opera" machte schon den recht-
opus. Promissio enim est donatio, est cogitatio divina, qua Deus nobis aliquid
offert: non est nostrum aliquod opus, cum nos Deo facimus aut damus aliquid, sed
accipimus aKquid a Deo, idque tantum per ipsius misericordiam. Si autem hie
assensus reputatur pro iustitia, cur, insane sophista, asseris dilectionem, spem et
alias virtutes? Scio has esse insignia Dei dona divinitus mandata, per spiritum
sanctum in nostris cordibus excitari et ali: Scio fidem sine his donia non exi-
stere. Sola autem fides apprehendit promissionem, credit promittenti Deo,
Deo porrigente aliquid admovet manum, et id accipit. Hoc proprium solius fidei
opus est. Charitas, spes, patientia habent alias materias . . . Non enim amplectuntur
promissionem, sed mandata exsequuntur. Audiunt Deum mandantem et iubentem,
non audiunt Deum promittentem, id fides facit" (W.A.42, S.565f.). ,,Retinenda
igitur distinctio haec est, quod fides, quae agit cum Deo promittente, et eius pro-
missionem accipit, haec sola iustificat. Charitas autem, quae agit cum Deo iubente
et mandante, ea mandata exsequitur et paret Deo. Sicut autem promissio et lex, sic
fides et charitas, sic finis fidei et charitatis est distinguendus, etpestilens illaglossa
explodenda de fide formata charitate, quae charitati tribuit omnia, fidei adimit
omnia. Disce igitur iustitiam tribuere non tuae dileetioni, non tuis operibus et
meritis . . ., sed soli misericordiae, soli promissioni de Christo, quam fides accipit,
et se ea in iudicio Dei contra conscientiam tuetur ac defendit. Haec est sana et
vera doctrina. Contra ilia sophistica doctrina de fide informi et formata est ex
diabolo et extinguit fidei doctrinam nosque involvit in Turcicos et Judaicos errores.
Abiiciamus igitur earn tanquam pestem infernalem" (W. A. 42, S. 566). Wenn
Luther diese Gedanken zu Gen. 15, 6 ausfuhrt, so ist damit offensichtlich Ent-
scheidendes und Notwendiges gegen das Rechtfertigungs-, Glaubens- und Liebes-
verstandnis seiner Zeit und der romisch-katholischen Kirche ausgesprochen, aber
ebenso offensichtlich ist hier nicht genau auf Gen. 15, 6 gehort und wird hier nicht
der Glaube, die Gerechtigkeit und die Rechtfertigung Abrahams dargestellt, die
Jakobus als das Miteinander von Glaube und Glaubensgehorsam, von Glaube und
Liebe, von Liebe zu Gott und Gottes Freundschaft beschreibt. Luther vermochte
noch nicht zu erkennen, daB bei Jakobus ein rechtfertigender Glaube Abrahams
vertreten wurde, der jenseits von Augustins Anschauungen und der Pariser
Schultheologie der Gottesliebe einen festen Platz im Rechtfertigungsvorgang
zuwies, ohne daB damit dem Glauben etwas oder gar alles genommen wiirde,
ohne daB damit gesetzlichem Wesen Vorschub geleistet wird, ohne daB damit
der Mensch in unerlaubter Weise sich selbst wichtig nehme und ohne daB die Liebe
Christi als die Erfullung des Gesetzes dadurch abgeschwacht wiirde. Kein recht-
fertigender Glaube ohne die liebende Hingabe des Willens an Gott, keine liebende
Hingabe des Willens an Gott ohne Glauben wir miissen heute Jakobus und Pau-
lus, die sich beide als ,,Knechte Jesu Christi" bezeichnet haben, darin neu begreifen
und damit der Christus-Gehaltenheit und dem Christusgehalt katholischer Reeht-
fertigungslehre stamme sie von Augustin oder von Thomas gerecht werden.
Die scholastische Verhandlurig zur Reformationszeit, ob nun die Liebe die Ente-
63
fertigenden Abrahamsglauben von Gen. 15, 6 aus, bevor es zum gott-
^ ' -
lichen Gebot des ,,exercenda" in Gen. 22, 1 kam! , nicht auf Grund
der im Glauben angeeigneten Gnade ,,an und fur sich", ,,abgesehen"
von dem, was wir wollen und tun, sieht uns Gott als sich rechtmaBig
verhaltende Partner des Neuen Bundes an und gibt uns Anteil an dem
GenuB aller BundesverheiBungen : ,,Gerechtigkeit, Friede und Freude
im Heiligen Geist" (Rom. 14, 17) und im Endgericht 5 ,die Auferstehung
des Lebens" (Joh. 5, 28f.). Das Ziel des Evangeliums und seiner Ver-
waltung ist nach gemeinapostolischer Anschauung ,,Liebe aus reinem
Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben" (1. Tim. 1, 5,
vgl. auch 1, 14). 1 ) Nur wer sich Gott ganz bringt mit seinem Denken
und Wollen und Wirken in der Christusgemeinschaft des Glaubens,
empfangt das freisprechende Urteil der Vergebung, die GewiBheit der
Versohnung und ,,Freilassung", steht in der neuen ,,0rdnung" des
Reiches Gottes, im , 3 Frieden mit Gott" (Rom. 5, 1). An dem ,,in Christo
Jesu" Glaubenden ist nichts ,,Verdammliches", nicht, weil es Gott nicht
sehen will, sondern weil es fiir Gott nichts mehr zu sehen gibt; denn die
,,Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, ist erfiillt" in dem Glaubenden,
der ,,mit Christo" sich selbst stirbt und Gott lebt (Rom. 8, 4). Er und
nur er! empfangt die GewiBheit des Heiligen Geistes, daB Gott fiir
ihn und er in Gott ist und in Gott den unverganglichen Reichtum des
Lebens hat. Er ist gerechtfertigt. Gott erkennt in ihm sein Bild wieder,
das Bild seines Sohnes. Die Herrlichkeit gottlichen Personlebens spiegelt
sich in dem geheiligten Personleben des Glaubenden, dem die Einheit
von Sollen und Sein wiedergeschenkt ist, erkennbar fiir Gottes Augen
und ware es ein Schacher am Kreuz. Gott geht den Unheiligen nach,
leebie des Glaubens oder der Glaube die Entelecbie der Liebe sei, durfte angesichts
des Gebotes, erst einmal das Wort bei Jakobus und sodann vielleicht das ganze
Wort Gottes neu zu horen, heute sekundare Bedeutung haben, so unvermeidlich
nach der neuen Christus-Begegnung im Wort ahnliche Bestimmungen sein werden,
tun den neugewonnenen Christusgehalt zu ,,fassen" und zu schiitzen, ,,definire".
Verbauen wir uns nur nicht mit der Ablehnung und Annahme alter Definitionen
den vom Wort ausgelosten VorstoB zur Sache.
J ) ,,Keiner, dem Gott sein rechtfertigendes Wohlgef alien gibt, hat einzig
Glauben . . . Glauben will ich und Seine Gnade als unendlich achten und Sein
Werk an mir preisen als die vollkommene Beseitigung meiner Siinde und meine
vollkommene Erneuerung zu Seinem Bild in lauterer Gerechtigkeit, aber ebenso
sehr will ich tun, was mich Gott wirken heifit, damit mein Werk ein Dienst sei und
mir nicht zur Verdammung diene, sondern zur Rechtfertigung" (Schlatter, Der
Brief des Jakobus, S. 204, und Der Jakobusbrief, S. 61).
64
aber indem er das tut, sind sie in die Entscheidung gestellt, Heilige zu
werden oder Unlieilige.zu bleiben. Entscheidet sich der Berufene, sein
Denken und Wollen der Gnade Gottes aufzuopfern, hat er sich fiir die
Umgestaltung des Unheiligen zu Heiligem entschieden.und steht schon
in dem Gottesverhaltnis, in dem er Gott recht ist, weil er von der Gnade
zu leben bereit ist. Seiche Bereitschaft kann aber Gott am Menschen
nur da erkennen, wo er ihm mit seinem ganzen Personleben als Glauben-
der ergeben ist: an der Bereitschaft zum Werk des Glaubens. Luther
hat e epycov iibersetzt ,,durch die Werke" an Stelle des wortlichen
j,durch Werke"/ Mit dieser tJbersetzung wird der Gedankengang des
Jakobus entstellt. Der Apostel Jesu ist weder ein Heide noch ein Christus
sich verweigernder Jude, daB er an eine Aufrechnung der bosen und guten
Werke durch Gott denken wiirde, die iiber die Rechtfertigung des Men-
schen entscheidet. Fiir ihn steht der Mensch im Gnaden- und nicht im
Pflichtverhaltnis. D. h. er ist ein Glaubender, der das Schuld- und
Siihnopfer des Christus fur sich in Anspruch nimmt, das ihn von Schuld
und Macht seines gottfernen Wesens reinigt und heiligt zum Gehorsam
des Glaubens. Innerhalb dieses Gnadenverhaltnisses rechtfertigt, d. i.
spricht Gott iiber den Glaubenden das Urteil, er sei ein Entschuldeter,
Versohnter, Gereinigter, Geheiligter, also das, was in der Bundesgemein-
schaft im Namen und Blut Jesu rechtens ist, und erkennt thro Namen
und Heebie der ,,S6hne Gottes" zu. Der Erkenntnisgrund fur dies Urteil
und diese Zuerkennung ist die Bereitschaft fiir das Tun des gottlichen
Willens, nicht nur die Bereitschaft, ein die Gnade Empfangender, d. h.
ein Glaubender zu sein. 1 ) Zu der Frage, wie Jak. 2, 24 und Bom. 3, 28
in ein em Kanon der Kirche stehen konnen, ist nach dem bereits iiber
das Verhaltnis der beiden Apostel Ausgefuhrten nicht mehr viel zu
sagen. Sie belehren die Gemeinde iiber den gleichen Vorgang in ver-
schiedener seelsorgerlicher Verantwortung. Beide Apostel sind orthodoxe
Judenchristen, die von der Frage nach dem Gott-gemaflen Handehi,
das im Endgericht iiber das ewige Schicksal des Menschen entscheidet,
bewegt sind (vgl. Jak. 2, 13; Rom. 2, 1 16). Paulus streitet einmal
,,
,DaB der Artikel bei ! spytov fehlt, hat einen erkennbaren Grand . . . Er
fehlte nicht,. wenn Jakobus die Gerechtigkeit als die Folge aus der Sunune ttnserer
Handlungen entstehen liefie . . . Wir miissen glauben, denn Gott lebt und Jesus
lebt . . . wir miissen handeln, denn \vir sind lebendige Wesen, lebendig nicht nur
durch Gottes Schopfung, sondern auch durch Christi Erlosung, und aus dem Leben
entspringt die Tat" (Schlatter, Der Brief der Jakobus, S. 203). ,,Nur die Ver-
bundenheit von Glaube und Werk erwirbt das Lob Gottes" (Hauck).
5 Lackmann, Sola f ! de 65
I*-"-- 1
ganz summarisch formuliert gegen das Handeln ohne und wider
Christus, fiir das Handeln ,,in Christus" (Rom. 3, 28 1st von Kap. 2 her
und mit 58 zusammen zu lesen!). Jakobus streitet gegen den Verzicht
auf das Handeln mit Christus, fiir das Handeln in Christus. Darum
das harte {JLOVOV bei Jakobus (aber eben keine Exklusivformel bei
e epycov) und das durch Luther sinngemaB eingefiigte ,,sola" bei Paulus.
(Bekanntlich schon von Thomas gebraucht.) Aber ,,sola" und JJLOVOV
sind nur in ihrer jeweiligen gedanklichen Relation recht zu begreifen,
die die seelsorgerliche Aufgabe dem Verfasser vorschrieb. ,,Allein"
,,Mcht allein" in bezug auf welches Zweite und Andere ? ,,Sola
fide" gegenuber jeder Art von Gerechtigkeit, die aus dem Umgang
mit dem v6[xo<; gewonnen ist. oux ex mcrreox; [AOVOV gegenuber einem
Verzicht auf das Tun des gottlichen Willens, wahrend geglaubt wird.
Der Mensch soil weder Pharisaer noch Gnostiker sein, weder einer, der
,,mit Werken umgeht" (Rom. 4, 4), noch einer, der ,,Werke nicht hat"
(Jak. 2, 14), wenn er Gottes rechtfertigendes Urteil empfangen will;
aber einer und das ist ein Drittes, beide Gegen- Satze Uberholendes ! ,
der das Gesetz erfiillt, den Willen Gottes tut, und ,,die Erftillung
des Gesetzes ist die Liebe" (Rom. 13, 10), die der Glaubende aus dem
,,Felsen" Christus gewinnt, dem ,,Milch und Honig" entquillt. ,,In
Christo Jesu valet fides, quae per dilectionem operator." 1 ) Der Sunder
J ) Gal. 5, 6 fordert doch wohl den Vergleich mit der Aussage von Gal. 6, 15
und die Feststellung, dafi.hier wie dort von einem Objekt geredet wird, namlich .
von dem Gott-gerechten Menschen der Christusgemeinschaft, dem Gottes Recht-
fertigungsspruch zu eigen wird und der Gottes Frieden geniefit. Die xouvv) XTIOK;
ist der Mensch ev XpioTw ITJOOU mit der TCicmc; 8i y dydcTrrii; evepyou^svT). ,,Alle
Tat Gottes, die Schopfung so gut wie die Erlosung, setzt die Moglichkeit zugleich
und die Notwendigkeit menschlichen Tuns. Gottes Wille schliefit des Menschen
Wollen nicht aus, sondern ein, verwirkliclit sich am reinsten in der auBersten An-
spannung des Menschenwillens. Gottes herrischer Euf ist der Ruf zur Freiheit.
Gott will den freien Menschen, eben weil er den neuen Menschen will . . . Gott
schafft uns das Leben, das uns erst wirklich zu lebendig wollenden und handelnden
Menschen macht. Gott weckt den Glauben im Menschen, mit dem der Mensch
ganz und gar auf Gott gestellt ist. Die TrCoTi? aber kommt erst zur Wirkung und
vollen Verwirklichung St.' aydcTCT]?. Gott senkt das 7iveu[za in seine Auserwahlten.
Wieder ist der Mensch der Passive. Das Trveufjia befreit den Menschen zur hochsten
Aktivitat in der Liebe. Die Freiheit bindet und vollendet sich in der Liebe"
(Stauffer, zu dyaTraco imTheol. Worterb. z. N.T. I, S. 50). ,,Das hi der Verkiindigung
des Schopfers liegende Gegenuber von Schopfung und Geschopf macht dieses zu
einem wollenden; denn Geschopf sein heiBt gewollt sein, gewollt sein schliefit in
sich: zu einem Ziel gewollt sein, zum Wpllen aufgerufen sein, zu dem Wollen namlich,
66
wird Gott recht, weil er ,,in Ghristo" Glauben hat, der den Menschen
so innig mit Christus ,,eint", da6 er sieh selbst haBt (,,abnegatio sui",
,,mortificatio carnis"), die Siinde laBt und den Willen Gottes tut. Die
zu dem es geschaffen ist. So fafit Paulus in sachlicher Notwendigkeit in seinen.
zusammenfassenden Aussagen das ,,von her" und ,,zu hin" zusammen" (W. Foerster
zu ,,xrttX' im Theol. Worterb. zum N. T. Ill, S. 1028).
Daneben halte man die auBerlich oft so ahnlichen und doch theologisch
anders orientierten Aussagen Luthers: zu Gal. 5,2: ,,Libertas humana est,
quando mutatis non hominibus leges mutantur. At Christiana libertas est, quando
non mutata lege mutantur homines, ut lex eadem, quae prius libero arbitrio odiosa
fuit, iam diffusa per spiritum sanctum charitate in cordibus nostris iucunda fiat.
Hac libertate fortiter et pertinaciter standum docet, quia Christus, pro nobis legem
adimplens et peccatum exuperans, spiritum charitatis in corda eorum qui credunt
in eum, mittit quo ef f iciuntur iusti et legis amatores, non suis operibus, sed gratuita
Christi largitione. A qua si recedas, et ingratus es. Christo et superbus in teipso,
volens teipsum sine Christo iustificare et a lege liberare" (W. A. 2, S. 560).
,,Si autem fiant (opera legis) pietate charitatis et fiducia ac libertate, iam per
fidem "adeptae iustitiae merita sunt" (W.A. 2, S. 562). Zu Gal. 5, 4: ,,Vides
ergo, quam. constanter Apostolus sola fide nos iustificari contendat et opera non .
esse iustitiae parandae principia sed iam partae officia et augendae ministeria . . .
Qui credit in Christum, evacuatur a seipso, fit otiosus ab operibus -suis, ut vival et
operetur in eo Christus" (W.A. 2, S. 564). Zu Gal. 5, 5: ,,Fides ideo sit iustitia
dei, quia divinae iustitiae et veritati adhaeret et consentit: quod gratiae est non
naturae" (W.A. 2, S. 565). Zu Gal. 5,6: ,,Igitur qui verbum Christi synceriter
audit et fideliter adhaeret, mox quoque spiritu eharitatis induitur . . . Neque enim
fieri potest, si Christum sincere audias, non etiam mox eum diligas . . . Sin autem
non diligis certum est, quod haee. nee sincere audis nee. pure credis pro te facta
esse . . . fides quae charitate operatur, id est . . . efficax est, non quae per acquisitionem
sui stertit . . . sed quae per charitatem efficax est" (W.A. 2, S. 567). Zu Gal. 5, 13
,jFides autem facit, ut accepta charitate neque coacti neque alleeti temporaliter
sed libere ac stabiliter legem faciamus" (W. A. 2, S. 574). Zu Gal. 6, 15:
,,Nova oreatura, id est novus homo, qui secundum deum creatus est in iustitia
et sanctitate veritatis . . . , veritatis' dicit contra iustitiam et sanctitatem specie!
et simulationis, quae ex lege sunt nee faciunt novum hominem" (W.A. 2, S. 614).
Vgl. dazu zu 4, 19: W.A. 40, 1 (Galaterkommentar 1531 ff.), S. 650: ,,habeatis
formam et similitudinem- Christi . . . Imago Christi, dei: ita sentire, affici, velle, in-
telligere, cogitare sicut Christus vel ipsum Christum . . . Das ist novus homo, qui
generatur . . ." Die Vorstellung, die reformatorisches, aber auch mittelalterHch-
katholisches Denkeri mit dem Vorgang ,,die Gerechtigkeit erlangen" verbindet
(vgl. auch C. A. IV: ,,daB wir Vergebung der Siinde und Gerechtigkeit vor Gott nicht
erlangen mogen" etc.)^ entspricht nicht der neutestamentlichen Denkungsweise,
wonach das ,,erlangen" und ,,bekommen" nicht als der Empfang einer bisher
f ernen Gabe, sondern als das lebendige Zusichselbstkommen der bereits mitgeteilten
Christusgemeinschaft durch die subjektiven Akte des Glaubens aus der Liebe und
der liebe aus dem Glauben gedacht wird. Das subjektive ,,Erlangen" ist die-
5* " - - ' r ' '. ' ." "6T
\
heutige Erkenntnis der verschiedenen Standorte des Jakobus und des I
Paulus gegeniiber dem einen Problem der Rechtfertigung maclit die (
Bahn frei fur die Einsicht, da8 die Augustinische Fassung der Recht-
fertigungslehre grundsatzlich den vollen Tatbestand des biblischen
Zeugnisses wiedergibt, mag sie auch in einzelnen Distinktionen zu
korrigieren sein und hinsichtlich der ref ormatorischen Fragestellung nach
der Gottes- und SelbstgewiBheit des Subjektes Mensch erganzt werden
miissen. Luthers Verzicht auf die vollstandige Ubernahme der Augu-
stinischen Rechtfertigungslehre ist aus seiner historischen, seelsorger-
liehen Situation und aus der elementaren Spannung, in die inn sein
Auftrag gegeniiber aller vorgefundenen Denkarbeit und geistlichen
Erfahrung der Kirche versetzte, zu verstehen; seinen Verzicht uber-
*
,Fleischwerdung" der objektiv sohon mitgeteilten Gabe im personalen Denken,
Wollen und Handeln. des Christen. ,,Empfang der Gerechtigkeit" ist ein Lebens-
vorgang, ,,ent-stehend" an der gottlichen Gnadengegenwart, sich zusammen-
setzend (aber als Einheit gescb.eb.end) aus gottlichem und menschlichem Handeln
und Wollen, wobei das menscbliche Wollen und Handeln das Schopfungsgeheimnis
der Antwort auf Gottes Ruf ist. GewiB ist dieser aus- Gott geborene Lebensrorgang
der Rechtfertigung gerade auch ein Anliegen Lutherscber Theologie. ,,Vita cbri-
stiananonestipsius, sed Cbristi viventis in eo . . . Hie etiam notandum est: licet
verum est Christum personaliter in nullo prorsus formari ac sic glossa ilia recta
quidem est, soil, fidem seu cognitionem Christi pro Christo hie (Gal. 4, 19) accipi
atque intelligi, summe tamen cavendum est, ne ista cognitio accipiatur speculative,
qua Christus tantum obiective cognoscitur . . . sed est accipienda ipsa practica/
scil. vita, essentia et experientia ad exemplum et imagbaem Christi, ut iam Christus
non sit obiectum nostrae cognitionis sed nos potius obiectum cognitionis eius ...
nam hoc est, quod prius deus factus est caro quam caro fieret deus. Ita oportet in
omnibus prius deum incarnari quam eos in deo indivinari (Galaterbrief-Vorlesung
1516-1517, zu Gal. 4, 19, Luthers Werke, 5. Bd., ed. E. Vogelsang, S. 339), aber
die Zusammensetzung dieses Lebensvorgangs wird verkannt und der ,,Empfang"
unter Verzicht auf die personalistische Komponente seines Charakters als Schop-
fungsgeheimnis beraubt und in den starren, das ganze orthodoxe und ,,protestan-
tische" System in sich enthaltenden Begriff reiner Passivitat gegeniiber einer mit-
geteilten Gabe verwandelt, der notwendig sowohl die Gabe Gottes Gerechtigkeit
wie den Empf anger der Gabe den Glaubenden und den ,,Empfang" der
Gabe die Rechtfertigung rationalisiert, d. h. aus dem gottlichen Wunder des
Lebens einen theologischen oder besser: philosophischen Gedanken macht, der das
Leben vernichtet. Es ist kein Wort dariiber zu verlieren, dafi Luther eben das
nicht gewollt hat und damit kein Wort gegen den Auftrag reformatorischer Ver-
kiindigung gesagt ist. Aber sein'Versuch der theologischen Verstandigung enthalt
im Keim jene Entwicklung ,,protestantischen" Rechtfertigungs-, Christen-,
Kirchen- und Geschichtsverstandnisses, die heute durch das Zeugnis der Schriffr
und der Kirche als Entleerung des ,,Wortes" empfunden wird.
68
nehmen wiirde bedeuten, dem jenseits seiner Gebundenheit und Span*
nung in gottlicher lYeiheit und Mannigfaltigkeit uns heute neu begeg-
nenden Wort des Christus bei Paulus und Jakobus das Gehor ver-
weigern. 1 )
Wir gewinnen aus dem theologischen Fazit des Verses 24 fur den
Heilsweg des heutigen Christen, der durch das Sakrament der Heiligen
Taufe ,,in Christum eingesenkt und mit seinem Geist beschenkt" wird,
die Anschauung von der Rechtf ertigung : die in der Heiligen Taufe voll-
zogene regeneratio, iustificatio und sanctificatio des Christen wird
erst in dem Augenblick Wirklichkeit und Wahrheit fur Gott und den
Mensehen, in dem der Christ in personaler Entscheidung und Verant-
wortung dieses Geheimnis seines Wesens im Glauben bejaht und voll-
zieht. 2 ) Der ,,Vollzug" seiner Wiedergeburt ist die Hingabe seines
derkenden und wollenden Personenzentrums an den in ibm ,,wesenden"
Christus durch den Glauben mit seinen Werken des liebenden Gehorsams.
So lebt der Mensch als Wiedergeborener. Immer ist Leben die Einheit
von Gabe und Aufgabe, von Ruf und Antwort. ,,Dureh den Glauben
wohnt Christus" in unseren Herzen (Eph. 3, 17). So , 3 empfangt" der
Mensch den gottlichen Zuspruch der Versohnung und die filiatio. Er
ist gerechtfertigt. Gottes Wort ist erst dann Gottes Wort an uns und
in uns, wenn wir es durch Glauben und Gehorsam zu unserem Wort
gemacht haben. So ,,west" der Mensch ,,in Gott" und ,,west" ,,Gott
in ihm", er ist ein sanctificatus durch die ,,unio mystica" mit Christus
und durch die Teilnahme an der Fulle der Gaben des Heiligen Geistes,
x ) ,,Das Auge zu echter Wahmenmung an die Vorgange heraribringen"
nannte Adolf Schlatter das neue Gebot unserer Stunde. Auch katholische Warnung
aus jiingster Zeit ist bier zu horen: ,,Die Offenbarung Gottes an die Menscben im
Alten und Neuen Testament ist, Tvie gerade Luther es ja erkannt hat, nicbt ein
jtheoldgisches' Lehr- System. Sie ist in ibrer vieles umfassenden Ausbreitung
lebendige Verkundigung Gottes, ausgesprochen unter den verschiedensten Ge-
sichtspunkten an die verschiedensten konkreten Verhaltnisse. So umfassend, daB
wirldich alle Lagerungen des Mensehlichen beriicksicbtigt und ergriffen sind"
(Josef Lortz, Die Eeformation in Deutschland, I, S. 179).
2 ) ,,Das ist der neue Lebensstand: daB derMenscb sein Leben nicht mehr
im Sollen hat, sondern im Sein, namlich in dem gottgeschenkten Sein . . . Sub-
jektiv heiBt dieses neue Sein, d. h. das sich ins Sein bei Gott gestellt "wissen: der
Glaube . . . Im Glauben geschieht das freiwillig, was Gott will . . . Sofern ich glaube,
heifit Gottes Anrede an mich: du bist, du hast" (Emil Brunner , Gott und Mensch,
vier Untersuchungen iiber das personhafte Sein, 1930: Der Eechtfertigungsglau.be
und das Problem der Ethik, S. 32ff.).
69
eine ,,Behausung Gottes" (Eph. 2, 22). Das Jawort unseres Glaubens
und Glaubensgehorsams verschafft uns die gewisse Erfahrung und den
vollen GenuB des Jawortes, das der dreieinige Gott in der Taufhandlung
zu uns gesprochen und uns ,,eingepflanzt" (Jak. 1, 21) hat mit dem
Willen, da6 es uns durch unseren Glauben und Gehorsam ,,erreiche"
urid wirklich sein Wort an uns werde. 1 ) Jak. 2, 24 sichert die altkirch-
*) Die HeilsgewiBheit griindet also nicht entweder in dem objektiven Gnaden-
handeln Gottes im Wort und Sakrament o der in der subjektiven Bereitschaft des
Glaubens und des Glaubensgehorsams fur die Gnade, sie ist das Gnadengeschenk
lebendiger Gottesgerneinschaft, aus beiden Bewegungen ,,erzeugt", die Bewegun-
gen des Menschen in Gott und Gottes im Menschen sind. In beiden Bewegungen
stehend wird dem Christen die GewiBheit des Heiligen Geistes als Gabe verliehen:
Ich bin gemeint von Gott, hier und jetzt!
Vgl. die geschichtlich zutreffende Beobachtung Karl Holls zu diesem
Problem der LutherschenReehtfertigungslehre: wiekommt konkret der Einzelne
zur GewiBheit seiner Rechtfertigung ? ,,Die sogenannten Schwarmer seit Karl-
stadt und Miinzer . . . vermissen in seiner Lehre eine tJberleitung zu der GewiBheit,
daB die gottliche Gnade gerade mir gilt, und namentlich dazu, daB sie mir gerade
jetzt gilt. Und mit letztem jedenfalls trafen sie einen wunden Punkt. Denn wenn
Luther auch erwidert, daB jeder Einzehie sich in die allgemeine VerheiBung ein-
geschlossen halten diirfte, so bleibt doch immer noch die Frage, wann ich sie auf
mich beziehen darf. In jedem Augenblick kann und darf ich mich doch nicht fur
gerechtfertigt betrachten. Indirekt hat Luther selbst auch zugestanden, daB seme
Theorie hier nicht vollig zureicht. Die Bedeutung, die er der Kindertaufe gibt, auch
seine Abendmahlslehre, die Sympathie, die er der Privatbeichte entgegenbringt,
ruhen auf diesem Gefuhl. Und es ist nicht zufallig, daB das konfessionelle Luther-
turn immer wieder gerade diese Dinge hervorgeholt hat. Die starke Betonung der
Bedeutung des geistlichen Amtes und seiner Schliisselgewalt, der Sakramente
neben dem Wort, die Empfehlung der Beiehte bei den Lutheranern des neunzehn-
ten Jahrhunderts ist nicht lediglich als romantische oder hierarchische Laune zu
beurteilen. Das tiefste Interesse ist ein religioses, aus ihrer Rechtfertigungs-
lehre entspringendes : die Verantwortung dafiir, daB die Gnade in der rechten
Weise und im rechten Moment angeeignet wird, eine Verantwortung, die das
Subjekt selbst zu ubernehmen sich nicht getraut ( !), soil ubertragen werden auf
einen andern, der kraft seiner Stellung dazu berufen ist" (Die Rechtfertigungslehre
im Lichte der Geschichte des Protestantismus, S. 16).
EvangeUsche Theologie wird gut daran tun, die Rechtfertigungslehre des
Jakobus nun mit der Lutherschen Lehre vom objektiven Gnadenhandeln Gottes
im Predigtwort und in den Sakramenten der Kirche zusammen zu verstehen, wenn
sie denn das Offenbarungszeugnis des Jakobus nicht ,,jiidisch", sondern apoBtoUsch
verarbeiten will. Gute Dienste wiirde ihr dazu vor alien A. F. Vilmar tun, ins-
besondere seine ,,Dogmatik" und seme ,,Theologisch-kirchh'chen Aufsatze",
ed. Karl Ramge, besonders der Beitrag ,,Heilsordnung", S. 29ff. Unausgespro-
' chen steht die Paranese des Jakobus und die Frage an die reformatorische Recht-
70
liche Anschauung und .Kirchenzucht enristlieher Gemeinde als riehtig,
daB nur Christus sich aufopfernder Glaube und Gehorsam das Wort
der Vergebung und der GottesMndschaft, d. h. der gottlichen Recht-
fertigung, empfangt und unverkiirzt, durch keine Dialektik verwandelt
das alttestamentliche Psalmwort in der Kirche Jesu Christi gilt: ,,Wer
wird wohnen in deiner Hiitte ? Wer ohne Tadel einhergeht und recht
tut und redet die Wahrheit von Herzen" (Ps. 15, If.). Dieses Recht-
fertigungsverstandnis diirfte sehr entscheidende Folgen fur die Tauf-,
Beicht- und Abendmahlspraxis der Kirehe haben, wie sie gegenwartig
iiblich ist. 1 )
fertigungslehre hinter dem ganzen Saminelwerk ,,Rechtglaubigkeit und Frommig-
keit, Das Gesprach der Kirche um die reclite Nachfolge Christi", 3 Bd., 1938,
ed. Hans Asmussen; das Problem aller evangelischen Sekten und Gemeinschafts-
kreise: Wiedergeburt, Bekehrung, Gehorsam, Heiligung usw., wird nicht eher zur
Ruhe kommen, als bis die Kirche die Rechtfertigungslehre des Jakobus in ihre
Dogmatik und Verkundigung aufgenommen und soroit auch Paulus und die ganze
Schrift neu wird haben verstehen diirfen. Darauf will Joch wohl auch H. E. Web er
in seinem Beitrag zu dem genannten Sammelwerk ,,Rechtglaubigkeit und Frommig-
keit" hinweisen: ,,Wir konnen nicht einfach aufnehmen und fortfuhren, weder die
alte Orthodoxie noch den alten Pietismus." In neuer Aneignung der Schrift ,,durfen
wir das Unsere tun, das Erbe frei zu machen fiir unsere Zeit . . . Wir haben theo-
logisch zu durchdenken, in christlicher Existenz zu erproben, im Dienste der Kirche
zu bewahren, wie das Wort, das die Kirche in ihrem Bekenntnis bezeugt, als
Geisteswort Gotteskraft zur Errettung ist, wie es gerade als das Gnadenwort der
Rechtfertigung das Lebenswort der Heiligung ist, wie Christus in seinem Wort
fiir den betenden Glauben der Herr wird, der die Versohnung durch sein Kreuz
wirksam macht in dem Wandel vor Gott, in dem Leben aus der Christusgemein-
schaft und darum in der Nachfolge und ihrem mannigfachen Dienst" (Bd. II, Das
innere Leben der altprotestantischen Orthodoxie, S. 34f .).
*) DaB Luther mit Jak. 2, 24 nichts anzufangen wufite, nimmt nicht wunder,
wenn man bedenkt, daB sich ihm schon 1518 in der Heidelberger .Disputation das
Problem menschlichen Seins vor Gott nur in der Alternative ,,Glau"be oder Werke
des Gesetzes ?" stellt: ,,Non ille iustus est, qui multum operatur, sed qui sine opere
multum credit in Christum" (Conclusio 25). Und dazu die Probatio. ,,Sine opere
sic volo intelligi, non quod iustus nihil operetur, sed quod opera eius non faciunt
eius iustitiam, sed potius iustitia eius facit opera. Sine enim opere nostro gratia et
fides infunditur, qua infusa iam sequuntur opera . . . quia opera, quae ex tali fide
facit, non sua sed Dei esse novit, Ideo non se per ilia iustificari aut glorificari
quaerit, sed Deum quaerit: sua sibi sufficit iustitia ex fide Christi . . ." (W.A. 1,
354. 364.) Dieser Alternative hat er mit einer Grundlichkeit nachgedacht, die
wohl kaum ihresgleichen in der Kirchengeschichte hat. Sogar die ,,lex facta in
spiritu" ist kein AnlaB gottlichen WohlgefalleL^', weil die Rechtfertigung in kemer
Weise sich an Gesetz und Gesetzeswerk, sondern allein an Christus gewinnen laBt :
71
Es bleiben noch. die beiden Schlufiverse, die sachlich. eine Ver-
scharfung der Paranese darstellen, V. 25 durch. einen zweiten Schrift-
beweis, V. 26 durch ein seelsorgerlicb.es und theologisches Urteil :
,,Est autem quaestio non, utrum lex vel opera rationia iustificent, sed an lex facta
in spiritu iustificet. Respondemus autem, quod non, et quod homo, qui per omnia
legem virtute Spiritus Sancti impleret, tamen debeat implorare misericordiam
Dei, qui constituit non per legem, sed per Christum salvare. Opera nunquam
reddunt cor quietum" (W.A. Tischreden 1, Nr. 85). Allein der Glaube rettet und
rechtfertigt, ,,quod per earn sic conglutineris Christo, ut ex te et ipso fiat quasi
una persona . . . Ita, ut haec fides Christum et me arctius copulet, quam maritus
est uxori copulatus . . ." (W.A. 40, 1, 285 f.). Und darum ,,Gratia dicit: ,Crede in
hunc,' et iam facta sunt omnia" (Conclusio 26 der Heidelberger Disputation;
W.A. 1, 354). Aber diese ,,facta" des Glaubens denn ,,per fidem infunditur
dilectio legis" rechtfertigen nicht, weil sie nicht unsere Werke skid nach Luthers
Auffassung: ,,nullum opus, nullum meritum affert ei hereditatem, sed sola nativi-
tas." Der Mensch erlangt nur durch Passivitat, nicht durch Aktivitat die himm-
lischen Giiter: ,,Atque ita mere passive, non active contingit ei haereditas . . .
Nihil enim f acit ad hoc, ut nascatur, sed tantum patitur. Itaque passive, non active
pervenimus ad ista aeterna bona, remissionem peccatorum, iustitiam, resur-
rectionis gloriam et ad vitam aeternam" (W. A. 40, 1, 597, 16).
Mit dieser Sicht, die den Lebensvorgang der Rechtfertigung nicht mehr in
der Vereinigung der beiden von Gott gewollten Pole ,,Ruf und Antwort" zu be-
greifen vermag und damit die Gefahr heraufbeschwort die sie gerade bannen
will ! , das irrationale Geheimnis menschlichen und christlichen Seins durch ein
im Grunde rationales Verstandnis der Alleinwirksamkeit Gottes zu zerstoren und
die Leugnung des Geistes vorzubereiten mit dieser Sicht kann unmoglich zu-
sammengeschaut werden, ,,an Abraham sit iustificatus ex operibus? Sicut dis-
putat Jacobus in sua Epistola" (W.A. 43, 231, zu Gen. 22, 12). Darum wirft Luther
Jakobus es als FehlschluB vor, aus Gen. 22, 12 zu folgern: Abraham sei zuvor
nicht gerecht gewesen" und ,,nun erst gerecht geworden nach diesem Gehorsam".
,,Quia enim dicitur: Nunc video te iustum, vult inde colligere, quod prius non
fuerit iustus. Sed facilis est responsio quam ipsa verba ostendunt. Aliud enim est
esse iustum, etiam Grammatice loquendo aliud cognoscere iustum, Abraham fuit
iustus fide, antequam cognoscitur a Deo talis. Igitur male Jacobus concludit
quod nunc demum iustificatus sit post istam oboedientiam, per opera enim, tan-
quam per fructus cognoscitur fides et iustitia. Non autem sequitur, ut Jacobus
delirat: Igitur fructus iustificant. Sicut non sequitur: ego agnosco arborem ex
fructu" (W.A. 43, 231). Luther schiebt bier Jakobus eine Ansicht zu, die er
gar nicht vertritt. Es ist schon bei der Exegese der Verse 22 und 23 erortert worden,
dafi Jakobus Gen. 22 als greifbare Konkretisierung des Glaubens versteht, der
schon Gen. 15 als mit dem Gehorsam vereinter Glaube Abrahams Gottes Recht-
fertigungsspruch erwirkte. Was Luthers These von der Erkenntnis des Gerecht-
fertigten in Gen. 22 im Unterschied zur Rechtfertigung selbst in Gen. 15
angeht er widmet der Darlegung dieser These einen unverhaltnismaBig grofien
Raum in seiner Auslegung , so ist sie exegetisch und theologisch unhaltbar. Die
72
,,Desgleichen die Hure Rahab, ist sie nicht auf Grund von Werken
gerechtfertigt warden, well sie die Boten aufnahm und liefi sie einen anderen
Weg hinaus i" (V. 25).
Voraussetzung der Eechtfertigung des Glaubenden durch Gott gerade auch
in Gen. 15, 6 ist, daB Gott ihn erkennt als das, was er ist. Und wenn Luther seine
Behauptung: ,,Abraham ist gerecht gewesen durch den Glauben, ehe derm er von
Gott gerecht erkannt wird", mit der Erklarung zu stiitzen versucht: ,,Vidit
Deus, ibi faciunt duplicem cognitionem, unam aeternam et invisibilem qua Deus
videt res, antequam existerent; alteram, qua intuetur res praesentes omnes crea-
turas vidit Deus, antequam fierent: et iam cum factae sunt, etiam videre sive
cognoscere dicitur. Ad eundem modum hie loquitur Deus: mine cognovi, hoc est:
mine probo et in effectu video te timere Deum" (W. A. 43, 231), so ist das eine
gekiinstelte Eintragung in den Text von Gen. 15 und 22, die sich nicht einmal
durchfuhren lafit. Denn dann hatte Gott in Gen. 15 nur die ,,Idee" der Gerechtig-
keit Abrahams vor sich gesehen, sie ware also in Abraham noch nicht wirklich
existent gewesen; dagegen spricht der einfache Wortlaut, der sagt, Abraham habe
sich glaubend dem Herrn iibereignet und uber dies Verhalten habe Gott das Urteil
der Gerechtigkeit gesprochen. Und in Gen. 22 hatte dahn Gott die wirklich exi-
stente Gerechtigkeit Abrahams ,,erkannt''. Aber nach Gen. 22, 1 stellte Gott ja
gerade eine Gerechtigkeit auf die Probe, die er bereits kannte, deren Bewahrung
in einer neuen Situation er nur priifen und ,,sehen" wollte, aber nicht die ,,rechten
Friichte" einer ihm bisher nur ,,ideell" bekannten Glaubensgerechtigkeit Abra-
hams. Calvin versucht V. 24 mit reformatorischem Rechtfertigungsverstandnis
gerecht zu werden: Gerechtfertigt wird der Mensch durch Werke, d. h. aus den
Friichten wird seine Gerechtigkeit erkannt und als giiltig erwiesen."
Ebenso Melan chthon : es wird nicht nur ,,iustitia fidei, sed etiam iustitia operum"
von Gott gefordert. Aber die ,,bona opera" gef alien Gott wegen ihrer Unvoll-
kommenheit nicht aus sich heraus, sondern ,,postquam personae placent", sie ge-
horen also nicht in den Eechtfertigungsakt (nach Engelland, a. a. O. S. 371).
Bengel erkennt die providentielle Sicherung gegen die perversitas humana, die
die PauHnische Verkiindigung des ,,sola fide" mifibraucht. ,,Diversus erat character
Jacobi et Pauli . . . Neque tamen idcirco inter se pugnare censendi sunt, ut facile
censere posset, quisquis aut Paulo aut Jacobo seorsum sese addixerit. Summa
potius cum reverentia et simplicitate et sine fastidio verborumque tortura utriusque
doctrinam ut apostolicam a Christo eiusque Spiritu profectam, suscipere debemus.
Uterque enim et vera et dextra scripserunt, sed alio alioque modo, ut qui etiam
cum vario hominum genere negotium haberent" (Gnomon zu Vers 14). Aber des
Jakobus Aufgabe ist nach ihm, den wahren lutherisehen Glaubenshegriff, der wohl
allein rechtfertigt, aber nicht allein bleibt, wach zu halten: ,,degeneres Lutheri
discipulos, qui fidem solam, non Paulinam, sed ab operibus.desolatam pro vexillo
habent, praevidens hoc loco notavit Scripture" (Gnomon zu Vers 24). J. Ger-
hard umschreibt V. 24 ganz reformatorisch-traditionell: ,,Fides cooperatur
Abrahami operibus non in actu iustificationis, Abraham enim jam turn erat iusti-
ficatus, sed in exercitio et declaratione iustitiae acceptae . . . fidem et opera oportet
ease coniuncta, verus enim Christianus is demjjm censendus, qui fidem in Christum
73
Das neue Beispiel aus der Schrift naeh dem summarisclien AbschluB
von V. 24 iiberrascht. Warum wahlt Jakobus es ? Wohl weniger, um
auch eine Frau anzufiihren (so Bengel). Jakobus kennt genau seine Leute
in den judenchristlichen Gemeinden. Sie werden seinem Hinweis auf
Abraham entgegenhalten : was fiir den Erzvater Abraham gilt, gilt nicht
fur uns kleine Leute ; an Abraham diirf en wir uns nicht messen. Diesem
fiir einen frommen Juden naheliegenden Einwand muB der Apostel nun
noch begegnen. Es ist ein Zeichen fiir seinen seelsorgerlichen Ernst und
fiir das Gewicht, das er seiner Belehrung fiir das geistliche Leben der
Gemeinden zumiBt, mit welcher Hartnackigkeit Jakobus immer wieder
jeden Fluchtversuch vor seinem Wort versperrt. Er steht darin seinem
judenchristlichen Mitapostel Paulus und dessen Bohren im Romer-
und Galaterbrief nicht nach. Jedem av&p<o7ro<; hat er in V. 24 seine Recht-
fertigungslehre verbindlich gemacht, sofern er zum erwahlten Volke
publice profitetur ac operibus professione illi consentaneis eandem demonstrat."
Erst Schlatter ubernimmt den Vers in seinem Vollgehalt: ,,Handeln muB der
Mensch nach Gottes Anweisung, dadurch wird ihm Gottes Gnade zuteil . . . Zu
streiten, ob das Werk oder der Glaube unentbehrlicher sei, ist Kinderei. Wer
Jesus liebhat, der hat beide Worte im Herzen: das des Paulus und das des Jako-
bus." Ebenso Kiib el : ,,Es ist klar, daB aus den Werken, nicht aus dem Glauben
allein, der Menscb. als das, was er ist, als Gerechter anerkannt wird." Man stimmt
heute in der Exegese weithin darin uberein, daB in V. 24 (wie auch in den Versen
vorher) von ,,Gegenwartsrechtfertigung die Eede ist und solche auf Grund der
Werke Abrahams zugesprochen wird." Man versucht auch nicht mehr die gegen-
satzlichen Formeha und Auffassungen bei Jakobus ,,als Polemik gegen Pseudo-
pauUnismus oder als MiBverstandnis des Paulus" zu verharmlosen bzw. zu ent-
werten". Aus der beiden gemeinsamen Fiihlung mit der synagogalen Tra-
dition kann durchaus diese besondere Behandlung der Frage mit ahnlichen Wen-
dungen erklart werden. ,,Man bleibt zunachst vor der Antinomie der Texte stehen,
ohne ihre Zusammengehorigkeit zu verstehen: Eine innere Gleichung zum Pau-
Mnischen Rechtfertigungsglauben und sehier neuen Erkenntnis Uegt bier nicht vor. . .
Schwerlich konnte Jakobus Abraham wie Paulus einen TUCTeiiovu im TOV
Sixatouvra TOV a.ae$rt (Rom. 4, 5) nennen, er ist ibm viehnehr ehi Frommer,
dessen Werke anerkannt werden" (Schrenk, Sixaioco bei Jakobus hl.Theol. Worter-
buch zum N. T., II, S. 223). Aber bedeutet theologischer Gegensatz notwendig
Spaltung un Geist und hi der Wahrheit ? Wie ware dann die Begegnung und das
Auseinandergehen der beiden Apostel auf dem Apostelkonvent (Act. 15, 1 35)
ernst zu nehmen, auf dem die theologischen Gegensatze nicht ,,ausgeghchen" und
,,bereinigt" wurden, aber man dennoch zu gegenseitiger Anerkennung und gemehi-
samem Handehi kam ? XJberholt ist jedenfalls die Auffassung: ,,V. 24 steht mit
Rom. 3, 28 wirklich nicht hi Einklang, aber nicht weil ehie verschiedene Lehre
gelehrt whd, sondern weil beide apostolische Manner volhg disparate Lehr-
objekte haben, welche sie gleichwohl mit demselben Namen bezeichnen" (Vihnar).
74
Gottes gehort. DaB damit niclit nur der ,,Heros" des Glaubens, sondern
auch der durchschnittliche ,,kleine" Mensch der Gemeinde gemeint sei,
muB die Gemeinde nun noch ,,erkennen" (V. 20) an dem Beispiel des
wahrlich durchschnittlichen ,,kleinen" Menschen Rahab, der kanaanai-
schen Heidin und Hure aus Jericho. 1 ) Das Beispiel Rahabs ist tra-
ditioneller jtidischer Frommigkeit ebenso vertraut wie die Gestalt
Abrahams (vgl. Hebr. 11). Nun wiederholt Jakobus den an Abraham
durchgefuhrten Schriftbeweis an der Geschichte dieser Heidin (Jos. 2).
Auch Rahab glaubte und bekannte ihren Glauben ubereinstimmend
mit dem Glaubensbekenntnis der Kundsch'after aus dem Volke Israel
(Jos. 2, 9ff.). Aber ihr Glauben macht sie willig zum Gott gefallenden
Tun. Sie rettet die Kundschafter Israels vor ihren heidnischen Lands-
leuten: ein entschlossenes, nicht ungefahrlich.es Verhalten, das fiir ihre
Verhaltnisse ebenso die Bereitschaft zur Selbstverleugnung und zum
Einsatz fiir Gottes Belange 33 durch Glauben" (Hebr. 11, 31) zeigt wie
die Hingabe Isaaks dur.ch den glaubenden Abraham. Um dieses wirken-
den Glaubens willen wird Rahab die Errettung aus dem Gottesgericht
tiber Jericho und das Leben in der Gemeinschaft des Gottesvolkes zu-
gesprochen und gewahrt (Jos. 2, 14; 6, 22 ff.). ,,TJnd sie wohnt in Israel
bis auf diesen Tag, darum daB sie die Boten verborgen hatte," d. h.
j,dureh den Glauben ward sie nicht verloren mit den Unglaubigen"
(Hebr. 11, 31). ,,Nicht, was Rahab dachte und erkannte und als Ge-
wiBheit empfangen hatte, rettete sie, sondern nur dies, daB sie den
israelitischen Mannern ihr Haus offnete und das Leben sieherte"
(Schlatter). Wiederum bestreitet Jakobus nicht, daB der Glaube der
,,Mitarbeiter" (V. 22) an diesem Wollen und Wirken war; aber die
Wiirdigkeit, aus der Verwerfung Jerichos gerettet und in die Lebens-
gemeinschaft seines Heiligtums und Volkes versetzt zu werden, d. h.
ihre Stxoaoixn?, wurde ihr von Gott nur darum zuerkannt, weil ihr Glaube
J ) ,,Wohlbedachterweise hat er zwei so unterschiedliche Personen miteinander
verbunden, um den Beweis desto schlagender zu machen, daB kein einziger, welcher
Lage, welchem Volke oder Stande er angehoren mochte, jemals ohne gute Werke
zu den Gerechten oder Glaubigen gezahlt worden sei ... Wer immer als gerecht
beurteilt werden will wenn auch nur, urn unter den Letzten noch ein Platzchen
zu finden , der muB mit guten Werken sich als gerecht erweisen" (Calvin, a. a. O.,
S. 34), freilich niit seinem Verstandnis dessen,- was Jakobus beweisen will: ,,Wir
behaupten, daB bier iiberhaupt iiber den Weg, auf dem man Gerechtigkeit erlangt,
gar nicht verhandelt werde. Wir gestehen wohl zu, daB in der Tat zur Gerechtig-
keit gute Werke verlangt werden; aber wir sprechen ihnen die Kraft ab, Gerechtig-
keit zu bringen, weil sie doch vor Gottes Uxieil nicht bestehen konnen."
75
Es bleiben noch die beiden SchluBverse, die sachlich eine Ver-
scharfuiig der Paranese darstellen, V. 25 durch einen zweiten Schrift-
beweis, V. 26 durch ein seelsorgerlicb.es und theologisches TJrteil:
,,Est autem quaestio non, utrum lex vel opera rationia iustificent, sed an lex f acta
in spiritu iustificet. Respondemus autem, quod non, et quod homo, qui per omnia
legein virtute Spiritus Sancti impleret, tamen debeat implorare misericordiam
Dei, qui constituit non per legem, sed per Christum salvare. Opera nunquam
reddunt cor quietum" (W.A. Tischreden 1, Nr. 85). AHein der Glaube rettet und
rechtfertigt, ,,quod per earn sic conglutineris Christo, ut ex te et ipso fiat quasi
una persona . . . Ita, ut haec fides Christum et me arctius copulet, quam maritus
est uxori copulatus . . ." (W.A. 40, 1, 285 f.). Und darum ,,Gratia dicit: ,Crede in
hunc,' et iam facta sunt omnia" (Conclusio 26 der Heidelberger Disputation;
W.A. 1, 354). Aber diese ,,facta" des Glaubens denn ,,per fidem infunditur
dilectio legis" rechtfertigen nicht, weil sie nicht unser e Werke sind nach Luthers
Auffassung: ,,nulluni opus, nullum meritum affert ei hereditatem, sed sola nativi-
tas." Der Mensch erlangt nur durch Passivitat, nicht durch Aktivitat die TifmTn-
lischen Giiter: ,,Atque ita mere passive, non active contingit ei haereditas . . .
Nihil enim f acit ad hoc, ut nascatur, sed tantum patitur. Itaque passive, non active
pervenimus ad ista aeternd; bona, remissionem peccatorum, iustitiam, resur-
rectionis gloriam et ad vitam aeternam" (W. A. 40, 1, 597, 16).
Mit dieser Sicht, die den Lebensvorgang der Rechtfertigung nicht mehr in
der Vereinigung der beiden von Gott gewollten Pole ,,Ruf und Antwort" zu be-
greifen vermag und damit die Gefahr heraufbeschwort die sie gerade bannen
will ! , das irrationale Geheimnis menschlichen und christlichen Seins durch ein
im Grande rationales Verstandnis der Alleinwirksamkeit Gottes zu zerstoren und
die Leugnung des Geistes vorzubereiten mit dieser Sicht kann unmoglich zu-
sammengeschaut werden, ,,an Abraham sit iustificatus ex operibus? Sicut dis-
putat Jacobus in sua Epistola" (W.A. 43, 231, zu Gen. 22, 12). Darum wirft Luther
Jakobus es als FehlschluB vor, aus Gen. 22, 12 zu folgern: ,,Abraham sei zuvor
nicht gerecht gewesen" und ,,nun erst gerecht geworden nach diesem Gehorsam".
,,Quia enim dicitur: Nunc video te iustum, vult inde colligere, quod prius non
fuerit iustus. Sed facilis est responsio quam ipsa verba ostendunt. Aliud enim est
esse iustum, etiam Grammatice loquendo aliud cognoscere iustum, Abraham fuit
iustus fide, antequam cognoscitur a Deo talis. Igitur male Jacobus concludit
quod nune demum iustificatus sit post istam oboedientiam, per opera enim, tan-
quam per fructus cognoscitur fides et iustitia. Non autem sequitur, ut Jacobus
deh'rat: Igitur fructus iustificant. Sicut non sequitur: ego agnosco arborem ex
fructu" (W.A. 43, 231). Luther schiebt bier Jakobus eine Ansicht zu, die er
gar nicht vertritt. Es ist schon bei der Exegese der Verse 22 und 23 erortert worden,
daB Jakobus Gen. 22 als greifbare Konkretisierung des Glaubens versteht, der
schon Gen. 15 als mit dem Gehorsam vereinter Glaube Abrahams Gottes Recht-
fertigungsspruch erwirkte. Was Luthers These von der Erkenntnis des Gerecht-
fertigten in Gen. 22 im Unterschied zur Rechtfertigung selbst in Gen. 15
angeht er widmet der Darlegung dieser These einen unverhaltnismafiig grofien
Raum in seiner Auslegung , so ist sie exegetisch und theologisch unhaltbar. Die
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,,Desgleichen die Hure Rahab, ist sie nicht auf Grund von Werken
gerechtfertigt warden, well sie die Boten aufnahm und lief} sie einen anderen
Weg hinaus*" (V. 25).
Voraussetzung der Rechtfertigung des Glaubenden durcli Gott gerade auch
in Gen. 15, 6 ist, daB Gott ihn erkennt als das, was er ist. Und wenn Luther seine
Behauptung: ,,Abraham ist gerecht gewesen durch den Glauben, ehe denn er von
Gott gerecht erkannt wird", mit der Erklarung zu stiitzen versucht: ,,Vidit
Deus, ibi faciunt duplicem cognitionem, imam aeternam et invisibilem qua Deus
videt res, antequam existerent; alteram, qua intuetur res praesentes omnes crea-
turas vidit Deus, antequam fierent: et iam cum factae sunt, etiam videre sive
cognoscere dicitur. Ad eundem modum hie loquitur Deus: nunc cognovi, hoc est:
mine probo et in effectu video te timere Deum" (W. A. 43, 231), so ist das eine
gekiinstelte Eintragung in den Text von Gen. 15 und 22, die sich nicht einmal
durchfuhren laBt. Denn dann hatte Gott in Gen. 15 nur die ,,Idee" der Gerechtig-
keit Abrahams vor sich gesehen, sie ware also in Abraham noch nicht wirklich
existent gewesen; dagegen spricht der einfache Wortlaut, der sagt, Abraham habe
sich glaubend dem Herrn iibereignet und fiber dies Verhalten habe Gott das Urteil
der Gerechtigkeit gesprochen. Und in Gen. 22 hatte dahn Gott die wirklich exi-
stente Gerechtigkeit Abrahams ,,erkannt' c . Aber nach Gen. 22, 1 stellte Gott ja
gerade eine Gerechtigkeit auf die Probe, die er bereits kannte, deren Bewahrung
in einer neuen Situation er nur prufen und ,,sehen" wollte, aber nicht die ,,rechten
Friichte" einer ibm bisher nur ,,ideell" bekannten Glaubensgerechtigkeit Abra-
hams. Calvin versucht V. 24 mit reformatorischem Reehtfertigungsverstandnis
gerecht zu werden: Gerechtfertigt wird der Mensch durch Werke, d. h. aus den
Friichten wird seine Gerechtigkeit erkannt und als giiltig erwiesen."
Ebenso Melanchthon: es wird nicht nur ,,iustitia fidei, sed etiam iustitia operum"
von Gott gefordert. Aber die ,,bona opera" gef alien Gott wegen ihrer Unvoll-
kommenheit nicht aus sich heraus, sondern ,,postquam personae placent", sie ge-
horen also nicht in den Rechtfertigungsakt (nach Engelland, a. a. O. S. 371).
Bengel erkennt die providentielle Sicherung gegen die perversitas humana, die
die PauHnische Verkundigung des ,,sola fide" mifibraucht. ,,Diversus erat character
Jacobi et Pauli . . . Neque tamen idcirco inter se pugnare censendi sunt, ut facile
censere posset, quisquis aut Paulo aut Jacobo seorsum sese addixerit. Summa
potius cum reverentia et simplicitate et sine fastidio verborumque tortura utriusque
doctrinam ut apostolicam a Christo eiusque Spiritu profectam, suscipere debemus.
Uterque enim et vera et dextra scripserunt, sed alio alioque modo, ut qui etiam
cum vario hominum genere negotium haberent" (Gnomon zu Vers 14). Aber des
Jakobus Aufgabe ist nach ihm, den wahren lutherischen Glaubensbegriff, der wohl
allein rechtfertigt, aber nicht allein bleibt, wach zu halten: ,,degeneres Lutheri
discipulos, qui fidem sol am, non Paulinam, sed ab operibus desolatam pro vexillo
habent, praevidens hoc loco notavit Scripture" (Gnomon zu Vers 24). J. Ger-
hard umschreibt V. 24 ganz reformatorisch-traditionell: ,,Pides cooperatur
Abrahami operibus non in actu iustificationis, Abraham enim jam turn erat iusti-
ficatus, sed in exercitio et declaratione iustitiae acceptae . . . fidem et opera oportet
esse coniuncta, verus enim Christianus is demum censendus, qui fidem in Christum
73
Das neue Beispiel aus der Schrift nach dem summarisclien AbschluB
von V. 24 tiberrascht. Warum wah.lt Jakobus es ? Wohl weniger, um
auch eine Fran anzufiihren (so Bengel). Jakobus kennt genau seine Leute
in den judenchristlichen Gemeinden. Sie werden seinem Hinweis auf
Abraham entgegenhalten : was fur den Erzvater Abraham gilt, gilt nicht
f iir uns kleine Leute ; an Abraham diirf en wir uns nicht messen. Diesem
fiir einen frommen Juden naheliegenden Einwand mufi der Apostel nun
noch begegnen. Es ist ein Zeichen fiir seinen seelsorgerlichen Ernst und
fiir das Gewicht, das er seiner Belehrung fiir das geistliche Leben der
Gemeinden zumiBt, mit welcher Hartnackigkeit Jakobus immer wieder
jeden Fluchtversuch vor seinem Wort versperrt. Er steht darin seinem
judenchristliehen Mitapostel Paulus und dessen Bohren im Romer-
und Galaterbrief nicht nach. Jedem av&pea7ro<; hat er in V. 24 seine Recht-
fertigungslehre verbindlich gemacht, sofern er zum erwahlten Volke
publice profitetur ac operibus professione illi consentaneis eandem demonstrat."
Erst Schlatter ubernimmt den Vers in seinem Vollgehalt: ,,Handeln muB der
Mensch nach Gottes Anweisung, dadurch wird ihm Gottes Gnade zuteil . . . Zu
streiten, ob das Werk oder der Glaube unentbehrlicher sei, ist Kinderei. Wer
Jesus liebhat, der hat beide Worte im Herzen: das des Paulus und das des Jako-
bus." Ebenso Kubel: ,,Es ist klar, daB aus den Werken, nicht aus dem Glauben
allein, der Mensch als das, was er ist, als Gerechter anerkannt wird." Man stimmt
heute in der Exegese weithin darin uberein, daB in V. 24 (wie auch in den Versen
vorher) von ,,Gegenwartsrechtfertigung die Rede ist und solche auf Grund der
Werke Abrahams zugesprochen wird." Man versucht auch nicht mehr die gegen-
satzlichen FormeLa und Auffassungen bei Jakobus ,,als Polemik gegen Pseudo-
paulinismus oder als MiBverstandnis des Paulus" zu verharmlosen bzw. zu ent-
werten". Aus der beiden gemeinsamen Fiihlung mit der synagogalen Tra-
dition kann durchaus diese besondere Behandlung der Frage mit ahnlichen Wen-
dungen erklart werden. ,,Man bleibt zunachst vor der Antinomie der Texte stehen,
ohne ihre Zusammengehorigkeit zu verstehen: Eine innere Gleichung zum Pau-
linischen Rechtfertigungsglauben und seiner neuen Erkenntnis h'egt hier nicht vor. . .
Schwerlich konnte Jakobus Abraham wie Paulus einen TUCTEUOVTI im TOV
SLxatouvTa TOV cxaepv] (Rom. 4, 5) nennen, er ist ihm vielmehr ein Frommer,
dessen Werke anerkannt werden" (Schrenk, Stxaioto bei Jakobus in : Theol. Worter-
buch zum N. T., II, S. 223). Aber bedeutet theologischer Gegensatz notwendig
Spaltung im Geist und in der Wahrheit ? Wie ware dann die Begegnung und das
Auseinandergehen der beiden Apostel auf dem Apostelkonvent (Act. 15, 1 35)
ernst zu nehmen, auf dem die theologischen Gegensatze nicht ,,ausgeglichen" und
,,bereinigt" wurden, aber man dennoch zu gegenseitiger Anerkennung und gemem-
samem Handeln kam ? tJberholt ist jedenfalls die Auffassung: ,,V. 24 steht mit
Rom. 3, 28 wirklich nicht in Einklang, aber nicht weil eme verschiedene Lehre
gelehrt wird, sondern weil beide apostolische Manner vollig disparate Lehr-
objekte haben, welche sie gleichwohl mit demselben Namen bezeichnen" (Vihnar).
74
Gottes gehort. DaB damit nicht nur der ,,Heros" des Glaubens, sondern
auch der durchschnittliche , 3 kleine" Mensch der Gemeinde gemeint sei,
muB die Gemeinde nun noch 3 ,erkennen" (V. 20) an dem Beispiel des
wahrlich durchsehnittlichen ,,kleinen t Menschen Rahab, der kanaanai-
schen Heidin und Hure aus Jericho. 1 ) Das Beispiel Rahabs ist tra-
ditioneller jiidischer Erommigkeit ebenso vertraut wie die Gestalt
Abrahams (vgl. Hebr. 11). Nun wiederholt Jakobus den an Abraham
durchgefiihrten Schriftbeweis an der Geschichte dieser Heidin (Jos. 2).
Auch Rahab glaubte und bekannte ihren Glauben ubereinstimmend
mit dem Glaubensbekenntnis der Kundschafter aus dem Volke Israel
(Jos. 2, 9ff.). Aber ihr Glauben macht sie willig zum Gott gefallenden
Tun. Sie rettet die Kundschafter Israels vor ihren heidnischen Lands-
leuten: ein entschlossenes, nicht ungefahrlich.es Verhalten, das fur ihre
Verhaltnisse ebenso die Bereitschaft zur Selbstverleugnung und zum
Einsatz fiir Gottes Belange ,,dureh Glauben" (Hebr. 11, 31) zeigt wie
die Hingabe Isaaks dur.ch den glaubenden Abraham. Um dieses wirken-
den Glaubens willen wird Rahab die Errettung aus dem Gottesgericht
iiber Jericho und das Leben in der Gemeinschaft des Gottesvolkes zu-
gesprochen und gewahrt (Jos. 2, 14; 6, 22ff.). ,,TJnd sie wohnt in Israel
bis auf diesen Tag, darum daB sie die Boten verborgen hatte," d. h.
,,durch den Glauben ward sie nicht verloren mit den Unglaubigen"
(Hebr. 11,3-1). ,^Nicht, was Rahab dachte und erkannte und als Ge-
wiBheit empfangen hatte, rettete sie, sondern nur dies, daB sie den
israelitischen Mannern ihr Haus offnete und das Leben sicherte"
(Schlatter). Wiederum bestreitet Jakobus nicht, daB der Glaube der
,,Mitarbeiter" (V. 22) an diesem Wollen und Wirken war; aber die
Wiirdigkeit, aus der Verwerfung Jerichos gerettet und in die Lebens-
gemeinschaft seines Heiligtums und Volkes versetzt zu werden, d. h.
, wurde ihr von Gott nur darum zuerkannt, well ihr Glaube
x ) ,,Wohlbedacliterweise hat er zwei so unterscMedliclie Personen miteinander
verbunden, um den Beweis desto schlagender zu maclien, daB kein einziger, welcher
Lage, welchem Volke oder Stande er angehoren mochte, jeinals ohne gute Werke
zu den Gerechten oder Glaubigen gezahlt worden sei . . . Wer immer als gerecht
beurteilt werden will wenn aucb. nur, um unter den Letzten noch ein Platzchen
zu finden , der mufi mit guten Werken sicb als gerecbt erweisen" (Calvin, a. a. 0.,
S. 34), freilich mit seinem Verstandnis dessen,- was Jakobus beweisen will: ,,Wir
behaupten, daB bier iiberhaupt iiber den Weg, auf dem man Gerechtigkeit erlangt,
gar nicht verhandelt werde. Wir gestehen wohl zu, daB in der Tat zur Gerechtig-
keit gute Werke verlangt werden; aber wir sprechen ihnen die Kraft ab, Gerechtig-
keit zu bringen, weil sie doch vor Gottes Urteil nicht bestehen konnen."
75
den Willen zum Werk einschloB und mit sich brachte. Wie auch dem
neutestamentlichen Zollner Zachaus und der neutestamentlichen Dirne
(Luk. 19 und 7) ihre Friichte der BuBe und ihr Werk der Liebe die
Riickgabe des Gestohlenen, das Dankopfer der Salbung zum AnlaB
fiir Jesus werden, ihnen den rechtskraftigen und gewiBmachenden
Zuspruch der Siindenvergebung und der Rettung zuzusprechen, der die
gottliche Rechtfertigung ist. Nur Jesum liebender und Gottes Willen
tuender Glaube empfangt zu eigentlichem Besitz und in personlicher
GewiBheit, was er glaubend ergreift und sich aneignet. 1 ) ,jlhr sind viele
*) ,,Die in Gottes Lieben begriindete Wiederliebe ist die Gottebenbildlichkeit
des Menschen. Die Liebe ist die Einheit aller seelischen Funktionen des Menschen.
Liebe ist Erkennen, Wollen und Fiihlen und nur die Liebe ist das. Liebe ist
Geistigkeit als personliche . . . Person ist die . . . das Vernunft-Ich, die Individuali-
tat . . . umspannende Liebe. Gibt es doch kein anderes wahrhaft personhaftes
Verhalten als die Liebe. Personsein im vollen Sinn und Lieben ist eins. Denn
Personsein ist ... ein Verhaltnis, etwas nicht vom Ich aus, sondern nur vom
Ich-Du aus zu Begreifendes" (E. Brunner, Gott und Mensch, S. 91f.). Erst der
in dieser echt personhaften Bewegung der GottesKebe befindliche Mensch ,,emp-
fangt" das gottliche Ja als GewiBheit: die Bechtfertigung. Vgl. dazuMark. 11, 25-26,
wonach die GewiBheit des Stehens im Stande der Versohnung abhangig gemacht
wird von der Bereitschaft zur Versohnung mit dem Nachsten.
Hierher gehort auch die reformatorische Verhandlung iiber die zur Reeht-
fertigung notwendigen ,,Werke" der Bufie: die contritio bzw. attritio cordis, die
confessio oris und die satisfactio operis. Luther und die Bekenntnisschriften sind
im Recht, wenn sie diese Voraussetzungen als ,,opera legis", als menschliche An-
strengungen und Vorbereitungen, die innerhalb ernes als Pflichtverhaltnis ver-
standenen Verkehrs mit Gott die Rechtfertigung ,,erwerben" sollen, bestreiten.
Damit ist aber dem neutestamentlichen Tatbestand noch nicht Geniige getan.
Eine Reehtfertigung ohne Reue, Siindenbekennntis und Genugtuung ist nicht der
Lebens- und Schopfungsvorgang ,,im Geiste", den die Heilige Schrift als ,,Reeht-
fertigung" kennt. Fur sie vollzieht sich das ganze Christusgeheimnis des glaubigen
und liebenden Menschen auch in diesen Akten des Glaubigen. Auch Luther ist
dieser Sachverhalt durchaus vertraut, wenn er z. B. sagen kann: ,,Siinde bekennen
und gerecht sein ist em und dasselbe" (W.A. 3, 409, 33). ,,Confessio enim opus
fidei praecipium, qua homo negat se et confitetur Deum ac ita negat et confitetur,
ut etiam vitam et omnia neget, antequam se affirmet. Moritur enim in confessione
Dei et abnegatione sui. Quomodo enim potest fortius se abnegare quam moriendo
pro confessione Dei ? Tune enim relinquit se, ut stet Deus et confessio eius" (Romer-
briefvorlesung II, 245, 18); und: ,,Tota nostra operatic confessio" (Hebraerbrief-
vorlesung 1517-1518, ed. Hu-sch-Riickert, 138, 6), und zwar als Gnadentat des uns
erlosenden Gottes: ,,te laudant, confitentur, sanctificant, magnificant: quod
tamen totum est opus tuum in eis" (Hebraerbriefvorlesung, 1517-1518, 138, 12).
,,Confessio und Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, sind identisch" (Der confessio-
Begriff des jungen Luther, 1513-1522, Erich Vogelsang in Luther- Jahrbuch 1930,
76
Siinden vergeben, denn sie hat viel geliebt . . . Und er spracli zu ihr :
Dir sind deine Siinden vergeben." ,,Siehe Herr, die Halfte meiner Giiter
gebe ich den Armen, und so ich jemand betrogen habe, das gebe ich
vierfaltig wieder. Jesus aber sprach zu ihm: Heute 1st diesem Hause
Rettung widerfahren." In beiden Fallen bewirkte der Glaube die Ret-
tung (Luk. 7, 50), aber nicht der Glaube ,,fur sich allein", sondern der
durch Liebe wirksame Glaube: er war ,,in Christo Jesu" an den beiden
Siindern so ,,gewichtig" (laybei), daB sie das Urteil der Versohnung,
der Rettung und die Segnung des Friedens durch den Mund Jesu empfin-
gen. Gottes ,,Empfangms" ist die Einheit von Gabe und Hingabe an
die Gabe. Die Verwendung der Rahabgeschichte bestatigt riick-
wirkend die Eichtigkeit der Auslegung von V. 22 und 23, wonach Jako-
bus das Opfer Abrahams nicht als einen ,,H6hepunkt" (so Otto Michel,
Der Brief an die Hebraer, 1936, S. 168), sondern als die einfache Er-
scheinung und Bewahrheitung des Glaubens aufgefafit hat, der ihn schon
S. 91 ff .). Danach ist auch fur Luther die ,,Rechtfertigung allein durch den Glauben"
nicht ohne das ,,opus fidei" der Reue und Beichte vollzogen und die Apologie
der A. C. hat dasselbe bekanntlich unermiidlich ausgesprochen. Aber die theo-
logische Formulierung Luthers und der lutherischen Bekenntnisse, die das ,,sola
fide" dann kontradiktorisch zur Wirksamkeit des im geistgewirkten Rechtferti-
gungsprozesse stehenden Menschen fafit, gibt diesen erkannten und erlebten
Sachverhalt der Reformatoren nicht wieder. Katholische Theologen von heute
Tvissen besser um dies Geheimnis der Rechtfertigung als Gottes Werk als spat-
mittelalterliche Theologie. Sehr fein hat Romano Guardini diesen neutestament-
lichen Sachverhalt ausgesprochen: nach ihm ist z. B. die Reue ,,ein Ort, wo der
Dornbusch brennt", wo das Geheimnis des lebendigen Gottes am Werk ist. ,,Die
Reue entspricht im Menschen der Verzeihung in Gott. Zum lebendigen Gott, der
fahig ist, zu verzeihen, gehort der lebendig glaubende Mensch, der fahig ist, zu be-
reuen. Beides ist ein einziges Geheimnis heiligen Lebens. Und die
Reue ist selbst Gabe. Wenn der Mensch mit seiner Reue zu Gott kommt, ist der
lebendige Gott schon in ihm, und hat ihm die Reue geschenkt" (Vom lebendigen
Gott, 1936, S. 61ff.). Das ist doch wohl nichts anderes als das, was Paul Althaus
mit dem Satz meint: ,,Unser Geben an Gott ist nur uneigentlieh unser Geben. Er
.steht nicht nur vor uns, wenn wk ihm geben wollen, er steht auch hinter unserem
Geben. Auch unser sogenanntes Geben an Gott ist im Ernste nur ein Nehmen von
ihTn. Die Rechtfertigungslehre bedeutet also eine einfache Anwendung des Satzes
von der Alleinwirksamkeit Gottes" (Theologische Aufsatze II, S. 161), freilich
die ,,Alleinwirksamkeit" Gottes nicht rational verkurzt als Determioismus und
reine Passivitat des Menschen, sondern als das Geheimnis gottlicher Schopfung
im Miteinander und Zueinander von Gott und Mensch ,,begriffen" ! So ,,begriffen"
.gilt das Wort Augustins: ,,Cum deus coronat merita nostra pibi] aliud coronat
quam munera sua."
77
nach Gen. 15, 6 Gott-recht machte und rettete. Gen. 22 1st nichts
,,Neues", es 1st das ,,Alte" von Gen. 15, 6, wiederholt in neuer Kon-
kretisierung, wie auch Rahabs Einsatz fur die Israeliten die konkrete
Gestalt des Glaubens an Gottes Jawort zu ihr ist, der ihr Gottes Ja zur
personlichen Gabe und Erfahrung macht. Hatte ihrem Glauben diese
konkrete Gestalt des Einsatzes fur Gottes Volk gemangelt (Jos. 2, 20),
ware sie nicht gerechtfertigt worden, so wenig, wie Simon den Zuspruch
der Vergebung der Slinden empfangen durfte! Denn ,,du hast mir nicht
Wasser gegeben zu meinen FiiBen . . ., du hast mir keinen KuB ge-
geben . . ., du hast mein Haupt nicht mit Ol gesalbt ..." Der Mangel
an Liebe offenbart Gottes Auge den Mangel des Willens und des Herzeris,
ganz dem zu gehoren und von dem sich beschenken zu lassen, den der
Glaube erkennt und ergreift, wogegen der Reichtum der Liebe den
Glaubenden als den bestatigt, als den er sich ausgibt: als einen Men-
schen, der im Glauben lebt von und fiir Gottes Gnade; denn nur er kann
Reichtum der Liebe haben, weil in sein Herz ,,die Liebe Gottes aus-
gegossen ist durch den Heiligen Geist" (Rom. 5, 5). Darum gibt Gott
allein der Liebe (aus Glauben) die GewiBheit seiner Liebe: die GewiBheit
der Vergebung und den GenuB Seines Friedens. Diese Verkiindigung
des Lukas ist auch die des Jakobus, wenn er lehrt, Abraham und Rahab
seien ,,auf Grund von Werken gerechtfertigt worden", weil Abraham
seinen Sohn Isaak opferte und Rahab die Kundschafter Israels verbarg
und rettete. 1 ) Durch den neuen Schriftbeweis ist die Gemeinde unbedingt
1 ) Wenn Schlatter zu Luk. 7, 47, a<pe<ovrai cd a(zapTiai auryjs cm TjyaTryjaev
bemerkt: ,,Ein AnstoB an der kausalen Kraft dieses ,weil' entsteht nur dann, wenn
die bewegten, hin und her laufenden Beziehungen des lebendigen Verkehrs
in eine Reihe erstarrter Begriff e verwandelt werden. Freilich war Jesus nicht
deshalb der Vergebende, weil seine FiiBe gekuBt, gesalbt und mit Tranen gewaschen
wurden. Er war es durch das, was er selber in seiner Sendung durch den Vater in
jener Vollmacht war, die ihm das Recht gab, auf Erden zu sagen: ,Dir ist vergeben.'
Hatte iVm die Frau nicht in. dieser seiner Volhnacht erkannt, so hatte sie ihm nicht
ihre gliihende laebe zugetragen. Nun hat er aber diese vor sich, und nun ist die
Frage die, wie er sie werte, ob er sie sich wohlgefallen lasse, obwohl es die Liebe
einer Verschuldeten war. Wie soil er die Liebe entwerten und zertreten, wenn sie
das ist, was er schaffen will und was er selbst geschaffen hat ? Er hat sie nicht ver-
nichtet, sondern dadurch wirksam gemacht, dafi er ihr seme Gabe gab. Dadurch
bekommt dieses ,weil', ,weil sie viel liebte', hochst reales Gewicht ... Es ist das
,weil', mit dem Jesus der Siinderin ihre Liebe als den Grund beschrieb, durch den
sie die Vergebung empfangt und behalt," so ist damit auf mehrere Hintergriinde
hingewiesen, die es reformatorischer und nachreformatorischer Theologie bis heute
verwehrten, sich die Gedanken des Jakobus anzueignen (Schlatter, Das Evan-
,78 " ' ..... . ,. ....
gewiesen, die Anschauung des Apostels vom Glauben und von der Reeht-
fertigung als fur sie gultig anzunebmen. V. 26 nimmt mit seiner SchluB-
folgerung in scbarferer Formulierung V. 17 auf und stellt die Gemeinde
vor ein seelsorgerlicb.es Urteil, das ibr zum gottlicben BuBruf werden
muB:
,,Denn gleichwie der Leib ohne Geist tot ist, also ist auch der Glaube
ohne Werke tot 1 ' (V. 26).
Durch die vorangegangenen Auseinandersetzungen und Schrift-
beweise wird noch einmal der bereits ausgesprochene Gedanke aus V. 17
unterstricben und durcb ein anschauliches Gleichnis vor die Seele der
Gemeinde gestellt: der Glaube ,,fur sich allein" ist nutz- und wirkungslos
im gottlichen Gericht. Jakobus spricht vom Nutzen des gegenwartigen
Glaubens im kunftigen Endgericht, von der Reehtfertigung des Glauben-
den, die, in der Recbtfertigung des Eschaton zur Offenbarung kommt.
Mit diesem Gebrauch des Glaubens" und der ,,Rechtfertigung" wird
erkennbar, daB Jakobus das Recbtfertigungsgescbehen wie die ubrigen
neutestamentlichen Zeugen versteht: als das im Geist geschehende
gegenwartige Geheimnis gottlichen Gerichtshandelns am Menschen ,,in
Christo", das in der Verhandlung des Endgerichts nach den gleichen
MaBstaben 'und Ordnungen wie im alten Aon vollzogen zu seiner
endgiiltigen 5 ,Enthullung", ,,Erfullung" und ,,Erscheinung" gebracht
wird durch den, dem das Gericbt seit Himmelfahrt und Pfingsten
,,gegeben ist": Christus. 1 ) Das von Jakobus benutzte Gleichnis hat seit
der reformatorischen Beschaftigung mit V. 26 oft Ablebnung gefunden,
well man es von falschen tbeologischen Voraussetzungen aus und mit
einem unklaren Blick fur das-Wollen des Jakobus falsch verstand. 2 )
gelium des Lukas, 1931, S. 263f.). Diese Kritik Schlatters an dem ,,atiologischen
Denken" der Reformatoren, das aus der gottlichen Lebensbewegung der Recht-
fertigung ,,eine Veranstaltung macht, deren kausale Struktur nunmehr aufgezeigt
werden kann' (Ernst Wolf), hat H. E. Weber als Neutestamentler und Dogmatiker
an der Entwicklung ref ormatoriseher Verkiindigung zu orthodoxer Rechtf ertigungs-
theorie (iustificatio imputativa!) dargestellt (vgl. ,,Von der Reformation zurOrtho-
doxie", 1. Halbband, 1937).
x ) Es zeigfc sich bei Jakobus wie bei Paulus : ,,daB Sixai6co ein eschatologischer
Terminus bleibt und dafi das Gerechtsprechen Gottes, das im Kreuze erfolgt, das
jetzt geglaubt wird und als Gegenwartsgabe feststeht, als endgultiger, vollendeter
Freispruch im Endgericht erwartet wird" (Schrenk, Theol. Worterbuch z. N. T. II,
S. 222).
2 ) ,,Er gibt ein Gleichnis: sicut corpus non vivit sme anima, ita fides nihil
est sme operibus . . . Wie ein arme similitude ist das ! Conf ert fidem corpori,
79
Was aber wollte Jakobus sagen ? Ein Gleichnis, das einen Gedanken
veranschaulichen soil, den Gedanken des Regungslosen; rnit cdcrcrep
leitet der Apostel den Satz ein. Die Regungslosigkeit und Unwirksamkeit
eines Glaubens fur den Christen, der ihn hat, und fiir Gott, der ihn an-
sieht, soil veranschaulicht werden, nicht das innere Verhaltnis von Glau-
ben und Handeln. Eben das interessierte freilich Luther zu seiner Zeit
in erster Linie, und darum las er jene Absicht der Erklarung in den
Jakobustext hinein und stiefi sich an Kanten, die gar nicht vorhanden
waren. Viele Ausleger sind ihm bis in die Neuzeit darin gefolgt. 1 ) Aber
des Apostels Interesse konzentriert sich auf die Veranschaulichung
eines regungslosen Glaubens vor dem Richtstuhl des lebendigen Gottes
wie in V. 15 f. auf die eines nutzlosen Glaubens. So wie der menschliche
Leib ohne den Lebensgeist regungslos und im Begriff ist, in den Zustand
der Verwesung uberzugehen, so ist der Glaube des Christen, wenn er ge-
trennt vom Wirken ist, regungslos; dann aber taugt er nichts fiir das
Sein vor Gott im Gericht, und der Glaubende droht in das Nichtsein
der Verdammnis und des ewigen Todes uberzugehen, wo sich auch der
Glaube zersetzt; wer nicht hat, dem wird auch genommen, was er hat:
Glauben und Glaubensbesitz. Denn er ist glaubend tot in seinen Siinden.
Die nur empfangene, aber nicht verwaltete, mit Willen, Pleifi und Liebe
vermehrte Gnade, sich selbst verzinsend durch den hingebenden Einsatz
dessen, der sie im Glauben als das Kapital gottlichen Liebens und Lebens
in Christus zu eigen erhielt sie rettet nicht, befreit nicht, beschenkt
nicht, sie verdammt und macht arm an geistlichen und himmlischen
Giitern. Wo der Gehorsam des Glaubens mangelt, schwmden die Gaben
des Geistes. Wo die Liebe im Glaubenden erkaltet, da weichen die Engel
des Herrn, die sich um die lagern, die ihn furchten. Sowenig wie in
V. 14. 17. 19 leugnet der Apostel in diesem Vers, daB Glauben, Erkennt-
nis und Besitz gottlicher Gnadengaben in der Gemeinde gegenwartig
cum potius fides animae fuisset comparanda!" (W.A. Tischreden, Bd. 5, Nr. 5443,
S. 157). ,,Die Werke konnen unmoglich als den Glauben beseelend gedacht werden,
vielmehr sind die Werke das in die auflere Erseheinung Tretende, wahrend der
Glaube die innere Triebfeder ist," kritisiert ein Exeget der Neuzeit, Luthers Kritik
aufnehmend (Paul Feine, a. a. O., S. 408).
x ) Auch das Bemuhen Vilmars um den Nachweis: Jakobus stellt die Werke
dem Geist und den Glauben dem Leib gleich," kommt sosehr der Versuch einer
neuen positiven Interpretation der Stelle anzuerkennen ist nicht aus dem Bann-
kreis der alten, f alschen Fixierung des Verses heraus, die eine theologische Deutung
des Verhaltnisses von Glaube und Werk dort zu finden meint.
80
sind. Das Aufregende, Gefahrliche und Verderbliche ihrer Situation
besteht gerade darin, daB all das da ist, aber nichts niitzt, sich nicht
regt. Genaeinde mit ,,totem" (Mauben im Sinne des Jakobus kann sehr
gesegnete, kirchlich intakte und selbstbewuBte Gemeinde sein. Auch
Paulus kennt sehr wohl einen solchen vom Herrn der Kirche geschenkten,
aber nutzlosen Glauben, der kein ,,Wesen" des Gottlichen, nicht das
Bild des Sohnes im Glaubenden hervorbringt : ,,TJnd wenn ich weis-
sagen konnte und wuBte alle Geheimnisse und alls Erkenntnis und hatte
alien Glauben, also daB ich Berge versetzte, und hatte der Liebe nicht,
so ware ich nichts "(1. Kor. 13, 2). Die Gabe Gottes ,,existiert" fiir
Gottes richterliches Urteil nur dann im Menschen, wenn er als Wollender
und Denkender in ihr existiert. Das aber ist seine Sache, so zu wollen
und zu denken, die ihm niemand abnimmt, auch nicht Gott! 1 ) Er kann
nur darum bitten, daB ihn Gottes Gnadengegenwart so bewege und
locke, daB er nichts Lieberes denkt und will, als ,,in Gott" und ,,in
Christo" zu denken und zu wollen. Wo dieses Gebet unterlassen wird, da
wird das Kapital des Glaubens wirkungslos, ,,tot" sein, nicht ,,an sich",
aber fur mich. Der Glaubende wird kein Gehorchender und darum kein
Gerechtfertigter und Geheiligter, der den Herrn ,,sehen" darf. Das aber
c-ist diabolische Stoning apostoHschen Auftrags und apostolischer Ver-
^undigung, die auch fiir Paulus nicht nur darin bestand, Glauben zu
wecken lisd-das Geheimnis des Evangeliums kundzutun, sondern ,,unter
alien HewHe den Gehorsgm des Glaubens aufzurichten unter seinem
Namen" (Rom. 1, 5). 2 ) Mii dieser Zielsetzung verstand der Lehrer der
x ) Auch Lusher kennt ein Glauben ohne Liebe: ,,Reliqua autem fides, quae
miracula facit, donum est del liberale in ingratos dispersum, qui in suam gloriam
operantur, quae operantur . . . de quibus 1. Kor. 13, 2 si habuero omnem fidem"
(W.A. 2, 567). Es fehlt freilich die befriedigende theologische Erklarung dafur. Es
drangt sich unabweisbar die Frage auf : rechtfertigt dieser Glaube von 1. Kor. 13, 2
nun oder rechtfertigt er nicht? Wenn ja: wieso kann Gott die Glaubenden
rechtfertigen, die ilire eigene Ehre suchen? Wenn nein: warum? Eechtfertigt Gott
nicht ,,soia fide", der doch als ,,ein freies Geschenk Gottes" vorhanden ist? Fur
das Gehehnnis der Existenz des Gerechten im Glauben gilt das gleiche, was Brunner
fiber das Geheimnis des Menschen der Stinde im Zeugnis der Heiligen Schrift
feststellt: ;,Nichts ist der Bibel ferner als der Determinism us, hochstens der
Indeterminismus !" (a. a. O. S. 141).
2 ) ,,Paulus gelangt bis zu dem Satz, den ihm viele nicht abnehmen wollen:
Schaffen wir nun das Gesetz ab ? Nein, wir richten es auf! Nun aber durch das Ge-
setz des Geistes des Lebens!" (Theodor Brandt, Paulus, ein Knecht Jesu Christi,
1939 S S.96).
6 Lackmann, Sola fide 81
Rechtfertigungslehre des Romerbriefes sein Amt und das Evangelium
nicht anders, als es sein Mitapostel Jakobus im 2. Kapitel seines Briefes
verwaltet hat. 1 )
1 ) Eduard Thurneysen hat jiingst eine gemeindetiimliclie Auslegung des
Jakobusbriefes vorgelegt, die mir erst kiirzlich bei einem Aufenthalt in der Schweiz
zuganglich wurde. (Eduard Thurneysen, Der Brief des Jakobus, 1941, Reinhardt
Basel) Mau wird ihm entscbeidende Satze seiner Auslegung mit Dankbarkeit ab-
nekmen miissen: ,,Der Apostel Paulus stebt binter ibm mit seinem ganzen Romer-
und Galaterbrief. Kein Wort streicht er ab von dem, was dort zu lesen steht (S. 111).
,,Unsere Werke, unser Regen und Bewegen in einem neuen, von Gott geschaffenen
Leben ist das Zeichen dafiir, daB Gottes Heil iiber uns aufgegangen ist, das Zeicben
dafur, daB wir wahrhaftig in das Licht eines neuen Tages, des Tages Jesu Christi,
hineinscbreiten. Wir waren nocb in der Nacbt des alten Lebens, wenri wir dieses
Zeicben, das Zeicben der guten Werke, nicbt bei uns batten" (S. 113). ,,Abraham
ist durcb seia Werk als Glaubiger gerecbtfertigt worden" (S. 117). Trotzdem muB
sicb aber dem Exegeten von beute die Frage aufdrangen: warum wird bei Thur-
neysen grundsatzlich docb nicht Luthers Losung des theologischen Problems
,,Glaube und Werke", ,,Rechtfertigung und Heiligung" iiberbolt? Warum wird
Lutbers grundsatzlicb.es Vorbeiseben an der Verkiindigung der Recbtfertigung
bei Jakobus doch nur in die Bemerkuhg einer ,,unniutigen Stunde" umgedeutet ?
Nicbt nur die vom Zeugnis der Heiligen Schrift heute gestellte tbeologische Auf-
gabe, aucb das der Christenheit heute von der ,,Welt" und Weltgeschichte riick-
sichtslos vor die FiiBe gelegte Problem des ,,Humanum" und der ,,Humanitat u
lafit sich durch diese Deutung des ,,Sola fide" nicht bewaltigen. Wir iiberlassen
damit nur die gegenwartig so neu aufgebrochene Idee des ,-,Humanismus" -den
simplen oder feinsninigen Versuchen, mit oder ohne ,,Religion" sich selbst zu
rechtfertigen. . Gloria Dei, vivens homo" (Irenaus, Adversus Haereses) wjie
das ,,sola fide" sich verwirklicht und zu verkiindigen ist, hat die reformatorische
Ejrche mit einer Antwort ,,ohne Horner und Zahne" heute nicht zuletzt der
romisch-katholischen Christenheit! darzustellen (vgl. den katholischen Losungs-
versuch bei Henri de Lubac, Die christliche Idee vom Menschen und das Ringen
um euien neuen Menschen, Dokumente, Internationale Beitrage zu kulturellen
wod sozialen Fragen, Heft 1 3, 1948). Sie kann es sich dabei durchaus leisten,
auch bei Augustmus und augustinischer Schrifterkenntnis ganz neu in die Schule
zu gehen und von ihm ,,das paradoxe In- und Nebeneinander von gottlichem
und menschlichem Faktor im Heilsprozefi" zu lernen, von dem Walter von Loewenich
in sebier Schrift ,,Menschsein und Christsein bei Augustin" (Chr. Kaiser, Miinchen,
1947) mit Recht bemerkt, daB es ,,dem reformatorisch geschulten Theologen
fast als bedenklich erscheinen konnte. Jedenfalls liegt in diesem starken anthro-
pologischen Interesse geradezu der Unterschied zwischen der augustinischen und
der reformatorischen Gnadenlehre, welch letztere ganz und gar in der Front-
stellung gegen den Semipelagianismus der spatmittelalterlichen Theologie zu
sehen ist und in der Entschiedenheit dieses Abwehrkampfes die anthropologischen
Fragen weniger beriicksichtigt. So geht etwa Luther in seiner gewaltigen Schrift
gegen Erasmus kaum auf sie ein. Fraglich ist nur, ob man hier bei Augustin
82
von" einer letzten Unklarheit oder von einer hoheren Einsicht sprechen muB.
Entgegen der iiblichen protestantischen Interpretation neigt unsere Darstellung
zu letzterem" (S. 31). Es wird damit auf dogmatische Weise festgestellt, was
wir als das Ergebnis unserer Exegese und der bisherigen exegetischen Bemuhungen
um Jakobus 2 ansehen: die anthropologische Aussage itn ,,sola fide" muB ernster
und gewichtiger genommen werden, als es in der bisherigen tb.eologiscb.en Be-
scbreibung und kircblichen Verkiindigung dieses Zentralgebeimnisses christlicher
Existenz gesehehen ist und geschehen konnte, ohne damit auch nur einen Grad
von der Strenge des paulinischen und reformatoriscben Dogmas zu weichen:
Scopedv Tfj auTOu x^pift - sv TO) auTou ai'(iaTi - npbq TTJV evSet^iv T% SixatocuvTj?
auTOU - el? TO elvat auT6v Sixoaov xal Sixoaouvra TOV ex matevx; 'lyjcrou (Romer
3, 2426).
Inzwiscben ist von Paul Altbaus, ,,Die christliche Wahrheit", Lehrbuch der
Dogmatik, 2. Bd. 1948, ersebienen. Altbaus findet Aussagen zu unserem Thema,
die den Ring orthodoxer Recbtfertigungstbeologie an einigen Stellen betrachtlich
zu sprengen scheinen. So kann er von dem ,,bedingenden Zusammenhang, in
dem Reehtfertigung und Erneuerung mitebiander stehen", sprecben. Gottes
Rechtfertigungsurteil ,,gescbiebt nicht obne den Blick auf das, was Gott aus
dem Sunder macben will und wird. Die Recbtfertigung bleibt ein synthetischer
Akt; die Erneuerung ist keinesfalls zureichender Grund der Reehtfertigung;
aber die beginnende und kommende Erneuerung gehort in den Zusammenhang,
in dem allein die Reehtfertigung moglich, obne den sie nicht moglich ist. In diesem
Sinne kann man sagen, dafi die Erneuerung zu den Bedingungen der Recht-
fertigung gehort. . . Nicht wir haben Bedingungen zu erfullen, sondern Gott setzt
sein Rechtfertigen in einen bedingenden Zusammenhang" (2. Bd. S. 449). Diese
Satze werden dann freilich in voller tjbereinstimmung mit der reformatorischen
und orthodoxen Schau entfaltet: der neue Gehorsam ist ,,sakramentale" Ver-
siegelung der empfangenen Reehtfertigung fur den Glaubenden, Halt einer ecbten
HeilsgewiBheit. ,,N6tig zum Heile" und doch nicht ,,Ursache des Heils", ...
,,das endliche Heil Tpird uns nicht ohne den Ernst der Hingabe an Gottes Willen
im Handehi zuteil" (S. 461 f.). Aber ,,in dem Artikel von der Reehtfertigung
haben die Werke nichts zu suchen". Es kann nicht unausgesprochen bleiben,
daB diese Satze weniger aussagen, als von der Heiligen Schrift in dieser Sache
" bezeugt wird. Der stiickhafte neue Gehorsam hat eben nicht nur fur die Heils-
gewiBheit des Glaubigen, sondern auch fur das Ergehen des gottlichen Urteils,
daB ihm die totale ,,fremde Gerechtigkeit" des Gekreuzigten und Auferstandenen
zugeeignet sei also fur das Rechtfertigungsurteil! , konstitutive Bedeutung;
ja, jenes ware nicht moglich, wenn dieses nicht gelten wurde! Weil Gott nur
so gerecht spricht, indem er den Gehorsam des Glaubenden fordert und schenkt,
darum geschieht's, daB der Gehorsame semes Glaubens und seiner Reeht-
fertigung gewiB werden darf. Das Werk des Glaubens wurde uns nichts auf Erden
fur unsere Rettung bedeuten, wenn es nicht zuerst dem rettenden Gott im Himmel
bei unserer Rettung etwas bedeutete. Darum gehort der 66 von der Bedeutung
des Lebens im Glauben" auch in den 61 von der ,,Rechtfertigung", BO wahr
Jakobus 2 zu Romer 3 gehort und umgekehrt.
83
Zweiter Teil
Das Problem
Es ist nach der vorangehenden Auslegung von Jak. 2 die Frage zu
stellen: ist das Problem der Auslegung dieses Schriftzeugnisses ledig-
lich ein katholisches oder evangelisches Lehrproblem oder ist es eine
von Gott der Kirche vorgelegte Streitfrage, die nicht auf eine theologische
rational darstellbare Losung, sondern auf eine Glaubensantwort
hinaus will, die sich nur durch zwei einander widersprechende theo-
logische Satze ,,bezeichnen", aber eben nicht ,,fassen" laBt ? Die
Kirche wiirde dann mit dem Problem der gottlichen Rechtfertigung
(ohne sich zum Agnostizismus zu bekennen oder sich des Mangels an
theologischer Griindlichkeit schuldig zu machen) an den gleichen Stand-
ort der Demut verwiesen wie mit dem Problem der Zweinaturenlehre
oder des Heiligen Abendmahls.
1. Spannungseinheit im Zeugnis der Schrift und in der
Theologie der alten Kirche
Die Frage, ob, inwieweit und inwiefern Gott in seinem rechtfertigen-
den Urteil iiber den Menschen das, was er tut, sein gnadiges Handehi
und das, was der Mensch tut, sein verantwortliches Wirken in An-
schlag bringt, ist so alt wie die Kirche Jesu Christi, ja, wie das Volk des
Alten Bundes. Mcht in der Form der Fragestellung des sechzehnten
Jahrhunderts, aber als die Bezeugung, Anerkennung und Bestreitung
der logischen Antinomie, daB dem rechten Handehi des Menschen neben
dem rechten Handehi Gottes an ihm eine entscheidende Bedeutung fur
sein zeitliches und ewiges Schicksal und fiir die Verwirklichung seines
eigentlich menschlichen Wesens zukomme. Schon der alttestamentliche
Kanon enthalt das Problem in dem oft unvermittelten Nebenein-
ander von , 3 prophetischer t und ,,priesterlicher" Verkiindigung. Leviticus,
85
Deuteronomium, eine ganze Reihe von Psalmen (vgl. 1. 15. 18. 119),
Spruche Salomonis, aber auch Amos und Micha, Esra, Nehemia, Jesus
Sirach erkennen dem menschlichen Handeln und Verhalten eine Be-
deutung und Entscheidung zu, die auf logisehem und philosophis'chem
Wege nicht mit der prophetischen Verkiindigung zu einem einheitlichen
System zu verbinden 1st. Dieselbe Beobachtung machen wir an den
Lehr- und Lebenszeugnissen der Urchristenheit im Neuen Testament.
Matthaus, Johannes (Apokalypse, Brief e, aber auch das Evangelium),
Judas und Petrus (im 1. Petrusbrief), ganze Kapitel der Paulusbriefe,
das Thema des Apostelkonzils, Jakobus stellen dem unbefangenen Leser
eine Denkaufgabe, die er wohl in ein dogmatisches System verwandeln,
jedoch nicht losen kann. Schon der Streit um die kanonische Geltung
der zwei Johannesbriefe, der Johannesapokalypse und des Jakobus-
briefes weist auf diese Not, das Urteil der Kirche entscheidet sich fiir
das schlichte Miteinander und Nebeneinander der Gegensatze im heuti-
gen neutestamentlichen Kanon.
Die apostolischen Vater (Pastor Hermae, Ignatius, Clemens Ro-
manus) schliefien sich mit ihrem theologischen und seelsorgerlichen
Denken jener Entscheidung der Kirche an. Unverkiirzt und durch keine
Dialektik oder Rhetorik aufgehoben, lassen sie wie die Dokumente
des apostolischen Zeitalters die Antinomien nebeneinander stehen.
Der Mensch wird ,,Gott-recht" allein aus der Gnade Jesu Christi, die dem
Glaubenden zugeeignet wird; dem entspricht aber das Korrelativ der
,,Gott-rechten" Verfassung des Glaubenden, der durch Liebe Gott recht
wird. ,,Beides," sagt Ignatius (Eph. 14, 1), 5J in Einheit werdend ist
Gott." Die Gruppe der Nazaraer, in der man den Standpunkt der ersten
judenchristlichen Gemeinde hi Jerusalem wiedererkennen darf, unter-
streicht mit ihrer Annahme der Paulusverkiindigung zu einem hebra-
ischen Matthaus-Evangelium und mit der betonten Forderung, das
Gesetz zu halten, den gleichen Sachverhalt. Mit Marcion tritt der erste
Versuch in der Kirche auf, jene urchristliche Antinomic aufzulosen.
Paulus wird zum Gegner der alteren Apostel, das Gesetz zum Wider-
sacher des Evangeliums, der marcionitisch-paulmische Kanon zum Wort
Gottes, zum Evangelium der Kirche Christi erklart. Die Kirche hat
diesem Versuch entschlossen widerstanden. Als Ertrag dieses Wider-
standes fixieren die latemische und die griechische Kirche Ende des
dritten Jahrhunderts den neutestamentlichen Kanon der Kirche, der
Jakobus, die Johannesapokalypse und die Johannesbriefe, aber eben
auch das Matthaus-Evangelium als apostolische Richtschnur der Ver-
86
kiindigung tind des Wandels einschlieBt, und erklaren damit den Versuch
einer sogenannten ,,paulinischen" Rechtfertigungslehre als Beschreibung
des Evangeliums fur widerchristlich.
Die Theologie des Westens und des Ostens behandelt das Problem
traditionell in den Bahnen der apostolischen Vater, ohne es dogmatisch
zu durchdringen; denn im Mittelpunkt der theologischen Reflexion
stehen in diesen Jahrhunderten zunachst die groBen ,,objektiven"
Themen der Offenbarung und der Gnade: das Trinitatsgeheinmis, das
Christusgeheimnis, das Geheimnis der Kirche und ihrer Gnadenmittel,
deren Lpsung die providentielle Vorbereitung aller um den Rechtferti-
gungskomplex kreisenden Fragen der kommenden Kirchengeschichte,
aber auch ihre ,,L6sung" ist, ein theologisches Denk- und Lebens-
gesetz der Kirche! Alle ,,neuen" Probleme der Theologie und des christ-
lichen Lebens sind Entf altung der alten Wahrheit und nur im Zusammen-
hang mit den vorangehenden Entfaltungen sachgemaB zu ,,entf alten".
Bei Origenes und Tertullian finden wir den Beginn emer ,,nova
vita" als Bedingung der Rechtfertigung des Glaubenden durch Gottes
Gnadenhandeln. Der aus der Heiligen Schrift gewonnene Begriff des
meritum wird jetzt entwickelt. Ganz unbekiimmert heifit es bei Cyprian
iiber die Seligkeit des Menschen, sie sei ,,eine Sache, die in die Macht des
Handehiden gelegt sei, eine Sache ebenso schwer wie leicht" (De op. et
eleom. 26).
Augustinus erhalt im Kampfe gegen Pelagius die Aufgabe zuge-
wiesen, die altkirchliche Antinomie gottlicher Gnade und menschlicher
Verantwortung theologisch zu durchdenken und gegen haretischen MiB-
brauch zu sichern. Er hatte wie spater Luther auch eine hochst
personliche und geschichtliche Erfahrung in dieser Sache. Freilich ist
des Reformators Problematik nicht Augustuis Problematik. Es ist nicht
angangig, seine Antworten einfach fiir das sechzehnte Jahrhundert zu
iibernehmen, wie umgekehrt Luthersche Antworten nicht notwendig bei
Augustin zu suchen, zu finden oder zu vermissen sind. Dazu sind die
Situationen der Anfechtung, die Verantwortung des Leibes Christi, die
Stadien des ,,laufenden" Evangeliums durch die Welt- und Geistes-
geschichte zu verschieden. Aber das darf man wohl sagen, daB Augusthius
das Vergangene bestatigt und der Kirche die zukiinftige Bewaltigung
auch der reformatorischen Probleme vorgezeichnet hat, in dem Sinne,
ihr die Bahnen zu zeigen, in denen ihre neuen, ,,modernen" Antworten
werden verlaufen miissen, wenn sie dem Gott und dem Menschen der
Heiligen Schrift dienen will. Es ist bekannt, daB auch Luther diese
: - ' 87
Meiming seiner Zeit vertreten hat. Ob es wohl getan war von ihm,
Augustins Bahnen fiir weite Strecken seiner Antworten auf die Frage der
Rechtfertigung in der Kirche des sechzertnten Jahrhunderts dann doch
zu verlassen ? Wir werden uns der Frage am Ende unserer Untersuchung
erinnern.
Nach Augustinus wird der Sunder Gott recht, weil er ,,in Christo"
Glauben hat, der sich abkehrt von dem Ich des Sunders, den geopferten
und lebendigen Christus sich zu eigen macht und so in seiner konkreten
geschichtlichen Situation, sich richtend und Gott liebend (zugleich mit
dem Nachsten!), den Willen Gottes tut. Indem der Mensch so glaubt
und handelt, rechtfertigt ihn Gott, d. h. Gott schenkt ihm ErlaB der
Schuld um Christi willen und das neue Leben des Menschen vor Gott
,,in Christo". Die Klammer, die Gottes Rechtfertigungshandeln und das
rechte Verhalten des Glaubenden umspannt, ist die Gnade Jesu Christi.
,,In Christo" tun wir Gott recht und rechtfertigt uns Gott ,,propter
Christum". Immer wieder entfaltet Augustin diese Rechtfertigungslehre
aus dem Apostelwort Gal. 5, 6: ,,In Christo Jesu valet fides, quae per
dilectionem operatur." Auch der bereits - vorgefundene Begriff des
,,meritum" wird verwandt: die Verdienste des Gerechtfertigten und die
Kronung mit dem ewigen Leben sind Verdienst des Herrn und Krqming
der Gnadengeschenke Gottes. 1 ) Diese ,,rectitudo" des ,,iri-(ibrjsto" unJT
,,propter Christum" Glaubenden und ,,Gott-gerechten" i^gAugustrn
entschieden gegen jene ,,humana benevolentia" in derllircirenbehauptet,
die im Widerspruch zu Paulus und seinem ,,Mitapostel Jakobus" einem
auf Christus Vertrauenden, aber in seinen Siinden Beharrenden die gott-
liche Rechtfertigung zuerkennt. Paulus und Jakobus geben Zeugnis von
einer Rechtfertigung, die nicht durch einen Glauben ohne Werke
moglich ist. Wer das bestreitet, bezichtigt beide Apostel der Luge. Aber
die apostolischen j,manifestissima et apertissima testimonia" des Paulus
und Jakobus konnen nicht falsch sein (Enchir. 18, 67 f.).
J ) ,,Intelligenduin est igitur etiam ipsa hominis bona merita esse del munera,
quibus cum vita aeterna redditur, quid nisi gratia pro gratia redditur ?" (Enchird.
28. 107). ,,O si cognoscant se homines homines, et qui glo iatur, in Domino glorie-
tur!" (Conf. lib. 9, 34). ,,Non enim quisquam praeter istam fidem, quae est in
Christo Jesu, reconciliatus est" (Ennarrat. in Ps. 104, 10). Vgl. auch dazu: ,,Gott
lohnt im Menschen seine eigenen Werke, die Werke, die in ikm ihren Ursprung
haben" (H. Graffmann, Das Gerichtn. d. Werken im Matthaus-Evangelium, Theol.
Aufsatze f. Karl Barth, S. 132).
88
2. Theologischer Stillstand im mittelalterlidien Denken
Den GrundriB dieser Augustinisclien Verkniipfung von Gottes
Werk und dem verantwortlichen Verhalten des Menschen vor Gott im
Wunder der Christusgnade des Leibes Christ! haben Friihscholastik,
mittelalterliche Theologie und Frommigkeit beibehalten. Mit, in und
unter dem Tun Gottes handelt der Mensch der gnadigen Erwahlung,
so ist er Gott recht, empfangt Gottes Jawort und die Gaben der Kind-
schaft. JSTicht die Hohe und Tiefe der Konzeptionen Augustins wurden
bewahrt. Wann ist je die Kirche als Ganzes die Hohenwege ihrer Vater
und Lehrer gegangen ? Es "bleibt iiberhaupt vorlaufig bei der ,,privaten"
Losung des Problems im Augustinischen Denken. Ein Verktindigung,
Seelsorge und Leben normierendes Dogma der Kirche, welche Be-
ziehung zwischen Gottes Handeln und menschlichem Verhalten in der
jjRechtfertigung" des Menschen bestehe und wie sie zu denken sei, gibt
es noch picht. Man orientiert sich, individuell auswahlend, an den
,,Sentenzen" der Kirchenvater und Kirchenlehrer zu den einzelnen Loci
der Heiligen Schrift. Die durchschnittliche Haltung christlichen Lebens
und kirchlicher Frommigkeit freilich immer wieder korrigiert und
aktiviert durch den stellvertretenden Dienst der Orden und Heiligen!
"ist auf die Formel zu bringen : der Wille Gottes in Gesetz und Evangelium
ist der frjapme Mensch des Glaubens und der Liebe. Er allein hat die
VerheiBung^dieses und des zukiinftigen Lebens. Im SchoBe der heiligen
Kirche wird dieser Menseh geschaffen, erzogen und erhalten. So har-
moniscE und ,,mechanisch" hier das Verhaltnis von gottlichem Gnaden-
handeln und menschlicher Verantwortung gegeneinander ausgewogen
erscheint bis zur Verflachung einer ,,Do ut des"-Beziehung in der Volks-
frommigkeit, das BewuBtsein einer ,,auBerordentlichen" Gnaden-
berufung zum frommen Werk durch den frommen Gott s im Dieriste
seines Reiches und mit dem Ziel der visio beatifica seiner Heiligen und
Auserwahlten, geht der Christenheit doch nie verloren. Dafiir ist ebenso
die stete Liturgie des Gottesdienstes z. B. die regelmaBige conclusio
eines Gebetes zu Gott Vater ,,per Dominum nostrum Jesum Christum
Filium tuum: Qui tecum vivit et regnat in unitate Spiritus Sancti Deus:
per omnia saecula saeculorum" wie der spekulative Versuch der
Anselmschen Satisfaktionslehre, das Geheimnis der Inkarnation und
die GewiBheit des Glaubenden vor Gott zu begrtinden, zwingender Be-
weis, wobei gut zu wissen ist, daB der groBe Kirchenlehrer und Augu-
stin war darin sein Vorbild seine Dogmatik in steter kontemplativer
89
Hingabe an den dreieinigen Gott und in seelsorgerlicher Bemiihung um die
HeilsgewiBheit der Seelen getrieben hat. 1 ) Die Hochscholastik fiihrt die
Denkarbeit Augustins und Anselms zu unserem Thema fort, Bonaventura
in biblizistischer Konzentration, Thomas von Aquino mit dem erst-
maligen Bemiihen, das zusammenhanglos nebeneinanderstehende Ge-
fiige der Vatersentenzen mittels der neu entdeckten aristotelischen
Philosophic in ein Denksystem zu fassen. Die Liebe des Ewigen, die
sich als gottformiges Handeln, als das Tun des Ewigen fur Gott und
Menschen darstellt beiBonaventura; derMensch als die causa secunda,
die von Gott, der causa prima, in Bewegung gesetzte Eigenbewegung
der menschlichen Geistesseele in Richtung auf ihren Endzweck Gott
bei Thomas: es ist und will sein die Fortsetzung der Augustinischen
Schau des Menschen vor Gott : der recht Handelnde empfangt Gnade
der Begnadete handelt recht. Die Unterscheidung von ,,meritum ex
condigno", das Christus allein hat und gibt, und ,,meritum ex congruo",
das der in. Christus Gerechtfertigte bringen darf, ist bei dem Aquinaten
durchaus noch keine 3 ,Spielerei", sondern der demiitige Versuch, jene
logische Anthiomie, die von der Heiligen Schrift und Lehre und Frommig-
keit der alten Kirche durchgehend bezeugt wird daB Gottes Gnaden-
handeln des Menschen Verantwortung nicht aufhebt, vielmehr fordert
und schafft! in philosophischen Kategorien darzustellen. Wer das
bestreitet, hat Thomas nie gelesen oder nicht verstanden. 2 )
*) ,,Nempe quid misericordius intelligi valet, quam cum peccatori tonnentis
aetemis damnato et unde se redimat non babenti Deus pater dicit: accipe Uni-
genitum meum et da pro te; et ipse Filius: tolle me et redime te" (Cur deus homo,
2, 20). Dazu aus dem Gespracb eines Sterbenden mit Gott, den Anselm berat:
,,Und wenn er sagt, daB du ein Sunder bist, so sprich: Herr, ich stelle den Tod
unseres Herrn Jesu Christi zwischen dicb und meine Siinde. Und wenn er dir sagt,
du habest die Verdammnis verdient, so antworte: Ich setze den Tod unseres Herrn
Jesu Christi zwiscben dich und meine bosen ,Verdienste' und erklare sein Verdienst
fiir das meine, das icb baben sollte und nicbt babe" (Nacb Cbemnitz, Loci tbeologici,
H, 227).
2 ) ,,Es kann nur ein Verdienst des Menschen bei Gott gemafi der Voraus-
setzung einer gottlichen Anordnung geben, d. h. dergestalt, daB der Mensch durch
seine Werktatigkeit das gewissermaBen als Lohn gewinnt, wozu ibm Gott des
Wirkens Kraft zugeteilt hat" (Summa tbeol. Prima Secundae, 114. Untersuchung,
l.Art.).
90
3. Der Ruf des Evangeliums nach personaler Existeriz
Noch hat freilich bei ihm die Frage nicht die Gestalt angenoinmen,
wie wir sie seit der Reformation als ,,moderne" Menschen kennen. Aber
sie meldet sich an in der mittelalterliehen Kirche, Theologie, Frommig-
keit, Kunst, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, als die Frage nach
dem Subjekt ,,Mensch", nach dem individuellen Geist, nach der per-
sonlichen Erf ahrung, nach der menschlichen yerantwortung. Der
deutsche Geist mag zur Stellung dieser Frage besonders pradestiniert
sein. Aber das Problem ist nicht deutsch, auch nicht allein zeit- und
geistesgeschichtlich motiviert. Es ist JEntfaltung des Evangeliums in
einem neuen, bisher noch ungewandelt verbliebenen Sektor allgemein-
menschlichen Denkens und Erlebens, der nun auch um seine christliche
und wahrhaft menschliche Erlosung und Verwandlung zu ringen hat.
Die objektive Gabe des Evangeliums, die Gegenwart des Sohnes und des
Heih'gen Geistes in der Heilsordnung seiner Kirche, die Sammlung seines
Volkes unter alien Volkern des Abendlandes das alles wurde bis jetzt
geschichtliches Ereignis in der Geschichte der Kirche, der Theologie
und der Frommigkeit drangt mit gottlicher Zielstrebigkeit zur Er-
losung und Formung des einzelnen Ich. Die Gnade verlangt nach der
Person und die Person verlangt nach der Gnade! Wie findet Gott semen
Ort in rnir und wie finde ich meinen Ort in ihm ? Es ist die Frage nach
der Selbst- und nach der Gottes- GewiBheit des christlichen Men-
schen, weiterhin nach der personalen Verwirklichung dessen, wozu ihn
Gott in seinem objektiven Heilshandeln gemacht hat und machen will.
Der Mensch ,,ist" nicht, wie ein Stem ,,ist". Der Mensch als Mensch
,,ist" nur, wenn er erkennen, wollen, begehren, tun, also sein will,
was er ist. Das Erwachen, das Zu-sich-selbst-kommen des Begnadeten,
so wie auf dem Gemalde Michelangelos (selbst ein riesiges Symbol der
beginnenden Neuzeit!) Adam, beruhrt vom Finger Gottes, zu ,,sich
selbst kommt" und sich erhebt als Gestalt der Schonheit und Kraft
das ist -die gewaltige geistige Bewegung, die nun unaufhaltsam in Mystik,
Humanismus und Renaissance, geboren im SchoBe der Kirche, genahrt
von den ewigen Kraften in Gottes Wort und den heiligen Sakramenten
durch Zeiten und Menschen geht. Es wird das Schicksal des Abendlandes
bedeuten, ob diese Bewegung den Menschen nur noch tiefer und liebe-
voller in den SchoB des dreieinigen Gottes bettet oder in den diabolischen
Strudel der Selbst vergotterung und Gotteslasterung hineinzieht. Hier
beginnt das Zeitalter der ,,abendlandischen Entscheidung" ! Und man
91
entscheidet sich in den ersten Anfangen des Durchdenkens und Durch-
leidens transzendentalen Personalismus' und gottlichen Aktivisnms' des
Einzelnen nicht anders, als es in der Linie altchristlichen und biblischen
Denkens liegt: ob nun der Kiinstler Michelangelo Buonarroti in Beten
und Fasten sich der rettenden und heilenden Barmherzigkeit des Ge-
kreuzigten in die Arme wirft und als ihr Gefangener seine Sibyllen und
Propheten in der Sixtinischen Kapelle schafft, jene demiitigen und nach-
denkenden, bewegten und bewegenden, schopferischen und fuhrenden
Gestalten erlosten und geheiligten Menschentums ; oder ob der heilige
Abt Bernhard von Clairvaux der Verwirklicher kontemplativen
Lebens und demiitigen Sichgeniigenlassens an der Liebe Gottes, aber
zugleich der ungekronte Herrscher iiber Papste, Konige und Volker
predigt: ,,Es ist not und du muBt erst glauben, daB du Vergebung der
Siinde nicht haben konntest denn allein durch Gottes Gnade, und danach,
daB du auch sonst hernach keine guten Werke haben und tun konntest,
wenn Gott dir's nicht gibt, endlich, daB du das ewige Leben mit keinen
Werken verdienen kannst, wenn dir dasselbige auch nicht ohne Ver-
dienst gegeben wird" (Sermo in annunt. b. Mariae, 1, 2. MSL 183)
es ist die alte und ewige Antinomic, an der sie leiden, aber nicht zer-
brechen, die sie ertragen, aber nicht auflosen.
4. Verlust der urchristlichen Spannungseinheit in der
spatmittelalterlichen Kirche
Doch die Auflosung bereitet sich vor, und wird damit ,,confusione
hominum et providentia Dei" zur Vorbereitung undjSchopfung des
Problems der Reformation und der Neuzeit. Die Klammer namlich, die
das Gnadenhandeln Gottes und das verantwortliche Wirken des Men-
schen im Ereignis der Rechtfertigung zusammenhielt, das ,,Christus
extra nos", ,,in nobis", ,,propter Christum" und ,,in Christo" des Paulus,
des Augustin, des Anselm von Canterbury und des Thomas droht zu zer-
brechen: jenes augustinische Gebet, daB der Mensch sich als Mensch er-
kennen und allein in Christo sich als Gerechtfertigter riihmen mochte,"
beginnt iiberhort zu werden. Die Tragik der Entwicklung sofern wir
die gottliche Fiihrung nach ihrer menschlich-historischen Seite einmal
so bezeichnen diirfen besteht in dem Zusammenfallen der Frage nach
dem Subjekt und der Person des Menschen im Heilsvorgang mit der
92
Herrschaft des Nominalismus und des aristotelischen Formalismus im
spaten Mittelalter. Seit Duns Scotus, Occam und Biel tritt an die Stelle
der realistischen Einheit von Gott und Mensch im glaubigen Umgang
kirchlicher Verkiindigung und Sakramentsfrommigkeit eine Diastase
von Gott und Mensch und eine Herrschaft des Begriffs, die eine Steige-
rung und Uberschatzung der menschlichen Krafte sowie ein Gegeniiber
*
von Gott und Mensch erzeugt, das auf die Botschaft, die Kirche und den
Menschen selbst zerstorend wirken muB, um so mehr, als die Forderung
des Zeitgeistes im Spatmittelalter auf Geltung und Durchsetzung des
Subjektiven und Individuellen solche Betonung begiinstigen muBte.
Das Subjekt des naturlichen ,und des begnadeten Menschen, dem,dp.ch
sein Subjektsein allein als Anteil an Gott in der Gemeinschaft des Leibes
Christi zu eigen wird, verselbstandigt sich nun derart, daB sein Umgang
mit Gott zwangslaufig den Charakter des Handels (,,Jahrmarkt" wird
es Luther nennen!), der Umgang Gottes mit ihm aber den Charakter
des ,,verborgenen Gottes" und des Richters annehmen muB. D. h. aber:
christliches Glauben und Handehi muB ein Hin und Her zwischen Hoch-
mut und Zweifel, zwischen Vergotzung und Verachtung der Kirche,
zwischen Heuchelei und Angst sein. An dem Miteinander von Gottes
Tun und Menschen-Tun andert sich nichts. Aber die ehemals als Offen-
barung des mit seinem Volke vereinten Christus gedachte und gelebte
Antinomic muBte mit dem Augenblick widerchristlich, gottlos, anmaBend
und unwahr werden, da sie nicht mehr der Erfahrung des ganz fur Gottes
Willen verschlossenen Sunders und des allein in der Christusgemeinschaft
wiedergewonnenen Gottes entsprang. Es hieBe den historischen Sach-
verhalt verfehlen, wenn behauptet wiirde, das kirchh'che Dogma habe
jemals eine Lehre vertreten, die jener spatmittelalterlichen, der Christus-
Umklammerung entglittenen Prommigkeitshaltung entsprochen hat.
Aber das muB freilich gesagt werden: das durchschnittliche Denken
und Handeln war von einer Gottes- Anschauung und einem Menschen-
bild bestimmt, das die traditionelle Christus-Klammer um Gottes Werk
und christliches Wirken sprengte und damit auch den Inhalt der Klam-
mer, namlich die bisherige Form der christlichen Existenz des abend-
landischen Menschen, aufloste. Die Tats ache dieser Auflosung tritt
in den religiosen, sozialen und politischen Zustanden des beginnenden
sechzehnten Jahrhunderts zutage: die weithin unterchristliche Gottes-
beziehung von Priestern und Laien, die Ehrfurchtlosigkeit im kirchlichen
Leben, der Mangel an geheiligtem Christenwandel im kirchlichen Volk
und in den Orden, der Mechanismus der religiosen Praxis bis in das
93
Heiligtum hiriein, die sozialen Mifistande inmitten der christlichen Ge-
sellschaft und Staaten, der weit verbreitete Zweifel an der Wahrhaftig-
keit und Giiltigkeit der gelebten kirchlichen und christlichen Existenz.
1520 kann Luther schreiben : ,jWir finden ihrer viele, die da beten, fasten,
stiften, dies und das tun, ein gut Leben fiihren vor den Menschen, welche,
so du fragst, ob sie auch gewiB seien, daB es Gott wohlgefalle, was sie
also tun, sprechen sie : Nein. Sie wissens nicht oder zweifeln daran. Dar-
iiber sind auch der groben Gelehrten etliche, die sie verfiihren und sagen,
es sei nicht not des gewiB zu sein : die doch sonst nichts anderes tun denn
gute Werke lehren . . . Es sind viele dariiber toll geworden und vor
Angst in alien Jammer gekommen" (W.A. 6, 205. 208). Die Christenheit
schreit naclr einer Neubegrundung ihrer fragwiirdig gewordenen christ-
lichen Existenz, nach der Wiedergewimmng des Wurzelbodens, aus dem
gottliche Wiirde und menschliche Verantwortung eines kathoUschen
Christen gewachsen waren. Aber dieser Ruf nach der Reformation der
Kirche an Haupt und Gliedern ergeht in der Gestalt einer ganz neiien,
der Kirche und Menschheit von Gott aufgegebenen Selbstbeshinung,
auf die wie wir zu zeigen versuchten die Geistesgeschichte der
Kirche und die Verkiindigung des Evangeliums seit Jahrhunderten in
geheimnisvoller Vermischung von gottlichen und menschlichen Kraften,
von Segen und Much hinbewegt wurde. Es ist die gottgewirkte Selbst-
besinnung des corpus mysticum Christi: wie wird der Mensch der Gnade
Christi, seiner selbst und Gottes gewiB als Mensch vor Gott und hi Gott
und kommt somit Gott zu seinem Recht in ihm und der Mensch zu
sein ein Recht in Gott ? Ware die Zeit der Reformation nur eine Stunde
der Erneuerung der Kirche und des Christentums gewesen wie es
ofter solche Stunden in der Geschichte der Kirche gegeben hat und geben
wird , bestiinde kein AnlaB, sich ihrer mehr als mit Ehrfurcht und
Dankbarkeit gegeniiber vergangenen Wohltaten Gottes im Leben der
Kirche zu erinnern. Weil sie aber der Beginn der gottlichen Stunde ist,
in der der Christenheit auf Erden und durch sie der ganzen Mensch-
heit! die Frage gestellt und beantwortet werden soil, was es um den
wahren Menschen vor Gott und in Gott sei, damit aber der
Christenheit und der ganzen Menschheit durch sie! in neuer und
weit vollkommenerer Weise denn bisher das ewige Evangelium Gottes
geoffenbart werden soil, darum ist das Verstandnis der Reformation
und das Horchen auf ihre Stunde das Kriterium fur die Kirche, ob. sie
Dienerin ihres Hauptes und der nach Heiligung und Weisung rufenden
Menschheit ist. Denn von welcher Frage wird der Christus Gottes und
94
die ganze Menschheit auch wenn sie es anders ausdriickt! mehr
bewegt denn von dieser: Was 1st es um den wahren Menschen vor Gott
und in Gott ?
5. Der reformatorische Auftrag : Riickkehr und Fortschritt
Als Werkzeug fur den Dienst einer Neubegriindung der christlichen,
katholischen Existenz des Menschen und fiir den Ausruf des; Neuen
im Evangelium nicht eines neuen Evangeliums! , wofiir die Zeit
nunmehr erfullt ist im weltgeschichtlichen Plan Gottes, wird Martin
Luther berufen. Es ist nunmehr zu fragen, ob er diesen Dienst an der
Kirche und Menschheit dem Evangelium gemaB vollzogen hat, wie es
die Heilige Schrift bezeugt und die Kirche in Lehre und Leben auf-
genommen hat. Bemiihen wir uns, den ,,Sehakt" Luthers im sechzehnten
Jahrhundert und in der Kirche des Spatmittelalters zu gewinnen, der
uns des Reformators Auftrag und Grenzen zu erkennen gibt, um die er
selbst sehr wohl wuBte, wenn er etwa ,,nicht eben wiinschte, daB meine
Biicher langer als dieses Jahrhundert hindurch, dem sie ge-
dient haben, dauern mogen" .(Annotationes in aliquot capita
Matthei, 1538). , 3 Haec causa est, quare meos libros non cupiam ultra
hoc seculum, cui servierunt, extare. Deus dabit aliis secuHs suos ope-
rarios sicuti fecit semper" (W. A. 38, 448).
Im Sermon von den guten Werken lesen wir: ,,Hiitet euch vor den
falschen Propheten . . . das sind alle, die durch viele gute Werke (wie
sie sagen) Gott sich wohlgefaUig machen wollen, und Gott seme Huld
gleich abkaufen, als ware er einTrodler und Tagelohner, der seine
Gnade und Huld nicht umsonst geben wollte, das smd die verkehrtesten
Menschen auf Erden. Zweifeln wir aber daran oder haltens nicht
dafiir, dafi Gott uns hold sei, an uns Gefallen habe, oder vermessen
uns allererst durch und nach den Werken ihm zu gef alien, so ist's
lauter Triigerei, auswendig Gott geehrt, uiwendig sich selbst als einen
Abgott gesetzt . . . unter tausend nicht einer ist, der nicht sein Trauen
darein (m die Werke) setzt, vermemt dadurch Gottes Huld zu er-
langen und seiner Gnade zuvorzukommen, einen Jahrmarkt daraus
zu machen, welches Gott nicht leiden kann, der seine Huld umsonst
versprochen hat, will, daB man an derselben anhebe durch eine
Zuversicht und in derselben alle Werke vollbringe, wie sie genannt
sind" (W. A. 6, 210f.). In diesem Ausschnitt sind alle Probleme der Zeit
95
und die Losung, die Luther fur sie zu geben hat, enthalten. 1. Man will
ein Mensch Gottes sein. 2. Man will seiner selbst als Mensch Gottes ge-
wiB sein. 3. Man will Gottes Gnade und Wohlgefallen. 4. Man bemiiht
sich um diese SelbstgewiBheit als Mensch Gottes und der Gnade durch
die Verrichtung der 33 guten Werke" des Kirchenchristen. 5. So wird der
Umgang mit Gott ein Geschaft zwischen Gott und Mensch, eine Laste-
rung, der Heiligkeit und der Liebe Gottes in der Gnade des Christus.
6. Man wird vermessen oder verzweifelt. 7. Man lebt in einer Illusion
der Gottes- und SelbstgewiBheit oder im Verzicht darauf. 8. Das ist
der ,,verkehrte Mensch". 1 ) Die Kritik an diesem ,,verkehrten Menschen"
faBt Luther in der einen Feststellung zusammen: die 33 Umklammerung"
des denkenden und handelnden Menschen durch den gekreuzigten und
auferstandenen Christus fehlt seinen Zeitgenossen. Darum der
lasternde Trodelhandel mit Gott im 3 ,frommen Werk", darum das Leben
in der Illusion der Gottes- und SelbstgewiBheit oder der Verzicht auf sie,
darum die Verwandlung alles dessen, was bisher christliche Pflicht,
Sitte, Wiirde und Nutzen des Menschen war, in unwahrhaftigen und
nutzlosen 33 Betrieb". Luther zitiert iiber diesem ,,verkehrten Menschen"
seiner Zeit Sap. Salom. 5, 6 : ,,Sie haben Gottes Weg nicht erkannt, und
die Sonne der Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen" (W.A. 6, 208). 2 )
Fur diese Wunde gibt es nur eine Salbe: die Neugriindung der christ-
lichen Existenz in der Person des gekreuzigten, auferstandenen und zur
Kechten Gottes regierenden neuschaffenden Christus. ,,An seiner Huld
anheben" nennt es Luther. Denn allein in der Christus-Umhiillung
unseres Leibes und unserer Seele wird der Mensch Gottes als seines Vaters
und Herrn, aber auch seiner selbst als Mensch und als Person gewiB,
die weiB, was er will und nicht will; was er kann und was er nicht kann;
wozu er da ist und wo er hin geht. Denn 35 in Christo" und , 3 propter
Christum" werden ihm alle Wunden geheilt, die ihn nicht zur Gottes-
und SelbstgewiBheit kommen lassen, die die Zierde des wahren Menschen
nach Gottes Bilde ist, die Wunden der Schuld, der Siinde, des Todes,
der religiosen und sittlichen Ohnmacht, des Mitmenschen, des sozialen
Unrechts, des Ratsels der Weltgeschichte. ,,Siehe, also muBt du Christum
in dich bilden und sehen, wie in ihm Gott seme Barmherzigkeit dir vor-
x ) Vgl. dazu die iibereinstimmende Fragestellung in Art. IV und XX der
Confessio Augustana Invariata.
2 ) Vgl. C. A. XX : ,,Wer nun meinet, solches (,,mit Gott versohnen und Gnade
erwerben . . .") durch Werke auszurichten und Gnade zu verdienen, der verachtet
Christum und suchet einen eigenen Weg zu Gott wider das Evangelium."
96
halt und anbietet ohne alle deine vorkommenden Verdienste und aus
solchem Bild seiner Gnaden sehopfen den Glauben und Zuversicht der
Vergebung aller deiner Sunden. Darum hebt der Glauben nicht an den
Werken an, sie machen ihn auch nicht, sondern er muB aus dem Blut,
Wunden und Sterben Christ! quellen und flieBen . . ." (W.A. 6, 216).
Durch diese Predigt und Seelsorge gewinnt Luther der Christenheit
das biblische und katholische Geheimnis christlichen Lebens aus der
Wahrheit zuriick und schenkt ihr ganz neu die echte, weil gottliche
'' Moglichkeit des Menschen, einsam und verantwortlich vor der Majestat
Gottes stehend Gottes, seiner selbst, der Kirche und der ganzen Welt
froh und gewiB zu werden. ,,Weil ich Gottes Wort habe, so habe ich
Christum bei mir samt alien lieben Engeln und alien Heiligen von Anf ang
der Welt" (Wochenpredigten iiber Matth. 5 7 15301532, W.A. 32,
500 ff.). ,,Durch Christum wird alles im Herzen siiBe und bringet zum
Leben und ewigen Freuden." Aber mit dieser Auskunft ,,Christus solus"
^ .
ist noch nicht die Menschheitskrise des Abendlandes iiberwunden.
Luther sagt nun seiner Zeit auch, wie der Mensch ,,in Christus allein"
Gott und sich selbst linden und gewinnen kann, namlich nur so, ,,daB
man an seiner Huld anhebe durch eine Zuversicht", d. h. allein
durch den Glauben. 1 ) Was versteht Luther unter dieser conditio sine
qua non der Rechtfertigung,- durch die Gott zu seinem Recht und Ort
im Menschen und der Mensch zu seinem Recht und Ort in Gott kommt :
,,allein durch den Glauben" ? Der Glaube ist nach Luther durch Christus
(mittels des zugesprochenen Worts und verwalteten Sakraments) ge-
weckte, liebende Vereinigung des denkenden und wollenden Menschen
mit dem gegenwartigen, in ihm wesenden Christus der Passion, der
Ostern, der Himmelfahrt und der Pfingsten und: das gleichzeitige
Nein der ,,abnegatio sui, mortificatio carnis" zu dem alten ,,Ich" des
Unglaubens und der Stinde in Reue und BuBe. 2 ) Wir'mussen auch darin
1 ) Auf das Problem der fides theologica und der fides fiducialis ia Lathers
Glaubensbegriff braucht im Rahmen unserer tJberlegungen nicht naher eingegangen
zu werden. Nur am Rande sei bemerkt, dafi bier aus poleinischen Griinden bei
Luther Uberbetonungen der fides fiducialis festzustellen smd, aber keinesfalls
sein Glaube nur durch. ,,affektive Momente" bestimmt ist. Das lafit sich mit
Leichtigkeit aus seinem Schrifttum und aus den Bekenntnisschriften nach-
weisen.
2 ) ,,Glaub in Christum, in welchem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit,
Friede und Freiheit; glaubst du, so hast du, glaubst du nicht, so hast du nicht.
Derm das dir unmoglich ist mit alien Werken der Gebote . . ., das wird dir leicht
und kurz durch den Glauben. Wenn die Seele Gottes Wort festiglich glaubt, so
7 Lackmann, Sola fide 97
ganz dem Reformator folgen: diese Christus j,glaubende", d. h. ihn
lobende und liebende, unser altes ,,Ich" hassende Verschenkung und
Hingalbe des Herzens ist ausschlieBlich die angemessene Haltung, die
dem Menschen zu seiner ,,Rechtfertigung" verhilft, d. h. zu seinem per-
sonhaften Stand und Wesen ,,in Gott", als ein Mensch, der Gott recht
halt sie ihn fiir wahrhaftig, fromin und gerecht, damit sie ihm tut die allergroBeste
Ehre, die sie ihm tun kann, denn da gibt sie ihm recht, da lasset sie ihm recht, da
ehret sie seinen Namen und lasset mit sich handeln, wie er will . . . Wenn denn Gott,
s
sieht, daB ihm die Seele Wahrheit gibt und also ehret durch ihren Glauhen, so
ehret er sie wiederum und halt sie auch fur fromm und wahrhaftig und sie' ist auch
fromm und wahrhaftig durch solchen Glauben, denn daB man Gott die Wahrheit
und Frommigkeit gebe, das ist recht und Wahrheit und macht recht und wahrhaftig,
dieweil es wahr ist und recht, daB Gott die Wahrheit gegeben wird. Nicht allein
gibt der Glaube so viel, daB die Seele dem gottlichen Wort gleich wird aller Gnaden "'""
voll, frei und selig, sondern vereinigt auch die Seele mit Christo als eine Braut mit
ihrem Brautigam. Aus welcher Ehe f olgt, wie St. Paulus sagt, daB Christus und die
Seele eln Leib werden, so werden auch beider Giiter, Fall, Unfall und alle Dinge
gemein; das, was Christus hat, das ist eigen der glaubigen Seele; was die Seele hat,
wird eigen Christi" (W.A. 7, 24-25). ,,Wenn wirs recht ansehen, so ist die Liebe .
das erste oder eher zugleich mit dem Glauben. Denn ich mochte Gott nicht trauen,
wenn ich nicht gedachte, er wolle mir gunstig und hold sein, wodurch ich ihm wieder
hold und bewogen werde, ihm herzlich zu trauen und alles Guten zu ihm zu ver-
sehen" (W. A. 6, 210). ,,So du siehst, daB dir Gott hold ist ... muB dein Herz suB
und Gott wiederum hold werden und also die Zuversicht aus lauter Gunst und
Liebe heranwachsen, Gottes gegen dich und deine gegen Gott. Also lesen wir noch
nie, daB jemandem der Heilige Geist gegeben sei, wenn er gewirkt hat, aber alle-
zeit, wenn sie haben das Evangelium von Christo und die Barmherzigkeit Gottes
gehort. Aus demselben Wort muB auch noch heute und allezeit der Glaube und
sonst nirgends herkommen. Denn Christus ist der Fels, da man Butter und Honig
draus saugt" (W.A. 6, 216). ,,Dominus et magister noster Jesus Christus dicendo
,,Poenitentiam agite etc." omnem vitam fidelium poenitentiam esse voluit.
Non tamen solam intendit interiorem, immo interior nulla est, nisi foris operetur
varias carnis mortificationes. Manet itaque poena, donee manet odium sui (id
est poenitentia vera intus) scilicet uspue ad introitum regni coelorum. Nulli
prorsus remittit deus culpam, quin simul eum subiiciat humiliatum in omnibus
sacerdoti suo vicario" (Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum, 1517;
W.A. 1, 233). ,,0 wenn wir wuBten, was Strafe solch willige Schamrote zuvor-
kame und wie einen gnadigen Gott sie macht, daB der Mensch ihm zu Ehren
sich selbst so vernichtet und.demiitigt. Es ist kein Fasten, kein Beten, kein Ab-
laB, kein Wallen, kein Leiden nimmer so gut, als diese willige Scham und Sehand,
darin der Mensch recht . ... demiitig, das ist der Gnaden begreifig wird. Ich
weiB auch nicht, ob der einen rechten, lebendigen Glauben habe, der nicht so viel
leiden oder sich zu leiden begeben will, daB er vor einem Menschen zu Schanden
wird und ein solch klein Stiick von dem heiligen Kreuz nicht tragen will" (Von der
Beicht, ob der Papst Macht habe zu gebieten 1521, W.A. 8, 176f.).
98
1st und dem Gott sein Recht widerfahren la'Bt mit der Verleihttng aller
Kindschaftsgaben propter Christum. 1 ) Auch mit dieser Forderung
hat Xuther das Evangelium der Heiligen Sclirift und der Kirche Jesti
Christ! von jeher wieder auf den Leuchter gestellt. ,,Sola fide" das
ist nicht nur lutherisch, panlinisch oder reformatorisch, das ist urchrist-
lich, katholisch, kirchlich, ja, der Adel wahren Menschentiims; denn so
dient der Mensch dem obersten Gesetz semes Lebens, das ihn zum
Menschen, d. h. zum Bilde Gottes macht: indem er glaubend zum
Tempel Gottes wird und glaubend aufhort, eine Behausung Satans zu
sein, sola fide! ,,Dieser Glaube, Treue, Zuversicht des Herzens griind-
lich ist wahrhaftige Erfullung dieses ersten Gebotes, ohne welchen sonst
kein.Werk ist, das diesem Gebot moge genugtun . . . Derhalben spricht
wohl St. Augustinus, daB des ersten Gebotes Werk seien Glauben,
Hoffen und Lieben" (W.A. 6, 209f.). 2 )
1 ) In Richtung auf das ,,genuin refonnatorisclie Verstandnis der Rechtferti-
gung als synthetisch-forensisch" bei H. E. Weber (Von der Reformation zur
Orthodoxie) umschreibt Ernst Wolf ,,die reformatorisch-existentielle Fassung"
des ,,sbla fide" als die ,,sachgemaCe Entsprechung zum Eaulinischen ,ia-Christo'j
beide legen dasselbe Zeugnis ab" (,,Verkundigung und Forschung, Theol. Jabxes-
bericht 1940, S. 165). Man mochte sebulich wunschen, daB dariiber in lutherischer
Theologie von heute nicht mehr yerhandelt werden miiBte!
2 ) Derselbe Sunder, der durch Gottes Barmherzigkeit ohne jede Spur oder
Moglichkeit von Verdienst ex iniusto iustus fit, gewinnt damit und in demselben
Augenblick ohne Anheben eines neuen Aktes die Kraft, als Kind Gottes zu exi-
etieren, zu wandeln und zu handeln. Ohne Anheben eines neuen Aktes! Ohne daB
eine zweite Einwirkung Gottes, etwa das weitere Glied einer zeitlich verlaufenden
Heilsordnung, notig ware, die man dann als sanctificatio von der iustificatio be-
grifflich trennen miiBte." ,,Die nova vita will freffich mit hineingenommen
werden~ aus Luthers Fulle in seine Rechtfertigimgsformel. Das Schopferisehe des
neuen Verhaltnisses zu Gott, das mussen wir auch erfahren, daB wir auffahren mit
Fliigeln wie Adler" (Martin Rade, Luthers Rechtfertigungsglaube, seine Bedeutung
fiir die 95 Thesen und fur uns, 1917, S. 9 u. 29). Das ist der ganze und lebendige
Luther. Wir weisen mit Nachdruck darauf hin, um dem MiBverstandnis unserer
Kritik vorzubeugen, als richte sie sich gegen die falsch verstandene forensische
Rechtfertigungslehre lutherischer Orthodoxie, die weder mit Artikel IV der Apologia
Melanchthons noch mit dem Verstandnis Luthers ubereinstimmt^ wonach die
Glaubensgerechtigkeit so zu denken ist, ,,ut eadem iustitia Deus et nos iusti simus,
sicut eodem verbo deus facit et nos sumus quod ipse est, ut in ipso simus, et suum.
esse nostrum esse sit" (Operationes in psalmos 1519 1521, W.A. 5, 144).
7* 99 1
6. Mangel der theologischen Verstandigung bei Luther
Dennoch miissen wir an dieser Stelle der reformatorischen Botschaft
einhalten und fragen, ob hier das ,,sola fide" wirklich evangeliseh
(d. h. als Entfaltung der Frohbotschaft des apostolischen Zeugnisses im
Neuen Testament) und wirklich katholisch (d. h. als Aufnahme der
Lehre und des Lebens der allgemeinen und apostolisehen Kirche aller
Zeiten) zur Geltung gebracht wurde. Unsere Frage setzt nicht an der
Stelle ein, wo Luther sagt: ,,Von dem Glauben und keinem anderen
Werk haben wir den Namen, daB wir Christusglaubige heiBen als vom_
Hauptwerk . . . Trauen festiglich, daB er Gott wohlgefalle, ist nicht
moglich denn ehiem Christen, mit Gnaden erleuchtet und befestigt"
(W.A. 6, 206), aber dort, wo er sagt, wie er dieses rechtfertigende ,,sola
fide" verstanden wissen will, namlich als Gegensatz zu jeder Haltung
und als AusschluB jedes Wirkens des Subjekts Mensch, die fur
Gott AnlaB sein konnten, den Menschen als ,,Gott-gerecht" freizu-
sprechen, anzunehmen und zu bestatigen. Luther behauptet namlich,
das ,,in Christo" und ,,propter Christum" ,,sola fide" Gott recht werden
konne nur die Bedeutung haben: ,,ein Christ ist, der rein ist von alien
Werken und hangt allein an Christus." , 3 Unsere Macht und Starke steht
nicht in unserem Werk und Glauben, sondern daB du deinen Glauben
an das Wort hangst, das unsere Heiligkeit und unser Sieg ist." Luther
radikalisiert also seine Abwehr des Menschen seines Jahrhunderts, der
Gott etwas bringen will sei es nun seine Glaubens- und Liebeshaltung,
sei es ein Werk der Reue und BuBe , das Gott den Spruch der Recht-
fertigung entlockt, in der Weise, daB selbst der Glaubens- und Liebesakt
des Christen als ein ,,Uberkommenwerden" von den Kraften des Heiligen
Geistes kein eigentlich verantwortliches Werk des Menschen ist, das
,,in sich" fur den Rechtfertigungsakt Gottes ins Gewicht fallt. ,,Propter
Christum" empfangt der Glaubende den Freispruch Gottes nicht, weil
er als ein Glaubender vor Gott steht und wirkt, sondern weil er als der
Glaubende sich ganz auf Christum geworfen hat. Weil der Glaube
Hangen an Christo, nicht weil er die Haltung des Glaubens ist, darum
ist der Glaubende Gott recht und ist der Glaubende seiner, selbst als
Mensch Gott gewiB. Luther weiB wohl darum, daB der Glaube ,,das
allererste, hochste, beste Werk" des Menschen ist; daB tagliche Reue
und BuBe, Sterben mit alien Siinden und bosen Liisten im Namen
Christi ,,iiber alle guten und bosen Werke geht"; daB der Glaube
,,exercitia et opera", allerlei ,,auBerliche Totungen des Fleisches" bei
100
sich hat; denn ,,stehet die Gereehtigkeit im Glauben, so 1st klar, daB er
allein alle Gebote erf iillt und alle ihre Werke rechtfertig macht, sinte-
mal niemand rechtfertig ist, er tue denn alle Gottes Gebote. Wiederum
konnen die Werke niemand rechtfertigen vor Gott ohne den Glauben". 1 )
Aber Luther vermag diese Wendungen nur ,,absque ullo respectu
meritorum aut iustificationis" (De votis monasticis Lutheri indicium,
1521, W. A. 8, 604) zur Darstellung des rechtfertigenden Glaubens zu ge-
brauchen, der von allem, was die Person ist, denkt, will, tut, absieht
auf die ,,aliena iustitia" des leidenden und lebendigen Christus , 3 extrin-
*) W.A. 6, 211. Vgl. auch zu Rom. 1, 17 aus der Romerbriefvorlesung ,,in
solo evangelic revelatur iustitia Dei (i. e. quis et quomodo sit et fiat iustus coram
Deo) per solam fidem, qua Dei verbo creditur . . . Iustitia enim Dei est causa
salutis. Et hie iteruxn iustitia Dei non ea debet accipi, qua ipse iustus est in
se ipso, sed qua nos ex ipso iustificamur, quod fit per fidem evangelii . . . Et
dieitur ad differentiam iustitiae hominum quae, ex operibus est" (Romerbrief-
vorlesung, Luthers Werke, 5. Bd., ed. Erich Vogelsang, S. 2231). ,,Tum dices:
Ego sum omnium miserrimus in terris, et non est infortunatior me. Et das
machet einen demiitigen Menschen et facit Raum, ut veram remissionem acci-
pias. Ubi ista humilitas non praecedit, non est remissio peccatorum. Ideo hoc
Evangelium pertinet ad veros Christianos qui peccatum vere sentiunt" (W.A.
32, 165).
Rade hat also recht: ,,So einfach, wie manche Lutheraner sich's denken, ist
das mit der HeilsgewiBheit fur Luther nicht! Der iustus nach Gottes Gnaden-
willen, nach Luthers Gnadenverstandnis ist zwar seines Heiles gewiC, hat aber
diese Gewifiheit nur, indem, er den stetigen Kampf gegen seine Siinde als ein ihm
auferlegtes Kreuz im Glauben tapfer auf sich nimmt . . . Luther sollte einen Glauben
lehren, der die guten Werke nicht einsehlosse ? Was Gott f ordert von dem Sunder,
der sich im Glauben zu ihm bekehrt, ist ja gar nichts andres als seine herzliche und
wahre Reue mit dem Vorsatz, ,hinfiirder das ELreuz Christi' zu tragen und die
Werke der Kasteiung semes Fleisches, der Liebe und Barmherzigkeit gegen den
Nachsten zu iiben." Diesen evangelischen, unaufgebbaren Standpunkt Luthers
hat Paul Althaus in seinem Aufsatz ,,Ethos und Heil" in ,,Protestantische Rund-
schau", Jahrgang 21, Nr. 1-2, 1944, S. 14ff. auch im Bliek auf die romische Ver-
dienstlehre iiberzeugend aus Luthers Schrifttum dargestellt. ,,Thematisch vom
Verdienste reden, und das tut erne ,Lehre vom Verdienste' heifit eben doch
auf alle Falle das Evangeh'um verdunkeln" (S. 22). Das Problem, wie nun trotz
Luther doch anders von der Bedeutung des Werkes fur die Rechtfertigung gelehrt
werden muB, als es Luther vermag, -wird freilich von Althaus nicht angeriihrt.
Immerhin weist der Satz: ,,Das neue Ethos ist also nicht nur Erweis und Ubung
des Glaubens und auf diese Weise mittelbar Zeugnis des Heilsstandes, sondern es
ist das Heil selbst. Es ist die Seligkeit, von der Liebe Gottes zur Liebe und zur
Freiheit bewegt sein und werden," in die Richtung, in der uns heute von der Schrift
aufgegeben ist, iiber Luther hinaus weiterzudenken.
101
se.ce", der unsere Gerechtigkeit ist ~,,intrinsece"'. Die Fides .ist -,, res et
substantia" des Christen, alle ,,exercitia et opera" sind nur ,,usus suae
substantiae", die , 3 res et substantia" der fides aber ist Christus.
,,IUi non habent (opera) pro usu, sed pro ipsa substantia", ,,ipse caput,.
primum et novissimum, Alpha et 0" (W.A. 8, 604). ,,0pus non potest
doceri, nisi laedas fidem, cum fides et opera in re iustificationis extreme
adversentur." ,.Non ergo damnamus rem votorum . . . sed doctrinam
et praeceptum eiusdem damnamus . . ." (W.A. 8, 600. 616).
,, Fides nostra est infirma et tamen est potens, quia es ist ein klein
Geistlein im Herzen, das heiBt gemitus inennarrabilis und Spiritus
Sanctus dazu, der es versteht. Die tun es." ,,Hoc natura sine Spiritu
Sancto non potest; die kan nit weyter denn opera. Dicere igitur: Ego
sum filius Dei,- et non dubitare etiam, cum desint bona opera, siciit
semper omnibus desunt, das ist so groB, daB man sich davor entsetzet
und kann es prae magnitudine nicht glauben" (W. A. Tischreden,
1. Bd., Nr. 425. 437). Wir verstehen das reformatorische Anliegen gegen-
uber einem gelebten Verstandnis des meritum, des opus, der caritas, ja
selbst der fides, das das Christus-Wirken in diesen Haltungen und Hand-
lungen des Menschen in ein ,,selbstandiges Dasein" menschlicher
Fahigkeiten und Leistungen verwandelt, die ,,Grund und Inhalt -pro-
duktiv aus sich selbst herausholen" (Adolf Schlatter, Gottes Gerechtig-
keit, 1935, S. 151). ,,Remissio peccatorum est nostris adversaris impossi-
bilis intellectu, quia sie sind in' der qualitate verstockt," erklart Luther
iiber Tisch (1533). 1 ) Wir spiiren auch den verzehrenden Eifer um Gottes
Haus und Gemeinde in diesen bohrenden und das gegenwartige Existenz-
verstandnis des Christen abwehrenden Formeln. Mit Ehrfurcht- und
Dankbarkeit beugen wir uns vor der Christusliebe und der Gott allein
1 ) ,,Primum magna res est, quod corde capere debeo, quod mihi sint peccata
mea remissa. Das mag mir eine wunderliche iustitia sein et alia quam omnium
luristarum et prudentium saeculi huius. Qui dicunt lustitiam debere esse in corde
hominis. Evangelium autem dicit: Iustitia sol nicht allerding in corde sein. Sed
ut cogitemus, quod iustificemur et a peccatis liberemur per remissionem" (W.A. 32,
161. 162). ,,Ideo ista est sublimis praedicatio, ut credamus, daB unser Heil und
Trost stehe auBerhalb unser, Quod sim iustus, acceptus, sapiens et tamen adsinfc
peccata, iniustitia et in conscientia memoria peccati, terror mortis" (W.A. 32, 162).
,,Si enim soil remissio peccatorum wahrliaftig sein, so muB auch die Siinde
rechtschaffen sein" (W.A. 32, 164). ,,Pius bene tentatus videt summam pecca-
torum infirmitatem et nihilitatem satisfactionis. Der siehet eine rechtschaffene
Verzweiflung et videt deinde veram remissionem" (W.A. 32, 164).
102
- ehrenden Demut, des -E-ef ormators, die sein bleibender Dienst an Kirche
und Menschheit 1st. 1 )
Dennoch konnen wir nicht zugeben, die Neuentdeckung des ,,Ghristus
solus", des ,,propter Christum", des ,,sola fide" fordere die Konsequenz,
die altkirchliche logische Antinomic von Gottes Gnadenhandeln und
verantwortlichem Denken, Wollen und Wirken des Menschen aufzu-
losen, ,,als hobe das nienschliche Wirken das gottliche und das gottliche
das menschliche auf" (Sclilatter, Der Brief d. Jakobus, 1932, S. 42).
Luther hat diese Antinomic, die er als Glied der Kirche vorfand, aber
in ihrer damaligen Anwendung verwerfen muBte, fiir die christliche
1 ) Lutliers theologische Starke, die in- dem Augenblick zur theologischen ..
Schwache wird, da sie sich weigert, die Christusbezogenlieit und Christusgemein-
schaft des Glaubenden auch als eine anthropologische Aussage ernst und wichtig
zu nehmen, die als Christus-Aussage Gewicht hat, lassen deutlich nachstehende
Gedanken aus seiner Predigt iiber Matth. 9, 18 26 (in der Kirchenpostille) er-
kennen: ,,Fromme Leute machen, gehort dem Evangelic nieht zu, sondern es
macht nur Christen. Es ist viel mehr, ein Christ zu sehi, denn fromm sein. Es
kann einer wohl fromm sein, aber nicht eui Christ. Ein Christ weiB von seiner
Frommigkeit nichts zu sagen, er findet in sich nichts Gutes noch Frommes. Soil
er fromm sein, so muB er sich nach einer anderen und fremden Frommigkeit um-
sehen . . . Darum heifit einer nicht ein Christ daher, daB er viel tut, sondern darum,
daB er von Christo was nehme, schopfe und lasse sich nur geben. Wenn einer von
Christo nicht mehr nimmt, so ist er kein Christ mehr, so daB des Christen Name
nur im Nehmen bleibe, und nicht im Geben oder tun, und daB er von Niemandem
sonst nehme denn von Christo. Wenn du darauf siehst, was du tust, so hast du
schon den christlichen Namen verloren. Es ist wohl wahr, daB man gute Werke
tun soil, andern helfen, rateh und geben, aber davon wird keiner eiri Christ ge-
nannt und ist er auch darum kein Christ. Deshalb muB man einen Christen
dabei erkennen, daB er nur von Christo nehme und Christum in sich habe; und
das bringt das Wort eigentlich mit sich. Gleichwie ehier weiB heiBt von der Weise,
die an ihm ist . . ., so auch Christ von Christo, den er in sich hat und von dem er
Gutes empfangt. So nun einer ein Christ genannt wird von Christoj so wird er je
von semen Werken nicht ein Christ genannt; so folgt auch zugleich daraus, daB
keiner ein Christ durch die Werke wird. Christus ist ein ander Ding und etwas
Hoheres denn Gesetz und Menschengebot. Er ist Gottes Sohn, der allein zu geben
und nicht zu nehmen bereit ist. Wenn ich so geschickt bin, daB ich Vhm nehme, so
habe ich ihn, habe ich denn ihn, so werde ich billig ein Christ genannt. Tue du
nur das Herz auf und halte ihn dafur, so wirst du alles haben: er quillt und flieBt
aus und kann nichts anders denn nur geben, flieBen und quellen, wenn du es nur
glauben kannst. Dann hast du recht den Namen, daB man dich einen Christen
heiBt, so doch, daB du ein Christ seiest mit Nehmen; wo aber nicht, und du willst
: ihm viel geben, so bisf'du kern Christ. Wir sollen Christen werden, ehe wir
irgendein Werk tun" (W.A. 10, 1 H 430 ff. 439).
103
Existenz iiberhaupt ausdriicklich zerbrochen, indem er die Heils-
bedeutung des mensch.lich.en Tuns, das meritum jedes Verstandnisses
fiir Gottes Rechtfertigungsurteil und die SelbstgewiBheit des Gerecht-
fertigten leugnet, ja, es sogar zum Kennzeichen des Gerechtfertigten
erklart, daB ihm das Wirken nichts fur das Ja Gottes zu ihm und sein
Ja zu Gott bedeute, es sei denn das sichtbare Siegel Gottes unter sein
bereits gesprochenes und empfangenes Ja im Glauben. Glaube und Liebe
aus Glauben ,,beides in Einheit werdend ist Gott", wie es Ignatius
formulierte , die Verarbeitung dieser Sicht des Problems in die Bot-
schaft des ,,Christus -solus" und ,,propter Christum" und ,,sola fide"
ware die vollkommene, evangelische und katholische Losung gewesen,
die echte Erneuerung des Alten und die ganze Antwort auf die Frage
des ,,modernen" Menschen, der ringt um sein ewiges und wahres ,,Zu-
sich-selbst-kommen" vor Gott und Menschen. Wohl wissen wir das
Rrngen um den theologischen Begriff des Christengeheimnisses von dem
geistlichen Leben des Reformators zu unterscheiden. Es kann sich auch
nicht darum handeln, die Luthersche Lehre von der Rechtfertigung allein
durch den Glauben irgendwie abzuschwachen oder in der Richtung des,
Tridentinums zu ,,modifizieren". Wir begreifen auch Not und Gebot
wehdender und erneuernder Stunden in der Geschichte des Reiches
Gottes und der Kirche, die vorhandenen religiosen Anschauimgen und
theologischen Begriffe als unbrauchbar und belastet abzutun und um
ganz neue ,, Begriffe" fiir das elementar neu sich erschlieBende Gottes-
geheimnis zu ringen, ein Vorgang, den uns z. B. alttestamentliche Wissen-
schaft am prophetischen Denken aufgezeigt hat. Aber das ,,Neue" des
Heih'gen Geistes wird sich in der Kirche Christi doch immer als Ver-
arbeitung der alten Sache (wenn auch nicht ihrer alten Begriffe!) be-
wahren und darstellen miissen, sofern es sich um eine neue ,,An-sicht"
des Geheimnisses Christi (darinnen die Kirche doch auch als Ganzes
,,von Klarheit zu Klarheit" fortschreiten darf !), aber eben nicht um ein
neues Evangelium, einen neuen Gott und einen neuen Menschen
handeln soil. Das ,,Christus solus" und ,,sola fide" war die Antwort des
alten Evangeliums auf die neuzeitliche Gottesfrage der Christen- und
Menschheit im sechzehnten Jahrhundert, die der Reformator stell-
vertretend zu durchleben, zu stellen und zu beantworten hatte als
Werkzeug Gottes. Aber das theologische Verstandnis dieser beiden
Perlen, das , 3 das Handeln aus dem Glauben ausscheidet und nichts als
das Glauben iibriglaBt", das ,,aus dem Handeln ein Adiaphoron macht,
einen wertlosen Vorgang, der unser Wollen und unser Geschick nicht
104
zu beruhren vermoge," und die Wiedergewinnung der altkirchlichen
Klainmer des Christus Gottes zu einer Einschrumpfung des Menschen
und seiner Personalitat vor Gott, zu einer Irrelevanz der ethischen
Verantwortlichkeit fiir Zeit und Ewigkeit gebraucht dieses Ver-
standnis des Christus solus" und des ,,sola fide" wiirde auf ein neues
Evangelium, einen neuen Gott und einen neuen Menschen hinweisen,
unbekannt der Kirche, schadlich der Welt, fremd der Heiligen Schrift.
Luther aber hat das ist nicht zu bestreiten bei aller Wurdigung
des Glaubenswerkes mit einer grundsatzlichen Skepsis vom Werk gegen-
uber der Herrlichkeit des Glaubens geredet, die zur Lehre erhoben als
polemische Notwendigkeit wollen wir sie gelten lassen die Gottes-
wirklichkeit und das Menschenbild der Heiligen Schrift verzeichnet. 1 )
*) Vgl. zu den obigen Zitaten A. Schlatter, Gottes Gereehtigkeit, S. 153; auch
.Der Jakobusbrief und die Johannesbriefe f. Bibelleser ausgelegt, 1893; S. 62:
,,Unsere alteren evangelischen Lehrer, Luther voran, haben nie daran gezweifelt,
daB uns das Werk notwendig sei, aber sie haben AnstoB genommen an dem Wort,
daB uns Gott aus unseren Werken rechtfertige, daB er uns um deswillen, was wir
tun, die Siinden vergeben und das ewige Leben zuteile. Sie fiirchteten, das ziehe
uns vom Glauben ab . . ." Aber: ,,Der Rechtfertigungsgedanke gab gleichzeitig
der Frage ihr voiles Gewicht, wodurch auch auf der Seite des Menschen sein Ver-
halten gegen Gott die Richtigkeit erhalte und das- Merkmal der Gerechtigkeit be-
sitze" (Schlatter, Die Theologie der Apostel, S. 115). Und: ,,Das menschliche
Wollen und Wirken entsteht aus dem gottlichen, da Gott noch groBere Gnade
gibt als die, die er uns dureh die Schopfung gewahrt hat. Wirksam werdendes,
schaffendes Wort ist Geist . . . Der Menseh wirkt daher Gottes Gerechtigkeit, wenn
er als Werkzeug und Diener in Gottes Wirken hineingestellt wird. Dann schafft er
nicht eine eigene von ihm erdachte, sondern die von Gott gewollte und gewirkte
Gerechtigkeit. Das geschieht, wenn der Menseh durch Glauben dem Christus eigen
ist". Es gab nie einen Glauben, der nicht gesagt hatte: ,,alles durch Glauben,
nur durch Glauben" (Der Brief d. Jakobus, S. 42. 51. 105). Darum: ,,Es wird
offenbar, daB die Auslegung nicht klar sah, als sie den Gegensatz zwischen dem
Glauben und dem Wirken zu ihrem leitenden Gedanken machte" (Gottes Gerechtig-
keit, S. 79). Vgl. auch Heinrich Graffmann, Das Gericht nach den Werken im
Matth.-Evangelium, Festschrift f . Karl Barth, 1936, S. 124ff . : ,,Man kann also
ebensowenig den Glauben gegen die Werke ausspielen wie die Werke gegen den
Glauben. Beide diirfen nicht voneinander getrennt werden, wenn sie nicht ihre
Echtheit verlieren sollen." Nach herkommlichem evangelischem Denken ,,er-
scheint jede positive Bewertung der Werke durch Gott ausgeschlossen. GewiB
sollen durch die Gnade Gottes und den Glauben des Menschen gute Werke nicht
uberfliissig werden, aber diese folgen nach der herkommlichen Darstellung der
reformatorischen Theologie aus dem Glauben, der allein MaBstab der Beurteilung
durch Gott sein kann, von selbst und ohne Gebot wie die Friichte aus einem guten
Baum." Dagegen: ,,Es ist doch wohl eine Fehldeutung des Wortes Jesu, daB ein
105
7. Luthers MiSverstandnis von Jakobus 2 als Ausdruck
eines theologischen Kurzschlusses
Damit stehen wir bei der ausschlaggebenden Beobachtung, die
unsere Bedenken gegen Luthers Verstandnis des ,,sola fide" zu einer
,,offiziellen" Infragestellung macht, wie sie der Reformator sich selbst
und der Kirche zur dauernden Pflicht gemacht hat. (,,Wer meine Biicher
zu dieser Zeit ja haben will, der lasse sie ihm bei leibe nicht sein ein .
Hindernis, die Schrift selbst zu studieren . . . ee W.A. 50 S. 658). Luther
weicht der Infragestellung seiner Auffassung des ,,Christus solus" und
des ,,sola fide" durch das Wort Gottes aus und in seiner Gefolgschaft
die gesamte ref ormatorische Theologie, trotz ihrer relativ anderen Ent-
scheidungen. Luther unterwirft sich nich j . dem Zeugnis von der Recht-
fertigung und vom Glauben im Brief der Apostels Jakobus. Das gesamte
Problem wird in Luthers Auseinandersetzung mit diesem kanonischen
Zeugnis sichtbar. Als der Reformator sich mit dem Jakobusbrief be-
schaftigt, tritt er an eine theologische Frage heran, die seine Zeitgenossen
bisher so wenig bewaltigt haben, wie er sie bewaltigen wird. Da hat z. B. -
der Doktor der Theologie an der Sorbonne Jaques Lefevre 1512 einen
Kommentar zu den Briefen des Paulus veroffentlicht, in dem er sich
liber das Verhaltnis des Jakobus zu Paulus auslaBt und mit humanisti-
scher Gewandtheit die Losung der theologischen Frage umgeht. : S) Einst
gab es zwei Parteien, von denen die eine auf Werke baute, die andere
auf den Glauben, ohne nach den Werken zu fragen. Jakobus lehnte ~.
diese ab, Paulus jene. Und du, wenn du Weisheit besitzest, setze dein.
Vertrauen nicht auf deinen Glauben, nicht .auf deine Werke, sondern
auf Gott und betrachte, um das gottliche Heil zu erlangen, als wesent-
Kch den Glauben des Paulus und fiige zu ihm die Werke nach Jakobus,
denn sie sind ja die Zeichen eines lebendigen und fruchtbaren Glaubens"
(nach Joseph Chambon, Der franzosische Protestantismus, 1939, S. 23 f .).
Luther, solcher humanistischen Gewandtheit abhold, schickt sich an,
den gordischen Knoten einfach durchzuhauen. Der Jakobusbrief wird
rundweg als ein nichtapostolischer Judeutraktat abgelehnt. Denn er
bezeugt nicht das ,,Christus solus" und ,,sola fide" Luthers, fordert
guter Baum gute Friichte trage, wenn man sich dieses Fruchttragen zu mechaniscli
oder ,organisch' vorstellt. Sie kommen jedenfalls nicht so von selbst, daB sie nicht
mehr befohlen zu werdeu brauchten, daB der Mensch fur sie nicht verantwortlich
ware." So aufmerksam diese Ausfiihrungen machen, an das Problem der refor-
matorischen Bechtfertigungs- und Glaubenslehre fiihren sie noch nicht heran!
106
. das menschliehe - Tun zur Erlangung der Rechtfertigung und .wider?,
spricht der Paullnischen Rechtfertigungslehre, wie Luther sie versteht.
Er setzt seinen Doktorhut daran, daB die Harmonisierung von Jakobus
und Paulus so unmoglich ist wie die Vereinigung von Gottes Werk'und
des Menschen Werk, Glauben und Handeln als einer Grundlage fur
den gottlichen Rechtfertigungssprueh. Uber den Verfasser hat er seine
Privatmeinung, aber seine Verkiindigung hat ,,keine evangelische Art
an sich" und mu6 Luther fiir die Kirche Jesu Christi ablehnen, denn sie
ist Gesetzespredigt. 1 ) Erschiitternde Tragik, mit welcher Entschlossen-
x ) ,,Sanct Paulus Epistel, sonderlich die zu den Romern, Galatern, Ephesern,
.und Sandt Petrus erste Epistel, das sind die Biicher, die dir Christum zeigen, und
alles lehren, das dir zu wissen not und selig ist ... Darum ist Sanct Jacobs Epistel
eine recht stroherne Epistel gegen sie" (W.A. Deutsche Bibel, 6. Bd., S. 10).
,,Die Epistel S. Jacohi lobe ich und halte sie doch fiir gut, darum, daB sie gar
keine Mensehenlehre setzt und Gottes Gesetz 'hart treibt. Aber, daB ich meine
- Meinung drauf stelle, doch ohne jedermanns Nachteil, achte.ich sie fiir keines
Apostels Schrift. Stracks im Gegensatz wider S. Paulus und alle anderen
Schriften, gibt sie den Werken die Pvechtfertiguhg. Sie will Christenleute lehren
und gedenkt nicht einmal in solch langer Lehre des Leidens, der Auferstehung,
des Geistes Christi. Er nennt Christus etliche Mai, aber er lehrt nichts von ih'm . . .
~ Das ist'der rechte Pruf stein, alle Biicher zu tadeln, wenn man sieht, ob sie Christus
treiben oder nicht . . . Aber dieser Jakobus tut nicht mehr, denn treibet zu denv
Gesetz und seinen Werken, und wirft so unordentlich eins ins andere. Er hat
wolleri denen wehren, die auf den Glauben ohne Werke sich verlieCen, und ist
der Sache zu schwach gewesen, will es mit dem Gesetz treiben ausrichten, das
die Apostel mit Reizen zur Liebe ausrichten. Darum kann ich ihn nicht unter
die rechten Hauptbiicher setzen, will aber damit niemand wehren, daB er ihn
setze und hebe, wie es ihn. geliistet. Denn viel gutef Spriiche sonst darinnen
. sind" (W. A- Deutsche Bibel, 7.' Band, _S,, 385 ff.). ,,Nullam syllabam ,habet de
Christo . . . Ich halte, daB sie irgendein Jude gemacht hat . . ., dieweil er hat ge-
hort, daB die Christen also sehr auf den Glauben in Christum dringen, hat. er
gedacht: Halt, du willst ihnen begegnen und schlecht die opera treiben! . . . De
passione et resurrectione Christi sagt er nicht ein Wort" (Tischreden, Bd. 5, Nr.
5443, S. 157). Eui iiberraschendes, alleinstehendes Zeugnis iiber Jakobus findet
sich in einer Predigt iiber Jak. 1, 16 21, wo Luther von der ,,Christus- und Evan-
geliumspredigt" an dieser Stelle spricht und bemerkt: ,,Merke, daB er (Jakobus)
dem miindlichen Wort oder gepredigten Evangelic die Kraft gibt, daB es kann
unsere Seelen selig machen, gleichwie es auch St. Paulus zu den Bomern am 1. Kap.
V. 16 mit gleichen Worten preiset" (W.A. 41, S. 590). Aber seine grundsatzliche
Ansicht ist doch wohl in folgenden AuBerungen festgehalten (vgl. auch O. Albrecht
in der Einleitung zu Bd. 7 Deutsche Bibel, S. XXXII, der feststellt, ,,daB diese
mildere Stimmung nicht von Bestand war" !) : ,,Multi valde sudant, ut concordent
Jakobum cum Paulo . . . Pugnantia sunt : fides iustificat, fides non iustificat. Wer die"
zusammen reimen kann, dem will ich mein Pirreth aufsetzen und will mich einen
107
heit und SelbstgewiBheit das altkirehliche In- und Miteinander von
Gottes-Tun und Menschen-Tun, das den Menschen Gott recht macht
und ihn zu seiuem wahren Selbst vor und in Gott kommen lafit, von
Luther zuriickgestoBen wird, selbst in dem Einwand des Wortes der
Heiligen Schrift, von dem er, der Doktor der Heiligen Schrift singt:
,,Das Wort sie sollen lassen stan . . ." I Erschiitternde Tragik der Kirchen-
und Geistesgeschichte kommender Jahrhunderte besonders im deut-
schen Raum! , wie das gewaltige Problem des Menschen, seiner
Wiirde, seiner Aufgaben, seiner Ziele, statt in der rechten Spammngs-
einheit von Gott und Mensch bewaltigt und uberwunden zu werden
Narren lassen schelten" (Tischreden, Bd. 3, S. 253, Nr. 3292). ,,Papistae tantum
accipiunt Jacobum pro iustitia operum, quod iudicio est non esse apostoli scriptum,
praesertim cum appellet fidem corpus, corpora vero animam, quod plane absurdum
et contra scripturam. Ich werde einmal mit dem Jekel den offen heizen. Possumus
eum ornare et excusare, sed profecto difficulter" (Tischreden, Bd. 5, S. 382, Nr.
5854). Jeckel wollen wir schier aus der Bibel stoBen hier zu Wittenberg, derm
er redet nichts von Christo, ne una quidem syllaba nisi in principio et praeludio.
Videtur contradicere Paulo nee de evangelic nee de lege recte loquitur. Ich halt
es sei ein Jud gewest, der hab gesehen, daB die Christen so viel de fide sagen, und
hab die Epistel darwider gemacht: Ei es soil nit alles der Glaub sein, es muBten
auch Werk etwas sein. Es ist der Papisten Epistel. Sie nehmen sich keiner so heftig
an als der, Paulum lassen sie wohl stehen" (Tischreden, Bd. 5, S. 414, Nr. 5974).
,,Quod autem Jacobi Apostoli epistola inducitur: ,Fides sine operibus mortua
est,' primum stjlus epistolae illius longe est infra Apostolicam majestatem nee cum
Paulino ullo modo comparandus, deinde de fide viva loquitur Paulus. Nam fides
mortua non est fides, sed opinio" (W. A. 2, 425). ,,Darum will ich ihn nicht
haben in meiner Bibel in der Zahl der reehten Hauptbucher ... Ein Mann ist
kein Mann in weltlichen Sachen, wie sollt derm dieser Einzehie nur allein wider
Paulum und alle andere Schrift gelten?" (W.A. Deutsche Bibel, Bd. 7, S. 386).
In seinen Randbemerkungen zum Neuen Testament von 1530 finden sich beispiels-
weise folgende Notizen: zu V. 21: ,,Ist nicht Abraham durch Werke gerecht . . .,
wo steht das geschrieben? Fides non operatur sed cooperatur, quia, opera sunt
auctores, durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden ja, das reimet
sich fein." Zu V. 24: ,,Falsum." Zu V. 25: ,,Hebraer 11 aliter." Zu V. 26: ,,O em
schon Gleichnis, wende dich, Freiheit." ,,Das fiir Luthers Bibeliibersetzung charak-
teristische (sola) zeigt sich wirksam in der abgestuften Rangordnung der Schriften,
in der Zasur des Registers, welches die bezifferten 23 Hauptschriften abgrenzt
gegen die 4, die ans Ende gestellt skid, im Eingang der Vorrede zum Hebraerbrief
und in der wiederholten Minderschatzung des Jakobusbriefes . . . Dabei ist Luther
iiberzeugt, daB sein kritisches Verfahren (mit Riicksicht auf fides sola) kein wHl-
kiirliches Einlegen ist, sondern ein wahrhaf tiges Auslegen, Herausstellen des Kernes
des Wortes Gottes" (0. Albrecht zu Luthers Vorreden, W. A. Deutsche Bibel,
Bd.7, S. XXXIV).
108
(lurch die reformatorische Botschaft des ,,Christus solus" .und ,,sola
fide", nun wie eine wachsende Lawine durch die Geschichte rollt und
alte, erkampfte und erbetete Wahrheiten der Menschheit mit sich reiBt
und zudeckt ; wie der krampfhaft von sich selbst wegsehende, nach dem
Christus Gottes ausgestreckte Mensch notwendig nach und nach das
Gleichgewicht verliert, statt es zu gewinnen, und mehr und mehr nicht
nur Gott und das Evangelium, sondern auch sich selbst und die Herr-
schaft iiber die Welt und die Dinge einbiiBt, ja in die unendliche Gleich-
gewichtsstorung des Nihilismus stiirzt, je mehr er sich rrniht, den ,,Men-
schen an und fur sich" oder ,,Gott an und fur sich" zu retten!
8. Losungsversuche gegen und neb en Luther
Denn seit den Tagen des Reformators setzt der Widerspruch und
das Bemtihen unter Beibehaltung des Lutherschen Auftrags in der
Christenheit ! , zu der altkirchlichen Antinomie zuriickzufinden,
ein. DaB das Tridentinum (vgl. Sessio VI) widerspricht, verwundert
nicht. Zur Vollmacht dieses Widerspruchs im Raum der Kirche ist
freilich unerlaBlich, daB nicht nur alte Wahrheit bewahrt oder wieder-
gewonnen, sondern auch neue Unwahrheit abgetan und neue Entfaltung
des Evangeliums angenommen wird ! Der Kirche mangelt bis 1530 noch
ein verbindliches und autoritares Dogma iibef die R/echtfertigung des
Sunders, wie es die neue Zeit verlangt. Ohne Verarbeitung des Luther-
schen Christus- und Glaubenszeugnisses bleibt die Kirche gefangen in
alten Siinden, belastet mit alter Schuld, riickstandig gegeniiber den
Forderungen der Zeit, die ,,Kairos" Gottes fiir das Evangelium ist.
Denn das Evangelium ist das Geheimnis der Geschichte, ihre geheime
Bewegung, ihre Not und ihr Segen, ihre Sehnsucht und ihr Ziel; die
Kirche aber soil Augen dafiir haben, das zu sehen, und Ohren, das
zu horen, wenn sie denn die Wohnstatte dessen ist, durch den und
zu dem alles geschaffen ist und in dem alles seinen Bestand hat:
Christus, der Erstgeborene vor alien Kreaturen (Kol. 1, 1517). Eine
Kirche, die nur das Nein zur reformatorischen Erneuerung hervorbringt
und nicht auch das Ja der BuBe und des Dankes, wird diese Augen
und Ohren nicht haben. Denn sie war und ist blind und taub fur die
Wahrheit.
Im reformatorischen Umkreis ist Luther von Anbeginn mehr oder
weniger deutlich widersprochen oder Erganzung seiner Lehre gefordert
109
worden. Die altkirchliche Spainmngseinheit von Gesetz und Evangelium,
Glauben und Wirken steht der Zeit noch zu nahe vor Augen; anderer-
seits hindert die Christusentleerung des religiosen Lebens die begreifende
Begegmmg mit der alten Wahrheit, laBt auf halbem Wege stehenbleiben
oder ganz mnkehren. In Luthers nachster Nahe wird der erste Korrektur-
versuch unternommen von seinem Freunde Melanchthon, dem er-
ganzenden Synthetiker uud Systematiker neben dem Reformator, der
selbst von ihm urteilt: ,,Ich habe Magister Philipps Bucher lieber denn
die meinigen; ich bin dazu geboren, daB ich mit Rotten und Teufeln
muB kriegen und zu Felde liegen. Darum meine Biicher viel sturmisch
und kriegerisch sind. Ich muB die Klotze und Stamme ausreuten,
Dornen und Hecken weghauen, die Pfiitzen ausfiillen und bin der grobe
Waldrechter, der Bahn brechen und zurichten muB. Aber Magister
Philipp fahrt fein sauberlich und stille daher, bauet und pflanzet, saet
und begieBt mit Lust, nachdem ihm Gott gegeben hat seine Gaben reich-
lich. der seligen Zeit!" Melanchthon formuliert kiihn in der Apologie:
,,Wer Glauben und gute Werke hat, der ist gerecht . . . Weiter sagen
wir, daB die guten Werke wahrlich verdienstlich und meritoria sein."
So wird denn auch sogleich eine summarische Auslegung von Jakobus 2
gegeben mit dem Ziel des Nachweises : Jakobus ist St. Paulo nicht
entgegen" und ,,Der Spruch Jakobi ist nicht wider uns".
Der Versuch zeigt tieferes Verstandnis fur die Apostelschrift und
den notwendigen Kampf der reformatorischen Auslegung gegen den
zeitgenossischen MiBbrauch des Briefes. Jakobus gibt apostolisches
Christuszeugnis. ,,Jakobus laBt den Glauben nicht auBen, sondern
redet vom Glauben, damit laBt er Christum den Schatzbund, den Mittler
bleiben, dadurch wir vor Gott gerecht werden, wie auch Paulus, da er
die Summe setzt christlichen Glaubens, setzt er Glauben und Liebe zu-
sammen (1. Tim. 1)." Jacobus recte negat nos tali fide iustificari,
quae est sine operibus."
Die Gegner verkennen die Christusbezogenheit der Jakobus-
forderung. ,,Darum irren die Widersacher weit, wenn sie aus dem Spruche
(2,24) schlieBen wollen . . ., daB Jakobus dieswolle, daB wir durch unser
Werk einen Zugang zu Gott haben ohne den Mittler und Versiihner
Christum ... St. Jakobus hat zuvor gesagt von der geistlichen Wieder-
geburt (V. 18), daB sie durch das Evangelium geschieht . . ., darum ist
seine Meinung nicht, daB wir durch unsere Werke sollten neu geboren
werden . . . Nicht partim Christus partim opera nostra sunt propitiator"
(Apologie, Art. IV, Von der Rechtfertigung). Man versteht, wie unmog-
110
lich es sein mufite nach rein,menschlichen Gesetzen geistiger Ver-
standigung und geistiger Bewegungen betraclitet! , diesen Zeit-
genossen das unverkurzte Jakobuszeugnis zu vermittem, zumal .auch
der reformatorische Ausleger bei aller Ergriffenheit durch das Elemen-
tare des ,,Neuen" ein Kind seiner Zeit und Kirche und ihrer Schwa-
chen bleibt. Melanchthon versucht das ,,Unmdgliche". Aber es ist der
Versuch einer ,,mtherischen" Auslegung, die dem apostolischen Zeugnis
nicht gerecht wird. Das Wirken gehort nach Melanchthons Exegese
von Jak. 2 nicht in den gottlichen Akt der Rechtfertigung. Nicht um
den ,,modus iustificationis", um den ,,Effekt" der Rechtfertigung (opera,
quae fides efficit) handelt es sich bei Jakobus. Die Werke sind bei ihm
,,Friichte" des Glaubens, Demonstration der ,,gelebten Wirklichkeit des
Glaubens" (Barth), die Gott nur im rhetorischen Sinne als ,,m criteria"
gef alien um Christi willen. Denn 3J die Werk sind viel zu gering dazu, daB
uns Gott um ihretwillen gnadig sein soil, wo er uns nicht um Christus
-willen gnadig ware." ,,Iustificari significat hie non ex impio iustum
effici, sed usu forensi iustum pronuntiari . . ., iustificatur homo non
solum ex fide, sed etiam ex operibus, quia 'certe'iusti pronuntiantur
homines habentes fidem et bona opera. Nam bona opera in sanctis
sunt iustitiae et placent propter fidem. 1 ) Melanchthon konstruiert also
*) Auf diesem Wege hatte auch Luther gelegentlich versucht, sich mit Jakobus
zu versohnen: Jacobus versatur in loco Morali, non in Theologico, sicut fere totus
estmoralis. Moraliter loquendo verum est fidem sine operibus esse mortuam, i. e. si
non operator fides aut si fidem non sequantur opera foris. Hoc enim modo fides
non potest esse sine operibus, i. e. non potest non operari aut nulla est fides ibi.
Sed nos hie in loco Theologico sumus, ubi de iustificatione coram Deo loquimur.
Hie dicimus. fidem solam pro iustitia reputari coram Deo, sine operibus et meritis"
(W.A. 30, 2, 664). Und in einer Tischrede gegen die Waldenser: ,,Articulum iusti-
ficationis non habent sincere; fatentur quidem iide et gratia salvari homines, sed
fidem qualitatem illam regenerantem intelh'gunt. Non soh* fidei in Christum tri-
buunt. Aliter exponunt fidem et gratiam quam nos et operibus simul tribuunt
iustitiam dicentes Jac. 2, 20. Qui locus si ad moralia et praedicationem legis
appUcatur, est optimus; si autem in articulo iustificationis collocaverimus, est non
tarn ineptus quam impius" (Tischreden, 3. Bd., S. 37, Nr. 2864). Melanchthons
Auslegung geht freih'ch schon einen Schritt iiber Luther hinaus.! Dieser unmogliche
Versuch Melanehthons, mit reformatorischem Denken Jakobus zu verarbeiten,
dem Luther noch widerstand, verrat an bedeutsamer Stelle etwas von dem ,,ratio-
nalen Denken, beherrscht vom Bedurfnis der Erklarung", das Hans Emil Weber
im 1. Bd. semes Werkes ,,Reformation, Orthodoxie und Bationalismus" schon in
der Rechtfertigungslehre der Apologie als Gefahrdung des von Luther gemeinten
gottlichen Geheimnisses tier ,,Rechtfertigung" findet. Unsere Frage an Weber ist,
,ob diese Zerlegung des gottlichen, von Luther providentiell erlebten Geschehens
111
einen Jakobus und eine apostolische Verkiindigung, die wie Luther
im Rechtfertigungsgeschehen das Handeln vom Glauben trennt. Der
Mensch vor Gott 1st kein Wirkender .sondern: ein ,,Glaubender".
Wo immer sich Melanchthon friiher oder spater mit Jakobus beschaftigt,
fuhrt er diesen ,,heiBen Kampf gegen jede Motivation des Rechtferti-
gungsurteils aus dem Verhalten des Menschen" (H. Engelland,
Melanchthon, Glauben und Handeln S. 371), nenne sich das Verhalten
Glauben" oder ,,Werk". Es diinkt ihn eine Bestreitung des ,,Christus
solus" und eine Bedrohung der GottesgewiBheit und SelbstgewiBheit
des Menschen, die das Geschenk der reformatorischen Kirche an das
einzelne Subjekt ,,Mensch" im ,,Christus solus" und ,,sola fide" ist.
Jakobus sagt nicht, dafi unsere Werke die Herzen zur Ruhe bringen
und Gottes Zorn iiberwinden." Und Melanchthon meint mit dieser Aus-
legung den ,,einfaltigen Verstand" des Jakobus wiederzugeben. Aber
Luther sah doch tiefer, wenn er von der Jakobus-Exegese seines Freundes
in der Apologie urteilte, er handelt ,, nicht mit einem Ernst" (W.A. Tisch-
reden, 3. Bd. S. 254). Das Schema der kommenden orthodoxen
Jakobus- Auslegung findet sich vollkommen ausgefiihrt in Melanchthons
Methode und Fragestellung. Die Exegese des Wortes Gottes wird dem
dogmatischen Vorurteil der Reformation unterworfen. Man hat nicht
die Kraft der Zusammenschau der Gegen- Satze" in der Einheit des
Geistes. Das GewiBheitsproblem verdrangt ganz die Frage nach der
Rolle des personalen Willens im Rechtfertigungs-Ereignis. Die Auf-
losung der objektiven rechtfertigenden Heilstat Gottes (Christus- und
Geistesgemeinschaft in den heiligen Sakramenten), innerhalb deren
die reformatorische s ,Rechtfertigung" nur eine Seite, namlich die
personale und subjektive, in Geist und Herz des begnadeten Menschen
ist, in die subjektive Erfahrung oder Gesinnung des mit ,,Christus allein",
,,sola fide" umgehenden frommen Protestanten deutet sich an. Das An-
liegen des Jakobus: was der Mensch fur Gott und darum fur sich tue,
muB zuriicktreten. Dennoch muB hervorgehoben werden zusammen-
in starre Begriffe und Momente nicht ein Erbe ariatotelischen Denkens ist, dem die
reformatorischen Theologen bei aller Kritik der Scholastik ebenso verfallen sind
wie ihre Gegner, worin dann aucb. ein Grund zu sehen ware, warum die Theologen
beider Kirchen bis zu denen des Tridentinums und der Orthodoxie in der
Sache der Rechtfertigung und der Auslegung der Schrift so hoffnungslos aneinander
vorbeireden muBten, ein MiBverstandnis, das erst durch modernen Christ-Katholi-
zismus und evangelische Sakramentsfrommigkeit und Christusgemeinschaft zur
Aufhellung kommt.
312
stimmend mit Luthers eigenem Urteil iiber sich: ,,ego sum crudior et
stupidior" , Luther steht allein mit seiner Antipathie gegen Jakobus.
Bereits 1520 hat Karlstadt in einer Vorlesung iiber den Jakobusbrief den
Keformator angegriffen. Aber auch Zwingli, Calvin und Bullinger
schatzen Brief und Zeugnis als apostolisch und christlich. Besonders
fallt Calvins besonnene Stellungnahme, die fast modernen Blick fiir die
individuellen historischen Auftrage der Apostel verrat, angenehm auf. 1 )
Es finden sich bei ihm sogar Satze iiber die Rechtfertigung, die der
Wiedergewimmng der im Christus gebundenen, altkirchlichen Anti-
nomie von Glauben und Werke naherzukommen scheinen als Luthers
Formulierungen, wie etwa in der Institutio von 1559: ,,Wir werden
nicht ohne Werke, aber dennoch nicht durch Werke gerechtfertigt,
da ja in der Teihiahme an Christus, durch welche wir gerechtfertigt
werden, nicht weniger die Heiligung als die Gerechtigkeit enthalten
ist" (III, 16, 1). Bei naherem Zusehen vgl. auch im einzelnen seine
Exegese von Jakobus 2! kommt seine Anschauung freilich auf die
Melanchthons und der lutherischen Orthodoxie hinaus. Major und
Menius stellen acht Jahre nach Luthers Tode den Satz von der Not-
wendigkeit guter Werke zur SeHgkeit auf, von Amsdorf mit dem be-
zeichnenden Einwand abgewiesen: ,,die Erneuerung sei eine ganz und
gar von der Rechtfertigung getrennte Sache." Das Wirken wird nur
noch als eine Polge des Rechtfertigungsurteils betrachtet und vom
rechtfertigenden Glauben getrennt. Der Glaube, der GotF recht wird,
wirkt nicht. 2 ) Zwei Jahre spater pragt die Synode zu Eisenach im
antinomistischen Streit den sich reichlich windenden und in den Gott
1 ) ,,Ich meinesteils finde keinen ausreiclienden Grund, ihn abzulehnen, und
nehme ihn voller Zustimmung auf. Denn den Anschein, als wiirde im zweiten
Kapitel die Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnade erschiittert, werden wir
seines Ortes leicht zerstreuen ... Es ist doch gewiB nicht von alien biblisehen
Schriftstellern zu f ordern, daB ihre Lehre genau die gleichen Gegenstande behandle.
Welch ein Unterschied ist zwischen dem Psalter und den Spriichen! . . . Mir geniigt
es zur Anerkennung des Briefes vollkoinmen, daB er nichts eines Apostels Un-
wiirdiges enthalt: ist er doch gesattigt von mannigfachem Lehrstoff, dessen Be-
deutung fiir alle Seiten des Christenlebens klar zutage liegt" (Auslegung des Jako-
busbrief es, Einleitung).
2 ) Merkwiirdig, daB der Widerspruch zwischen der Eechtfertigung im End-
gericht, die doch nur die Offenbarung der ,,heimlichen" Rechtfertigung des
Glaubenden ist und das Wirken des Glaubenden (auch nach lutherischer Lehre)
verlangt, und der Rechtfertigung des Glaubenden, ohne ein Wirkender zu sein,
nicht gesehen bzw. ertragen wird!
8 Lackmann, Sola fide i 113
Alten und Neuen Testaments einen unmoglichen Zwiespalt hinein-
verlegenden Satz, gute Werke seien ,,in foro legis et de idea" zur Selig-
keit no tig. Andreas Osiander versucht gegeniiber den bereits falsch
verstandenen ,,forensischen" Auffassun,gen der Zeitgenossen das
Ganze der Rechtfertigung (Akt und Effekt, objektive und subjektive
Seite) als den dynamischen Akt des einwohnenden Christus zu be-
schreiben, wobei das rechte Tun des Willens Gottes mitgesetzt ist in der
Mitteilung der Gott-gerechten menschlichen Natur Christi, die sich der
Glaubende zu eigen macht : keine Losung des Problems, aber sich. doch
weit iiber die Schultheologie der Epigonen Luthers erhebend. Aber sein
Schwiegersohn biiBt die ,,Ketzerei" mit dem Tode. 1 ) Die Konkordien-
formel hat nicht nur nicht weitergefuhrt, sie hat auch jene Epoche der
Orthodoxie vorbereiten helfen, von der Vilmar sagt, sie habe ,,juri-
stische Begriffe statt der gottlichen Sachen" vertreten. 2 ) AuBerlich
gesehen, wird Luthers Lehre aufgenommen. Es ist ,,Pauli Lehre, dafi der
Glaub allein gerecht macht ohne Werke". Bei Jakobus handelt es sich
nur darum, ,,woran und wobei ein Christ entweder bei sich selbst oder
an anderen erkennen und unterscheiden moge einen wahren lebendigen
Glauben von eineni gefarbten toten Glauben". Man beruft sich auf
Melanchthons Jakobus-Auslegung jn der Apologie; aber die Heils-
bedeutung der opera vor Gott als ,,meritoria" propter Christum, die
doch von Melanchthon im Horen auf Jakobus wenigstens noch zuge-
standen wird, tritt bereits hinter die Unterscheidung des lebendigen
und toten Glaubens unter den Menschen zuriick. So gerat man immer
mehr in die Sackgasse ,,protestantischer Glaubensgerechtigkeit", wo
man sich festrennt mit einem ,,Glauben allein", der sehr bald verdachtige
Ahnlichkeit aufweist mit der Werkgerechtigkeit der spatmittelalter-
lich.cn Kir che. ,,Die Extreme beruhren sich!" Dennoch, das Fragezeichen
bleibt auf gerichtet : die Verfasser der Konkordienformel miissen sich
sehr ausfiihrlich behaupten gegen das Verstandnis des Glaubens, ,,ut
x ) Vilmar hat Osiander die langst fallige Ehrenrettung zuteil werden lassen!
(Vgl. Dogmatik II, 57).
2 ) Da6 die Formel der lutherischen Rechtfertigungslehre nicht ,,geniigend
die schopferische Tatsache, die in Luthers Rechtfertigungsglauben gegeben ist
(Martin Rade, a. a. O. S. 4), deckt und darum heute veraltet ist, ja schon in der
Orthodoxie miBverstanden worden ist, befriedigt nicht allein als Erklaruug fruh-
zeitiger Entleerung des Evangeliums in ,,reformatorischer Theologie". Unaus-
gesprochene Wahrheit entleert auf die Dauer auch die ausgesprochene Wahr-
heit der besten theologischen Formel: aucb. dies gottliche Gesetz ist bei der Ent-
wicklung lutherischer Rechtfertigungstheologie in Anschlag zu bringen!
114
iustificet, necessariam esse praesentiam bonorum operum; aut ad
iustificationem vel in articulo iustif icationis esse necessariam praesentiam
bonorum operum, vel bona opera esse causam sine qua non, quae per
particulas exclusivas ex articulo iustif icationis non excludantur"
(z. B. gegen Paul Eber, der fur die necessitas praesentiae bonorum
operum eintritt). 1 ) Aber alle Problematik wird ausgeschaltet, der
,,orthodoxe" Standpunkt setzt sich durch, damit zugleich eine Ent-
wicklung des ,,Christus solus"- und des ,,sola fide"-Verstandnisses, die
immer weiter von Lehre und Erfahrung Luthers wegfuhrt. Das Jakobus-
Problem wird orthodox gemeistert. Aus der Christusgemeinsehaft bei
Luther, die der Glaube nicht herstellt, sondern deren subjektive ,,Ver-
wirkliehung" er nur ist als Gabe des einwohnenden Christus und .des
Heiligen Geistes (hierhin gehort wirklich ganz lutherisch Kierkegaards
Devise: ,,Die Subjektivitat ist die Wahrheit"), wird die historische und
moraHsche Beziehung des orthodoxen ,,Glaubigen" zu dem Gekreuzigten,
dessen Leiden, Verdienst und Gerechtigkeit er fur wahr und giiltig halt.
Aus dem Glauben als ,,Brautring" der hochzeitlichen, Christus-eigenen
Seele wird die intellektuelle Annahme einer orthodoxen Lehre von der
remissio peccatorum und der imputatio iustitiae des Gekreuzigten; das
Leuchten und Brennen der fides in den bona opera bei Luther wird zur
moralischen Verpflichtung des Glaubigen, der ,,neben" dem Glauben
auch ,,gute Werke" haben muB. 2 ) Entschlossen eigene Wege, die
zwischen Rom und Wittenberg hindurch fuhren und heute ernst-
hafter Beobachtung wert sind, werden damals lediglich von den
Arminianern, Spcinianern und Mennoniten beschritten. Die Recht-
fertigung wird synthetisch-forensisch verstanden, aber nur der Glaube,
', der von der Gottesliebe und dem Gehorsam gegen Gottes Gebot
- begleitet ist, empfangt den gottlichen Freispruch und das Geschenk
des ewigen Lebens. Gleichwohl gilt ,,opera non sunt mefitoria."
(Socin, Bibliotheca fratrum Polonorum, T. II, S. 603.)
x ) ,,Die so hochst unverstandig als Schulgezank bekrittelten protestan-
tischen Lehrstreitigkeiten des sechzehnten Jahrhunderts drehen sich in ihrem Kern
eben um dieses Problem: wie ist es moglich, neben der Rechtfertigungslehre die
ethische Verpflichtung in. ihrer ganzen Strenge aufrechtzuerhalten ? Der Streit
wurde nur darum so fanatisch, so uiiheilbar, weil man dabei auf eine Antinomie
stieti, die logisch iiberhaupt nicht aufzulosen ist" (Karl Holl, a. a. O. S. 17).
2 ) Schon die selbstverstandliche Art, wie Johann Gerhard, der doch noch viel
Lehr- und Lebensgut der reformatorischen Kirche in seinen Lehr- und Erbauungs-
8* . . . 116
9. Das Ringen um Wiedergewinnung der urchristlichen
Antinomic in evangelischer Verantwortung
(18. und 1 9. Jahrhundert)
In neuer Kraft bricht die Frage in den groBen Fuhrern des Pietis-
mus auf : Heinrich Miiller, Scriver, Spener ; schon vorbereitet durch das
,,wahre Christentum" lutherischer Mystik bei einem Johann Arndt
'inmitten entstehender Orthodoxie. ,,Du muBt allein in dem Willen
Gottes wandeln, auf daB du den Segen Gottes erlangst, ins Gelobte
Land und Reich Gottes kommst . . . ; mit Christi Vollkommenheit ge-
schmuckt gef alien alle deine Werke Gott wohl" (vier Biicher vom wahren
s
Christentum, Buch I, S. 28, StraBb. Ausgabe). ,,Du muBt dir deine
BuBe einen rechtschaffenen Ernst sein lassen, oder du hast keinen recht-
schaffenen Glauben, welcher taglich das Herz reinigt, andert und bessert.
Du sollst auch wissen, daB der Trost des Evangeliums nicht helfen kann,
wo nicht rechtschaffene, wahre Reue und gottliche Traurigkeit voran-
geht, wodurch das Herz zerbrochen und zerschlagen wird . . ." Zugleich
aber die lutherische Warming: 53 Du muBt dich aber wohl versehen, daB
du ja deine Werke oder anfangenden Tugenden oder Gaben des neuen
Lebens nicht mengst unter deine Rechtfertigung vor Gott. Denn da
gilt keines Menschen Werk, Verdienst, Gabe oder Tugend, wie schon sie
auch seien, sondern der hohe, vollkommene Verdienst Jesu Christi,
durch den Glauben ergriffen" (Vorrede). So konnte Luther nicht reden,
und doch ist alles aus dem ,,Christus solus" des Reformators gewonnen.
Man kommt nicht weiter und spurt doch, daB man weiterkommen muB.
Darauf weisen Forderungen wie ,,rechtschaffener Ernst deiner BuBe",
,,rechtschaffener Glaube", ,,rechtschaffene Reue und gottliche Traurig-
keit" hin: hier geht es uber Luthers Beschreibung und Wiirdigung des
Glaubens und uber seme Begriindung, warum die fides sola AnlaB der
Rechtfertigung fur Gott ist, unweigerh'ch hinaus. Bezeichnend, wie ver-
schieden Johann Arndts lutherische Zeitgenossen iiber sern Buch urteileri.
Lucas Osiander: ,,ein Buch aus der Holle." Valentin Andrea: ,,die
schriften bewahrt, in der Auseinandersetzung mit Bellarmin bestreitet und ,,nach-
weist", dafi es im Jakobusbrief nicht um die iustificatio coram Deo, sondern um die
,,declaratio iustitiae coram hominibus per opera" gene, stellt dar, daB es in der
Dogmatik der Tbeologen jetzt endgultig zu einem ,,KurzschluB" gekommen ist,
der die gottliche Wahrheit verdunkelt (vgl. Loci theologici, Tom. Ill, Loc. 16,
De iustificatione per fidem, u. Tom. IV, Loc. 17, De bonis operibus, Cap. 82).
116
Posaune des Jahrhunderts." Wesley, aber auch Albrecht Bengel (ein
besoiiderer Verehrer Luthers, aber auch Johann Arndts!) zerf alien
mit dem lutherischen Herrnhut uber der alten Behauptung des majo-
ristischen Streites, daB die guten Werke notwendig seien zur Seligkeit.
Die Betonung der psychologisch miBverstandenen Wiedergeburt, des
BuBernstes und der aufriclitigen Bekehrung bringen theologische
Momente aus der Heiligen Schrift und der alten Kirchenlehre zur Gel-
tung, die fruher oder spater sich zu einer Erganzung des lutherischen
Dogmas verdichten miissen. Bengel ist sich bereits bewuBt, daB dieKirche
nicht bei Luther stehenbleiben kann, vielmehr nur die Summe ihrer Er-
fahrungen mit ihrem Herrn und seinem Schriftwort also vor Luther
und nach Luther Anleitung ihrer Verkundigung und ihres Lebens sein
darf. Die Uberordnung der Heiligen Schrift iiber die Kirche und den
einzelnen Kirchenlehrer, die historische Einordnung jedes biblischen
Schriftstellers und eine dementsprechende Auslegung werden durch
Bengel neu gefordert und geiibt. Er iibt offene Kritik an Luthers Ein-
schatzung des Jakobusbriefes und an der Isolierung des ,,sola fide"-
Prinzips. Seine sowohl von Luther wie der gesamten orthodoxen Aus-
legung abweichende Exegese fuhrt bedeutend weiter, ohne bereits
Wiedergewinnung der altkkchlichen Antinomie und Losung des Jakobus-
Problems zu sein. 1 ) Erwahnt sei auch der allerseits als Phantast ab-
getane Swedenborg: er unterscheidet den ,,gottlichen Glauben, der BuBe
tut, und den menschlichen Glauben, der nicht BuBe tut und doch an
Zurechmmg glaubt" (Gottl. Offenbarung I, S. 47). Das Problem bohrt
in der Kirche. Der Jakobusbrief kommt allgemein zu kanonischen und
evangelischen Ehren, wenn er auch noch nicht gehort wird. Ein neues
Stadium ist anzusetzen zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts.
"Oberwindung und EinfluB des achtzehnten Jahrhunderts, der entschie-
dene Christozentrismus Schleiermachers und die neu zur Heiligen Schrift
fiihrende Erweckungsbewegung fordern eine christus- und wort
1 ) Vgl. seine Grundsatze der Kommentierung: ,,ut sinceritas textus conser-
vetur, restituatur, vindicetur; ut propria vis linguae eius, qua scriptor aliquis
sacer utebatur, declaretur; ut circumstantiae, quas sermo quilibet respexit, expli-
centur; ut errores et abusus postea exorti restinguantur . . . In quolibet genere,
quae siBguli lectores e Scriptura hauriunt, urdversi inter se communicare possunt
ac debent, ore praecipue, nee non literis; sed ita, ut ne ipsius Scripturae usus per-
petuus imminuatur aut obruatur . . . Scriptura ecclesiam sustentat; ecclesia
Scripturam custodit. Quando viget ecclesia, Scriptura splendet; quando ecclesia
aegrotat, Scriptura situm contrahit" (Praefatio zum Gnomon N. T. 4. 5).
11T
gebundene Auslegung der Schrift unter Beriicksichtigung ihrer histo-
rischen und begriffsgeschichtlichen Voraussetzungen. Die Eomantik
erschlieBt neues Erleben und Verstehen der Kirche. Das ,,Christus solus"
und ,,sola fide" Luthers wird unter neuen Umstanden neu gewonnen,
aber auch neu verstanden und umstritten.
Schleiermacher gibt ganz reformatorisch auf die Frage, ,,was wir
unter der Gerechtigkeit aus dem Glauben zu verstehen' haben," zur
Antwort: ,,daB wir das Leben Christi in uns haben . . . und uns mit
ganzlichem AusschluB des Gesetzes hierauf allein verlassen . . ., das
Wachstum des Lebens Christi in uns, das Absterben des alten Menschen,
das ist unsere Gerechtigkeit." Genuin lutherisch wird das dahin erlautert :
es ,,gibt kein Wohlgefallen Gottes an dem Menschen durch Werke
und wir konnen gleich hinzufiigen des Gesetzes, weil Werke nicht
anders geschatzt werden konnen als nach einem Gesetz ( !) , sondern
nur durch den Glauben," der als ,,unsere urspriingliche Lebenstatig-
keit" das menschliche Aufnehmen des ,,Christus in uns" ist. ,,Der Glaube
ist nur jenes sich seinenrEinfluB hingeben; und er ware also gar nicht,
wenn er ihn nicht her vorriefe." Der Glaube ist also mehr als ,,irgendeiri
Anerkennen oder Wissen um das, was Christus gewesen ist". Das war
,,eine der Haupttriebfedern jener Erneuerung der Kirche, alle falschen .
Stiitzen niederzureiBen, auf die sich sonst noch miBleitete Christen ver-
lassen hatten, und diese Gerechtigkeit aus dem Glauben allein wieder
aufzurichten". 1 ) Wir konnen im Rahmen unserer tjberschau Schleier-
machers MiBverstandnis der lutherischen ,,Rechtfertigung" infolge semer
anderen christologischen und anthropologischen Voraussetzungen auBer
acht lassen. Wichtig fur unsere tJberlegung ist die Feststellung, daB.hier
hinter Aufklarung und Orthodoxie zuriickgehend der ZusammenschluB
des Glaubenden mit ,,Christus allein" als AnlaB und Vollzug der gott-
lichen Rechtfertigung in den -Mittelpunkt des kirchlichen Denkens und
Wollens geriickt wird. DaB die nahere Bestimmung dieser reformatori-
schen Lehre im Bekenntnis der Kirche noch nicht endgiiltig, ja ent-
wicklungsfahig sei, hat Schleiermacher ebenso gewuBt wie die ,,eine
groBe Sicherstellung fiir alle Zeiten dariiber, daB wir wahrhaft nur im
Glauben an Christum zusammenhalten, wenn in der ganzen Ent-
wicklung der Lehre und der Anordnung des Lebens kein anderes Zeugnis
gelten darf, als was sich in den (heiligen) Schriften ausspricht . . . Ent-
steht ein Streit dariiber, ob etwas im einzelnen richtig gelehrt und ge-
!) Predigten iiber Gal. 2, 16 18 und 2, 1921.
118
ordnet ist in der christlichen Kirche oder nicht: so gibt tins die aposto-
lische Schrift das MaB, nach welchem dies beurteilt werden kann . . . ;
*-- ' - ". - /
-wir sollen, dem Geist Gottes nicht vorgreifen noch ihm MaB und Ziel
stecken, sondern das Wort des Apostels bedenken: Wenn aber einer ~
anders halt, so wird es ihm Gott weiter offenbaren." 1 ) Dem 5J Christus
solus" und dem ,-,sola fide" gesellt sich auch das reformatorische ,,sola
scriptura" wieder bei. Neue Freiheit der Schau wird geschenkt, aber auch
neue Gemeinschaft mit der Kirche aller Zeiten. Der Kirchengeschichtler
August Neander schreibt 1822 eine Schrift ,,Paulus und Jakobus, die
Einheit der evangelischen Christen in verschiedenen Formen". August
Tholuck gibt 1856 seme Erklarung der Bergpredigt nach Matthaus her-
aus, die sich durch ausfiihrliche Kenntnis der vorreformatorischen und
altku-chlichen Ausleger, durch Darstellung der Einheit von Altem und
Neuem Bunde und Erklarung aus dem Schriftganzen auszeichnet. , 3 Es
ist die Aufgabe unserer Zeit . . ., Christum im Zusammenhange mit der
alttestamentlichen Religionsstufe zu begreifen ..." Der Zweck der Berg-
predigt ist, 33 die neue Reichsokonomie als die tiefste Erfullung der alten
zu bezeichnen". 2 ) Mit einem Schlage steht man wieder vor der alt-
Mrchlichen Antinomie von Gottes Werk und menschlichem Wirken.
. ^Die Rede macht nicht vom Tticrrsiistv, sondern vom Ttoieov das Heil
des Menschen abhangig" (S. 34). , 3 Nur die betatigte Willenseinheit
mit Gott verbiirgt den Eingang in das Reich Gottes" (S. 454). ,,Das
Bedenken, daB die Werke als Norm des Gerichtes angegeben sind, kehrt
auch in anderen Reden Christi wieder" (S. 34). ,,Die vollkommene-Selig-
keit muB mit der vollkommenen Erfullung der sitthchen Forderungen
Gottes zusammenf alien, weil vollkommene Sehgkeit gleich vollkommene -
Gemeinschaft mit Gott ist" (S. 40). Diese Feststellungen liber das recht-
fertigende Urteil Gottes und seine Bedingungen im Endgericht fordern
Riickschliisse fiir die Rechtfertigung des Gla,ubenden. 'Die ,,iustitia
sup'erabundans" des Glaubenden kann nicht sein eine ,,iustitia fidei
opposita iustitiae legis", sondern ist ,,iustitia legis opposita iustitiae hypo-
critae Pharisaeorum". 3 ) Der Glaube, der die Rechtfertigung erwirkt,
muB.auch die von Christiis kommende Kraft enthalten," das zu erftillen,
was er fordert" (S. 41). Diese VerheiBung hegt bereits in der Christus-
x ) Predigt iiber 1. Petr. 3, 15 zum 25. Juni: Die t)bergabe des Bekenntnisses
als Verantwortung iiber den Grand der Hoffnung.
2 ) Die Bergpredigt, Vorrede u. S. 15.
3 ) Nach Abr. Scultetus, Exercitationes evangelicae iiber die ersten 10 Kap. d.
Matth.., 1624. ' : ' ' "".>.'.'
. 119
gemeinschaft, aus der der Glaubende seinen Glauben gewinnt. Denn
,, Jesus 1st nicht nur gekommen, um 'die Forderungen zu steigern ohne
die gesteigerte Kraft zu verleihen ... In der durch ihn zu geschehenden
TtXTjpcoaru; v6(Jt,ou liegt auch eine VerheiBung" (S. 42), namlich die, daB der
Glaubende der den Willen Gottes Tuende und darum der ,,in Christo"
und ,,propter Christum" Gott Wohlgefallende ist. 1 ) Das ist nicht mehr
Luthers und Melanchthons Verstandnis. Tholuck spricht selbst aus, daB
,,hier das lutherische Dogma eine weitere Durchbildung zu erfahren hat"
(S. 39, wo zwar zunachst von dem dem qualitativen und quantitativen
Gradunterschied der Werke entsprechenden Gradunterschied der Selbst-
befriedigung und Seligkeit der Glaubigen die Rede ist; aber hier wird
das Ganze des Gottesverhaltnisses, wie es Luther gesehen hat, schon
in anderer Weise bestimmt. Der gottliche Blickpunkt bei dem Recht-
fertigungsurteil ist nicht mehr der Christus extra nos, an dem der
Glaubende ,,hangt", sondern der Glaubende, der ,,in Christo" als
Glaubender Gottes Gesetz erfiillt!). Fast zur gleichen Zeit kommt Rudolf
Stier in seiner Auslegung des Jakobusbriefes zu ahnlichen t)berlegungen.
,,Die Wahrheit Gottes, die Heilslehre fiir uns hat gar manchmal in der
Sache selbst zwei Seiten." 2 ) Der Begriff ,,sola fide" ist zweideutig. Es
gibt ,,in der menschlichen Sprache fiir gottliche und geistliche Dinge
fast kein Wort, das ohne alle Moglichkeit des MiBverstandnisses oder
MiBbrauchs fest ware (a. a. 0. S. 144). Bekanntlich hat nur Luther
sich erlaubt, das bedenklich miBverstandliche Streitwortlein ,,allein
durch den Glauben" im Romerbrief beizufiigen. Hatte doch Luther, so
gut und recht auch seme Meinung dabei war, lieber das Wort Gottes
nicht eigenmachtig so zugespitzt! Mehr noch ist zu wiinschen: hatten
doch die Streiter um die reine Lehre nach ihm sich vor dem Worte,
das wiederum geschrieben steht bei Jakobus, beugen und daraus ver-
stehen gelernt die groBe Gefahr der einseitigen Systemsprache ! Wir
wissen, daB ein arger MiBverstand und MiBbrauch der lutherischen
Lehre vom Glauben die Kirche verfuhrt und zerstort hat, daB derselbe
sich leider bis heutigen Tages immer wieder findet" (a. a. 0. S. 144f.).
x ) Der Wille Gottes ist die Kraft, mit der er \virkt, daB ich vollbringen konne,
was er fordert. So gesehen, hat er einen anderen Namen: er heiBt die Gnade.
Wenn also Wille Gottes geschieht, dann ist's Gabe und Werk dieses Willens selber . .
und ist mein Werk . . . und meins durch das Seine . . . und Seines in mir . . .,
und alles ist ein Geheimnis der Einheit" (Romano Guardini, Vom lebendigen
Gott, zur 3. Bitte des Heiligen Vaterunsers, S. 54).
2 ) Der Brief Jakobi, 1860, S. 144.
120
Auch Stier weicht von den Reformatoren ab. ,,Der bloBe Glaube ohne
vorheriges Verdienst der Werke rechtfertigt darum, well er fiir die
Zukunft kein bloBer Glaube bleiben kann. Wenn der Schacher nicht
stiirbe, so wiirde er wahrlich nicht wieder die alten Taten tun" (a. a. 0.
S. 148). Gott erkennt in dem Glaubenden den Willen zum gottgemaBen
Wirken ; darum ist er ihm recht. Bereits das Glaubendurf en ist Teilnahme
des Wiedergeborenen am Leben des Gottes Willen erfullenden Christus.
3 ,In der Begnadigung selbst ist die Aufrichtung zum neuen Leben ent-
halten."
Jakobus kommt immer mehr zur Geltung, die reformatorische An-
schauung des Glaubens, der Christusgemeinschaft des Glaubenden und
des gottlichen Urteils wandelt sich: Gott schafft den Glaubenden als
Wirkenden und Gerechten durch das Werk Christi an ihm.
Der Beitrag der Bibeltheologen zum Problem wird von den Kon-
fessionstheologen der lutherischen Kirche im neunzehnten Jahrhundert
erganzt: die Isolierung des Subjektiven im Rechtfertigungsvorgang und
die Herstellung des rechtfertigenden Gottesverhaltnisses lediglich durch
den personalen Akt des glaubigen Menschen wird mit der Wieder-
gewinnung des sakramentalen objektiven Gnadenhandehis Gottes in und
mit der Kirche uberwunden. Die Gottes- und SelbstgewiBheit des ver-
antwortlichen Menschen vor Gott erhalt wieder ihre reformatorische
und katholische Grundlage.
Nach A. F. C. Vilmar ist die Rechtfertigung ,,ein reiner Gnadenakt
Gottes, nicht abhangig von irgendwelcher in dem Menschen liegenden
Bedingung . . . ; die Vollziehung der Wiedergeburt . . ., unsere Sehgkeit
soil nicht erst erworben werden, sondern sie ist schon vorhanden,"
seit der heiligen Taufe. 1 ) Die Rechtfertigung durch den Glauben ist
lediglich die personale ,,Aneignung der Wiedergeburt". Der Glaube ist
,,weder Ursache noch Veranlassung noch auch im eigentlichen Sinne
Bedingung der Rechtfertigung . . .; der Glaube macht uns weder ge-
recht noch selig, sondern ist nur unser Zustand, welcher uns befahigt,
dessen teilhaftig zu werden, was Gott ohne unsern Glauben bereits . . .
in der Heiligen Taufe an uns langst getan hat" (a. a. 0. S. 157. 161).
Der Glaube ist also das ,,Zu-sich-selbst-kommen tc des in Christus neu-
geschaffenen Menschen, der ,,wesentliche Inhalt unseres SelbstbewuBt-
seins, durch den alle unsere Geistestatigkeiten, das Denken wie das
Wollen . . . bestimmt werden" (a. a. 0. S. 143), aber zugleich das ,,Zu-
J ) Vilmar Dogmatik, 57, 42, S. 155ff.
121
sich-selbst-kommen" Gottes im Menschen; denn durcli den Glauben
nimmt der Mensch das neue Ebenbild Gottes, den neuen Adam Christus
als ,,sein eigenes Ich an" (a. a. 0. S. 157).
Diese Gedanken Vilmars bringen entscheidende Klarung. Das Rin-
gen um die SelbstgewiBheit des Menschen wird wieder in dem Raum be-
handelt und zu losen versucht, in dem es entstand und.VerheiBung'der
Losung hat: im Raum des neuschaffenden Gotteswerkes an Menschen
der Kirche. Vilmar ist sich dieses klarenden Beitrages auch ganz bewuBt.
Ausfiihrlich verbreitet er sich dariiber, daB die ,,Rechtfertigung als der
eigentliche Lebenskeim der Wiedergeburt in der Taufe bereits verliehen"
ist und ,,die Wirkung des Heiligen Geistes, welche in der Taufe in den
Menschen gelegt wird, eben das zum Ziele habe, den Menschen dieser an
ihm bereits vollzogenen Gnadenhandlung bewuBt zu machen, dieselbe
dem Menschen zur Aneignung zu bringen". Darum kann der ,,Akt der
Rechtfertigung nur an dem in der Kirche befindlichen Subjekt voll-
zogen" werden. Damit wird ein SchluBstrich unter eine dreihundert-
jahrige ,,protestantische" Verwicklung des Problems gezogen und der
reformatorisch-kirchliche Ausgangspunkt zuriickgewonnen. ,,Die evan-
gelische Kirchenlehre hat auf diesen Punkt weniger Auf merksamkeit
verwendet, als sie hatte tun sollen . . . Wird die Rechtfertigung, wie nur
zu oft geschehen ist, als isolierte Lehre und demnach auch als isolierter
Akt dargestellt, so gewinnt es den tauschenden und gefahrlichen An-
schein, als sei die Seligkeit an einen Individualvorgang, welcher auch
auBerhalb der Kirche stattfinden kb'nne, gebunden, und sei mithin der
von den Katholiken oft erhobene Vorwurf nicht ohne Grund: durch die
Rechtfertigung werde das ganze christliche Leben lediglich in die Sub-
jektivitat, in das personliche Verhaltnis des Einzehien zu Gott und zum
Heiland, anstatt in die Objektivitat, in Gottes Heilsinstitut verlegt . . ."
(a. a. O. S. 171 f.).
Freilich wird auch von Vilmar ubersehen, daB gerade die Vor-
bedingung des objektiven gottlichen Gnadenhandelns das Subjekt und
seine Selbsttatigkeit setzt und nun doch die Fortsetzung und Durch-
setzung der gottlichen Gnade von erfiillten Bedingungen, die dem Sub-
jekt im Raum der Gnade gestellt werden, abhangig gemacht wird. Das
Zu-Stand-und-Wesen-kommen der Rechtfertigung verlangt ein ver-
antwortliches Verhalten des Menschen. Das ist Wiirde und Erfiillung
des Menschseins im Akt der Gnade. Wenn Vihnar den Glauben in diesem
Zusammenhang nur als geistgewirkte Willigkeit reiner Rezeptivitat fiir
den Christus beschreibt, dem als solchem keine gottliche Anerkenhung
122
zuteil wird 5J wir konnen nur mittels einer Gedankenverkurzung
- sagen : der Glaube ist unsere Gerechtigkeit . . . Die Gerechtigkeit steht
allezeit bei Gott, niclit bei den Menschen" (a. a. 0. S. 161) , so steht
er mit diesen Anschauuhgen ganz in der Nachfolge Luthers und refor-
matorischer Theologie, ohne indes die'Wahrheit idealistischen Denkens
und der neuen Schrifttheologie zu verarbeiten. Mit.Jakobus kann er
folgKch auch nicht viel anfangen, wenn er ihn auch besser als Luther
zu verstehen sucht und meint. Der Brief ist ,,gerichtet an solche, welche
noch auf der untersten Stufe christlicher Erkenntnis stehen", em
,,Vocationsbrief", aber von der Rechtfertigung und dem Glauben im
Sinne des Apostels Paul us handelt er nicht. 1 ) Es wird fur die Zukunft
. der Wahrheit entscheidend sein, wie sich diese Erkenntnisse der Kon-
fessionstheologen mit den Ergebnissen der neuen Bibeltheologen ver-
einigen. 2 )
1) Vgl. dazu CoU. Bibl. N. T. II, S. 467 ff. u. Dogmatik, a. a. O. S. 163f.
2 ) Ahnlich wie bei Vilmar liegen die Dinge bei Wilhelm Lohe: tJber Luthers
* ,,sola fide"-Begriff kommt er nicht hinaus, wenn auch die Spannung zwischen
Bechtfertigung und Heiligung, die Annahme einer Belohnung des Menschen auf
Grund der Werke neben der Glaubensgerechtigkeit, die remissio und imputatio
propter Christum ist, ihn von Luther unterseheiden. Wie Vilmar die gesetzmaBige
Entwicklung der Rechtfertigungslehre im geistlichen Leben der Kirche verfolgen
und auf neue ,,Entwicklungen" des Dogmas hinweisen konnte allerdings nicht
mit Riicksicht auf die Rechtfertigungslehre Luthers, die er fur abgeschlossen und
" unubertrefflich hielt , so hat sich auch Lohe zur Weiterentwicklung des Dogmas
und zur Vervollstandigung der Bek'enntnisse durch Enthullung. neuer Seiten des
Schriftzeugnisses bekannt: ,,Es wird hier wiederholt und ausdriicklich zugegeben,
daB auch die Konfessionen und Symbole noch manche Frage off en gelassen haben,
fiber welche erst der gegenwartigen oder nachfolgenden Zeit entscheidendes, helles
Licht vorbehalten ist . . . Was uns iiberliefert ist aus dem Kampf der Zeiten, was
achtzehn Jahrhunderte errungen und gewonnen, darui sind billig wir einig, das
halten, dafiir eifern wir, das stellen wir nicht erst wieder in Frage, das nehmen wir
als ein erwachsenes, lebendiges Gewachs, das nun neue, nicht wieder alte Bliiten
zu treiben hat" (W. Lohe, Unsere kirchliche Lage im protestantischen Bayern usw.,
1850, S. 19. 23). Ein echter Lutheraner ist ,,nicht der, welcher durch die Leistungen
der Vergangenheit alle Arbeit abgeschlossen glaubt und eben damit, ohne es zu
denken, der lutherischen Kirche die Lebensfahigkeit abspricht, indem er ihr Wachs-
tum und Fortschritt zur Vollendung nimmt; sondern der scheint der lutherischen
"Kirche am treuesten zu dienen, welcher in Einem Sinn und Geist mit den Vatern
auf der betretenen -Bahn vorwarts geht" (Agende fiir christl. Gemeinden d. luth.
Bekenntnisses. 2. Aufl. 1852, Vorwort). ,,Denn dem sogenannten Lutheraner,
d. i. dem wahren kathoUschen Christen gehort die gesamte Vergangenheit vor und
nach Luther: ihm muB auch die Zukunft gehoren. Alles^ist sein, was wahr und
. schriftmaCig ist, wann, wo und wie es gesagt wird," und die norma normata des
123
10. Die exegetische Bemiihung Adolf Schlatters
Der entscheidende VorstoB zu einem neuen Verstandnis der refor-
matorischen Hechtfertigungslehre 1st die exegetische Arbeit Adolf
Schlatters. Sein Kommentar zum Matthaus-Evangelium, die zweimalige
Auslegung des Jakobusbriefes, der Kommentar zum Romerbrief und
den Brief en an die Korinther und ,,Die Theologie der Apostel" sind
strenge, sachliche und darum wohl bis heute oft uberhorte Kritik an dem
theologischen Verstandnis des ,,sola fide" in der Kirche der Reformation.
Die Frage nach der Stellung des verantwortlich denkenden und wollen-
den Menschen im Heilshandeln Gottes an ihm wird durch das ent-
schlossene neue Horen auf das einheitliche Zeugnis Alten und Neuen
Testaments aus der reformatorischen Einengung befreit und damit das
Problem des Menschen iiberhaupt, das seit Luther die Christenheit .
weiter bewegt, so umfassend in Angriff genommen, wie es die Neuzeit
fordert. Luther wird nicht verworfen, aber seine theologischen Losungen
sind erganzungsbediirftig. Das Christus solus" bleibt gewahrt: ,,Wird,
der Mensch zum Christus gerufen, so hat er allein mit dem Christus zu
tun und sein ganzes Leben mit allem, was er denkt und tut, geht nun
von Christus aus und wird durch den Glauben an ihn bestimmt." 1 )
Der Glaube allein ist ,,das vom Menschen verlangte, unbedingte ge-
forderte Verhalten"; aber Gott stellt den Glauben ,, durch seine Ge-
rechtigkeit her", d. h. durch das Wirken Christi im Menschen (a. a. 0.
S. 151. 139). Der Glaubende wird als Christi Eigentum Gott gehorsam
und darum Gott recht und Gottes gewiB. ,,Wo der Glaube an den Christus
entsteht, ist der Mensch in den Bereich der gottlichen Gerechtigkeit
hineingestellt. Nun ist sein Verhaltnis zu Gott so geworden, wie der
gerechte Wille Gottes es schafft" (a. a. O. S. 139). Denn der Glaubende
ist der wollende und wirkende Mensch, der ,,in Christus" Gottes Willen
will und Gottes Werk wirkt. Darum ist er der Gerechtfertigte und Prei-
gelassene Gottes. ,,Die Freilassung ist ein fortgehendes Handehi des
Christus, das er an den Einzelnen dadurch vollzieht, daB er sie zum Glau-
ben erweckt ; und da die Freilassung die Weise ist, wie Gott rechtfertigt,
ist auch die Rechtfertigung in Christus gegenwartig. Sie ist durch Semen
sechzehnten Jalirhunderts ist ihm nicht in dem Sinne der norma nonnans kon-
gruent, daB ,,diese in jener erschopf t und es Gott selbst nicht mehr erlaubt ware,
seiner Kirche noch etwas zu geben, was man im Normaljahr 1580 entweder nicht
hatte oder nicht beachtete" (Der evangelische Geistliche, 2. Bd., S. XI).
!) Gottes Gerechtigkeit, 1935, S. 153.
124
Tod geschehen und geschieht fur jeden dann, wenn durch den Christus
in ihm der Glaube entsteht" (a. a. 0. S. 144). Der Glaube 1st also im
Vollsinn ,,unsere Gerechtigkeit", indem er die Transformiemng dessen,
was Christus ist und hat und will, in den menschlichen WUlen und in das
menschliche Handeln ist. ,,Der Mensch wird durch den Glauben nicht
nur ein Wissender, sondern er selber ist nun das, was der Glaube, mit
dem .er sich Jesus ergab, aus ihm macht. Ist er aus Glauben, so formt
sein Glauben sein ganzes Denken und Wollen, und er steht unter der
Regel, daB das, was nicht aus dem Glauben komme, Siinde sei" (a. a. O.
S. 149 f.). Darum gilt der Satz: ,,Nur dadurch, daB der Glaube mit den
Werken vereint ist, wird die Gerechtigkeit erlangt." J ) Das Gehor fiir die
Botschalt des Jakobus ist gewonnen, aber auch der Abstand vom refor-
matorischen Verstandnis des ,,sola fide". ,,Was Jakobus sagt, steht
weit iiber dem, was bisher befestigter und wirksamer Besitz unserer Kir-
chen, auch unserer evangelischen, geworden ist. Sie haben sich ernsthaft
dadurch geschadigt, daB sie Jakobus nur ganz oberflachlich Gehor
gewahrten" (a.a.O. Vorwort). Die radikale Diastase von Gott und Mensch
im Rechtfertigungsgeschehen, in dem die aliena iustitia Christi extra
nos den Sunder heiligt, ihn Gott zueignet, der sich als Bettler in ihren
Mantel hiillt, d. h. glaubt, wird nun erkannt als das Ganze der Christus-
gemeinschaft des Glaubenden, der zum ,,Teilhaber am gottlichen Wir-
ken", zum ,,Tater des Wortes" und dadurch und somit zu einem Frei-
gesprochenen, einem ^jGerechtfertigten" wird. Allein durch Glauben:
,,Wahrend zum Gesetz die Werke gehoren, ist das, was Christus dem
Menschen bringt, in ihm wirkt und von ihm verlangt, das Glauben . . .
Aus dem Glauben kann nie ein Ruhm werden. Der Glaubende riihmt
den, dem er glaubt, nicht sich selbst." 2 ) Zwei verschiedene Darstellungen
des ,,sola fide" ! Dort der Verzicht auf jegliche Gott bewegende Aktivitat
des Sunders und der Blick auf den Heiligen von Karfreitag und Ostern,
den Menschen, der ,,iustificat Deum"; hier die Gleichzeitigkeit des neu-
geborenen Sunders mit dem Heiligen, die ihn zum Heiligtum und Eigen-
tum Gottes macht ; dort das Stillesein vor dem Werk des einen Gerech-
ten, hier die Bewegung des von Gott ,,emgenommenen" Gerechten,
der als Glaubender Gott recht ist. Zwei Auffassungen, die logisch be-
trachtet sich gegenseitig auszuschlieBen scheinen, und doch nur die
gottliche Riickfuhrung der Kirche zu der alten Antinomic von Gottes
1 ) Der Brief des Jakobus, 1932, S. 52.
a ) Gottes Gerechtigkeit, S. 140. 150.
125
Gnade und menscHichem Wirken sind, die unser diskursives Denken
nicht ,,fassen" kann, die uns aber der Geist Gottes erkennen und be-
wahren lehrt in der Gemeinschaft derHeiligen. Zugleich aber auch das
gottliche Angebot, nunmehr die vollstandige Antwort des Evangeliums
auf die moderne Frage seit der Reformation geben zu konnen: wie der
einzelne Mensch seiner selbst und Gottes und der Welt gewiS werde
worin ja alle ethischen, wirtschaftlichen, politischen und religiosen-
Fragen der Neuzeit enthalten sind , aber auch wie der Einzelne vor
Gott eine Statte werde, wo Gott sich wiederfindet. 1 )
1 ) Parallel diesen Bemuhungen Adolf Schlatters um ein neues und vollstandiges
Verstandnis der biblischen Rechtfertigungslehre ,,allein durch den Glauben" lauft
auch der Versuch der analytischen Rechtfertigungslehre Karl Holls: das gott-
gemaBe rechte Verhalten des Glaubenden, den Gott rechtfertigt, 1st ideell schon im
gottlichen Rechtfertigungsurteil enthalten, wird aber erst im Glaubensleben
nach und nach ,,verwirklicht". ,,Wenn Gott den Sunder in dem Moment, in dem er
nur Sunder ist, fur gerecht erklart, so antizipiert er das Resultat, zu dem er selbst
den Menschen fuhren wird. Sein Kechtfertigungsurteil ist analytisch" (Karl Holl,
Die Rechtfertigungslehre im Lichte der Geschichte des Protestantismus, S. 9).
Sicherlich ist Holls kausale Begriindung der Rechtfertigung erne ,,neue Konstruk-
tion der Rechtfertigungslehre Luthers" (Vgl. dazu W. Walther in: Neue kirchl.
Zeitschrift, 1923, S. 50ff.). Sie entspricht auch nicht-dem biblischen Tatbestand.
Dennoch sind solche Versuche einer Neugewinnung und Neugriindung der Recht-
fertigungslehre Luthers der dogmatischen und exegetischen Entwicklung ent-
sprechender als das Bemuhen einer einf achen Repristination der Gedanken Luthers,
zumal es dabei allzuoft nach dem Wort Riickerts geht: ,,Des Glaubens Bilder
sind unendlich umzudeuten, das macht so brauchbar sie bei so verschiednen
Leuten." Oder aber die Begriffe reformatbrischer Scholastik Luther hat zuerst
vor ihnen gewarnt! legen sich wie eine undurchdringliche. Mauer yoi: das Worb
Gottes. Selbst Emil Brunner ,,Vom Werk des Heiligen Geistes", drei Vor-
lesungen, 1935, S. 27 ff ., aus denen ich dankbar gelernt habe , dem sich ,,eine
bloBe Wiederholung der iiberlieferten Formulierungen verbietet ebensosehr von
der Seite der bibh'schen Lehre wie von der geistigen Situation der Gegenwart
her" und dem sich ,,unabweisbar die Frage nach dem Zusammenhang des~gott-.
lichen und menschlichen Tuns im Glauben" stellt (a. a. 0. S. 3 u. 42), iiber-
windet noch nicht die traditionelle Bedeutungslosigkeit des konkreten Glaubens-
gehorsams fur den gottlichen Zuspruch der vollkommenen iustitia aliena Christi
an den Glaubenden. Nicht bestritten wird mit Luther und Calvin :wir
besitzen die unsichtbare Gerechtigkeit Christi nur zugleich mit einem empirischen
Abglanz derselben in unserer konkreten Existenz, beides in der Einheit des Heiligen
Geistes geschehend ,,sola fide", der ,,aus Christo und den Christen ein Kuchen
und ein Leib" (Luther) macht. Aber und das sagt Brunner nicht eben diese
Einheit von verborgener Gerechtigkeit Christi und empirischer Gerechtigkeit
des Glaubenden, die nichts ,,Zweites" und ,,Spateres", nur Darstellung der heun-
' lichen deiformitas und ,,participatio substantiae Christi" (Calvin) hier und jetzt
126
"* 11. Reformatorische Rechtfertigungslehre als bleibende
Aufgabe des Wortes Gottes
~Die Kirche ist die vollstandige Antwort auf die Frage der Recht-
-fertigung und darin das wahre Evangelium fur unsere Zeit und
Menschheit noch schuldig. Weder -in der Conf essio Augustana noch
- im Tridentinum ist sie enthalten und~konnte sie nach Lage der Dinge
. nicht enthalten sein. Wenn die Kirche das nicht an der Hilflosigkeit
und Unsicherheit der christlichen Welt von heute wahrnimmt, sollte sie
es vom Worte Gottes und seinen Zeugen vernehmen, die nach der Er-
fullung der reformatorischen Sendung rufen, ,,mit .dem Angriff zuriick-
stoBend bis zur Reformation". 1 ) Eine Repristination vergangener theo-
logischer 'Anschauungen kann eben dazu nicht helfen, sowenig man
- ohne sie auskommen wird. Es ist ,,unm6glich, heute Luthers Theologie
einfach zu wiederholen. Die neue Geisteslage fordert eine neue Gestalt
des christlichen Dogmas" (Paul Althaus). Mehr noch: Erfiillung des
Begonnenen, das der Herr der Kirche und der Menschheit vor vier-
hundert Jahren durch das Wort des Apostels Paulus in Bewegung ge-
setzt hat und nunmehr zur gottlichen Vollendung bringen will durch
das Wort des Apostels Jakobus. Durch das ganze Wort das ganze
Evangelium fur die Menschheit unseres Zeitalters und der Zukunft, die
darauf wartet, warten soil nach dem gottlichen Plan der Geschichte,
der nur einen GrundriB hat: Christus, ,,das Geheimnis seines Willens"
(Eph. 1, 9). Diesen ,,Christus allein", der nur durch Glauben das
^tfanszendentale Ich" des Menschen vor Gott und in Gott wird, als das
Evangelium Gottes an die Welt zu wahren, ist die bleibende evangelische^
und kathohsche Sendung Luthers und -der reformatorischen Bekennt-
nisse. Wie diese Befreiung des Menschen zu seinem wesenhaften ,,Ich"
durch ,,Glauben allein" zu denken und zu verwirklichen sei, das wartet
noch der dogmatischen Bestimmung (,,sententialiter determinare") aus
, Vdem Zeugnis der Heiligen" Schrift Und aus der Erfahrung der Kirche,
-^einer Bestimmung, die hinausgeht tiber die Position und Negation der
.Bekenntnisse des "sechzehnten Jahrhunderts. 2 ) Nicht eher wifd das Gift
ist, vom Geist gewirkt, der den Herrn verklart und uns in ihm dies Ganze
ist die Gerechtigkeit des Neuen Bundes, die von Gott kommt und vor ihm gilt,
-weder tridentinisch noch reformatorisch, aber wie wir meinen -neutestament-
ich verstanden: ,,eine Kraft Gottes" ,,aus Glauben in Glauben" (Rom. 1, 16 f.).
J ) H. E. Weber, a. a. 0. S. 107.
2 ) Nicht als Korrektur des ,,articulus stantis et cadentis ecclesiae", den auf-
zustellen und fiir alle Zeiten f estzuhalten der Auftrag Luthers und der Kirqhe der
des neuprotestantischen Modernismus im Leibe der Kirche neutralisiert
werden konnen, und erst dann wird der Auftrag reformatorischer Frage-
stellung erfiillt sein. Nicht zuletzt gegeniiber dem Tridentinum.
Karl Holl schloB 1905 einen Yortrag iiber ,,Die Rechtfertigungs-
lehre im Liclit der Geschichte des Protestantismus" mit der Feststellung:
j,Antinomien bleiben zuriiek. Es 1st theoretisch ein Widerspruch, daB
der Mensch sich zugleich als mitinbegriffen unter der alles urrifassenden
Macht Gottes ftihlen und sich doch als ein Ich Gott gegenuberstellen
soil. Keine Logik vermag diese Antinomien aufzuheben. Wir sind hier
an einer Grenze menschlichen Erkennens. Man tut besser, sie zu respek-
tieren und die Widerspriiche nebeneinander stehen zu lassen, als die
Kraft der einzelnen Gedanken durch doch nie wirklich gelingende Aus-
gleichsversuche zu schwachen.'*' Wir meinen, das Zeugnis des Jakobus
von der Rechtfertigung beglaubige diese Feststellung, und es sei an der
Zeit, daraus die esegetischen, dogmatischen, kirchengeschichtlichen und
seelsorgerlichen Folgerungen zu ziehen. Das Ausweichen Tor dieser im.
Wort Gottes gebotenen Aufgabe ist im Zeitalter, da Theologen und
Mchttheologen ? Kirche und Welt nach Neubesinnung und Neuordnung
der Kirche. kirchlichen Lebens und kirchlichen Auftrags rufen, schwer-
wiegender als alle Angriffe und Fehlschlage. J3 Die moderne Luther- und
auch Calvin-Renaissance hat eben als Renaissance darin ihren hochst
bedenklichen Fehler, daB vielfach an die Stelle eigener exegetischer Be-
muhung ein ,Lutherus disit' oder 3 Calvinus dixit { tritt . . . Wir waren
keine rechten Zeugen als Theologen und keine rechten Theologen als
Zeugen. "wenn wir nicht die Fortschritte der Exegese dankbar bejahten." 1 )
Eeformation war und ist; als neue dogmatisclie Fassung der ,,Rechtfertiguiig alleiii
durcli den Glauben", die dnreli das Zeugnis der Heiligen Schrift, durcli die Er-
fahrungen der Kirche seit 1530, durcli die Kontroverse mit der romisch-katholischen
Haresie von heute gefordert ist. ,,Es gilt, der gewonnenen reinen, reichen Lehre die
voile Anwendung nach alien Seiten hin zu geben . . . Man sei nicht zu engherzig
im Festhalten gewisser seit der Reformation bestehender Formen und AuJ3erlich-
keiten. Manche Thesis ist ohne Antithesis, manche Antithesis ohne Thesis geblieben.
Mancher JVfiCbrauch ist samt dem frommen Gebrauch dahingeworfen worden.
Manches ist bloB aus Polemik wegge-worfen worden, und man hat nicht beachtet,
daJ3 nach uberflussig gewordener Polemik das Weggeworfene wieder aufgenommen
werden durfte" (Lohe, Drei Bucher von der Kirche, S. 150). ,,Wir bedurfen
keiner neuen Reformation, sondern der Fortf uhrung der alten" (Martin Rade,
a. a. O. S. 32).
x ) Karl Ludwig Schmidt in ,,Jesus Christus im Zeugnis der Heiligen Schrift
und der Kirche", 1936, S. 31. ,,Selbst die konfessionelle Theologie der jungsten
Zeit ist dieser Aufgabe (sc. ,die Bekenntnisschriften im Akt des exegetischen Nach-
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Die lutherische Kirche wurde sich unglaubwurdig vor ihren Vatern und
mit ihrer Trennung von der romisch-katholischen Christenheit machen,
wenn sie nicht ein off enes Ohr fiir das neue Reden ihres Herrn aus seinem
Wort hat und jederzeit zu dem Eingestandnis bereit 1st, ,,daB man in
anderen Jahrliunderten nicht nur irrig und verwirrend auf Gottes Wort
gehort hat und die Geschichte der Kirche nicht erst im Jahre 1517
begann," wir also willig sein mussen, ,,den Abwehrkampf der Refor-
mationszeit daraufhin zu prufen, ob er in vollem MaBe und iiberhaupt
berechtigt war." 1 ) ,,Die reine Kirche behalte, was sie hat. Sie nehme es
ferner mit jedem Irrtum genau. Sie spreche nein, eia einf aches, ruhiges,
festes, leidenschaftsloses Nein zu allem, was nicht wahr ist. Sie bleibe
sich gleich in diesem Zeugnis von Anf ang bis zum Ende. Sie spreche aber
auch ja, ein einf aches, ruhiges, frohliches Ja zu allem, was wahr ist s
es finde sich, wo und auf welcher Seite es will . . . Sie verfahre im Sinne
der Wahrheit immer concedendo, wo sie's kann, und negando, wo es
nicht anders ist. Sie vergebe der Wahrheit keinen Tiittel . . ." 2 ) Man
wittere an dieser Stelle nicht Umsturz oder Undank, nicht theologischen
Eklektizismus oder protestantische Eigenwilligkeit. Was wir erstreben
und worum wir bitten, ist allem, daB sich die Kirche und ihre Theologie
in die gottliche Bewegung des Wortes Gottes und des Geistes hinein-
nehmen lasse, die sie unaufhorlich ,,in alle Wahrheit leiten" wollen und
keinen Stillstand dulden, weil ihre Bewegung die Kirche mit heiliger
Zielstrebigkeit immer naher ihrer herrlichen Zukunft bringen will, von
der geschrieben steht: ,,Dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich
erkannt bin" (1. Kor. 13, 12). Wir vertreten den ,,Fortschritt" der
Kirche, der nichts anderes ist als das Vorwartsschreiten des Brautigams,
der naht, sich seine Braut zu holen, ,,bereitet als eine geschmuckte
Braut ihrem Mann" (Offbg. 21, 2). Zu diesem Schmuck der Braut wird
auch die Mehrung der Erkenntnis dessen gehoren, dem sie entgegen-
harrt und in dem alle Schatze der Erkenntnis verborgen liegen.
vollzugs als Schriftauslegung zu lehren') oft auffallend aus dem Wege gegangen,
indem sie das Auseinanderklaffen von exegetiseher Forschung und dogmatisclier
Lehre innerhalb ein und derselben Kirche oft mit einer wahrhaft unerlaubten
Unbekummertlieit ertrug. Durcb. diese ganze Situation.ist die rechte Stellungnahme
zum Anspruch der Bekenntnisschriften nicbt erleichtert; und man wird guttun,
diese Stellungnahme sicb Scbritt fur Schritt in aller exegetiscben Sorgfalt zu er-
arbeiten, indem man zunachst bei einem einzekien entscbeidenden Lebrstuck der
Bekenntnisschriften einsetzt" (Schlink, a. a. O. S. 13).
*) Hans Asmussen, Die Kirche und das Amt, 1939, S. 9. 16.
*) Lobe, Drei Bucher von der Kirche, S. 157.
9 Lackmann, Sola fide 129
,,Es versteht sich von selber, daB man beim Vorwartsschreiten der
Vorsicht bedarf und den Leitfaden der alien Zeit in der Hand behalten
muB. Auch kann man ja freilich fehlen und irren, und muB dalier auch ;
Warnung, ja Vorwurf und Geschrei zur Linken und zur Rechten be-
achten, anhalten im Lesen und Forschen und Beten. Der Herr aber wird
es dennoch den Aufrichtigen gelingen lassen und die Bichtung segnen,
welcher wir angehoren" (Lohe).
Alles, was seine Wahrheit verdunkelt, moge er hinwegtun; alles,
was die ,,magnalia Dei" preist, fordern und segnen. Wo immer die eine
heilige, allgemeine und apostolische Kirche in des Sohnes Namen den ..
Vater bittet, da gifr Du den Heiligen Geist der Wahrheit, der den Sohn
verklare in uns und uns in Dir!
,,Lux crescit in dies: per adversa ad victoriam enititur veritas:
multis de rebus posteritas aliter iudicabit. O Deus, Tuo iudicio stat
caditve, quiquid stat vel cadit : quod per me operari dignatus es, .tuere :
lectorum et mei miserere . . . Tibi est Gloria et esto in perpetuum"
(Bengel). 1 )
1 ) Nach AbschluB der Arbeit liegt mir das Tagebuch eines evangelischen Geist-
lichen ,,Metanoeite" von Hans Lutz (1947) vor, indem es heifit: ,,Glauben und Ge-
horsam gegen den Willen Gottes gehoren untrennbar zusammen . . . Diesen Ge-
horsam anerkennt Gott und belohnt ihn, obwohl er immer unwurdiger Gehorsam
ist. Das Heil wird uns nicht ohne den Ernst der handelnden Hingabe an Gottes ,'
Willen zuteil. Das ist doch aber nichts anderes als: die guten Werke sind heils-
notwendig. Ja, sie sind das Heil selbst, soweit es auf Erden anbricht . . . Allein
durch Glauben, diese Formel setzt ja immer voraus, dafi Glaube gleich ist Glaube
und gute Werke . . . Ich poche nicht auf die Werke, sondern auf die Gnade; diese
Gnade aber bat sicb an die Werke gebunden. D. h. sie mrd mir nicht ohne die
Werke zuteil. In diesem Sinne ist es durchaus moglich, zu sagen, dafi die Werke
die Gnade verdienen. Sie verdienen sie unverdientermaJBen, aber nach der Ordnung
Gottes. Das ist okumenisch-christliche Lehre. Glaube, Gnade, Rechtfertigung und
Heil sind in beiden Konfessionen untrennbar miteinander verwoben, und zwar ik
gleicher Weise. Wo noch Unterschiede gelehrt werden, handelt es sich um ungeklarte
Begriffe, die nach Klarung der Untersehiede einebnen. Wir durfen da nicht mehr
die Pormulierungen des sechzehnten Jahrhunderfcs gegeneinander aufmarschieren
lassen, die aus einer konkreten Situation entstanden und deshalb mit bestiinmten
Schwergewichten belastet sind, in der Sache selbst aber weniger divergieren, als es
den Anschein hat" (S. 139). Wenn ich die Losung der konfessionellen Kontroverse
auch nicht fur so emfach halte, wie Lutz sie sich darstellt, so ist doch dem ange-
deuteten Wege in der Sache des Problems von Herzen zuzustimmeu.
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UNIVERSITY OF CHICAGO